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Auf beiden Hörnern ist eine Reihe von Bildern angebracht, in deren Deutung kaum ein Forscher mit dem andern übereinstimmt. Sind sie eine allegorische Darstellung der Tugenden und Laster des Menschen, der Werke des Friedens und Krieges und schließlich des Todes? Oder stellt das ältere Horn Helheim, das später gefundene Walhall dar?

Auf dem obersten Ringe des Walhallhorns ist nach einer berühmten Vermutung in der Mitte Odin abgebildet, den Speer Gungni in der Rechten, den Goldring Draupni und ein Scepter in der Linken. Um sein Haupt steht dreimal sein heiliges Zeichen, ein dreizackiger Stern, und unter ihm der Eber, den Walhalls Bewohner täglich verzehren. Links davon erblickt man zwei Einherjer oder Walküren, rechts die beiden Wölfe Odins, zwischen ihnen den Hirsch und unter diesem die Ziege von Walhall Darauf folgt der Gott Frey mit Sichel und Scepter in den Händen und unter ihm sein goldborstiger Eber. Auf dem zweiten Ring ist rechts die Göttertrias Odio, Thor und Frey durch eine dreiköpfige Figur repräsentiert. Die Attribute sind Thors Hammer und Bock, unter letzterem erblickt man einen andern Bock ... Loki ist (in der Mitte) symbolisiert durch eine große Schlange mit dem Idunsapfel im Munde, mit zwei Jungen, Wali und Narti. Der Raub der Idun und der Äpfel ist durch den Riesen Thjazi in Adlergestalt angedeutet, der (links von Loki) auf den in einen Lachs verwandelten Loki einhackt. Die Gruppe mit dem Bogenschützen und der Hinde mit ihrem Kalbe stellt die Ermordung Baldrs durch den blinden Höd vor.

Auf dem dritten Ring erblickt man rechts am Rande die Pforten von Walhall; die Fische bezeichnen die Walhall umgebenden Wasserströme. Dann folgt einer der Bergriesen, die beständig die Götterburg bedrohten, die Esche Yggdrasil und unter ihr der Drache Nidhögg, endlich Hermod auf Sleipni u. S. W.

Aber man kann nicht einen einzigen Gegenstand dieser Deutung für sicher identifiziert erklären. Wie will man be. weisen, daß der Hirsch nicht ein beliebiger Hirsch, sondern der von Walhall ist, daß es ,,Odin“ und nicht irgend ein Mensch ist? Es ist möglich, daß der runde Gegenstand, den „Odin“ in der Hand trägt, „Draupni“ ist, aber woher weiß man, daß dieser gerade so ausgesehen hat? Haben die Hirsche und Fische der Mythen anders ausgesehen wie die gewöhinlichen Hirsche und Fische? Man wird gut tun, auf eine Ausbeute dieser Deutungen vorläufig zu verzichten.

Die Forscher, die die nordische Mythologie als eine Zusammenschmelzung

von heidnischen und christlichen

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Vorstellungen ansehen, die sich unter den Nordleuten in Northumberland, Cumberland, Man, Schottland und Irland vollzogen habe, legen auf die englischen und keltischen Kreuzmonumente in diesen Ländern viel Gewicht und meinen, daß wichtige Teile der nordischen Mythendichtung durch die Erzählungen beeinflußt seien, die die Bilder auf diesen Denksteinen erklärten : Die Esche Yggdrasil sei ein Schoß des Kreuzes; das Kreuz oder der Galgen, an dem der Erlöser hing, sei zu dem Weltenbaume geworden, an dem Odin hing. Die Dichtung von dem Drachen und den andern Schlangen an der Wurzel der Esche, dem Eichhörnchen an ihrem Stamme und den Vögeln in ihrem Wipfel müsse bei den Nordleuten in England entstanden sein, da die nordischen Benennungen für Drache und Eichhörnchen aus dem Englischen übernommen seien. Auf dem Denkmal bei Bewcastle in Cumberland ist auf der einen Seite Jesus Christus dargestellt, auf zwei andern Seiten sieht man das christliche Symbol der Weinranken, auf der vierten schlingt sich der Baum des Lebens bis an die Spitze des Steines wie eine Ranke: verschiedene Tiere fressen an den Früchten der Ranken: zu unterst ein vierfüßiges Tier (ein Hund?), dann zwei Drachen, weiter zwei Vögel, vielleicht ein Adler und ein Rabe, der eine über dem andern, und ganz zu oberst zwei Eichhörnchen (Abbildung 3).

Ähnliche Darstellungen hat das Kreuz von Ruth well in Schottland; auf der einen Weinranke befinden sich von oben nach unten: zwei Vögel, zwei Drachen, zwei Raben, zwei vierfüßige Tiere; auf einer Weinranke an der andern Schmalseite: ein Eichhorn, ein Vogel, zwei Drachen, zwei Vögel, ein vierfüßiges Tier, ein Vogel.

Eine Übereinstimmung zwischen dem Berichte von den Tieren auf der Yggdrasilesche und den Darstellungen auf den beiden Kreuzen ist in der Tat vorhanden. Könnte man klar beweisen, daß der Pfeiler von Bewcastle und das Ruthwellkreuz so alt sind, daß ihre bildlichen Darstellungen auf die Dichtung von den Tieren auf der Weltesche eingewirkt haben, so wäre fremnder Einfluß anzuerkennen. Aber das Ruthwellkreuz wird von dem einen Forscher auf das Jahr

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680 gesetzt, und seine Inschrift soll den Baldrmythus voraussetzen, andere Forscher schwanken zwischen der Mitte des 8. Jhd. und dem Jahre 1000. Der Pfeiler von Bewcastle wird auf das Jahr 670 zurückgeführt. Auf einem Grabstein des 13. Jhd. von St. Pierre in Monmouthshire scheint umgekehrt eine Übertragung von heidnischen Zügen auf christliche stattzufinden: der nordische Weltbaum ist als Lebensbaum dargestellt, dessen Blüte das Kreuz ist: auf ihm sind die dem nordischen Hei dentum entlehnten Tiere, der Drache, Adler, Habicht und das Eichhorn abgebildet (vgl. die Abbildung unten: Weltenbaum). Die Möglichkeit ist zuzugeben, daß die Bevölkerung der Weltesche mit den verschie. denen Tieren durch den Anblick der Rankenmonumente hervorgerufen sei, aber gewiß ist es keineswegs, und die Hauptsache, der Mythus von der Yggdrasilesche

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Fig. 3.

sei unter dem Einflusse von Angaben über Christi Galgen (das Kreuz) gebildet, der zugleich ein Lebensbaum war, trifft auf keinen Fall zu.

Wiederholt finden wir Szenen aus der nordischen Sage auf christlichen Gegenständen dargestellt: z. B. auf dem Gosforthkreuz des 9. Jhd. in Cumberland den gefesselten Loki mit seiner Gemahlin Sigyn, und auf einem Steine bei der Gosforthkirche Thors Fischfang, auf dem Kreuze ferner Widars Kampf mit dem Fenriswolf und die Fesselung Fenris. Von den beiden ersten Bildern nimmt man wohl allgemein an, daß sie nordische Mythen darstellen. Aus den beiden letztern schließt man umgekehrt auf den christlichen Ursprung des Mythus von Fenri und Widar, da ein heidnischer Gott nicht als Sieger auf dem Kreuze dargestellt werden könne: der Mann mit dem Stabe sei der Messias, der mit einem eisernen Stabe die Heiden weiden werde (v2,, Apok. 123) und das Ungetüm sei der „lupus infernus" = Fernir – Fenrir. Aber es lässt sich nicht beweisen, daß nicht der Widar-Mythus auf dem Gosforthkreuze dargestellt sei. Über Thors Fischfang ist ein Hirsch abgebildet, der auf eine Schlange tritt; d. h. nach christlicher Symbolik: Christus zertritt die Schlange. Ebenso besiegt Thor das Ungeheuer, und ebenso ist das wöltische Ungetüm von Widar und Loki unschädlich gemacht. Der Künstler hat also Besiegungen von Dämonen darstellen wollen und trug darum kein Bedenken, heidnische Götter auf dem Kreuz anzubringen (vgl. die Abbildungen unter Tyr, Loki und Widar).

Sprachliche Zeugnisse. Die sprachlichen Zeugnisse, die Orts- und Personenlamen enthalten, beweisen das Vorhandensein und die Verehrung des betreffenden Gottes. Aber diese Zeugnisse sind selbstverständlich nicht erschöpfend, und der Schluß wäre voreilig: nur die Götter hätten einen Kult gehabt, die in Personen- und Ortsnamen vorkommen. Von geringerer Bedeutung ist die Etymologie. Oft genug zeigt die neueste, ja die allerneueste Etymologie, daß die aufgestellten

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