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Es sind

lebendig macht: „Wo blieben Tisch und Stühle ?" der Exegeten eben zu viele, sie treten als habsüchtige Gläubiger auf gegen den Dichter, und ein Jeder raubt ihm ein Stück jeines Geistes: der Rest ist ---- eine Reiche.

So ungefähr schildert der Dichter die Eregeten.

Sollen hier abermals die Gedanken eines großen Dichters eingefargt werden?

Der Verfasser dieser Arbeit würde es nimmermchr wagen! Was ihn ermuthigt, seine Forschungen im Faust“ darzubieten, ist das Bewußtsein, auf den Inhalt und nicht auf die Form gegangen zu sein.

Er kann nicht verlangen, daß man seiner Auffassung ohne Weiteres zustimme, wünscht aber eine ernste, eingehende Prüfung und möchte bitten: „Man werfe ihn nicht zu den lemuren!

Der Verfasser.

E in 1 eitung.

Die Völfer haben ihre nationalen Räthsel. Mit vollem Rechte pflegen und lieben sie dieselben. Von den Zeiten des verschleierten Bildes zu Sais an bis in das gegenwärtige Jahrhundert hinein bilden die geschichtlichen Räthsel eine Kette von Geheimnissen, die stets das Interesse wiederum erwecken, das sie zu ihrer Zeit erregt haben. - Aber auch in der Literatur finden sich die ähnlichen Räthsel: das alte Rom hatte seine sibyllinischen Bücher ebensowohl wie die alt-christliche Literatur die Apokalypse und die Neuzeit ihren Shakespeareschen Hamlet. Die Undurchdringlichkeit umgiebt die historischen und die literarischen Räthsel mit einem Reiz, der sich alsobald zu einem poetischen Nimbus gestaltet, und das Geheimniß selbst wird zum Gegenstand eines gewissen nationalen Stolzes.

Solite in diesem allgemein menschlichen Zuge die Erklärung zu suchen sein, wenn auch die deutsche Nation eben in dem noch unerklärten Goetheschen Faust-Werke feinen Stolz sieht und fühnlich behauptet, keine andere Sprache habe einen „Faust" in ihrer Literatur aufzuweisen? —

Gewiß nicht. Mag das Räthsel im „Faust" auch die Denkenden und insbesondere die Forscher anreizen, die Lösung der gegebenen Allegorien zu ihrer subjectiven Genugthuung immer wieder zu versuchen: die Nation als solche liebt den „Faust" eben seiner poetischen Schönheiten und der abstracten allgemein Sphinx locuta est. I,

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menschlichen Wahrheiten wegen, die aus den Versen hervorleuchten; mit Allgewalt wird die Theilnahme des Herzens errungen dem in sich unglücklichen Faust, dem liebenden und leidenden Gretchen, wie dem sterbenden Valentin; nie aber hat das Räthiel Faust dem Werke die hohe Würdigung verschaffen fönnen, die diesem seit einem Jahrhundert bereits entgegengetragen worden ist. Der Räthsel unzählige weist der zweite Theil der Dichtung auf: nie aber hat die philosophische Fortsetzung den Eingang bei der Nation finden können, der dem naiven „Ersten Theile" bereitwilligst gewährt worden ist.

Kann also die Dichtung „Faust" der oft versuchten Räthsellöjung recht wohl entbehren, jo liegt doch ein Grund vor, der es nicht gestattet, die Faust-Auflösung als gescheitert und damit auch als abgethan anzusehen. Dieser Grund liegt in der Unmöglichkeit, daß der Dichterfürst Goethe während fünfzig Jahre auf eine „Fortsetzung" sein Interesse und seine Rraft gerichtet hätte, die sich in der Tendenz, in der Form gänzlich vom ,,Ersten Theil“ abgesondert hielte; eine Fortsegung, die aber dem Vergessen oder sogar dem Hohn -- oder der willkürlichen Erklärung abschließend zu überlassen wäre. Die Bietät gegen den Dichter selbst wird nimmer gestatten, den Anfang einer Tragödie zu einer Art nationalen Balladiums zu erheben, die Fortsetzung und den Schluß dagegen einfach dem Vergessen anheimzugeben. Schon heute aber giebt es für einen großen Theil der Gebildeten freilich einen Goetheschen „Faust" aber dieser „Faust" verschwindet in ein Nichts, sobald es ihm nicht gelungen ist, das verführte Gretchen aus ihrem Rerker zu befreien.

Kann und darf der Literatur-Historifer aber nicht zu diesem negativen Resultat gelangen, so richtet sich die Untersuchung nothgedrungen sodann nach einer anderen Seite: Sind die Aufklärungsversuche, die in großer Zahl angestellt sind - sind sic derartig gewesen, daß sie das Räthjel hätten löjen fönnen? Oder liegt in denselben die Nothwendigkeit (allenfalls die Wahrscheinlichkeit) gegeben vor, daß auf dem bisherigen Wege. Das Ziel nicht zu erreichen war, und daß alle Erfolge der Faustforscher, wenn es hoch kam - sich in dem einem Worte wiederspiegeln: „Succès d'estime“?

„Greift nur hinein ins volle Menschenleben!" und „Am farbigen Abglanz haben wir das Leben!" — das sind die Worte des Dichters, die den meisten Commentaren ihre Bahn vorgezeichnet haben; und je nach „Neigung und Beruf“ hat man aus dem Faust-Werke herausgefolgert: bald Goethes inneres Leben, bald das Leben der Menschheit, sei es in der Geschichte oder in der Literatur; bald den Sturm und Drang der Literaturgeschichte, bald die Vorgänge eines speciellen Romans und dann wiederum einfach die Begebenheiten der alten Faustsage überhaupt. Zu anderen Stunden hat der „Faust" und sein Inhalt eine Darstellung sein müssen der socialen Zustände. — Aus diesem jedesmaligen Gesammteindrucke heraus sind die einzelnen Scenen und Reden erläutert worden (oder auch größtentheils

nicht!). In diesem Verfahren aber, nämlich aus einem subjectiven Gejamiteindruck heraus die Einzelheiten ableiten zu wollen, liegt die oben erwähnte Nothwendigkeit, daß man zu feinem Resultat gelangen fonnte. Der deductive Weg, den die Forschung eingeschlagen hat, ist ihr Verderben gewesen, und mit Stahl würde man behaupten können: die Forschung - aber nicht die Wissenschaft muß hier ,umkehren".

Die Methode der Forschung, die dieser vorliegenden Arbeit zu Grunde liegt, ist also die inductive Behandlung des Faust-Werkes und die gänzliche Verwerfung jeglicher Deduction. — Diese Zeilen würden ihrem Zweck am vollkommensten genügen, wäre es räumlich gestattet, das ganze inductive Verfahren, wie es stattgefunden hat, hier vor dem Lesenden zu wiederholen.

Die inductive Forschung stellte sich zunächst auf den Standpunkt des Ignoramus, wenn auch nicht des Ignorabimus. Sie suchte aus dem Gesammtwerke zunächst nur die einzelnen offenbaren Räthiel heraus, die der Dichter selbst als solche bezeichnet hatte, um sie aus sich selbst heraus, wie jedes sonstige „Räthsel", aufzulöjen, und zwar ganz ohne alle Rücksicht auf das übrige Werk.

So erging es z. B. mit dem Mephisto, der augenfällig als Teufel erscheint, und dennoch jagt die Sphinx: ,, Du bist ein Räthjel, löse dich selbst auf“; hier ist das Räthsel (Walpurgisnacht, II, Vers 2520).

Sprich nur dich selbst aus, wird schon Näthiel sein.
Versuch einmal did, innigst aufzulösen:
Dem frommen Manne nöthig wie dem Bösen,
Dem ein Plastron, ascetisch zu rappiren,
Kumpan dem Andern, Tolles zu vollführen,

Und Beides nur, um Zeus zu amüsiren.
Solcher augenfälligen Räthiel giebt es im „Faust" eine
Menge und kommt man demnach nothwendig zu der Frage:

Wie sind derartige Räthsel aufzulöjen?

Auch dafür tritt ein psychologisches Naturgeset helfend ein. Indem der Dichter ein Räthiel schafft, muß er nothwendig die Merkmale angeben, die er in dem räthselhaften Begriff entdect hat, ohne daß er uns den Namen nennt. Giebt er nun viele solcher Merkmale (Inhärenzen) an, so gelingt es dem Suchenden, den Begriff so eng zu begrenzen, daß er den Namen angeben, d. h. das Räthsel lösen kann.

Im obigen Räthsel sind vier Inhärenzen angegeben; es entstehen die Fragen:

1) Was ist dem Bösen wie dem Guten nöthig ? 2) Was schützt den Frommen, der sich selbst aus Frömmigkeit

ein Leids zufügt (Uscetit), damit er sich nicht allzusehr

verleße? (Plastron Brustharnisch). 3) Wer hilft dem Bösen, Tolles zu vollführen? 4) Wer thut Beides, zum „Amüsement“ der Gottheit?

Das sind vier Merkmale; jie passen nicht alle auf den „Teufel" sondern es ist der „Egoismus" gemeint, wie zweifellos die Durchsicht der ebengenannten vier Merkmale ergiebt. Ein anderes „Räthsel“ fand sich im zweiten Theil, Vers 131:

Was ist erwünscht und stets willkommen?
Was ist ersehnt und stets verjagt?
Was immerfort in Schutz genommen ?
Was hart gescholtert und verklagt?

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