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der Dichter giebt einem Ringe, den er der Geliebten schickt, diese Epistel mit, und da heisst es dann:

Glücklicher Ring, dich wird nun bald handhaben die Herrin;
Ach ich Armer, bereits neid' ich dem eigenen Geschenk.
O dass plötzlich ich mich verwandeln könnt in die Gabe
Mit der Ääerin Kunst, wie der karpathische Greis.
Käm' es ihr dann in den Sinn, zu berühren die schwellenden

Brüste,
Hätte sie unters Gewand gerade die Linke gesteckt,
Fiel' ich vom Finger herab, wie eng und fest ich auch sässe,
Schlüpft' ihr mit sonderer Kunst los' in den Busen hinab.

Dass Ovid auch dieses Motiv hellenistischen Dichtern entnommen hat, kann nicht als zweifelhaft angesehen werden; doch die Detailmalerei entspricht ganz seiner ureigenen Kunst und Phantasie.

Zahllos sind die mannigfachen Wandlungen und Formen des Wunschmotivs in der deutschen Volksdichtung. Meister Uhland ist mit seinem feinen Sinn für alles aus dem Born der Volksseele frisch und rein Sprudelnde, mit romantischem Behagen an all den wundersamen, märchenhaften oder ritterlichen, phantastischen oder tiefsinnigen Äusserungen der überquellenden Lebenslust, des schalkhaften Humors oder des zagenden Hangens und Bangens auch den Lügen- und Wunschliedern in seinen so überaus wohltuend zu lesenden „Schriften zur deutschen Dichtung und Sage“ (Bd. III) treulich nachgegangen. Wie schelmisch und neckisch erscheint da der frohe Sinn und die aller Fesseln sich entledigenden Phantasie, in ihren kühnen, luftigen Träumen, in ihren Lügengespinnsten mit den Mühlen aus Zimmt oder Mandeln, den Häusern auf Regenbogen oder Wolken, den Hütten aus grüner Petersil mit gelber Lilg und Dilg u. s. f. (vgl. S. 222 ff.). „Nichts ist so wundersam, sagt der treffliche Altmeister S. 243, was nicht dem Wunsche gestattet wäre; den Liedern von unmöglichen, erlogenen, märchenhaften Dingen gesellen sich die Wunschlieder.“ Vor allem begehrt der von Liebessehnen Heimgesuchte, als ein Vogel die weiten Räume im Fluge über Land und Meer zu durchmessen, Mauer und Zinnen der Geliebten zu umschweben: „Wenn ich ein Vöglein wär' und auch zwei Flüglein hätt', flög'ich zu dir.“ Es liegt etwas Rührendes in solchen deutschen Wünschen wie: „Wollt Gott, ich wär' ein kleines Vögelein, ein kleines Waldvögelein! Gar lieblich wollt ich mich schwingen der Lieben zum Fenster ein“ - aber es lenkt dann ins heiter Komische über mit den närrischen Wünschen, ein Hechtlein zu sein gar

lieblich wollt ich ihr fischen für ihre Tische –, ein kleines Kätzelein, um für sie zu mausen u. s. f. Nithart im 13. Jahrhundert klagt in ähnlichen Wünschen wie die Dichter der Anthologie und das Anakreonteum: „O wehe, dass ich nicht ein seiden Risel bin, das die Wängelein decken sollte bei so rotem Munde! Wenn dann der Wind ein wenig gegen uns wehte, dass sie mich näher hinzurücken bäte! Wär' ich doch der Gürtel, der sie umfing, da sie am Tage ging; . wie gerne wär' ich ein Vogel, der unter ihrem Schleier sässe und aus ihrer Hand ässe“ (Uhland S. 28). Ein Volkslied aus dem 16. Jahrhundert hebt an: Wär ich ein wilder Falk, so wollt' ich mich schwingen aus, Ich wollt' mich niederlassen Vor eines reichen Bürgers Haus, Darinnen ist ein Mägdelein' (285). Das betrogene Mädchen wünscht sich weit hinweg: „Wollt' Gott, ich wär ein weisser Schwan! Ich wollt' mich schwingen über Berg und tiefe Tal, Wohl über die wilde See, So wüsst' mein Vater und Mutter nicht, Wo ich hinkommen wär.“ So werden diese Beflügelungswünsche auch im deutschen Volksgesang wie bei den griechischen Tragikern zum Träger der mannigfachsten sehnsüchtigen Empfindungen. Dasselbe ist auch in der Volksdichtung anderer Nationen nicht minder reich der Fall. So führt auch Uhland das reizende schottische Lied an (S. 286): „O wär mein Lieb die rote Rose, die auf der Burgmauer wächst, und ich selbst ein Tropfen Tau, herab auf die Rose wollt' ich fallen; o wär' mein Lieb ein Weizenkorn, erwachsen auf dem Feld, und ich selbst ein winzig Vögelein, mit dem Weizenkorn flög' ich weg; o wär' mein Lieb eine Kiste von Gold, und ich der Schlüsselhüter, ich öffnete, wenn ich hätte Lust, und in der Kiste wollt ich sein.“ In einem schwedisch-dänischen Liede sagt das Mädchen zum Geliebten: „Ich wünsche, du wärest der schönste Teich, der schweben könnt auf dem Sande, ich wollt' ein kleines Entchen sein und schwämm' auf dem blanken Wasser“ - wie ein deutsches aus dem 16. Jahrhundert wünscht; „Und wär' mein Lieb ein Brünnlein kalt Und spräng' aus einem Stein, Und wär' ich dann der grüne Wald, Mein Trauern, das wär' klein“ -- Doch der Geliebte erwidert: „Es ist so übel ein Entchen zu sein, zu schwimmen auf dem blanken Wasser, da kommen die Schützen, sie schiessen dich, so schwimmst du tot zum Lande.“ ,,Da solltest du sein die schönste Linde, die stehen könnt' auf der Erde, ich wollt' ein kleiner Grashalm sein und wüchs' an der Linde Wurzel.“ Doch auch das findet keinen Bei. fall, und so geht das Gerändel mit den luftigen Wünschen fort.

Welche mannigfache Töne die Volksphantasie diesem Motive abzugewinnen weiss, verrät ein rasches Durchblättern z. B. des Hausschatzes der Volkspoesie von Wolff. Besonders reich ist das serbische Lied; meist verleugnet es auch hierin nicht die glühende Sinnenlust, das erregte Blut und das heisse Verlangen. So heisst es in einem:

Dass ich ach! ein kühles Bächlein wäre!
Wüsste wohl, wo freudig ich entspränge.
Unter meines Herzgeliebten Fenster,
Wo der Freund sich kleidet und entkleidet
Dass vielleicht aus mir den Durst er lösche,
Dass die Brust mit meinen Wellchen netzend
Ich vielleicht das liebe Herz berührte.

In einem andern:

Du, o Seele, werde eine Rose,
Ich will mich zum Schmetterling verwandeln;
Flatternd fall' ich auf die Rose nieder.
Alles meint, ich hang' an einer Blume,

Wenn ich heimlich meine Liebe küsse. Ein anderer fleht: „Möcht' am Meere gern zur Perle werden, wo die Mädchen Wasser holen kommen, dass sie sie in ihrem Schosse sammeln und auf grünen Seidenfäden reihen und an ihrem Halse tragen.“

Skurril wünscht sogar eine Serbin: „Möchte wohl zur Schale Kaffee werden, dass er mit dem Trank mich in sich schlürfte Und ich ihm das innere Herz berührte, zu erforschen meinen Ungetreuen.“ Wie tief traurig und rührend ist das litauische Lied:

Es wächst im Walde ein grüner Eichbaum;
Ach, das ist nicht mein Vater!
O würd' der Stamm zum Vater,
Die Äste doch zu Händen!

Die Blätter doch zu Wörtlein. Wohl finden sich auch bei Böhmen, Mähren, Slowaken u. s. w. anmutige Lieder mit Beflügelungswünschen Wär' ich ein Adler, hätte ich Flügel, Flög' ich von hier zu des Liebchens Dach. Über die Wälder und Seen und Hügel Eilt ich zu ihr, zu ihrem Gemach“ beginnt eine noch jüngst in dieser Zeitschrift mitgeteilte Daina –, doch meistens ist der Wunsch stereotyp, ein Vögelchen zu sein, um zu der Geliebten zu fliegen, oder ein Täubchen, um sich ihr auf den Scheitel zu setzen oder dergl. mehr, doch selten erreichen sie die Innigkeit und Tiefe des Empfindens, die uns bei den alten Griechen entgegentrat. — Die Weiterbildung dieses (Beflügelungs-) Motivs zum vollendetsten Ausdruck begegnet uns in unserer neueren deutschen Dichtung. Es genügt, aus der Fülle nur Weniges herauszugreifen.

Bei dem gemütvollen Reuter lesen wir S. W. XI, 371 in „Kein Hüsung“ die schönen Verse voll tiefen Wehs:

Ik müggt, dat ik frank und fri, So lang ik lewt,
Hoch baben swewt, As an den Hewen treckt de Wih,
Und dat ik künn von baben dal Up däglich Not un däglich Qual
Deip unner mi herunner seihn, Fri äwer Land un Water teihn!

Wer kennt ferner nicht Rückerts ,,Adler und Lerche“: Könnt ich steigen dem Adler gleich der kommenden Sonn' entgegen, Die Brust getaucht in Morgenrot, Badend im Glanz des Äthers, Weil in Tiefen die Nacht noch träumt, Dem erwachenden Auge der Welt den ersten Blick entsaugen! Oder fliegen der Lerche gleich, Nach, der fliegenden nach, Über der stillen Schöpfung, Angeglühet vom letzten Strahl, Die Seel' im Liede verhauchend, Verschwebend, Verschwirrend Im Ätherduft, Nie mehr wieder zur Erd' hernieder!" ...

Doch die durchgeistigtste Form und die höchste Konsequenz dieses Motivs bietet uns Goethe nicht bloss in jener schon angeführten Faustscene, sondern vor allem in seinem Ganymed:

Wie im Morgenglanze du rings mich anglühst,
Frühling, Geliebter! . . Hinauf! Hinauf strebt's.
Es schweben die Wolken abwärts, die Wolken,
Neigen sich der sehnenden Liebe! Mir! mir!
In Eurem Schoosse aufwärts! Umfangend umfangen

Aufwärts an deinen Busen, Allliebender Vater! Wie der Adler den Ganymed aus dem Erdenstaube zu Himmelshöhen entführte, so ward der Beflügelungswunsch im Geiste Goethes verklärt und erhoben zu dem glühendsten Bekenntnis einer im Anblick der Frühlingsnatur andachtdurchschauerten Seele.

Kiel.

Die beiden ältesten Verdeutschungen von Miltons

Verlorenem Paradies

Von

Johannes Bolte.

D

er Kampf, welcher vor 150 Jahren in Deutschland über das Wesen

der Poesie zwischen dem Leipziger Kunstrichter Gottsched und den Schweizern entbrannte, nahm seinen Ausgang von einer englischen Dichtung, welche Bodmer als die höchste Leistung der neueren Poesie verehrte. Das Verlorene Paradies John Miltons war das Ideal, nach welchem er und sein Genosse Breitinger die Erfordernisse eines wahren Dichtwerkes bemassen, welches die Grundlage für ihre ästhetischen Erörterungen über das Wunderbare und die Gleichnisse bildete. Es war im Jahre 1732, als Bodmer jenes Meisterwerk und Vorbild seinen Landsleuten durch eine Übersetzung zugänglich zu machen suchte. Halb mitleidig, halb verächtlich gedachte er in seiner Vorrede eines Vorgängers, der ein halbes Jahrhundert zuvor eine Übersetzung im Versmasse des Originals hatte erscheinen lassen. „Das Original", urteilte er, „war darinnen ganz verfinstert; es war ein Gerippe, alles Lebens, des Lichts und der Farben beraubet; nur ein tiefsinniger Kopf hätte die Vorzüge der Grundschrift durch diese leere Gestalt hindurch entdecket.“ Bodmer war klüger; er übersetzte in Prosa, obwohl er gerade die reimlosen fünffüssigen Jamben Miltons als das einzig wahre Versmass pries und Shakespeare darum Anerkennung spendete, weil er dieselben vor Milton in die englische Litteratur eingeführt habe. Gottsched rezensierte in den „Beyträgen zur Critischen Historie der Deutschen Sprache“*) die Bodmersche Übersetzung und schickte dieser

*) 1, 85—104, 290—303 (1732). In der Grundlegung einer deutschen Sprachkunst 3. Aufl. (1752) S. 605 f. wendet sich Gottsched besonders gegen Berges Behauptung, der Reim zause den Poeten oft gleich als bei den Haaren und zwinge ihn zu Abschweifungen:

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