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halb des Rahmens einer Mythologie, zu untersuchen, inwiefern die moderne Physik des Übersinnlichen berechtigt erscheine, Aussagen der mythischen Überlieferung zu ihren Gunsten zu deuten.

Der Alptraum. Der Alp (an. alfr) ist der „Truggeist“ (skr. rbhú, thepaipouai), der Troll der ,,Treter" (an. trođa, ahd. tretan); beide ergänzen die Draugen, ,,die Unheil stiftenden" Dämonen. Gemeingermanisch ist der Name der oder die Mare (an. mara), „der, die Tote“ (idg. Wurzel mer „sterben“): er beweist klar den Zusammenhang von Seelen-, Totenwesen und Traum. Neuerdings wird Mara mit gr. uogos „Schicksal“, „unglückliches Geschick“ und uołpa zusammengestellt (gr. ueipouai „erhalte Anteil“); das jedem Menschen „beigegebene" andere Ich, seine Psyche;

- während sich bei den Griechen diese Wesen zu Schicksalsgeistern entwickelt hätten, seien sie bei den Germanen Druckgeister geworden. Aber man darf als Seitenstück zur Mare nicht die Fylgja, die „Folgerin“, hinstellen, die dem Menschen als ein zweites Ich folge, wie die Mare sein „beigegebenes“ Ich sei; denn die Fylgja ist vielmehr die Seele des Ahnen.

Die Alpsagen haben ihren letzten Grund im Seelenglauben und in der Annahme einer Seelenwanderung, und so erscheinen auch die Maren oft in Tiergestalt. Wenn man von ihnen, den nächtlichen Plagegeistern, den Alpen oder Maren, heimgesucht wird, soll man sie festhalten und nicht loslassen; sie nehmen dann alle möglichen Gestalten an, verwandeln sich in eine Schlange, ein Pferd, einen Strohbalm, aber ausrichten können sie nichts mehr, und endlich müssen sie in ihre menschliche Gestalt zurückkehren: der geängstete Mann hält in seinen Armen ein nacktes Weib - der Alp wird wieder, was er war. Mädchen werden unbewußt im Schlafe entrückt und suchen andere Menschen auf, quälen, ängstigen und drücken sie (D. S.). Die fär. Marra gleicht der schönsten Dirne, ist aber doch der ärgste Unhold. Zur Nachtzeit, wenn die Leute liegen und schlafen, kommt sie herein und legt sich

auf sie, die Bettdecke heraufkriechend, und drückt so fest auf die Brust, daß sie nicht den Atem holen, auch nicht ein Glied rübren können. Ist man im stande, ,,Jesus!" zu rufen, muß sie fliehen und verschwindet schleunigst. Den einfachsten Typus der Alpgeschichten enthält eine aus dem 9. Jahrhundert stammende norw. Sage:

Eine verlassene Königstochter dingt ein zauberkundiges Weib, daß es während der Nacht ihren treulosen, fernbleibenden Geliebten aufsuche und ihn als Mare erdrücke. Kaum war er eingeschlafen, da rief er: die Mare träte ihn. Da kamen seine Diener und wollten ihm helfen; doch wie sie ihm den Kopf aufhoben, zog der Alp ihm die Füße, so daß sie beinahe zerbrachen; und wie sie ihn bei den Füssen zogen, da drückte die Mare ihm den Kopf, so daß er daran starb (Yngl. S. 13).

In Deutschland wie in ganz Skandinavien findet sich die Sage, daß eine Mare einen Schläfer überfällt, in ein Pferd verwandelt und auf ihm davonreitet; der Mann wird aber Herr der Unholdin, wandelt sie selbst in ein Pferd, legt ihr Zügel und Zaum auf und beschlägt sie; am nächsten Morgen liegt sein Weib krank im Bett, und man entdeckt an ihren Füßen und Händen vier blanke Hufeisen. So fest wurzelt der Marenritt, daß es im alten Christenrecht heißt: ,,Wenn das von einer Frau bewiesen wird, daß sie einen Mann oder dessen Dienstleute reitet, so soll sie drei Mark Silber büßen" (Eidsifja þ. L. I, § 46). Gegen eine Zauberin, die bei Nacht auf Menschen reitet, denen sie übel will, wird ein Prozeß erhoben. Nach altem Sprachgebrauche reitet das Fieber den von ihm „Befallenen"; man spricht von einem „durch den Teufel Gerittenen". Zu vergleichen sind auch die in den Morgenstunden sehr gewöhnlichen Träume, in denen man von irgend einem schnellen Gefährt entführt zu werden glaubt.

Auch das Vieh peinigt der Alp: es fängt dann am ganzen Körper zu schwitzen an und ist arg zerzaust. Ein Isländer war im Zorn und Ärger gestorben. Schon am Abend seines Begräbnistages ließ er sich wieder sehen und belästigte alle Hausgenossen; die Ochsen, die ihn zu Grabe gefahren hatten, wurden von der Mare geritten, und alles Vieh, das dem Grabhügel zu nahe kam, wurde wild und unsinnig, wie

Herrmann, Nordische Mythologie.

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Menschen, die den Elben zu nahe kommen, wahnsinnig oder blödsinnig werden. Später gesellten sich dem Wiedergänger viele Tote zu, die er ins Grab nachholte; da hörte man oft nachtslauten Donnerhall und von häufigem Alpdrücken (Eyrb. S. 63; S. 47). Besonders häufig wird der Marenritt bei Pferden erwähnt.

Die Umkehrung der Alpqual, die den Überfallenen unfähig macht, sich zu rühren, ist die, daß der Alp den Ge. plagten verlassen muß, sobald dieser die Sprache wieder erlangt. Das Abschütteln des Zungenbannes wie der Klang der eigenen Stimme haben dieselbe Wirkung wie Tagesanbruch, plötzlich entzündetes Licht und Hahnenschrei oder wie der Zuruf einer wachen Person, der gar oft als Rettungsmittel wider den Alp angegeben wird: der Schläfer erwacht. Mythisch wird das so ausgedrückt: wenn der Heimgesuchte die auf ihm hockende Tiergestalt mit dem Namen der Person anspricht, die in solcher Tierverwandlung den Alpdruck ausübt, so steht diese in ihrer eigenen Gestalt vor ihm und kann nicht mehr schaden. Oder auch der Alp muß entweichen, wenn der Gepeinigte erwachend hinter das Geheimnis kommt, daß es ein Traumbild gewesen ist. Daher stammt im Mythus das Frageverbot: die Ehe zwischen Mare und Mensch, die im Grunde genommen nur eine Episode des Alptraums ist, hat den Traumcharakter völlig abgestreift und ist in ein wahres Erlebnis umgebildet. Das aus der Fremde gekommene Mädchen untersagt dem Geliebten, nach Namen und Art zu fragen; er tut es doch, und ewige Trennung ist die Folge. In den vielen Märchen vom Typus „Rumpelstilzchen“ hat der Alp die Aufgabe übernommen, statt des Menschen ein Werk zu vollenden, z. B. Stroh statt Gold zu spinnen oder einen Bau in kurzer Zeit auszuführen, und als Lohn ist ihm das erstgeborene Kind zugesagt, wenn sein Name nicht erraten wird. Erfährt dann aber der Mensch den Namen und spricht ihn aus, so ruft der Alp: das bat dir der Teufel gesagt! und reißt sich mitten entzwei. Dasselbe besagt das andere Motiv, daß der Alp vom Sonnenaufgange oder Hahnkrat überrascht wird, und nur eine Ab

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art ist das Verbot, den Alp unverhüllt zu sehen, ein Verbot, das aus der großen Gruppe von „Amor und Psyche" bekannt ist. Zur Abwehr dienen das die Finsternis erhellende Feuer und Wasser, das den Übergang der martenhaften Wandelbarkeit in die dauernde Menschengestalt bewirkt, und da die Alpträume oft durch den Genuß schwerer, unverdauter Speisen entstehen, die Erleichterung des Körpers davon und der Gestank des menschlichen Kotes. Die Elben scheuen den Geruch der Exkremente. Darum war es auf Helgafell verboten, seine Notdurft zu verrichten; denn sonst würde man die Seelen der Verstorbenen verscheuchen (Eyrb. 4).

Eine launige Erweiterung des Sagentypus, daß man den Alp in seiner Gewalt hat, wenn man seinen Namen weiß, oder ihm verfällt, wenn man von ihm bei Namen angerufen, antwortet, ist die, daß man den fürwitzigen Gast zum Besten hat, indem man sich selbst einen falschen, aber rettenden Namen beilegt (vgl. Odysseus-Niemand und Polyphem). Zu einer Frau, die nachts Teer auf dem Herde kochte, kam eine Unterirdische und scharrte die Glut auseinander. Das Weib tat sie wieder zusammen und nannte sich auf Befragen „Selb“, doch jene verzettelte sie wieder aufs neue. Da goß es zornig den Teer auf den unerbetenen Gast. Laut schreiend stürzte er davon und schrie: „Vater, Selb hat mich verbrannt.“ „Selbtan, selbhan“ kam die Antwort aus den Bergen (N. s. u. Waldgeister).

Ihrem Inhalt nach sind die Alpträume entweder angstvoll oder wollüstig. Aus dem Unlusttraume, der mit Druckgefühl, Atemnot, Angst und Beklemmungen einhergeht, stammen die Vorstellungen von abscheulichen Druck- und Quälgeistern, aus dem Lusttraume (Alpminne), der mit erotischen Empfindungen verbunden ist, die von lieblichen Minnegeistern, die als Succubi oder Incubi mit den Menschen in Verbindung treten. In beiden Fällen legte die menschliche Schlußfolgerung der tatsächlichen Empfindung den Einfluß elbischer Wesen unter. Aus der Alpminne entspringen die sphinxartig, halb menschlich, halb unmenschlich

ge. bildeten Mißgeburten; Ausdrücke wie Hasenscharte, Klumpfuß, Pferdefuß, Bocksfuß, Wolfsrachen weisen noch heute auf diesen Glauben bin. Anfangs ganz normale Kinder werden durch Unterschiebung einer Dämonenbrut ausgewechselt. Dünne, krumme Beinchen, Senkrücken, Altklugheit bei körperlicher Unbeholfenheit, watscheliger Gang, Zwerggestalt, großer, greisenhafter, runzlicher Kopf u. s. w. sind körperliche Eigentümlichkeiten der elbischen Dämonen wie der von ihnen untergelegten Wechselbälge. Vorwiegend sind es Wassergeister, die, im Alptraume mit den Menschen in Verkehr tretend, solche Kinder erzeugen, die die Natur beider Eltern aufweisen. Wenn ein Wechselbalg oder Elbenkind von Menschen ins Feuer oder Wasser geworfen oder mit Ruten gepeitscht wird, so erscheint die elbische Mutter und gibt das Menschenkind zurück. Gelingt es, den Wechselbalg zum Reden oder durch Possen zum Lachen zu bringen, so muß er verschwinden; denn das Schweigen verrät die Mare, die sich, ohne zu sprechen, ohne Geräusch lautlos auf die Brust des Menschen setzt. Über irgend eine ihm unverständliche Maßregel, meist über das Brauen von Bier in Eierschalen oder das Rühren mit einer langen Stange in einem winzigen Töpfchen gerät der Wechselbalg außer sich: Nun bin ich so alt, wie man am Barte sehen kann, und Vater von 18 Kindern und hab' doch so etwas noch nicht gesehen; seine Genossen erscheinen, führen ihn fort und bringen das richtige Kind wieder (Isl.).

Die Fähigkeit des Gestaltenwechsels. Auf der uralten Vorstellung von der Verschiebbarkeit der Grenzen unter den belebten Wesen beruht die Fähigkeit des Gestaltenwechsels, der Glaube an Übertritte aus der Menschen- in die Tiernatur, aus dieser in jene. Man glaubte und glaubt noch heute bei den sogenannten wilden Völkern, daß die Seelen der Toten nach ihrer Trennung vom Leibe in Tiergestalt fahren und Schlangen, Kröten, Vögel, Insekten werden können. Ja selbst den Seelen der schlafenden Menschen wird die Fähigkeit zugeschrieben, in Tiergestalt ein

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