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Zu den vielen schönen positiven Ergebnissen der Zatheyschen Untersuchungen, zu letzteren zähle ich besonders den Hinweis auf Zaleskis enge Verbindung mit Chopin in Warschau, der wohl als ein glänzendes Seitenbild anzusehen ist, (vgl. jedoch Prof. Nehring in der Lemberger „Hist. Viertelj.-Schrift“ 1,269) hervorheben möchte, gesellt sich noch ein negatives von nicht minderer litterarischer Bedeutung: der Nachweis, dass auf Zaleskis Lyrik die Lieder Tymko Padurra's keinen Einfluss ausüben konnten. Padurra war eine Erscheinung wie man sie eher im Märchen oder im phantastischen Volksstücke, als in den Annalen der Litteraturgeschichte, durch bibliographische Angaben beglaubigt zu finden vermutet. (Die „Ukrainki" erschienen 1844, die „Pyśma" [Schriften] 1874). In Buerskleidern zog er mit der Leier von Edelhof

Edelhof und von Dorf zu Dorf, seine ruthenischen Lieder singend und für die nationale Sache Begeisterung erweckend. Gerade diese gegenseitige Unabhängigkeit beider zeigt wieder einmal so recht, welchen Reichtum diese Ukraine mit ihrer, russisches und rein polnisches Volks- und Geistesgebiet eher trennenden als verbindenden Lage (denn ,, da ist kein festes Herzensband zu knüpfen" meint Marina bei Schiller), an eigenartigen poetischen Erscheinungen besitzt und wie sehr dieses Volk ohne Bühne, ohne Presse, ohne Volksvertretung, lediglich aufs Volkslied angewiesen ist, um in demselben seine Erinnerungen, seine Schmerzen, seine Hoffnungen zum Ausdruck zu bringen und zu – begraben.

Wie verdienstlich wäre es, wenn Zathey wenigstens in den Grundzügen die verschiedenen Richtungen dieser Poesie, *) etwa von Zaleski und Goszczynski ausgehend bis zu einem, schliesslich in etwas engem seperatistischem Kosakentum aufgehendem Szewczenko (spr. Schewtschenko) zur Kenntnis Europas bringen wollte; freilich vernehmen wir hier zuweilen Worte, zu denen leider nicht mehr die romantische ukrainische Leier, sondern ein bekannter weithin rollender Silberling die nötige Musik macht.

Das hätte der junge begeisterte Zaleski nie erwartet. Die Ereignisse des Jahres 1830 vertrieben ihn aus seiner Heimat, um in Frankreich, das ihm seine erste Heimat nicht zu ersetzen vermochte, voll Trauer und Sehnsucht, als sein angestrengtes Ohr durch das Getöse der Weltstadt die zarte Klänge aus der weiten Ukraine nicht mehr zu vernehmen vermochte, nach und nach zu verstummen. Was Wunder? Nehmet einem Hebel sein „Häli“ und „Hätteli“, die „Matten“, „Bugge und felsigen Halden“, entziehet einem Kobell die Almen und Alpenforste, und beide muss ein gleiches Schicksal ereilen. Zaleski, der vielleicht durch seine „Übersiedelung" ins Ausland von allen polnischen Dichtern am meisten von seiner Eigenart einbüssen

*) Alex. Toroński, Ruska poezya ludowa, mianowicie pod względem prozodyi (die kleinrussische Volkspoesie mit besonderer Rücksicht auf die Parodie). Programm d. K. K. Obergymn. zu Drobobycz 1876. 16 S. 8° und Hankiewicz im Archiv für slav. Philol. II, 712-714.

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musste, versuchte sich später in grossen Kompositionen, für die er weder geschaffen noch vorbereitet war; sie sind — die Heilige Familie (Reclambibliothek Nr. 1118) etwa ausgenommen – in Anlage und Ausführung verfehlt. Eine Schilderung dieser zweiten viel längeren Lebenshälfte ist wohl von Professor Zathey nicht zu erhoffen, wohl aber eine infolge des inzwischen sich in erfreulichster Weise mehrenden biographischen Materials — (vgl. Przegląd Polski (Polnische Rundschau] 1887; 83,95 -120 und W. Nehring Bibl. Warsz. 1887; 178—900), bald notwendig werdende ausführliche Umarbeitung der Jugendjahre“. Sie wird wohl um weniger auf sich warten lassen als ja die anderen Schriften Zatheys, sein „Homer in Polen“, seine ,,Bemerkungen zu „Herrn Thaddäus“ " und seine vortrefflichen Goetheübersetzungen rasch in

zweiter Auflage erschienen. Die besprochene Schrift verdient noch vom pädagogischen Standpunkt Beachtung. Analog dem in Armeekreisen viel Staub aufwirbelnden Dilemma „Drill oder Erziehung?“ regt sich in Österreich unter dem frischen, von oben ausgehenden Anstosse unter Pädagogen wieder die Frage, ,,soll Bildung oder wüste Gelehrsamkeit der Zweck des Gymnasyalunterrichtes sein?" Wenn erstere siegt, wenn z. B. die klassischen Sprachen als Mittel zum Zweck, um das Eindringen in die antike Litteratur zu ermöglichen gelehrt werden, dann wird wohl auch dem Gymnasialprogramm wieder mehr Aufmerksamkeit zugewendet werden, und hoffentlich so form- und gehaltvolle Abhandlungen, wie die besprochene sich häufiger zeigen.

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München.

Joh. v. Antoniewicz.

Nachrichten.

In einer Untersuchung „der älteste Faustprolog“ (Krakau 1887) führt W. Creizenach den Nachweis, dass dieser aus Thomas Dekkers dramatischer Bearbeitung der Sage von Bruder Rausch herübergenommen ist. Für die Vorspiele Lessings und Goethes würde meiner Ansicht nach freilich neben dem Prologe des Volksschauspiels von Dr. Faust auch die Einleitungsszene des Spiels von der Päbstin Jutta in Betracht kommen.

M. K.

Hermann Schnell ist es entgangen, dass die mittelenglische oder, wie er sagt, altenglische Fassung der Legende von der Abbeesse grosse, die er S. 259 dieses Bandes der Zeitschrift erwähnt, von C. Horstmann in Herrigs Archiv 57,257 f. veröffentlicht worden ist.

Julius Zupitza.

Im Anschluss an Bieses Untersuchungen „Zur Geschichte des Romantischen“ S. 261 bemerke ich, dass das Wort 1780 in Karl Lessings Mätresse (42,3 meiner Ausgabe) angewandt wird: „Ich, ich soll ihre romantischen Begriffe mit ihren wahren Umständen versetzen?" Hier bedeutet das Wort bereits romanhaft = überschwänglich im Gegensatz zum natürlich-wahren.

Eugen Wolff.

Nachdem Bogomil Krek schon früher zu den von Wollner gesammelten slavischen Versionen des Lenorenstoffes zwei slovenische Volksmärchen hinzugefügt hatte (s. Zeitschr. f. vgl. Litt.-Gesch. I, 220 und dieses Heft S. 369; die zwei Stücke sind jetzt abgedruckt im Arch. f. slav. Philol. X 356 ff.), erweitert derselbe unsere Kenntnis des Gegenstandes abermals, indem er im Magazin f. d. Litt. d. In- und Auslandes 1887 Nr. 43 und 44 zwei kroatische, zwei kroatisch-slovenische und ein slovakisches Lenore-Märchen in deutscher Übertragung, sowie ein serbisches, drei bulgarische und zwei čechische Lenorelieder auszugsweise mitteilt. In der gehaltreichen Einleitung giebt der gelehrte Slavist ausser wichtigen auf die Lenorenfrage bezüglichen Litteraturnotizen eine kurze Übersicht über die Verwandtschaftsverhältnisse und die Bedeutung der von ihm mitgeteilten Versionen.

Karl Krumbacher.

Puschkin und Byron.

Von

Otto Harnack.

ass der grosse englische Dichter der Neuzeit, den Goethe „allein

Litteraturen mächtig eingewirkt hat, ist allgemein bekannt. Die nachfolgende Abhandlung soll nicht etwa diesen Tatbestand noch weiter erhärten, sondern vielmehr ihn in einem bestimmten Punkte einschränken, und zwar in Bezug auf den bedeutendsten Dichter Russlands. Es ist üblich, in den Litteraturgeschichten, welche in deutscher Sprache erscheinen, auch ihn als blossen Nachfolger Byrons zu behandeln; man könnte vielleicht sagen: es ist Mode; denn ein Jeder weiss, wie sehr derartige Bücher, eines vom Andern, abzuhängen pflegen, und wie die Rubrizierung irgend einer litterarischen Erscheinung unter dem schwer zu lösenden Bann der Gewohnheit zu leiden hat. Tatsächlich wird jeder, der auch nur die hauptsächlichsten Werke Puschkins kennt, davon überzeugt sein, dass nur eine gewisse Anzahl von ihnen den Einfluss Byrons aufweist, jeder, der auch nur die wichtigsten Momente seines Lebensganges überschaut, erkennen, dass derselbe vielmehr innere Übereinstimmung mit den positiven Grundlagen des russischen Staats- und Volkslebens aufweist als byronische Kritik und Zerrissenheit.

Als Puschkin nach einem leichtfertigen Jugendleben, nach oberflächlicher, formgewandter Reimerei, die ihm schon Anerkennung genug eingetragen hatte, zuerst zur Selbstbesinnung kam und nach einem ernsteren Inhalt für sein inneres Leben suchte, da war es freilich Byron, der ihm zunächst auffiel, der für eine gewisse Epoche sein Meister im Leben und Dichten ward. Ein schweres Geschick hatte den jungen Dichter betroffen; aus dem Taumel des Petersburger Lebens, aus einer verziehenden und betörenden Luft, die ihm mit der Ztschr, f. vgl. Litt.-Gesch, u. Ren.Litt. N.-F. I,

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sicheren Aussicht einer glänzenden Zukunft schmeichelte, war er durch eine unmittelbare Anordnung der Regierung wegen der missliebigen Tendenz einiger Gedichte und der politischen Verdächtigkeit seines Umgangskreises in den äussersten Süden des Reiches verwiesen, zum Schein mit einer amtlichen Tätigkeit betraut, in Wahrheit verbannt worden. Welche Empfänglichkeit für Byrons Dichtung, die bisher im Child Harold, den Epyllien, dem Manfred vorlag, die sich immer gewaltiger entfaltete, musste nicht jenes Schicksal in der Seele des Dichters bewirken! Der Rückblick auf ein leeres, verspieltes Leben erzeugte einen Missmut, der in den düstern Klagen Manfreds Verwandtschaft fand; die Empörung über politische Verhältnisse, deren Willkür er erfahren, begrüsste freudig die revolutionäre Kühnheit Byron'scher Gedanken; aber die Gegenwart bot auch poetischen Stoff, wie den, an welchem Byron sich erfreute und stärkte. Fern von der Heimat weilte Puschkin wie Child Harold einsam auf einem Boden, der, jetzt öde, einst den Glanz der Antike geschaut hatte; griechische Kolonieen hatten die taurischen Küsten bedeckt und nicht allzu fern lag der Verbannungsort Ovids, mit dessen Schicksal Puschkin gern das seinige verglich. Zugleich aber stand er auch an der Schwelle des Orient: noch vor wenig Jahrzehnten hatte der tatarische Chan in der Krim geherrscht. Und endlich: auch vor dem russischen Dichter breitete sich das Meer aus, dessen Wellen in den Rhythmen der Byron'schen Epen zu spielen scheinen, das er eben so herrlich besungen hat wie der Britte, den er in den Versen feierte:

Ein Bild des Meers, das Du besungen,
Von seinem Geist gezeugt warst Du,
Wie dies von keiner Macht bezwungen,
Wie dies so stürmisch, sonder Ruh!

Fügen wir hinzu, dass Erinnerung und Nachwirkung schon früher leidenschaftlicher Verhältnisse auch Puschkin eine besondere Fähigkeit zur Zeichnung weiblicher Charaktere und weiblicher Empfindung verliehen, so haben wir die Hauptbestandteile einer Dichtung nach Art des Child Harold oder der „Braut von Abydos“ aufgezählt. In den poetischen Erzählungen „Der Gefangene im Kaukasus“, ,,der Springquell von Bachtschisarai“, die „Zigeuner“ schuf Puschkin Werke, in denen die scharfe Darstellung gewaltsamer Ereignisse mit der seelenvollsten Naturschilderung, ein Ideal weiblicher hingebungsvoller Zartheit mit dem Bilde rücksichtslosester, freiheitsdürstender Männlichkeit

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