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Ahnen- und Heroenkultus. Wie die fortschreitende Lebensfürsorge aus Familien Familienverbände mit beginnender Organisation schafft, tritt aus dem in die Breite gehenden Seelenkultus die klarere Einheit des Ahnenkultus heraus. Nicht mehr die nächste Verwandtschaft allein labt die Seelen der Toten durch Speise und Trank (S. 40), sondern die Mitglieder der einzelnen Familienverbände erweisen den Seelen der Abgeschiedenen der eigenen Sippe oder der eigenen Hausgemeinschaft göttliche Ehren. Dieser Ahnendienst erhebt sich zum Heroenkultus, wenn er sich auf einzelne durch ihre Taten besonders berühmte Vorfahren bezieht: sie werden zunächst als Schutzgeister jener Familienverbände, später als Schirmherren des Landes verehrt, das sie bewohnen (ñows = der Geehrte). Ödipus wünscht Tod und Grab im Haine der Eumeniden zu finden, um den Thebanern furchtbar zu werden und das attische Land gegen sie zu schirmen, wenn sie dereinst als Feinde entgegentreten sollten. Das Christentum hat an die Stelle der Heroen die Märtyrer und Heiligen gesetzt; ihre Gebeine sind ein gleich sicheres Unterpfand für den Schutz, den sie Stadt und Land angedeihen lassen, wie vordem die Gräber und Denkmäler der Landesheroen. Auch bei den Germanen treten die im Boden der Gemarkung bestatteten Heroen als Schutzgeister des Landes auf.

Wie aus der Sorge des Verstorbenen um sein Besitztum auch nach seinem Ableben der Ahnenkult entstehen konnte, zeigen zwei Zeugnisse :

Als der alte Odd auf Island seinen Tod nahen fühlte, sagte er zu seinen Freunden, sie sollten ihn hinaufschaffen auf die Höhe des Skaneyberges, nach seinem Tode: von dort wolle er über das ganze Stromland hinschauen (Hönsa-Thoris S. 17). Als das Alter mit solcher Macht über Hrapp kam, daß er bettlägerig wurde, befahl er seiner Frau, ihn nach dem Tode bei dem Tore des Heizhauses sein Grab zu graben und ihn stehend dort bei der Tür beizusetzen, damit er dann genauer seinen Hof überblicken könnte (Laxd. 17; S. 47). Grim Kamban, der erste Ansiedler auf den Färöer, erhielt nach seinem Tode „wegen seiner Beliebtheit“ Opferverehrung (Landn. II 14).

Ganz deutlich wird ausgesprochen, daß Menschen, die man bei Lebzeiten hochgeschätzt hatte, Opfer gebracht wurden, in der Meinung, daß sie weiter helfen könnten; traten aber unfruchtbare Zeiten ein, so erklärte man sie für Unholde oder üble Wichte (FMS X zu).

Der gottähnliche König, der sein Geschlecht von den Göttern selbst ableitet, wird nach seinem Tode zu den Göttern aufgenommen, apotheosiert. Seine Leichenfeier wurde prunkvoll begangen und Ehre dem Verstorbenen erwiesen, nicht wie einem Menschen, sondern als einem Heros, einem Verklärten. Wieder mag eine einfachere Form den Übergang bilden:

Als der nordische Wiking Iwar, Sohn Ragnar Lodbroks in England starb, gebot er auf dem Totenbette, ihn dort zu bestatten, wo das Land feindlichen Einfällen ausgesetzt wäre; so, sagte er, würden die dort Landenden nicht den Sieg davontragen. Es geschah also, und jeder Versuch über seinen Grabhügel vorzudringen, mißlang, bis Wilhelm der Bastard, einen Einfall ins Land versuchend, zuerst Iwars Hügel ausgrub und ilin unverwest darinnen fand. Er ließ einen großen Scheiterhaufen errichten und Iwar darauf verbrennen. Darnach ging er ans Land und gewann den Sieg (Ragn. Lodbr. S. 19). Nach dem Tode des Königs Gudmund opferten ihm die Leute und nannten ihn ihren Gott (Herv. 1). · Die Götter vertrieben Othinus und wählten an seiner Statt Ollerus, nicht allein zur Nachfolge in der Herrschaft, sondern auch in der Göttlichkeit, gleich als ob es das Gleiche wäre, Götter und Könige zu wählen (Saxo 81). Haldanus wurde bei den Schweden so geachtet, daß er für einen Sohn des großen Thor galt, und daß er vom Volke mit göttlichen Ehren beschenkt und eines öffentlichen Opfers für würdig erachtet wurde (Saxo 220). Die Schweden verehren vergötterte Menschen, die sie wegen ihrer außerordentlichen Taten mit der Unsterblichkeit beschenken: so haben sie es mit König Erich gemacht (Ad. Br. IV 26). Als die Schweden nämlich erfahren, daß Anskar bei ihnen missionieren wollte, trat auf Antrieb des Teufels ein Mann auf und erzählte, er habe einer Versammlung der Götter, die man für die Besitzer des Landes dort hielt, beigewohnt und sei von ihnen abgesandt, um dem König und dem Volke folgendes anzuzeigen; „Ihr habt euch lange unserer Gunst erfreut, ihr habt lange Zeit unter unserem Schutze das Land eurer Väter, eurer Heimat in Glück, Frieden und Überfluß innegehabt, habt uns auch nach Gebühr Opfer und Gelübde dargebracht, und euer Dienst war uns lieb. Jetzt aber laßt ihr die gewohnten Opfer eingehen, bringet freiwillige, aber nur läßig dar, und erhebet was uns noch mehr mißfällt - einen fremden Gott neben uns. Wollt ihr also unsere Gunst wieder erlangen, so vermehret die unterlassenen Opfer, bringet größere Gelübde dar, lasset auch nicht den Dienst eines andern Gottes, dessen Lehre der unsrigen entgegengesetzt ist, bei euch zu und zollet ihm keine Verehrung. Verlanget ihr aber mehr Götter zu haben, und sind wir euch nicht genug, so nehmen wir hiermit nach einstimmigem Beschlusse euern einstigen König Erich in unsere Gemeinschaft auf, so daß er fortan einer der Götter ist.“ Die Schweden erbauten darauf dem König Erich, der unlängst verstorben war, einen Tempel und begannen ihm als einem Gotte Gelübde und Opfer darzubringen (V. Anskarii 26).

Besonders lehrreich für die Vergütterung von Königen nach ihrem Tode sind die Geschichten von Olaf Geirstada. alf und Halfdan dem Schwarzen (s. 11. Kultus, Königsopfer).

Als König Olaf zu Geirstad starb, wurde auf seinem Grabhügel um Fruchtbarkeit geopfert, und er wurde Alf von Geirstad genannt (FMS IV 27, X 212; Flt. II,). König Halfdans Glieder wurden an verschiedene Hügel zum Segen der Umgegend gegeben, und ihnen wurde göttliche Verehrung zu teil (Halfds S. 9; Fagrsk. 4).

Die göttlich verehrten Ahnenseelen, die zur Apotheose gelangten Menschen bezeichnet nach der jüngsten Erklärung das Wort Ase, dessen Grundbedeutung Lebenshauch sei, anima, Geist eines Verstorbenen. Die Goten nannten ihre Edlen, deren Glück sie den Sieg verdankten, nicht mehr einfach Menschen, sondern Ansen, d. h. Halbgötter (Jord. 13). Asen sind also ursprünglich siegreiche zu den Göttern erhobene Helden, heroisierte, nach dem Tode zu göttlichem Leben erhöhte Fürsten. Könige der nordischen Erde wurden zu Asen des nordischen Himmels. Diese sind also nicht Vollgötter, sondern Halbgötter. War schon der leibhaftige König als Göttersohn höherer Ehren und fast göttlicher Verehrung bei seinem Volke teilhaftig, so verehrte dieses in der göttlichen Seele des verstorbenen Königs einen treuen Wächter und Schirmherrn. So entsteht die schöne Vorstellung, daß die alten großen Götter ihre bevorzugten Lieblinge zu sich heimholen. Könige und Prinzen, in deren Adern Götterblut floß, aus den alten Göttern entsprossene Edelinge wurden in Walhall aufgenommen, wenn sie sich selbst dem Odin opferten (wie z. B. Hadding) oder dem Odin geopfert wurden (wie z. B. Helgi) oder auf der Walstatt blutigen Opfertod fanden; dem auch der Krieg und die Schlacht waren religiös geweiht. Diese durch Opfertod geweihten Heroen erhielten den Ehrentitel Einherjer oder Asen und lebten im Kultus als Söhne des Odin fort. Von der Erde entrückt, walteten sie im Himmel schützend und bilfreich über ibren irdischen Kultgemeinden. Wenn auch Asen und Einherjer keineswegs identisch sind, so bleibt doch die Vorstellung von der göttlichen Verehrung der Ahnenseelen zu Recht bestehen. Aber die spätere Zeit hat das Bewußtsein davon verloren, daß die Asen in den religiöser. Vorstellungen des Ahnenkultus wurzeln und bezeichnet auch die göttlichen Vertreter der himmlischen Naturgewalten (an, tivar) als Asen.

Stoßen so bei den Göttern zwei Schichten religiöser Vorstellungen zusammen, so ist das Gleiche auch bei den Elfen und Riesen der Fall. Ehe aus den Ahnenseelen Götter geworden sind, werden Geister entstanden sein. Wie die Naturerscheinungen wurden die Geister teils menschenähnlich, teils tiergestaltig gedacht. Die menschlichen Gebilde bleiben entweder hinter dem menschlichen Ebenmaße zurück - Zwerge, oder sie überragen es weit – Riesen. Elfen und Riesen ausschließlich aus dem Seelenglauben abzuleiten ist unmöglich, es sind Übergangswesen vom Seelenglauben zur Naturvergötterung: ihnen fehlt noch die reine, schöne Menschlichkeit, die die Götter auszeichnet.

Die oben angeführten Beispiele, besonders die Erzählung von Helgafell und König Olaf zeigen, daß unter Alfen, Elben, Verstorbene zu verstehen sind, aber mächtig bervorragende, vor anderen ausgezeichnete Verstorbene, Ahnen einer Familie. Vielleicht ist später der Name Elben für die große Menge der Toten aufgekommen, die dahingegangen war, ohne eine Spur ihres Erdenlebens zu hinterlassen.

Heros zu werden nach dem Tode war ein Vorrecht großer Naturen. Aber nicht alle werden in den Himmel er: hoben, die meisten werden wie die Scharen der Toten überhaupt in Berge entrückt. Das wird von den elbischen Heroen ausschließlich, von den asischen vereinzelt erzählt, wenn nicht Vermengung von Riesen- und Götterglauben vorliegt (S. 11).

Bard, Sohn des Königs Dumb in Riesenland, verlief die Gemeinschaft der Menschen und bezog eine große Höhle in den Eisbergen. Er war an Wuchs und Stärke den Trollen ähnlicher als den Menschen. Die Umwohner nannten ihn Ase des Schneegebirges, weil die dort Wohnenden an ihn glaubten und ihn für ihren Gott hielten. Sie taten Gelübde an ihn, wenn sie in Not waren, und man erzählt sich von vielen, denen er geholfen hat (Bardar S. 6; s. u. Riesenkultus). Ein in dem Berge Swinafell wohnender, elbischer oder riesischer Geist wird der Ase dieses Berges genannt. Flosi wird beschuldigt, er sei der Geliebte des Swinfellsas und werde durch diesen jede neunte Nacht in ein Weib verwandelt (Nj. 124).

Als Heroen wird neuerdings auch ein Teil der Riesen aufgefaßt, die eigentlichen Thursen. Auch sie gehören nicht zu denen, die das allgemeine Totenreich bevölkern. Sie wohnen in einem Bezirke, der den Wohnungen der Toten benachbart ist. Wie die tote Seherin, die Odin weckt, Schnee beschneite, Regen schlug und Tau beträufelte, wie des toten Helgis Haar von Reif bedeckt ist, und sein Leib vom Leichentau trieft, so heißen die beim Totenreiche Hausenden Thursen, oder Reif-Thursen (hrímþursar). Auch ihnen eignet wie allen Toten, die von der Oberwelt geschieden sind, außerordentliches Wissen; als die ältesten sind sie die weisesten. Ihr Ahnherr Yini, der alte Reifriese, ist „der Weise“ (Vafpr. 33. 35). Aber noch weiser ist Mimi. Da wo sein Haupt bestattet liegt, ist seine unterirdische Behausung, und da das Haupt als Seelensitz Orakelspender ist, ist sein Grab die heiligste Orakelstätte, an der selbst Odin sich Rat holt. Auch die Nornen sollen als unterirdische Erdbewohnerinnen zu den Thursen gehören. Unter dem Weltenbaume steht der Saal der weisen, übermächtigen Thursenmädchen (Vol. 20. 8). Sind aber die Thursen ursprünglich unterirdische Orakelwesen, so haben sie nichts mit den ,,Bergriesen“ zu tun, und erst als sie von jüngeren göttlichen Wesen verdrängt wurden, kann Thor ihr, wie der die rohen Naturgewalten verkörpernden Riesen Gegner geworden sein.

Der im Grabhügel weilende, alle Zeit mit seinem Wissen umspannende Heros erscheint wie die Seelen Verstorbener als Schlange oder Drache, als das Tier, das in der Nähe der Gräber wie der Wohnungen der Lebenden seine Schlupfwinkel hat, plötzlich und geheimnisvoll erscheint und verschwindet. Die Schatzhöhle des riesischen Drachen Fafni ist die unter dem Hügel sich breitende Grabkammer, wo der Unterirdische mitten in der Fülle des ihn im Lichte der Oberwelt umgebenden Reichtums bestattet ist. Sigurd zwingt

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