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. 229 alles wohl gemacht; daß er sich selbst darauf berufen konnte: die Blinden seheri, und die Lahmen gehen, die Aussäßigen werden rein, und die Tauben hören, und die Todo ten stehen auf. Doch so groß auch seine Bereit: willigkeit war, jedem Leidenden seine Gesundheit wie: derzugeben, und die mannigfaltigen Uebel des Leibes zu heilen, die er unter seinen Mitbürgern antraf: nur vorübergehend, nur auf seine Zeitgenossen eingesdränkt würden seine Wohlthaten gewesen sein, wenn er uns nicht in den Stand gesezt hätte, über diese Uebel richtig zu denken, und sie für das zu halten, was sie find. In dieser Aufklärung, in diesem Unterricht über einen für alle Sterbliche so widytigen Gegert stand liegt eine weit größre, cine des Erlösers der Welt weit würdigere Wohlthat, als in allen den wunderbaren Heilungen, die er verrichtet hat; ben ihr lasset uns also iezt stehen bleiben, sie lasset uns heute anwenden und benußen lernen. Ich werde nämlich dießmal zeigen, wie wir als Christen die Gebrechlichkeit und die Krankheiten unsers Leibes beurtheilen und gebrauchen sollen. Ein richtiges Urtheil über die Schwachheit unsers Leibes ist nämlich um so nöthiger, je leichter man sich hier irren kann, und je schädlider die Åb wege sind, auf die man bey dieser Sache bereits ge: rathen ist. Lasset uns also alles kurz zusammenfassen, was uns das Christenthum zur Beurtheilung dieser Sache an die Hand giebt. Es wird sich sodann leicht bestim: men lassen, wie wir die Gebrechlichkeit und die Krankheiten unsere Leibes' al's Christen gebrauchen solle n.

Wofür halten also Christen, wenn sie den Sinn ihrer Religion kennen, die Uebel des Leibes, denen alle Menschen unterworfen sind, und die dem ersten Unblick nach ein fo trauriges Schauspiel darbieten?

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Folgen wir den Belehrungen Jesu und seiner Apo: stel, M.3., so sind die Gebrechlichkeit und die Krankheiten unsers Leibes keineswegs Merk: male einer traurigen Einkerkerung unsers Geiftes in seinen Körper; foudern theils u nvermeidliche Folgen heilsamer Naturge feße; theils Wirkungen unsrer gesellschaft: lichen Verhältnisse; theils Strafen unsrer Vergehungen; aber doch zugleich Einrichtun: gen, aus denen unendlich viel Gutes ent: springen kann. Lasset mich diese fünf Puncte nach der Reihe erklären.

Die Gebrechlichkeit und die Krankheiten unsers Leibes sind keineswegs Merkmale einer trau: rigen Einkerkerung unsers Geistes in fei: nen Körper; fehet da eins der ältesten und schäds lichsten Vorurtheile, das in Ansehung der Schwachheiten unsers Leibes geherrscht hat, und dessen Eins flüsse noch immer in den Mennungen der Menschen sichtbar sind! Das Gefühl, wie sehr der Geist vom Körper befchwert, mit peinlichen Empfindungen aller Art geängstigt, und in seiner Wirksamkeit gestört werde, hat sehr früh die Vermuthung hervorgebracht, er befinde sich zur Strafe in demselben, er sen aus einem bessern Zustand gewisser Fehler wegen in diese traurige Verbindung mit grober Materie verstossen, er müsse in dieser Gefangenschaft, die mit seiner Höz hern und himmlischen Natur sehr wenig übereinstimme, für ehemalige Sünden büssen. Daher kam es, daß man den finnlichen Stuff, aus welchem unser Körper zusammengesezt ist, für den wahren Sik alles Bösen hielt; daß man in laute Klagen über den Körper ausbrach, und ihn als einen verhaßten Kerker befchrieb; daß man es für die vornehmste Pflicht des Weifen erklärte, fich von dem Körper möglichst abzusondern und loszureissen, daß man die Gemeinschaft mit demselben als eine Verunreinigung des Geistes vorstellte, und den Tod als die glüce: liche Veränderung pries, die den gefesselten Geist in Frenheit sebe, und es ihm möglich mache, sich leicht und ungehindert zu bessern Gegenden enporzuschwingen. Wie gut auch dieß alles klingen, wie sehr unser Gefühl auch damit übereinstimmen mag, das Christenthum lehrt gerade das Gegentheil, M. Z. Nicht-ein qualvoler Kerker, nicht ein strafender Peiniger, nein, ein treuer Gefährte, ein bequemer Wohnfik, ein brauchbares Werkzeug des Geistes ist der Körper nach den Aussprüchen desselben. Denn sin: det sich in der Schrift auch nur eine Spur von der Mennung, als ob die Verbindung der Seele mit dem Leibe für jene Strafe fers? Wird nicht alle Kreatur Gottes als gut und ihres Schöpfers wür: dig beschrieben? Nennt der Apostel die Leiber de: rer, die sich nach den Vorschriften des Christenthums bessern, nicht ausdrücklich Glieder Christi? Segt er nicht hinzu: wisset ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist ? Kann der mensd»liche Körper ein befle: ckender, zur Strafe eingerichteter Aufenthalt senn, da selbst der Sohn Gottes Mensch geworden ist, und sich mit einem Leibe bekleidet hat? Würde die Schrift noch überdieß den Tod für Strafe erklären, würde sie ihn als das größte Unglück vorstellen, das uns begegnen kann, wenn es wahr wäre, daß er Be: frenung aus dem Kerker sen, und uns einer enten: renden Sclaverey entreisse? Würden wir endlich selbst einen so grossen Abscheu gegen denselben füh: len, wenn wir ihn als den Retter aus einer schimpf: lichen Gefangenschaft segnen müßten? Immerhin sen es also unläugbar, M.Z., daß unser Körper gebrechlich und unzählbaren Uebeln ausgesezt ist; wir wür: den der Schrift, wir würden den Entscheidungen einer unverdorbenen Empfindung widersprechen, wenn wir diese Uebel für Merkmale einer traurigen Eins kerkerung unsers Geistes in demselben halten wollten. Dagegen fällt es desto deutlicher in die Augen, daß sie zum Theil unvermeidliche Folgen heils samer Naturgeseße sind. Auf jede Einrichtung, welche Gott getroffen hat, lehrt uns das Christen: thum merken, M. Z., es gebietet. Nachdenken über Álles, was wir in der Natur veranstaltet sehen. Ift es aber nicht offenbar, daß ben den Geseken, welche Gott derselben vorgeschrieben hat, und vorschreiben mußte, eine gewisse Gebrechlichkeit unsers Leibes und mancherlen Krankheiten desselben gar nicht vermie= den werden konnten? Unser Körper ist mit so vie: ler Kunst gebaut, ist so fein gegliedert und ausgebildet, besteht aus so viel zarten, leicht verleßbaren Theilen, daß wir uns wahrlich nicht sowohl darüber verwundern sollten, daß zuweilen Unordnungen in demselben entstehen, als vielmehr darüber, daß der: selben nicht mehr sind. Mußte aber unsrer Seele eine so zarte, künstliche Wohnung, in der frenlich leicht etwas stocken, zerreissen, geschwächt werden kann, nicht nothwendig angewiesen werden, wenn sie fähig seyn sollte, fein und lebhaft zu empfinden, und alle ihre Kräfte glücklich zu äussern? Hier fand keine Wahl statt; entweder mußte Gott uns einen Leib geben, der Schwachheiten und Schmerzen eben To stark fühlen konnte, als Vergnügen und Luft; oder uns auer Empfindung, und mithin auch alles Lebens und aller vernünftigen Thätigkeit berauben. Hiezu kommt, daß wir auch mit der äussern Wett in Verbindung stehen sollten. Aber mußte diese äußre Welt nicht nothwendig eine Menge von Gegenständen enthalten, die dem zarten Gewebe unsers Körper8 ben aller sonstigen Nußbarkeit doch auch nacha theilig werden, und es zerstören können? Ist es nicht eben die Luft, welche wir athmen, was uns auch Krankheiten zuführen, und gefährliche Seuchen verbreiten kann? Ist es nicht eben das Wasser, das uns erquickt, und unsern Durst labt, was uns: auch ersticken und tödten kann? Ist es nicht eben

das Feuer, das uns wärmt, und uns tausend Bes quemlichkeiten verschafft, was uns auch quälen und verzehren kann? Ist die ganze Natur nicht voll von Gegenständen und Veränderungen, die bald zu unsrer Fortdauer, bald zu unserm Vergnügen unent: behrlich find, und doch unter gewissen Umständen für unsern Körper schädlich, und Ursachen seines Unter: gangs werden können? Lasset uns billig fenn, M. 3., lasset uns nicht Unmöglichkeiten verlangen. Unverleßliche Fühülosigkeit und zarte Empfindung konnte unser Leib doch offenbar nicht zugleich haben; Gott selbst konnte nicht bewirken, daß der Einfluß der Aussenwelt nie zu unserm Nachtheil gereichen möchte. Die Gebrechlichkeit und die Krankheiten unsers Leis bes sind zum Theil unvermeidliche Folgen heilsamer Naturgesebe.

Seket hinzu, audWirkungen unsrer gesellschaftlichen Verhältnisse. Nicht einmal fortdauern, geschweige denn sich bilden und glücklich fenn kann der Mensch, wenn er nicht im Schoose der Gesellschaft lebt, nur hier kann er werden und geniessen, was er werden und geniessen soll. Aber ist Gesellschaft ohne Zusammenseyn und Annähe rung ist sie ohne wechselseitige Dienstleistungen, ist fie ohne Betreibung unzähliger Geschäfte, ist sie ohne Vertheilung gewisser Lebensarten und unablässiges Verkehr möglich, und können diese Verhältnisse

nicht lauter Quellen mannigfaltiger, zerstörender ; Uebel für unsern Körper werden? Sind Wohnun:

gen, sind Städte und Gegenden, wo grosse Mengeu von Menschen zusammengedrängt leben, nicht in mehr als einer Hinsicht gefährlich, sind sie nicht der wahre Siß schneller Ansteckung, schädlicher Mißhandlungen und entnervender Schwelgeren? Sind die Dienste, die wir einander zu leisten haben, nicht bald so beschwerlich, bald mit so nachtheiligen Umständen ver: knüpft, daß wir auf mehr als eine Art dabey Siha:

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