Ҿ˹˹ѧ
PDF
ePub

„Wie Julian gegen das Christenthum.“

5

Die aus so verschiedenen Bruchstüđen zusammengewürfelte Sammelschrift der sogen. ,,Weimarer Kunstfreunde" hatte den Zweck, Göthe's antikisirende Kunstrichtung gegen die durch die Romantik angeregten christlichen und deutschen Kunstanschauungen festzuhalten und zu vertheidigen. Denn seine Richtung hatte bereits einen harten Stoß erlitten. Nach sieben Kunstausstellungen in Weimar war sie beim Publikum noch immer nicht zu Gunst und Einfluß gelangt. „Die Romantik hatte gesiegt; der Alte zog sich grollend in seine Zelle zurück." 1 Göthe sah sich genöthigt, weitere Ausstellungen aufzugeben, beschloß aber mit seinen wenigen Getreuen, den einmal eingeschlagenen Weg „recht still, aber auch recht eigensinnig zu verfolgen". Den eigentlichen Kern seiner Richtung hat er trefflich selbst gekennzeichnet, indem er Meyer bemerkte: „Wir stehen gegen die neuere Kunst wie Julian gegen das Christenthum.“

Il 2

Windelmanng“ wurde 1778 auf ein das Jahr zuvor ergangenes Preisausschreiben der Alterthumsgesellschaft in Kassel dem Ausschuß dieser Gesellschaft eingereicht, aber weil deutsch, nicht französisch geschrieben, ungekrönt bei Seite gelegt und erst ein Jahrhundert später durch Dr. A. Duncker (Kassel, Kay, 1882) veröffentlicht. Sie erläutert trefflich die ungeheure Aufgabe, die Winckelmann fich gestellt, die Vorzüge dessen, was er geleistet, aber auch den verhängnißvollen Mißgriff, den er begangen, die griechische Kunst nicht genugsam als ein Glied der allgemeinen Kunstgeschichte überhaupt, mit gerechter Würdigung der früheren und späteren Kunstentwicklung aufzufassen, woraus sich dann eine maßlose Ueberschäßung der griechiIchen Runft und andere Fehlgriffe nothwendig ergaben. S. Lüßow, Zeitschrift für bildende Kunst. 1882. Beiblatt Nr. 6 u. 8. Winckelmann ist „der Begründer der modernen Kunstwissenschaft“ (F. X. Kraus, Tabellen zur Kunstgesch. Freib. 1880. S. 235), aber auch ihrer einseitigen Richtung zum Hellenismus. – Vgl. M. Carrière, Die Kunst u. f. w. V. 203 ff. Lemcke, Aesthetik. 1879. S. 21.

1 l. von Urlichs, Göthe und die Antike. Göthe-Fahrbuch. III. 20.

2 Alph. Dürr, Johann geinrich Meyer in seinen Beziehungen zu Göthe (v. lüßow's Zeitschrift für bildende Kunst. 1885. S. 64 ff.).

6

Winckelmanns Charakteristik.

Dabei hatten sie aber das Unglück, weder die alte Kunst, noch die Renaissance gründlich zu kennen, Künstler der Spätzeit gegen eigentlich claffische Meister weit zu erheben und einen Mengs sogar neben, ja fast über Raphael zu stellen. Meyers ,,Ent: wurf“ ist durch die neuere Kunstgeschichte längst überholt, wenn er auch im Augemeinen mehr Wissen und Urtheil bewährt als Göthe ".

Die Charakteristik, welche Göthe von Windelmann gibt, ist, zum großen Schaden der objectiven Wahrheit und Lebendigkeit?, nicht in einfachem, klarem Erzählungsstil gehalten, sondern in hochtrabendem, akademischem Pathos, wie die Leichenrede auf einen entschlummerten Professor. Ganz ausgeführt ist dieselbe nicht. Man hat noch die Schablonen vor sich, nach denen Göthe fie ordnete: „Eintritt. Antikes. Heidnisches. Freundschaft. - Schönheit. – Katholicismus. - Gewahrwerben griechischer Kunst. – Rom. – Mengs“ u. 1. w. Die spär: lichen Chatsachen und concreten Züge der Wirklichkeit sind durchspickt von allgemeinen Betrachtungen, ästhetischen Weisheitssprüchen, Selbstbekenntnissen, mit der sichtbarlich durchblickenden Ueberzeugung, daß der große Todte durch seinen Lobredner, wenn nicht überholt, so doch ersetzt ist. Um sich mit Winckelmann bis zu einem gewissen Grade identificiren zu können, macht Göthe einen vollständigen Heiden aus ihm – und, da es nicht anders geht, auch – einen Heuchler 3.

1 Dieser schwor nicht höher, als auf seinen Meyer. Er fand in ihm eine Kunsteinsicht von ganzen Jahrtausenden" (Gespräche mit Edermann. I. 149) und nannte seine Kunstgeschichte „ein ewiges Werk“ (ebdf. I. 235); Peter Cornelius dagegen nannte Meyer einfach einen „Schwäßer“.

2 Von den 1781 veröffentlichten Briefen Winckelmanns an „einen seiner vertrautesten Freunde“ sagte Göthe: „So sind, um nur einiger größerer Sammlungen Windelmann'scher Briefe zu gedenken, die an Stosch geschriebenen für uns herrliche Dokumente ... wenn sie ganz und unverst ümmelt hätten gedrudt werden kön

Göthe's Werke [Hempel]. XXVIII. 194.
3 Göthe's Werke [Hempel]. XXVIII. 204-206.

nen."

Seine Conversion und seine Verdienste.

7

Das Musterbild eines Convertiten war Winckelmann gewiß nicht. Was ihn auf den Weg nach Rom führte, war seine grenzenlose Begeisterung für die antike Kunst. Zwei Monate nach seiner Conversion klagt er in einem Briefe, daß er sein Ziel, das Studium der römischen Kunstschäße, nicht erreichen könne, „ohne einige Zeit ein Heuchler zu werden“ 1. Zahlreiche Briefe bezeugen den verworrenen Seelenzustand, in welchem er zur Kirche zurücktrat und vielleicht Jahre lang blieb. Er schwärmte wie vorher für die Antike. Aber er erfüllte doch immerhin die dringendsten äußeren Obliegenheiten eines Katholiken. Das katholische Rom mit seinem Papst, seinen Cardinälen, seinen Prälaten ward ihm allmählich eine zweite Heimath. Er fand da, was er suchte: „Röpfe von unendlichem Talent, Menschen von hohen Gaben, Schönheiten von dem hohen Charakter, wie sie die Grie: chen gebildet haben, Leute von Wahrheit, Redlichkeit und Großheit, eine Freiheit, gegen welche die in anderen Staaten und Republiken nur ein Schatten ist“ ?, und endlich sein Glück: „In mir selbst bin ich glüdlich und zufrieden, welchen Zustand ich init keinem Menschen vertauschen wollte“ 3. Als ein gewaltsamer Tod unerwartet seinem Leben ein Ende machte und den Heuchler entlarven mußte, wenn er einer war, empfing er mit voller Andacht die heiligen Sacramente, verzieh seinem Mörder, stiftete 20 Zechinen für ein Armenhaus und 10 Scudi, um für seine Seelenruhe Messen lesen zu lassen 4. Er starb als gläubiger Katholik, und das macht den Rückschluß möglich, daß seine Liebe zum altheidnischen Rom schon vorher eine fromme Verehrung für das christliche Kom herbeigeführt hatte. Er war kein Heuchler, wie Göthe ihn sich dachte.

Auch ein „Kunstheide“ im Sinne Göthe's war Winckelmann nicht. Er war kein Genußmensch, kein Erotiker, kein Schwärmer für Properz und Ovid, er war ein unendlich fleißiger, strebjamer

1 Bischof Räß, Die Convertiten seit der Reformation. Freiburg 1871. X. 182.

2 Ebdf. S. 188. 3 Ebdf. S. 199. 4 Ebdf. S. 213.

8

Göthe's Unrecht an Winckelmann.

[ocr errors]

Gelehrter, der seine Thätigkeit mit unermüdlichem Ernst auf ein großes Ziel gerichtet hielt. „Das antiquarische Studium galt für die edelste, von den Gelehrten und Gebildeten Italiens in jedem Stande mit einer Art patriotischer Leidenschaft getriebene Veschäftigung.“ Das war seine Leidenschaft, sein Studium und zugleich seine Erholung. Er brachte aus dem Norden reiche philologische Kenntnisse und die Lust mit, über das gesammelte Detail zu philosophiren; aber gegen Kirche und Christen: thum war sein Studium nicht im mindesten gerichtet. Papst Benedict XIV. ließ sich aus feinen Monumenti inediti vorlesen, und Cardinal Albani blieb sein Freund auf Lebenszeit. Das päpstliche Rom war nie der Feind antiker Kunst und Bildung, soweit dieselbe der christlichen Gesittung wirklich dienen konnte, nur jener heidnischen Lebensanschauungen, welche in Rom und Griechenland selbst den Verfall der Kunst herbeigeführt haben. Als Freund und Genosse hochkirchlicher Kreise hat Winckelmann die alte Kunst weit eingehender und umfassender kennen gelernt, als Göthe es je erreichte; er ist, was dieser nur zu werden wünschte, wirklich geworden: der Begründer der neueren Kunstwissenschaft und Kunstgeschichte, soweit sie das classische Alterthum betrifft.

Göthe hat deßhalb nicht bloß der Kirche, sondern auch Winckelmann Unrecht angethan, indem er ihn zu seinem eigenen Vorläufer, zum Propheten einer Richtung zu stempeln versuchte, welche die alte Kunst an die Stelle der christlichen Religion setzte, indem er Convertiten mit „Renegaten“ und „geschiedenen Frauen“ wegen ihres interessanten „Wildpretgeschmacks“ spöttisch auf Eine Linie stellte ?, und indem er endlich das Verdienst um die Wieder: belebung des antiken Kunstverständnisses von Winckelmann und seinen römischen Gönnern auf die „Weimarischen Runstfreunde", von Kont auf Weimar übertrug ..

1 Rob. Zimmermann, Winckelmann, in Lüßo w's Zeitschrift für bildende Kunst. VIII. 148.

2 Göthe's Werke [Hempel]. XXVIII. 205.
3 Knebel gratulirte zu der Veröffentlichung der Briefe; fie sei

Recensionen in der Zenaischen Literaturzeitung.

9

Neben „Rameau's Neffe“ und „Winckelmann“ veröffentlichte Göthe in den Jahren 1805 und 1806 nichts Neues als einige Recensionen in der „Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung“. Vier Bände seiner „Werke“, die nunmehr bei Cotta erschienen, riefen seine früheren productiven Jahre zurück, während der Dichter selbst an seiner Farbenlehre redigirte, an Polygnots Gemälden herumkramte, neben ein paar werthvollen Schriften auch herzlich unbedeutende recensirte und als galanter Patron und Gönner die schriftstellernden Damen einlud, sich ihre Romane von ihm corrigiren zu lassen:

„Solten denn aber geistreiche und talentvolle Frauen nicht auch geist- und talentvolle Freunde erwerben können, denen sie ihre Manuscripte vorlegten, damit alle Unweiblichkeiten ausgelöscht würden und nichts in einem solchen Werke zurüdbliebe, was dem natürlichen Gefühl, dem liebevollen Wesen, den romantischen, herzerhebenden Ansichten, der anmuthvollen Darstellung und allem dem Guten, was weibliche Schriften so reichlich besißen, sich als ein lästiges Gegengewicht anhängen dürfte!" 1

Hatte sich doch eine dieser Damen erkühnt, gegen Natur: philosophie und gegen den „Wilhelm Meister“ zu jchreiben, die andere aber ältere Dichter: Uz, Hagedorn, Kleist, Matthisson und Hölty, mit gar zu viel Enthusiasmus genannt? konnte Göthe niemals leiden. „Des Knaben Wunderhorn" dagegen empfahl er mit größter Wärme, charakterisirte jedes Gedicht in ein paar Zeilen, weil er glaubte, daß das „wohl einige Sensation" machen werde, lehnte jede eigentliche Kritik ab, stellte sogar die Competenz einer Kritik in Frage, glaubte aber doch die Sammler für die Fortseßung „vor allem Pfäffischen und Pedantischen" höchlich verwarnen zu müssen 3.

sehr zeitgemäß, um „nämlich die Albernheit des Aatholicis mus eben nicht durch Winckelmanns Ueberzeugung zu beschönen“. Guhrauer. I. 265. Die Albernheit stak anderswo.

1 Göthe’s Werke [Hempel]. XXIX. 379.
2 Ebdf. 378. 379. 3 Ebdf. 384-398.

« ͹˹Թõ
 »