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,Sonettenwuth und Raserei der Liebe."

Alter von neun Jahren zu sich nahmen und aufziehen ließen. Göthe verkehrte oft im Haus und lernte Minchen schon als Rind kennen, und Minchen verehrte schon früh den lieben alten Herrn". Während der Jenaer Leidenszeit war das Kind bereits zur Jungfrau herangeblüht, nicht eben von auffallender Schönheit, aber von gewinnender Anmuth und Liebenswürdigkeit. Der fast sechzigjährige Göthe verliebte sich allen Ernstes in das kaum siebenzehnjährige Mädchen (geb. 1789) und dichtete Sonette an sie, in welchen er sogar ihren Namen, wenigstens versteckt, dem Publikumn und der Nachwelt anvertraute:

„Lieb Rind, mein artig Herz, mein einzig Wesen" 1, d. h. „mein artig Kind Herzlieb“. Der Ernst der Zeit war damit vorläufig wieder überwunden; er hatte einen Koman, der sein „so weises und so thörichtes Herz“ wieder beschäftigte und ihm Stoff und Anregung gab, auch einen neuen literarischen Roman zu planen. Das Lächerliche des Verhältnisses entging ihm nicht, allein die Leidenschaft war noch immer mächtiger als der Verstand: „Ich höre wohl der Genien Gelächter; doch trennet mich von jeglichem Besinnen Sonnettenwuth und Raserei der Liebe." 2 Wie immer, war das aber auch jeßt nur eine der Ingredienzien, deren er zu seinem bunten Leben bedurfte. Daneben regierte er gravitätisch Schauspieler und Schauspielerinnen,

1 Göthe’s Werke [Hempel]. I. 214.

2 Ebdf. I. 215. Nach Luise Seidler hätte fich Minchens „tiefe Verehrung“ für Göthe nie zur „Leidenschaft“ gesteigert. S. Grenzboten 1874. IV. 445. Vgl. F. I. Frommann, Das Frommann'sche Haus und seine Freunde. Jena 1872. S. 116 ff. 163 ff. Göthe selbst gleitet in den Tag- und Jahresheften ohne nähere Angaben über die Sache weg. Er spricht nur von einem „schmerzlichen Gefühl der Entbehrung“ (Werke. XXVIII. 177) und: „Nie= mand verkennt an diesem Roman eine tief leidenschaftliche Wunde, die im Heilen fich zu schließen scheut, ein Herz, das zu genesen fürchtet“ (ebdi. XXVIII. 186). Nach einer zweiten unglücklichen Liebe ging Wilhelmine eine noch unglücklichere Ehe ein und starb als Geisteskranke 1865.

In Karlsbad. Die Singschule in Weimar.

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inspicirte den botanischen Garten und das Münzcabinet, und beschäftigte sich mit fast allen Wissenschaften und Künsten zugleich.

Während der Badekur in Karlsbad gefiel sich die weimarische Ercellenz im Anschluß an die dort weilende vornehmere Welt. Er erwähnt darunter einer Fürstin Solms, geb. Prinzessin von Mecklenburg, die später Königin von Hannover wurde, einer Fürstin Bragation, des Herzogs von Coburg, des Prinzen Ligne, des Grafen Corneillan, des Hofraths Gent, des französischen Residenten von Reinhard, seines eigenen Herzogs. Während diese hohe Gesellschaft sein Ansehen und seinen Ruf vermehrte, brachten ihn seine naturwissenschaftlichen Liebhabereien mit Aerzten und Gelehrten, Sammlern und Geschäftsleuten in Verkehr. Immer mehr gewöhnte er sich indeß, den hohen herablassenden Herrn hervor: zukehren und sich majestätisch zuzuknöpfen, wo nicht sein Interesse gerade einen heitern und behaglichen Verkehr zu erheischen schien.

In Weimar ward er bei seiner Rückkehr mit einer Serenade beehrt, welche in ihm nicht wenig den Plan befestigte, eine kleine Singschule zu gründen. Das war noch ein Fad), mit welchem er sich bis dahin wenig abgegeben.

„Ob wir gleich Stimmen und Instrumente in Weimar haben, und ich noch dazu der Vorgesetzte solcher Anstalten bin, so habe ich doch niemals zu einem musikalischen Genuß in einer gewissen Folge gelangen können, weil die garstigen Lebens- und Theaterverhältnisse immer das Höhere aufheben, um dessentwillen sie allein da sind und da sein sollten.“ 1 So klagt er seinem Freunde, dem Musiker Zelter in Berlin, mit dem er jetzt viel über Musik correspondirte. „Mit der Oper,“ fügte er bei, „wie sie bei uns zusammengesetzt ist, mag ich mich nicht abgeben, besonders weil ich diesen musikalischen Dingen nicht auf den Grund sehe." 2 Donnerstag wurden Uebungen mit einem heitern Souper gehalten,

1 Riemer, Briefwechsel zwischen Göthe und Zelter. Berlin 1833. I. 268.

2 Ebdf. - Vgl. Ferd. Hiller, Göthe's musikalisches Leben. Köln 1882.

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Göthe über die Romantiker.

am Sonntag - an Stelle des Gottesdienstes - ein klein Concert mit Frühstück.

In Jena, wo er sich vom 11. November bis 15. December 1807 aufhielt, brachte Minna Herzlieb die schon erwähnte Sonettenwuth" über ihn. Um diese Zeit ward er auch von Zacharias Werner besucht, der ihm sehr gut gefiel". Werner kam dann nach Weimar hinüber und blieb da bis in den April. Göthe ließ dessen Tragödie ,,Wanda" aufführen. Anspielend auf ein anderes Stück Werners, schrieb er (11. Januar 1808) an Jacobi?:

,,Es kommt mir, einem alten Heiden, ganz wunderlich vor, das Kreuz auf meinem eigenen Grund und Boden aufgepflanzt zu sehen, und Christi Blut und Wunden poetisch predigen zu hören, ohne daß es mir gerade zuwider ist.“

Schon ein Jahr später war er indeß mit Werner, wie mit der ganzen sogen. romantischen Schule, höchlich unzufrieden:

„Die Kunstwelt liegt freilich zu sehr im Argen, als daß ein junger Mensch so leicht gewahr werden sollte, worauf es ankommt. Sie suchen es immer wo anders, als da, wo es entspringt, und wenn sie die Quelle je einmal erblicken, so können sie den Weg dazu nicht finden.

„Deßwegen bringen mich auch ein halb Dußend jüngere poetische Talente zur Verzweiflung, die bei außerordentlichen Natur: anlagen schwerlich viel machen werden, was mich erfreuen kann. Werner, Dehlenschläger, Arnim, Brentano und andere arbeiten und treibens immer fort; aber alles geht durchaus in's Formund Charakterlose. Rein Mensch will begreifen, daß die höchste und einzige Operation der Natur und Kunst die Gestaltung sei, und in der Gestalt die Specification, damit ein jeder ein Besonderes, ein Bedeutendes werde, sey und bleibe. Es ist keine Kunst, sein Talent nach individueller Bequemlichkeit humoristisch walten zu lassen; etwas muß immer daraus entstehen ...

1 Ebdf. S. 289.

2 Göthe's Briefe. Berlin. Nr. 113. Leben. IV. 65.

Viehoff, Göthe's

Joseph Görres und Friedrich Schlegel.

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Sehr schlimm ist es dabey, daß das Humoristische, weil es keinen Halt und kein Geset in sich selbst hat, doch zuleşt früher oder später in Trübsinn und üble Laune ausartet, wie wir davon die schrecklichsten Beispiele an Jean Paul (siehe dessen leşte Production im Damenkalender) und an Görres (siehe dessen Schriftproben) erleben müssen. Uebrigens gibt es noch immer Menschen genug, die dergleichen Dinge anstaunen und verehren, weil das Publikum es jedem Dank weiß, der ihm den Kopf ver: rücken will.“ 1

Hatte Göthe in Bezug auf die mangelhafte äußere Kunstform der Romantiker theilweise Recht, so täuschte er sich dagegen sehr über den üblen Humor, den er Görres zuschrieb?. Dieser sprudelte gerade in dieser Zeit über von gutem Humor, wie seine Briefe und die Einsiedlerzeitung beweisen'. Der alte Voß schlug darüber um sich, als wäre er von einem Bienenschwarm gestochen. Göthe selbst scheint über Görres nicht sonderlich guten Humors gewesen zu sein, wie ihn auch die Conversion Friedrich Schlegels offenbar sehr unangenehm berührte.

„Lesen Sie ja doch Friedrich Schlegel : lleber die Sprache und Weisheit der Indier,“ so schrieb er an Zelter , „und be: wundern, wie er ein ganz crudes christkatholisches Glaubensbekenntniß mit den herrlichsten Ansichten über Welt-, Menschen: und Culturgeschichte zu verweben gewußt hat. Man kann dieses Büchlein also auch für eine Declaration seines Uebertritts zur

1 Briefwechsel mit 3 elter. I. 340.
2 F. Galland, Jof. d. Görres. Freiburg 1876. S. 118 ff. 130.

3 In den „Schriftproben von Peter Hammer“ sagt Görres u. A.: „Welche aber die Unausstehlichsten sind ? Das sind die dummen Propheten und Jene, die nur immerfort vorgackern von Politik und politischen Sachen; das Geschmeiß aber, das nistet im Verderben der Zeit und von seinen Sünden sich mästet, jenes schachernde Volk, das die Ehre der Nation auf dem literarischen Trödelmarkte vergaunert u. f. w.“ Voß bezog das auf fich und ward ganz erbost; jollte auch Göthe fich getroffen gefühlt haben?

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Göthe’s „ächte Sinnesart“.

alleinseligmachenden Kirche ansehen. Alles dieses hocus pocus, es mag nun wirken wie es will, wird ihm aber doch im Ganzen nichts helfen. Die ächte Sinnesart ist zu weit verbreitet, und kann nicht mehr untergehen, fie mag sich auch durch Individualitäten modificiren als sie wil." 1

Schon früh im Jahre 1808 (den 12. Mai) ging Göthe wie: der als Kurgast nach Karlsbad und genoß da das vornehme gesellige Leben, das ihn mit weiteren Kreisen in Verbindung sekte. Die Herzogin von Kurland war da, mit ihr der Dichter Liedge und die Präsidentin von der Recke, dann der Herzog August von Gotha, der Fürstbischof von Breslau, ein geheimnisvoller Schwede unter dem Namen „von Reiterholm", Kreishauptınann von Schiller, die Bergräthe Werner und von Herder, letzterer des alten Freundes Sohn. Bertraulicher verkehrte er mit der Familie von Ziegesar, die ihm längst bekannt war und bei der er Pauline Gotter und Frau von Sedendorf antraf 2.

Höchst pedantisch erzählt er in den , Tag- und Jahresheften", wie er die ersten Bände der bei Cotta erscheinenden Allgemeinen Zeitung habe binden lassen, um sie dann mit nach Karlsbad zu nehmen.

Nach seiner Rückkehr schickte er seinen August an die Univer: sität Heidelberg, mit Empfehlung an Voß und Thibaut. In Frank: furt traf derselbe die Großmutter noch am Leben; doch starb dieselbe ain 13. September, 77 Jahre alt. Göthe sah sie nicht mehr; er ging auch hier wieder dem Leiden und dem Tode aus dem Wege. Um die Erbschaftsangelegenheiten zu ordnen, ließ er Christiane nach Frankfurt reisen. Sie that es auf eine glatte und noble Weise“, wie Göthe anerkennend an Knebel berichtet 4.

1 Briefwechsel mit 3 elter. I. 327.
2 Tag- und Fahreshefte Werke (Hempel]. XXVIII. 179.
3 Ebdf. S. 184.

4 G uhrauer, Briefwechsel zwischen Göthe und Knebel. I. 339. - Vgl. Free, Göthe-Briefe aus Fritz Schlossers Nachlaß. Stuttgart 1877. S. 7.

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