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König Hring setzt nach der Brawallaschlacht die Leiche des Harald Hildetan auf seinen Wagen, läßt sie in den Hügel hineinführen und legt noch seinen eigenen Sattel zu dem Toten, damit dieser nach eigener Wahl nach Walhall reiten oder fahren könne (FAS I 387). Nach anderer Überlieferung wird Harald mit seinem Schiffe verbrannt, während die Edlen um den Scheiterhaufen gehen und Waffen, Gold und das Kostbarste, das sie haben, in die Flammen werfen (Saxo 264). König Haki hatte zwar seine Gegner geschlagen, war aber selbst zum Tode wund. Da ließ er sein Schiff voll Toter und Waffen laden und sich selbst auf einen Scheiterhaufen in die Mitte legen. Als er verschieden, warf man Feuer hinein, richtete das Steuer, zog die Segel auf, und brennend trieb das Schiff mit der Leichenladung in das Meer hinaus (Yngl. S. 23). Auf ein flammendes Schiff wird Baldr mit Nanna und seinem Pferde gelegt, auf fester Erde wird Sigurd und Brynhild dem Feuer übergeben mit Opferung zahlreicher Menschen, Tiere und reicher Habseligkeiten (vgl. Saxo 74). Gudrun legt Atlis Leichnam, von gewächster Leinwand umhüllt, in einen gefärbten Sarg und übergibt ihn im Schiffe den Wellen (Am. 100). Der russische Häuptling, Harald und Baldr werden auf ihrem aufs Land gezogenen Schiffe verbrannt, und dann wird ein Hügel über den Überresten des Scheiterhaufens aufgeworfen.

Dem Toten gebührte von Rechts wegen ein Anteil am eigenen Nachlasse als Ausstattung für das Leben im Jenseits. In dem arab. Berichte vertritt das Drittel, für das dem Toten Kleider zugeschnitten werden, den Totenteil, das zweite gebührt den Kindern, das dritte der Witwe. Der Totenteil bestand aus der Fahrnis, die mit ihm verbrannt und begraben wurde, nicht nur aus Geld und Gut. Zwei Blutsbrüder schwören sich zu, daß der länger Lebende einen Hügel aufwerfen und soviel Gut darin lassen sollte, wie ihm geziemend erschiene (FAS III 37

376) Die Nordleute legen eines Mannes Geld zu diesem ins Grab, sowie die Waffen und was er sonst im Leben am liebsten hatte (Ad. Br. IV Scholion). Was dem Toten mitgegeben wird, soll ihn nach Walhall begleiten. Als ein Sohn seinem erschlagenen Vater dessen Speer bringen will, bemerkt er: „und er nehme ihn nach Walhall und trage ihn dort am Waffenthinge“ (Nj. 80). Alles was der Held im Kampf erobert hatte, wurde nicht vererbt, sondern mit ihm begraben: er nahm dieses eigenste Eigen mit sich in die Unterwelt (Vatnsd. 2). Roß und Rind sollten dem Verstorbenen nicht nur im Jenseits dienen,

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sondern sie sollten ibm, wie Schuhe und Wagen, helfen, daß er bequem und ungefährdet ins Totenreich gelangte (S. 39).

Der Brauch, daß die Witwe dem Gatten in den Tod folgte, hat sich im Norden lange erhalten. Aber selbst Blutbrüder gelobten, daß nach dem Tode des einen sich der andere mit ihm begraben ließe (Saxo 162). Aus dem Mitbegräbnis ward später ein Scheinbegräbnis: der Überlebende soll über dem andern einen Hügel aufwerfen und drei Nächte bei dem Toten sitzen (FAS III 376 m.).

Die Ausübung des Totenkultus kam zunächst der Verwandtschaft zu, den Personen, denen die Pflicht der Blutrache wie das Recht zu erben zustand. Totenkult und Erbschaft sind im Germ. identische Begriffe.

Die Macht des Toten. Erst wenn der Leichnam dem körperlichen Auge sich zu entziehen beginnt, können Spekulation oder Phantasie ihn mit neuem Leben ausstatten. Erst nach dem Begräbnis brach die Grabesnacht an

bis dahin bewahrte der regungslose Körper noch die ihn belebende Seele. Jetzt handelt es sich nicht mehr um die Pflege seines Leibes, sondern darum, den jeder Pflege Entzogenen seinen unheimlichen Weg ins Jenseits ungehindert gehen zu lassen und ihm eine die Lebendigen schädigende Rückkehr abzuschneiden. Je länger den Toten der Rasen bedeckt, desto mehr entfernt er sich begrifflich von uns. Diese begriffliche Entfernung wird als ein räumliches Weiterrücken, eine Reise aufgefaßt. So kommt die Sage von dem Totenwege auf. Begriff und Ausdruck weite Wege wandeln“ für „sterben“ ist urgermanisch. Jede sich aufdrängende Erinnerung an den Toten wurde als eine Rückkehr von der Reise, als ein Geisterbesuch appercipiert. Die Veranlassung dazu konnte der Überlebende geben, oder der Verstorbene fand durch eigene Verschuldung in Grabe keine Ruhe. Die Volksphantasie vermischt vielfach den Toten selbst mit seiner umberirrenden Seele. Eine strenge Unterscheidung zwischen Toten, Seelen und Gespenstern ist auch kaum möglich. Die Hauptzüge des Geisterglaubens sind durch den Anblick eines Schlafenden wie durch die eigenen Traumbeobachtungen hervorgerufen. Beide zeigten, daß der Mensch ein zusammengesetztes Wesen ist: der Körper kann scheinbar leblos daliegen, während die Seele sich frei zu bewegen vermag, und selbst wenn der Körper zerstört wird, existiert sie weiter und zeigt sich den Lebenden hin und wieder, und zwar zumeist da, wo die Erfahrung sie unmittelbar darzubieten schien - im Traume. Dieser Gedanke des Überirdischen, geheimnisvoll die Geschicke des Menschen Umschwebenden mag aus Seelengeistern dann Götter geschaffen haben. Die nordischen Spukgestalten sind nicht orientalische Dämonen, d. h. der Ursprung zu allem Bösen, sondern sie kommen nur ausnahmsweise, werden auf die eine oder andere Weise vertrieben und unterscheiden sich also nur durch ihre Stärke und große Zauberkraft von den Menschen. Sie können durch Waffen besiegt werden, sie weichen vor dem Gesetz (s. u. Kultus im Recht), aber ihr Wissen ist größer, ihre Kräfte und Fähigkeiten sind übermenschlich. Um ein ungewöhnliches Maß von Stärke oder einen unge. wöhnlich starken Mann zu bezeichnen, gebraucht man die Ausdrücke ,,Totenstärke“, ,,Totenmensch“ (Isl.).

Die Totenerscheinungen heißen Draugen oder Wiedergänger.

Tote kommen zu ihrer Leichenfeier (Eyrb. 54). Zuweilen werden sie dem Menschen ohne Grund sichtbar. Der Grabhügel eines erschlagenen Isländers, von dem man annahm, daß er nach Walhall eingegangen sei, zeigte sich einmal offen, und man sah den Toten in heller Mondnacht bei vier Lichtern sitzen, deren keines einen Schatten warf; er war seelenvergnügt und sang eine Weise zum Ruhme seiner eigenen Waffentaten (Nj. 79). Im allgemeinen ist das ,wirkliche" Gespenst vorwiegend als der beunrubigte, die Traumerscheinung als der beunruhigende Tote gedacht; doch fließen beide Vorstellungen ineinander über. Der Draug Helgis, der in Walhall den glänzendsten Empfang gefunden hat, reitet in zahlreicher Begleitung nach seinem Grabhügel zurück; er wird hier von Sigrun, seiner Frau, besucht, und sie bleiben eine Nacht zusammen; vor dem Hahnenkrat aber muß er wieder heim. Helgis Haare sind reifbedeckt, überall trieft er vom Schlachtentau -- jede bittere Zähre, die die Geliebte vergossen hat, ist blutig auf seine Brust gefallen. Aber die Geliebte hat so lange geweint, bis sie übermüdet in Schlaf verfallen ist und nun den Toten zu sehen vermeint (H. H. II 39 M 44; s. u. Odin-Walhall). Die Tränen der Überlebenden stören also die Ruhe der Toten, wie aus Bürgers Leonore allbekannt ist. In altdänischen Liedern klopft Herr Aage, der seine Else stönen hört, mit dem Sarg an ihre Tür und mahnt:

Jedmal daß du dich freuest, und leicht ist dein Gemüt,
Da ist mein Grab dort unten umhängt mit Rosenblüt.
Jedmal daß du dich grämest, und schwer ist dir zu Mut,
Da ist mein Sarg dort unten gefüllt mit dickem Blut.
Nun kräht der Hahn, der rote, und nun muß ich vom Ort,

Zur Erde müssen die Toten, da muß auch ich mit fort.

Grausig aber ist die Vorstellung, daß die Zähren der Braut den Verstorbenen wie einen fürchterlichen Vampyr aus dem Grabe locken. Die isl. Leonorensage weiß von einem solchen" Draug zu erzählen:

Ein junger Mann hatte seiner Geliebten versprochen, sie am Christabend abzuholen. Aber als er über einen heftig angeschwollenen Bach setzen wollte, scheute sein Pferd vor den dahintreibenden Eisschollen, und bei dem Bestreben, sich und sein Tier zu retten, erhielt der Reiter von einer scharfen Eisscholle eine Wunde am Hinterkopfe, die ihm sofort den Tod brachte. Lange wartet das Mädchen auf den Geliebten; endlich in später Nacht kommt der Reiter, hebt sie schweigend hinter sich aufs Pferd und reitet mit ihr der Kirche zu. Unterwegs wendet er sich einmal zu ihr um und spricht:

Der Mond gleitet, der Tod reitet;

siehst du nicht den weißen Fleck an meinem Nacken, Garun, Garun ? Das Mädchen hieß nämlich Gudrun ; Gud, Gott, kann der Draug nicht aussprechen: daher die Entstellung des Namens. Dem Mädchen wird ängstlich zu Mute; aber sie reiten fort, bis sie zur Kirche kommen. Hier hält der Reiter vor einem offenen Grabe und spricht:

Warte du hier, Garun, Garun,
bis ich mein Pferd, mein Pferd,

ostwärts über den Zaun hinausbringe. [Es ist eine Eigentümlichkeit der isl. Gespenster, in Versen zu sprechen, deren letztes Wort wiederholt wird). Die Worte des Gespenstes sind mehrdeutig. Wer auf einem Hofe bleiben will, versorgt sein Pferd auferhalb des Zaunes, der zum Schutze des Grasgartens aufgeführt ist, damit es nicht diesem Schaden tue aber von einem Zaun ist auch der Kirchhof, die Herberge der Toten, umgeben. Als Gudrun diese Worte hört, fällt sie in Ohnmacht; zu ihrem Glück liegt das Grab, an dem sie abgesetzt worden war, hart am Eingange zum Kirchhofe, über dem sehr häufig die Glocken zu hängen pflegen; sie erreicht noch das Glockenseil und zieht dieses im Zusammenbrechen an: vor dem Geläute verschwindet natürlich das Gespenst, und sie ist gerettet.

Hübsch ist der Hinweis, daß die Frage der Götter an Hel, für welches Lösegeld der tote Baldr wieder zu gewinnen sei, erst möglich war, nachdem der alte Glaube verblaßt war, daß Tote durch Tränen aus dem Grabe hervorgerufen werden (s. u. Baldr).

Überhaupt wenn sie von den Lebenden in irgend einer Weise geplagt werden, zeigen sich die Gespenster; hört dieses aber auf, so verschwinden sie.

Ein Mädchen träumte, es käme ein unheimliches Weib in gewebtem Mantel und sprach: „Sage deiner Großmutter, daß ich es nicht leiden kann, daß sie sich jede Nacht so auf mich stürzt und so heiße Tränen beim Beten über meine Grabstätte vergießt, daß ich ganz davon zu brennen anfange". Am nächsten Morgen ließ es einige Bretter vom Fußboden der Kirche aufnehmen, dort, wo die Großmutter beim Beten zu knieen pflegte: da fand man in der Erde einige blaue, häbliche Knochen, auch Haken und einen großen Zauberstab; man schloß daraus, es sei eine Wölwa oder heidnische Seherin dort begraben worden. Die Knochen wurden weit fort gebracht, wohin wohl kaum ein Mensch kommen würde, und die Wölwa hatte Frieden (Laxd. 76).

In anderen Fällen zeigen sich die Wiedergänger nur als Vorzeichen, um den Lebenden ein trauriges Ereignis, ihren eigenen oder der Hinterbliebenen Tod oder ähnliches zu verkünden.

Als der mächtige isl. Häuptling Thorkel mit seinen Mannen ertrunken war, ging seine Frau Gudrun, die nichts davon wußte, wie gewöhnlich in die Kirche. Als sie in die Tür des Kirchenzauns trat, sah sie ein Gespenst (Draug) vor sich stehen; es beugte sich über sie und sprach: eine große Neuigkeit, Gudrun! Sie antwortete: schweig, du Armer! Als sie dann zur Kirche kam, meinte sie zu sehen, daf Thorkel mit den Seinigen heimgekommen sei und außen vor der Kirche stünde, Seewasser rann aus ihren Kleidern. Gudrun sprach nicht mit ihnen und blieb in der Kirche, solange es ihr gut schien. Dann ging sie in die Stube, denn sie glaubte, daß Thorkel mit den Seinigen dahingegangen sein werde. Aber als sie in die Stube kam, war kein Mensch darin. Da verfärbte sich Gudrun sehr über diesen Vorfall. Am folgenden Tage erhielt sie Gewißheit, daß sie ertrunken waren (Laxd. 76). Als das Christentum in Grönland noch jung war, sieht eine Frau die Gespenster sämtlicher an einer Pest Verstorbenen und

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