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direkt aus, sondern lässt sie nur hindurchschimmern durch ein Naturbild, das er zeichnet, durch eine Begebenheit, die er knapp skizziert, vielleicht auch durch einen Dialog, den er uns hören lässt. Man denke an Goethes „Trost in Tränen“, „Schäfers Klagelied“, oder das an Suleika gerichtete Divanslied: „An grünen Büschelzweigen“. Dagegen ein Gedicht wie die ,,Elegie“ aus Marienbad giebt die Gedanken und Empfindungen des Dichters unmittelbar, ohne irgend ein Hilfsmittel wieder; es ist der Ausdruck des realen augenblicklichen Zustandes. Die erstere Form verlangt eine reichere Phantasie und ist in den meisten Fällen der weiter greifenden Wirkung sicher; denn das Gedicht ist weniger mit dem individuellen Zustande verschmolzen, und kann leichter auch das Verständnis des ferner stehenden gewinnen. Dagegen lässt sich behaupten, dass wenn solche allgemeine Wirkung auch den Gedichten der zweiten Form gelingt, dies ein Zeichen höchster poetischer Kraft ist, sowohl in der künstlerischen Auffassung des Gefühlsinhalts als in der Beherschung der technischen Mittel. Von dieser zweiten Art ist die Lyrik Byrons immer gewesen. Sie ist darum nie populär geworden, -- mit einigen igewaltigen Ausnahmen. Das „Lebe wohl“ an seine Gattin enthält kaum irgend ein Bild, kaum einen sogenannten „poetischen Gedanken"; was dasteht, könnte scheinbar ebenso in Prosa gesagt werden, und doch gilt und wirkt das Ganze als eine der ergreifendsten und hinreissendsten poetischen Taten aller Zeiten.

Und hier ist die innere Verwandtschaft Puschkins mit Byron unverkennbar. Auch in seiner Lyrik findet man nur wenige singbare Lieder, die geeignet wären in Herz und Gedächtnis eines Volkes einzudringen und dort bewahrt zu werden; auch seine Lyrik ist der unumwundene, ausführlich sich ergehende Ausdruck der persönlichen, momentanen Stimmungen und Gedanken. Sehr lieb war ihm die Form der Epistel an einen wirklichen oder supponierten Freund, bei welcher die Ungezwungenheit des Briefstils einen zugleich elegant und behaglich dahinströmenden Fluss der Verse gestattete. Wo diese Form nicht angewandt ist, da erscheint oft das Gedicht gleichsam als Bruchstück eines Tagebuchs, worin der Ausdruck nur wie zufällig und halb unbewusst Rhythmus und Reim angenommen hat. So beginnt ein im Jahre 1820 während der Seefahrt auf dem Schwarzen Meere gedichtete Elegie:

Erloschen ist des Tages Leuchte,
Der Abendnebel sank aufs blaue Meer;

Ja woge, walle, dunkle Feuchte!
Gehorsam Segel, rausche trüb und schwer!
Ich sehe die entfernte Küste,
Der Mittagslande zauberisches Reich;
Bewegt und traurig nahe ich mich Euch,
O wenn ich nichts mehr vom Vergang'nen wüsste!
Ich fühl's: im Auge quillt die Träne neu;
Die Seele glüht und bebt in Leiden,
Und will sich an vergang'nen Qualen weiden:
Wie einst ich liebte, allzu thöricht treu,
Und wie ich litt und wie mir nah schon däuchte,
Ersehnter Wünsche zaub'rische Gewähr!
Ja woge, walle dunkle Feuchte!

Gehorsam Segel, rausche trüb und schwer! u. s. w. Dass aber der Dichter auch fähig war, seine Empfindung zu konzentrieren, und auf diese Weise, gleichfalls ohne viele Zutaten der Phantasie, lyrische Kunstwerke zu schaffen, mögen folgende Verse beweisen:

In ihr ist Alles Harmonie
Und Alles wundersam erhaben;
In zarter Reinheit heget sie
Der Schönheit feiervolle Gaben.
Sie sieht im Kreise rings sich um,
Sie findet keine, die ihr gleichet:
Gepries'ner Schönen Glanz erbleichet,
Und ihre Lober werden stumm.
Wohin Du auch nur eilen magst,
Vielleicht zur heimlichen .Geliebten,
Ob Du in tiefem Sinnen lagst,
Ob Glück Dich hob, Dich Schmerzen trübten,
Begegnest Ihr Du; wie gefeit
Bleibst stehen Du verwirrt und schweigend;
Im Geist Dich andachtvoll - verneigend
Vor reinster Schöne Heiligkeit.

In wie weit Puschkins Lyrik direkt und im Einzelnen von Byron abhängig war, würde eine umfassende und detaillierte Untersuchung erfordern; jedenfalls könnte davon nur etwa bis zum Jahre 1824 die Rede sein, da Puschkin sich später nicht mehr in hervorragendem Masse mit Byron beschäftigt hat. Der Inhalt seiner Lyrik muss naturgemäss nach der Charakterschilderung, die wir oben gegeben, sich mehrfach mit den Gedichten Byrons berühren. Die innere Unzufriedenheit tritt auch bei ihm bald in der Form melancholischer Lebens- und Selbstbetrachtung, bald in der Form des Spottes und der Ironie zu Tage; nur dass die Melancholie nicht so tief, der Spott nicht so sarkastisch und unerbittlich ist wie in Byron. Die Erhebung an dem Schönen in Kunst und Natur ist für den russischen wie dem englischen Dichter die Kraft, welche sie den Lebensüberdruss stets wieder besiegen lässt; aber es tritt bei Puschkin noch ein religiöses Element hinzu, das ihm zeitweilig Ruhe und Frieden gewährt, welches Byron vollständig fremd war. Überhaupt findet sich bei Puschkin auch eine gewisse Anzahl von Liedern, die ihn in innerem Gleichgewichte, auch im Gefühle einer befriedigenden Häuslichkeit zeigen. Und ganz aus der Sphäre der Negation erheben sich jene Gedichte, in denen er das politische Leben seines Volkes feiert *), wie „dem Schatten des Feldherrn“, „,der Heerführer“, in denen die Taten Kutusows und Barclay de Tolly's gefeiert werden, oder „Das Fest Peters des Grossen“. Freilich zeichnet sich die ungesunde und unnatürliche Form, welche sein Nationalgefühl in den letzten Jahren annahm, auch in seiner lyrischen Dichtung ab. Das Gedicht „An die Verläumder Russlands“ lässt einen Hass gegen das übrige Europa, ein übertriebenes russisches Selbstbewustsein, das schon zur Forderung einer Herrschaft Russlands über alle Slaven aufsteigt, zum Ausdruck kommen, ohne auch durch die kräftigste und leidenschaftlichste Sprache nur den Eindruck innerer Wahrheit und aufrichtiger Überzeugnng hervorzurufen; es ist pathetische Deklamation und wurde schon durch Puschkins Zeitgenossen, den Fürsten Wjasemski als Kasernenpoesie bezeichnet. Ebenso führte auch die kirchliche Richtung, der sich Puschkin in den letzten Jahren hingab, seiner Dichtung unerfreulichen Inhalt zu. In Verbindung mit seiner doch nie zu innerer Zufriedenheit gelangten Natur erzeugte sie eine Art von Kirchhofspoesie, die sich in Todesgedanken gefiel, oder auch eine asketische Dichtweise, wie sie in dem durch Bunyans Pilgerreise angeregten mystischen Gedichte „Der Einsame“ hervortritt. Aus diesen und ähnlichen Gedichten erhellt deutlich, wie der Lebensüberdruss Puschkins, wenn er auch an seiner Quelle dem Byrons ähnlich war, dennoch eine ganz andere Entwickelung als jener genommen hatte.

*) Es sei hier ausgesprochen, dass Puschkin niemals zum Hofdichter geworden ist,

Aus unserer gesamten Übersicht ergiebt sich das unzweifelhafte Gesamturteil, dass der Einfluss Byrons auf Puschkin wesentlich in die erste Epoche des russischen Dichters fiel, nicht aber in jene Periode, während deren er seine vorzüglichsten Werke schuf, indem er den Idealen Shakespeares und Goethes nachstrebte. Wenn er in seinen letzten Jahren sich von diesen Idealen wieder mehr abwandte, so lag darin doch keineswegs eine Rückkehr zu Byron. Alles in Allem war Puschkin ein Geist von grösserer Eindrucksfähigkeit, aber geringerer Tiefe als Byron; ein Charakter von weniger Selbständigkeitund Sicherheit, aber von mehr Gewissenhaftigkeit und Fähigkeit der Selbsterziehung als Jener. Er machte den ehrlichen Versuch des Kompromisses zwischen seiner Dichternatur und der umgebenden realen Welt. Dass er diese Aufgabe nicht vollständig zu lösen im Stande war, kann nicht in Betracht kommen gegenüber der Tatsache, dass er sie sich überhaupt gestellt und bis an sein Ende an ihr gearbeitet hat.

Wenden in Livland.

Einige Wandlungen des Wunschmotivs

in antiker und moderner Poesie.

Von

Alfred Biese,

e mehr man heutigen Tages den Spuren des Volksgesanges im

hohen Norden bei Finnen, Letten und Esthen oder im Süden bei Rumänen, Serben und Griechen nachgeht und die geheimsten Empfindungslaute der Volksseele bei den verschiedenen Völkern belauscht, desto schärfer tritt die Verwandtschaft aller menschlichen Gefühlsweise, tritt das — Ewig Menschliche in der immer sich wiederholenden Sprache der Liebe und des Hasses, der Freude und des herzkränkenden Leids, der Eifersucht und des Neides hervor, immer wieder klingen die gleichen Töne an, gleichwie ein Nachhall einer Melodie der Urzeit. Und je mehr man sich gewöhnt, sämtliche Litteraturen unter einen gleichen Gesichtspunkt zu rücken, sie mit denselben leitenden Ideen zu durchforschen und zu überblicken, je mehr man eine genetische Entwickelung in den einzelnen Litteraturen für sich und weiter gehend in den verschiedenen von einander abhängigen Litteraturen zum Ausgangs- und Zielpunkt der Betrachtungsweise macht, desto mehr fliessen die Grenzlinien in einander, welche antike und moderne Litteraturen trennen. Es ist überhaupt ein für die Kulturgeschichte verhängnisvoller Wahn, den noch immer viel zu viele teilen, als ob die Grenzscheide zwischen Antikem und Modernem eine absolute sei; in seiner so unendlich anregenden und Epoche machenden Schrift „über naive und sentimentalische Dichtung“ ist Schiller darin ohne allen Zweifel viel zu weit gegangen, dass er das Sentimentalische dem Griechentum absprach. Er beurteilte es eben ganz einseitig nach Homer — Homer bezeichnet aber nur eine kurze naive Spanne der griechischen Kultur

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