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besonderes Leben zu führen: während der verlassene Leib starr zurückbleibt, zieht sie in anderer Hülle, meist in der eines Tieres, umher, nimmt Teil am Kampfe, schwebt durch Luft und Meer und legt die größten Entfernungen in kürzester Zeit zurück.

Der isl. Bonde Thorbjörn war nicht immer vollständig dort, wo man ihn sah, d. h. seine Seele konnte den Körper verlassen. Wenn er so nicht mehr an den Leib gebunden war, konnte er mit der Geschwindigkeit des Gedankens handeln. Sein Schützling hat geträumt, daß sein Vater in die Stube trete, von Kopf bis zu Fuß ein Feuer. Bevor sie noch die Nachricht von dem wirklich erfolgten Mordbrande erreichen kann, sind sie an der Brandstätte. Thorbjörn gebietet Schweigen, damit sein zauberhaftes Vorhaben nicht durch unzeitiges Reden vereitelt werde und verschwindet plötzlich. Aus einer vom Feuer verschonten Kammer wird die Habe herausgetragen, aber Menschen sieht Thorbjörns Pflegesohn nicht. Der ganze. Viehstand wird herausgetrieben, die Lasten werden auf die Pferde gehoben, und der Zug setzt sich in Bewegung. Er macht sich dahinter her, und jetzt sieht er, daß der alte Thorbjörn den Zug vor sich her treibt (HönsaThoris S. 9).

Der Glaube an die Verwandlungsfähigkeit war im nordischen Heidentum sehr vebreitet; die übliche Benennung dafür war die äußere Hülle wechseln“, „eine andere Hülle annebmen“. Männer konnten tierische Hüllen annehmen, die ihrem Charakter entsprachen: tapfere wurden Bären, Adler, Wölfe, listige Füchse; schöne Frauen wurden Schwäne. Das Hineinfahren und Umfahren in solcher Tiergestalt war gewöhnlich auch mit einer Kraftsteigerung verbunden.

Solche Menschen hießen „einer andern Hülle mächtig“ oder in anderer Hülle laufend“ (hamhleypa, pl. hamhleipur). Dieses Tauschen der sinnlichen Hülle des Geistes geschah entweder so, daß sich die Verwandlung leiblich vollständig vollzog, Glied für Glied, und ebenso natürlich auch die Rück. wandlung. Gewöhnlich aber wird der Gestaltenwechsel in naiv sinnlicher Art als das Hineinschlüpfen in eine andere Hülle gedacht, in ein Kleid, das man an- und ausziehen und wechseln, das der Besitzer auch an andere verleihen kann.

Von Odins Gestaltenwechsel sprach im 13. Jahrh. Snorri in ganz zustimmender Art: „Odin konnte Antlitz und Leib wechseln, auf welche Art er wollte. Da lag sein Leib wie schlafend oder tot, aber er war da ein Vogel oder ein vierfüßiges Tier, ein Fisch oder eine Schlange und fuhr in einem Augenblick in fern gelegene Länder in seinen Geschäften oder denen anderer“ (Yngl. S. 7). Die Walküren schlüpfen in eine Schwanenoder Krähenhaut, Freyja in eine Falkenhülle, Odin, Thjazi und Suttung in ein Adlerhemd und werden damit zu Schwänen, Krähen, Falken oder Adlern. Nach einer neuern isl. Sage leben die im roten Meer ertrunkenen Dienstleute Pharaos als eigenes Volk in Seehundsgestalt auf dem Grunde des Meeres; in der Johannisnacht dürfen sie ihre Seehundsfelle ablegen und kommen zu fröhlichem Spiel und Tanz ans Land; wer ihnen das Gewand nimmt, hat sie in seiner Gewalt, und sie bleiben Menschen. Märthöll wird von einer der Schicksalsschwestern verflucht, in der Brautnacht zu einem Sperlinge zu werden und in den ersten drei Nächten nur eine Stunde die Vogelhaut ablegen zu dürfen; ewig sollte sie Sperling bleiben, wenn ihr nicht innerhalb dieser Frist die Haut abgenommen und verbrannt würde. Freyja verborgt sogar ihr Feder- oder Falkenkleid öfter an Loki, und wenn Loki es anlegt, ist er vollkommen ein Falke geworden mit Ausnahme der Augen, die als Spiegel der Seele unwandelbar bleiben, da auch die Seele unverändert bleibt.

In diesem Zusammenhang ist nur die Rede von dem Gestaltenwandel, der aus freiem Willen oder vermöge angeborener Eigenschaft vollzogen wurde, nicht von dem, der durch feindlichen Zauber geschah (s. u. Zauber und Weissagung). Die gewöhnliche Dauer der Verwandlung beträgt neun Tage, die mythische alte Zeitfrist; am zehnten bekommt der Verwandelte seine eigene Gestalt wieder und steht als nackter Mensch da.

Neun Tage dauert der Werwolfzauber (Vols. S. 8), nach andern Sagen 3, 7, oder 9 Jahre; am neunten Tage wird Hyndla ihre Hundsgestalt los (Isl.), jeden neunten Tag verwandelt sich der Seehund in einen Menschen (D.). Neun Jahre müssen die Walküren in menschlicher Verbindung als Frauen bleiben (Vol. 3). Nackt stürzen die in Tiergestalt verwandelten Hexen aus den Wolken, wenn sie mit Eisen oder Brot geworfen oder dreimal bei ihrem Namen angerufen werden. Signy-Hyndla wird in einen Hund verwandelt, jede neunte Nacht sollte sie dieser Gestalt ledig werden und nackt auf freiem Felde liegen; ihre Erlösung war an die Bedingung geknüpft, daß sich ein Königssohn entschlösse, sie in ihrer Hundsgestalt zu heiraten. Ein Königssohn sah darauf eines Tages ein nacktes Weib am Wege liegen, das sich mit Laub zugedeckt und ein Hundsgewand neben sich hatte. Sie sprang auf, warf das Hemd über sich und bellte ihn an. Er aber vermählte sich mit ihr, und im Brautbette verwandelte sie sich wieder in die schöne Signy.

Es kann aber auch vorkommen, daß zwei Leute ihre Gestalt wechseln, so daß die Seele des einen in den Leib

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des andern fährt. Die Sage von dem berühmten Wölsungengeschlechte enthält zwei Beispiele für diesen Gestaltentausch.

In höchster Not, als der Heldenstamm auszulöschen droht, begibt sich Signy zu einer zauberkundigen Hexe und tauscht mit ihr auf 3 Tage die Gestalt; dann begibt sie sich unerkannt zu ihrem Bruder Sigmund, teilt 3 Nächte mit ihm das Lager und empfängt von ihm den Sinfjötli. In Gunnars Gestalt reitet Sigurd durch die flammende Lohe, die Brynhilds Burg umgibt, da nach Odins Entscheidung nur er, der Töter des goldhütenden Drachen, diese Tat vollbringen konnte (Vols. $. 7. 24).

Vom Gestaltentausch bis zur Möglichkeit des Geschlechtswechsels ist nur ein Schritt. In Norwegen und auf Island herrschte der Glaube, daß gewisse Männer jede neunte Nacht zu Weibern werden, geschlechtlichen Verkehr mit Männern haben und sogar Kinder gebären könnten.

Sinfjötli schilt den Gudmund, daß er eine Hexe und lüstern nach ihm gewesen sei, eine Walküre, die die Einherjer zu eifersüchtigem Kampfe verführte: er selbst habe mit ihm neun Wölfe gezeugt (H. H. I 38). Odin und Njörd werfen Loki vor, in der Unterwelt acht Winter als Weib gelebt und Kinder geboren zu haben (Lok. 23. 33). Loki verwandelt sich in ein Weib, als er Frigg das Geheimnis der verwundbaren Stelle an Baldrs Leibe entdecken will (Gg. 43) und zeugt, sich in eine Stute verwandelnd, mit dem Hengste des Riesen Odins achtfüßiges Roß (Gg. 42).

Nicht nur in den mythischen Liedern, sondern auch in den Sagas begegnen wir solchen Schelten.

Im erbitterten Rechtsstreite spricht Flosi zu Skarphedin, Njals Sohn, man wisse nicht, ob dessen Vater in Mann oder ein Weib sei; der Gegner erwidert: Flosi sei der Geliebte des Asen des Swinafell und werde durch diesen jede neunte Nacht in ein Weib verwandelt (Nj. 124; S. 58). Nach norweg. Rechte steht Friedlosigkeit darauf, wenn jemand überführt wird, daß er von einem gesagt habe, er sei jede neunte Nacht ein Weib und habe Kinder geboren (Gulap. L. S 138; Vigslođi 105/6). Auf dem Thing, wo Thorwald Kodransson den aus Deutschland mitgebrachten Bischof Friedrich zur Predigt des Christentums aufforderte, machte ein Heide den Spottvers:

Es gebar neun Kinder Bischof Friedrich,
sie alle zeugte

der eine Thorwald (Kristni S. 4). Ein anderer Isländer beschuldigte seinen Gegner, daß er jede neunte Nacht ein Weib werde und mit Männern Umgang pflege (Thorsteins þ. Siduh. 3).

Besondere Gestalten des Seelenglaubens und des

Ahnenkultus.

Hexen.

Als Geister Verstorbener treiben die Hexen wie die an. dern seelischen Scharen besonders in der Walpurgisnacht, am ersten Mai oder in der Johannisnacht sowie um Mittwinter ihr Wesen und schädigen Feld und Flur, indem sie Unwetter, Wind, Regen, Kälte, Donner, Blitz, Schnee und Eis wie stechende Hitze senden. Versengte ein nächtlicher Frost die Blüten, warf ein Hagelwetter das der Sichel entgegenreifende Getreide nieder, vernichtete eine Seuche den Viehbestand des Bauern oder Hirten, so ward dies dem boshaften Wirken einer Hexe zugeschrieben. Mit lautem Geschrei, mit Peitschen knallend und mit Schellen läutend, lief man über die Felder hin, um die feindlichen Dämonen zu vertreiben; Feuer flammten auf, um die Unholde abzuwehren; mit der Rute wurde das Vieh dreimal unter Hersagen eines Segensspruches auf den Rücken geschlagen, um alle schädlichen Hexen und Krankheit bringenden elbischen Geister aus dem Körper der Tiere zu verjagen. Wenn es regnet und dazwischen hagelt, sind die Hexen aus, zu buttern (S.). Damit die Hexen der Kuh nicht schaden, von der die Milch kommt, wirft man Stahl in die Milch (N.) Diese Hexen sind es besonders, die noch heute im Volksglauben fortleben. Den jungen Swipdag lehrt die aus dem Grabhügel erweckte tote Mutter einen Zauberspruch, falls auf einsamem Pfade ihn Nacht und Nebel umhüllt: nimmer werde in Not ihn bringen eines toten Weibes Trug d. h. einer gestorbenen Hexe (Gróg. 13).

Andererseits sind die Hexen lebende Weiber, die während des Schlafes die Seele aussenden, um andern zu schaden. Eine isl. Zauberin fällt wie die Mare über einen Mann her, der ihrer Liebe widersteht, und man findet diesen am Morgen bewußtlos, von Blut überströmt und das Fleisch von den Knochen gerissen. Der Verdacht fällt auf eine andere Zauberin, und man ladet sie vor Gericht: sie werde ihn geritten haben, denn sie sei eine Nachtreiterin und habe die Krankheit verschuldet (Eyrb. 16; vgl. FAS III 650; vgl. S. 65; s. u. Kultus im Recht). Der für die westgerm. Bezeichnung Hexe im Norden übliche Name Troll geht vermutlich auf trođla, trolla d. i. das Treten, Alpdrücken zurück; er bezeichnet bald riesische und elbische, bald zauberische Wesen ganz allgemein. Odin kann durch einen Zaubervers Hexen zwingen, verwirrt von dannen zu fahren: wenn er die Zaunreiterinnen in der Luft sich tummeln sieht, so bewirkt er, dass sie den Pfad nach Hause wenden, ohne dass sie, verstörten Verstandes, ihre eigene Haut, ihre eigene Behausung finden können (Høv. 154). Aber der Gott der Zauberei verführt auch mit den feinsten Künsten die Abendreiterinnen und lockt sie listig den Männern fort (Hárb. 20). Die Bezeichnungen „Abendreiterin“ deutsch ,,Nachtreiterin“ deuten auf ihre ursprüngliche Natur als Druckgeister, die des Nachts auf Menschen reiten und sie quälen und drücken.

Wenn das einer Frau vorgeworfen wird, daß sie einen Mann reite oder dessen Dienstleute, wenn sie dessen überwiesen wird, da ist sie buffällig um drei Mark; und wenn kein Vermögen da ist, da werde sie rechtlos“ (Eidsifja þ. L. 146; II 35). „Das ist die übelste Hexe, welche Kuh oder Kalb, Weib oder Kind beschädigt Wenn einem Weibe Unholdschaft nachgesagt wird in der Gegend, da soll sie dazu haben das Zeugnis von 6 Weibern, daß sie nicht unholdmäßig ist; der Sache ist sie unschuldig, wenn das erbracht wird. Wenn sie das aber nicht erbringt, dann gehe sie fort aus der Gegend mit ihrem Vermögen; nicht waltet sie dessen selbst, daß sie ein Unhold (Troll) ist (BHL. L. I16).

Das nordische Recht unterscheidet also zwischen dem Zauberer und dem Unholde: der Zauberer wirkt durch unerlaubte Geheimmittel und ist für sein Treiben verantwortlich, der Unhold dagegen ist kein Mensch und kann nichts dafür, dass er jenes und nicht dieses ist. Aber das norweg. und schonische Christenrecht stellen die Trolle, Unholde und die, welche Menschen oder Tiere reiten, unbedenklich zusammen. Das westgötische Recht zählt zu den schwersten Scheltworten den gegen ein Weib erhobenen Vorwurf, daß man sie im Zwielicht in Trolls Gestalt losgegürtet und mit losen Haaren auf einer Zauntüre habe reiten sehen. Das

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