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ursprünglichen Namen dieser Liedersammlung kennen wir nicht. Der Titel „Edda“ gebührt nur Snorris Buch über die nordische Götterlehre und Skaldenkunst. Das Wort wird als ,,Buch von Oddi“ erklärt: Snorri habe den Baustoff seines Werkes in Oddi vorgefunden und nach ihm sein Buch „Buch von Oddi“ genannt; andere erklären es als „Poetik“; die frühere Deutung Urgroßmutter“ ist allgemein aufgegeben: die Sammlung erzähle wie das Großmütterchen am Spinnrocken jüngeren Geschlechtern Lieder und Sagen aus längst verklungenen Zeiten. Die noch heute übliche Benennung ältere Edda" ist nur insofern richtig, als die sogenannte jüngere oder prosaische Edda des Snorri einige Lieder anführt oder voraussetzt, als Ganzes aber ist die Liedersammlung jürger als Snorris Buch.

Unter den Eddaliedern steht ,,der Seherin Weissagung“ (Voluspá) im Mittelpunkte des Streites. Die einen setzen sie ins 9., andere in die Mitte des 10. Jhd. unter Eirik Blutaxt, in die wilde Gärungszeit, wo das Christentum in Norwegen zwar schon eingedrungen, aber nirgends vollkommen zum Durchbruche gekommen war; noch andere lassen sie kurz vor 1000 auf Island entstanden sein, als eine Mischung heidnischer und christlicher Anschauungen. Wie man das Gedicht als eine Übertragung der alexandrinischen Oracula Sibyllina und deshalb als wertlos für die nordische Mythologie hingestellt hat, so hat man von anderer Seite aus die Echtheit der eddischen Kosmogonie und des Gedichtes „die Weissagung der Seherin“ angegriffen. Die Quellen der eddischen Kosmogonie sollen in der Genesis und in dem platonischen Timäus liegen, die beide wiederum auf der babylonischen Weltschöpfungslehre beruhen. „Der Seherin Weissagung“ soll im zweiten Viertel des 12. Jhd. in der von Sämund gestifteten Schule zu Oddi im Südwesten Islands gedichtet und eine Stilübung des hochgebildeten Theologen Sämund sein, der sich daran erfreute, einen großartigen, fremden, religiösen Inhalt, das heiligste christlichste Thema von der Heilsgeschichte der Menschheit, von der Schöpfung bis zum Sündenfalle, in die mythengetränkte, dunkle Sprache heidnischer Weissagung zu übertragen; d. h. das Gedicht ist die frivole Spielerei eines isl. Theologen.

Unhistorisch aber ist es, zu behaupten, ein so reich begabtes Volk wie die Germanen hätten keine in Mythen gefaßte Vorstellungen von Gottheit, Welt und Menschheit gehabt. Unhistorisch ist es, statt dessen eine aus allen möglichen Quellen zusammengeronnene mittelalterliche, christliche Tradition als den Körper von dem anzunehmen, was uns an Mythen überliefert ist. Geradezu abenteuerlich ist die Vorstellung, daß ein Priester des 12. Jhd., ein Schulvorsteher, ein Bücherwurm und doch zugleich ein Dichterfürst, ein Dante und Boccaccio in einer Person, auf die seltsame Idee verfallen sei, die christliche Lehre in der angegebenen Weise zu profanieren. Was von der angeblichen Genialität der Skalden gesagt ist, die die Eddamythologie geschaffen haben sollen, gilt Zug für Zug auch für die Tätigkeit Sämunds. Sämund müßte der gelehrteste Mann des Nordens, seiner Zeit, des Mittelalters überhaupt gewesen sein. Er verband nicht nur Stücke des Wissens aus den entlegensten Gebieten, er besaß ein großartiges, einziges Kombinationsvermögen, ihm waren seine Kenntnisse präsent wie keinem der Kirchenväter. Bei jeder Strophe, ja bei jedem Vers ist ihm all sein Wissen gegenwärtig gewesen und hat er die seltensten, wie die gewöhnlichsten Stücke davon ineinander gefügt und bis zur Unkenntlichkeit ineinander verflochten. Und trotz dieser monströsen Gelehrsamkeit muß dieser Sämund ein unbegabter Mensch gewesen sein! Denn er wußte überhaupt nicht, was er wollte. Mit treffender Ironie hat man gesagt: Ist „der Seherin Weissagung“ eine „Summe der christlichen Theologie", dann ist sie das schlechteste und albernste Gedicht der Weltliteratur. Sämund war aber auch ein schlechter Christ. Denn er hat die christlichen Heilswahrheiten doch wieder so sehr mit heidnischem Unglauben versetzt, daß sie im besten Falle nur schädlich wirken konnten, und er hat die christlich-katholische Religion mit einer Respektslosigkeit behandelt, die während des ganzen Mittelalters unerhört ist.

Allgemein neigt man zu der Annahme, daß ,,der Seherin Weissagung“ unter indirekter Beeinflussung des Christentums entstanden ist; ihr Inhalt versteht sich nur aus einem noch lebendigen, wenn auch nicht mehr in voller Kraft entfalteten Volksglauben.

Als das Verständnis der alten Dichtung immer mehr erlosch, und man die mythologischen Ausdrücke vielfach rein schematisch anwandte, ohne sich ihrer ursprünglichen Bedeutung noch recht bewußt zu sein, verfaßte Snorri Sturluson, der Herodot und Thucydides des Nordens, den Entwurf eines Handbuches, um die skaldischen heidnischen Umschreibungen zu erklären, seine Edda. Er war herangebildet auf dem Gehöfte zu Oddi in der historischen Schule seines Großvaters Sämund und befaßte sich schon in früher Jugendzeit mit dichterischen Versuchen (geb. 1178, † 1241). Manches aus der alten Göttervorstellung und Sage wird ihm selbst dunkel gewesen sein, und darum sammelte er alles, was er zum Verständnisse der alten Dichtung auftreiben konnte. Ursprünglich mag dieser Entwurf nur für seine Umgebung bestimmt gewesen sein, später wurde es zu einem systematischen Handbuch umgearbeitet. Er ermahnt die jungen lernbegierigen Skalden, „das Buch zum Zwecke der Ergötzung zu verstehen, die Geschichten nicht der Vergessenheit anheimzugeben oder für unwahr zu erklären und die alten Kenninge, an denen die Hauptskalden ihr Gefallen gehabt hätten, aus der Skaldschaft zu entfernen; als Christenleute solle man freilich nicht glauben noch beweisen wollen, daß es so gewesen wäre“ (Sk. 1).

Sein skaldisches Handbuch besteht aus drei Teilen: Die Gylfagin. ning (Täuschung des Gylfi; Gg.) ist eine systematische Übersicht über den alten Glauben in Form einer Gespräches; als Wegweiser diente ihm dabei das Eddalied „der Seherin Weissagung“. Der schwedische König Gylfi hat von der Weisheit und Macht der Asen gehört und beschließt, die Wahrheit dieses Gerüchtes zu erproben. In einen alten Mann verwandelt, geht er nach Asgard und hat hier ein Gespräch über die Entstehung der Welt und die Geschicke der Götter mit drei Personen: Har, Jafnhar und Thridi (der Erhabene, Gleicherhabene, der Dritte). Gylfis Rolle besteht darin, Fragen zu stellen und einzelne, meist humoristischironische Bemerkungen an das Mitgeteilte zu knüpfen, während einer von den drei Männern ihm antwortet. Diese Einkleidung hat in den Lehrbüchern des Mittelalters ihr Vorbild. Der heidnische Götterglaube soll als auf einer Verblendung durch übermächtige, zauberische Wesen, die sich durch ihre Macht und Klugheit zu Göttern aufschwangen, beruhend dargestellt werden. Der zweite Hauptteil, Skáldskapar mál (Sprache oder Ausdrucksweise der Dichtkunst; Sk.) ist eine Sammlung von eigentlichen Umschreibungen (Kenningar) und Synonyma (ókend Heiti), mit Belegen aus den Werken der ältern Musterskalden. Dieser Teil wird mit einem Abschnitt eingeleitet, der gewöhnlich als ein selbständiges Stück für sich angesehen wird, unter dem Namen Bragaroeđur (Bragis Erzählungen). Bragi erzählt dem Ægi in Beisein der Götter die Geschichten vom Raub Iduns und vom Erwerb des Dichtertrankes. Ægi ist der Fragende; aber der Dialog ist nicht durchgeführt. Der dritte Teil enthält das Háttatal, ein Lobgedicht auf den norw. König Hakon Hakonarson und dessen Jarl, spätern Herzog Skuli Bardarson, beide bekannt aus Ibsens „Kronprätendenten“. Jede der 102 Strophen dieses größten Meisterwerkes der skaldischen Kunst ist in einer andern Versart abgefakt, als Muster- und Beispielsammlung für junge Skalden; daran schließt sich ein prosaischer Kommentar, der die Eigentümlichkeit jeder Strophe erläutert.

Auch die isl. Geschichtschreibung erlangt durch Snorri ihre höchste Blüte. Seine Sammlung von Biographien norwegischer Könige führt den Titel Heimskringla „Weltkreis“, nach den Anfangsworten. Sie beginnt mit der Ynglinga-Saga, in der Snorri die Ahuenreihe der norw. Könige bis auf Frey führt, und endet mit dem Jahre 1177.

Snorri hat sicherlich eine größere Kenntnis der alten Mythologie und Poesie und war zugleich tiefer vom Geiste des Altertums durchdrungen, als irgend einer seiner Zeitgenossen. Aber wenn wir mit Hilfe der von ihm benutzten Gedichte seine Darstellung prüfen, so sehen wir, daß sie weder fehlerfrei noch vollständig ist – für Höni-Mimi z. B. fand er in seiner Systematik keinen passenden Platz —, sondern oft den eigentlichen Zusammenhang misverstanden hat; schrieb er doch 200 Jahre nach dem Aufhören des Heidentums. Ein wahres Verständnis für die Mythen seines Volkes geht ihm also ab. Darum kann seine Edda nicht so hoch gestellt werden, wie die Gedichte aus der heidnischen Zeit; sie muß mit Vorsicht benutzt werden, und als mythologischer Quelle ist ihr nur sekundärer Wert beizumessen. Man darf Herrmann, Nordische Mythologie,

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nicht vergessen, daß er ein Interpretator ist wie ein moderner Mythologe, in gewissen Beziehungen mit besseren, in anderen dagegen mit schlechteren Voraussetzungen, um zu einem richtigen Verständnisse von dem zu kommen, was er deuten sollte. Schon die Einkleidung der Gylfaginning zeigt, daß Snorri die übernatürlichen Taten der alten Götter als Blendwerk zauberkundiger Könige auffaßt. Seine geschichtlichen Werke veranlaßten ihn, auch die Götter historisch aufzufassen: die Asen waren ihm die aus Asien Eingewanderten, Menschen, die einmal gelebt und unter den Menschen gewirkt hatten. Dieser von Snorri geschaffene Euhemerismus ist dann von Saxo Grammaticus aufgenommen. In den andern nordischen Quellen ist diese Entgötterung so vor sich gegangen, daß die Götter entweder auf die Stufe von Riesen und Trollen herabgesunken sind, oder als reine Menschen auftreten, ohne daß der Versuch gemacht wird, die altüberlieferten Züge rationalistisch zu erklären (z. B. die Geschichte von Freyjas Halsband). Snorris eigene Zutaten darf man also nicht als lauteres Gold weder altnordischen noch gar altgerm. Götterglaubens auftischen. Man muß sich vergegenwärtigen, daß ihm die christliche Tradition ebenso geläufig war wie die klassisch - antike; die Parallelen, die man aus christlichen oder römisch- griechischen Überlieferungen zu den Eddaliedern fälschlich gezogen hat, sind also bei ihm gerechtfertigt.

Ausser der Sammlung der Eddalieder und Snorris Edda sind die isl. Sagas eine wichtige Quelle für die nordische Mythologie (saga, pl. sögur Geschichte, prosaische Erzählung). Die meisten und besten von ihnen sind etwas älter als Snorris Buch, stammen also aus der letzten Hälfte des 12. Jhd. und aus der Zeit von ca. 1200. Aber sie sind keineswegs immer in ihrer ältesten Gestalt überliefert, sie sind oft umgearbeitet und interpoliert. Diese Perlen der Erzählungskunst, in denen die Geschichte eines Mannes, eines Geschlechtes, einer Gegend in meisterhafter Weise vorgetragen wird, bieten eine Fülle kulturgeschichtlichen Stoffes und geben, fast unberührt von Einflüssen fremder Bildung, ein Spiegel

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