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Die Weimarische Contribution. Abbé Henry.

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bund bei. Dem Herzogthum Weimar wurde eine Kriegssteuer von 2 200 000 Franken nebst großen materiellen Kriegslieferungen auferlegt. Der Herzog war zum Theil selbst daran schuld, da er gezögert hatte, Napoleon zu huldigen, dieser aber wahrschein lich sehr gewünscht hatte, ihn zu Unterhandlungen mit Rußland zu verwenden. Die aufgebürdete Last war groß; aber wie die Dinge lagen, konnte Karl August zufrieden sein, daß wenigstens seine Abseßung nicht erfolgte 1.

Die Unterhandlungen mit Napoleon führte der erwähnte Regierungsrath und spätere Kanzler Müller. Dem Minister Voigt gelang es nur unter unsäglichen Mühen und Anstrengungen, die verlangte Contribution zusammenzubringen, zu welcher die Herzogin Luise ihre Juwelen opferte? Göthe's Sorge war während der trüben und angstvollen Zeit besonders darauf gerichtet, die wissenschaftlichen und Kunstanstalten zu Jena und Weimar für die Zukunft zu retten. Nachdem eine Abordnung der Universität vergeblich einen kaiserlichen Schußbrief zu erwirken versucht, wandte sich die Behörde derselben an den französischen Kriegsminister Berthier in Berlin. Ein emigrirter französischer Priester, Abbé Henry, arbeitete die Bittschrift aus 3. Göthe legte ein Erposé bei, in welchem er die literarischen Zustände von Weimar und Jena mit bureaukratischer Genauigkeit schilderte und besonders seine Stellung als conseiller privé de Goethe

1 Müller, Erinnerungen. S. 93 ff. Häusser. III. 62. 2 D. Jahn, Briefe an Voigt. 90. 91.

3 Knebel, welcher die ganze Zeit über in Jena war, schrieb an Göthe (24. Oct.): „Henri, der französische Geistliche, ist auch unermüdet und brav. Es wäre zu wünschen, daß die Männer, die wirklich Antheil an der gemeinschaftlichen Sache genommen, fünftig mehr distinguirt würden, und nicht immer nur die Heuchler, Schlechten und Gefälligen. Die Stadt ist eigentlich durch die Fremden errettet worden, die aber zu nichts authorisirt waren, und überall Widerspruch fanden.“ Keil a. a. D. S. 105. Henry wurde später des Verrathes bezichtigt; ein amtliches „Precis“ documentirt aber seine segensreiche Wirksamkeit. Grenzboten 1874. I. 40. Baumgartner, Göthe. III. 2. Aufl.

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Göthe's Amtsbericht an Berthier.

mit all seinen „Aufsichten“ und „Oberaufsichten“ sorgfältigst verzeichnete.

Auf das übereinstimmende Zeugniß Deutschlands und frem: der Nationen sich berufend, erklärt er, daß Weimar und Jena zwei ganz hervorragende Culturstätten seien, durch ausgezeichnete Gelehrte berühmt, von denen Wieland als ,,Dechant der deutschen Literatur“ (doyen de la littérature allemande) hervorgehoben wird. Dann folgt eine Uebersicht der wissenschaftlichen Einrichtung der Universität Jena, nebst Lectionskatalog.

Als „seiner“ Aintsführung unterstelt erwähnt Göthe: 1) den botanischen Garten, 2) das zoologische Cabinet, 3) das anatomische Cabinet, 4) die Büttner'sche Bibliothek, 5) die mineralogische Gesellschaft, 6) die naturforschende Gesellschaft, sämmtlich in Jena; in Weimar aber 7) die Zeichenschule mit der ihr anneren ,,Gesellschaft von Kunstfreunden" und deren Preisausschreiben und Kunstausstellungen, und 8) die weimarische Bibliothek nebst Kupferstich, Münz- und Antiquitätensammlung.

Daneben findet dann auch die Jenaische Literaturzeitung“ Er: wähnung, die von Eichstädt präsidirte lateinische Gesellschaft, Bertuchs Industriecomptoir und geographisches Institut, die Hofkapelle, das Hoftheater , die Gymnasien zu Weimar und Jena .

Auf diesen Amtsbericht, in welchem Göthe sich selbst als Director der ganzen Wissenschaft und Kunst in Weimar und Jena hervorhob?, erfolgte keine einläßlichere Nachricht; dagegen stellte der Kriegsıninister Berthier, „Fürst von Neufschâtel", ain 24. November 1806 den verlangten Schutzbrief für Jena aus. Durch sorgfältigen Haushalt brachte es der treue Minister Voigt nicht nur zu Stande, trotz der Contribution noch alle Gehalte und Pensionen regelmäßig auszuzahlen, sondern auch die An

1 Der französische und deutsche Lert des Berichtes nach Göthe's Dictat und mit seinen Correcturen bei Keil a. a. D. S. 134-148.

? Auf gumboldts Anrathen sollte der Regierungsrath Fr. Müller in Berlin den Vorschlag anregen, Göthe zum Kanzler der Universität Jena mit ausgedehnter Vollmacht zu ernennen. Müller, Erinnerungen. S. 111.

Voigts Sorge für das Theater.

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stalten für Kunst und Wissenschaft, Universität, Bibliotheken und Sammlungen, ja sogar das Theater auf würdigem Fuße zu erhalten.

„Als ich im December 1806,“ jo konnte er ein paar Jahre später an Frankenberg schreiben, das Theater hier allein noch erhielt, gründete ich mich darauf, daß man die Betrübten nicht ganz der Mittel berauben müsse, ihre Noth ein wenig zu ver: gessen, wiewohl ich selbst jeit jener Zeit das Schauspiel nicht besucht habe, außer Talma zu sehen.“

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2. Göthe vor Napoleon.

1807. 1808.

„Da es mein Geschick nicht war, an der reichen Tafel einer großen Stadt bequemlich mitzuschwelgen, so muß ich in Kleinen bauen und pflanzen, hervorbringen und geschehen lassen, was dem Tag und Umständen nach möglich ist.“

Göthe an Zelter, 20. April 1808. „Was will gegen eine solche Erhebung auf Sturmflügeln über þeersäulen und Völfergruppen der Minister eines Kleinstaates und Heros idealer Pflanzungen, was in dieser Periode bis zu seinem sechsundfünfzigsten Lebensjahre der Dichter Göthe gegen den sechsunddreißigjährigen Kaiser besagen!"

A. Schöll, Göthe. 473.

Der Krieg und die napoleonische Gewaltherrschaft lastete die nächsten Jahre schwer auf dem kleinen Lande. Vieles war verwüstet. Bürger und Bauern hatten große Verluste erlitten und mußten nun für die hohe Kriegscontribution aufkommen. Der Credit des Herzogs war tief gesunken; Voigt hatte Mühe, die nöthigen Anlehen aufzubringen, und plante, obwohl durchaus nicht karg oder knickerig, doch den fürstlichen Hofstaat, nach dem Beispiel desjenigen von Gotha, etwas einzuschränken ". Die

1 Als er gehört hatte, daß sich der Hof zu Gotha solche Ein= schränkungen auferlegt hatte, fragte er an: „Welche Ersparnisse find wohl bei Ihrem Hofe gemacht ? Wollen wir nicht gute Erempel geben und nehmen? Hat die Zuckerbäckerei noch viel zu thun? Wird Kaffe nach Tafel gegeben? Sind Schüsseln und Couverts reducirt ? unnöthige Bediente vermehrt? unnöthige Ländeleien gekauft? den Hunden einige hundert Malter gefüttert ? u. f. w. Sagen Sie mir, theuerste Excellenz, etwas Belehrendes.“ D. Jahn, Göthe's Briefe an Voigt. Leipzig 1868. S. 93.

Karl August als Cousin Napoleons.

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Franzosen forderten ihre Zwangslieferungen mit Härte ab. Als die Professoren in Jena klagten, daß eine ihnen auferlegte Fleischlieferung unerschwinglich sei und daß sie darob selbst Mangel leiden müßten, erwiederte Daru: ,,Ich sehe gar keine Nothwendig keit, daß diese Herren Fleisch essen müssen." 1

Herzog Karl August war in der peinlichsten Klemme. Sein Ehrgeiz war durch die furchtbare Niederlage wohl äußerlich zu Boden geschmettert, aber innerlich nicht gebrochen. Obwohl in der Literatur ein Verehrer der Franzosen, hielt er in der Politik doch stramm zu Preußen und bäumte fich stolz gegen die verhaßte Nothwendigkeit, Napoleon wenigstens äußerlich zu huldigent. Ohne Sang und Klang, tiefgebeugt, kehrte er Ende Januar, während Napoleon ihn in Warschau erwartete, nach Weimar zurück. Der Regierungsrath Müller drängte ihn, Napoleon aufzusuchen?. Er reiste am 7. Februar 1807 ab, kehrte aber wieder um, nachdem er vernommen, daß Napoleon wieder im Felde sei und die Schlacht von Eylau gewonnen habe.

1 Vgl. Jahn a. a. D. S. 90-93. 256. 257. A. Schöll, Karl-August-Büchlein. Weimar 1857. S. 121–124. Rich. und Rob. Keil, Göthe, Weimar und Jena im Jahre 1806. Leipzig 1882. S. 153 ff. H. Dünßer, Göthe's Leben. S. 545 ff.

2. Häusser, Deutsche Geschichte. III. 62 ff. Guhrauer, Briefwechsel zwischen Göthe und Knebel. Leipzig 1851. I. 273 ff.

- Friedr. von Müller, Erinnerungen aus den Kriegszeiten. Braunschweig 1851. S. 93 ff. 104 ff. 111 ff.

2 Dieser that dem Herzog sehr schön, um ihn an sich zu ziehen. Er schrieb ihm am 29. Januar aus Warschau: „Mon Cousin, en rétablissant la paix entre nous, j'ai désiré Vous donner des gages durables de mon amitié et Vos états ont été admis dans la confédération du Rhin. Vous reconnaîtrez dans cette mesure l’intention, où je suis de protéger toujours Vos intérêts et de la part que je prends à votre prospérité. Je prie Votre Altesse d'en recevoir les nouvelles assurances, ainsi que celle de mon attachement et de mon estime. Votre bon Cousin Napoléon.“ Müller, Erinnerungen. S. 125.

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