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„Vom Vater hab' ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabuliren ·

2017

it diesen Worten hat Goethe selbst sein Verhältniß zu seinen Eltern zu zeichnen gesucht. Sein Vater, Joh. Caspar Goethe (1710-1782), kaiserlicher Rath in Frankfurt, war ein strenger, ernster Mann, besaß für das jugendliche Wesen seiner Gattin und seiner Kinder kein Verständniß, suchte vielmehr mit starrer Consequenz, die in Folge ihrer Unbeugsamkeit oft als Lieblosigkeit erschien, seine Erziehungspläne bei Weib und Kindern durchzusehen. Er entfremdete sich dadurch den Sohn, der erst später die trefflichen Eigenschaften des Vaters erkannte. Der altgewordene Dichter besaß manche Charakterzüge und Eigenheiten, die an den Bater gemahnten: die pedantische Ordnungsliebe, die Sammellust, die manchmal in Sammelwuth ausartete, die vornehme, nicht selten abweisende Haltung, die von den Abgewiesenen als „Geheimrathsart" bezeichnet und verspottet wurde.

Seine Mutter, Elisabeth Catharina Tertor (19 Februar 1731 bis 14. September 1808) „Frau Rath", von den Freunden „Frau Aja“ genannt, von Jung und Alt geliebt und gefeiert, war eine fräftige, gesunde Natur, von unverwüstlicher Heiterkeit und unerschütterlichem Gottvertrauen, frischer Lebenslust und stets erneuter Liebe für ihren Sohn. Sie hat sich selbst zu charakterisiren versucht An einer Stelle sagt sie: „Von Person bin ich ziemlich groß und ziemlich corpulent, — habe braune Augen und Haar, — und getraute mir die Mutter von Prinz Hamlet nicht übel vorzustellen. Viele Personen, wozu auch die Fürstin von Dessau gehört, behaupten, es

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wäre gar nicht zu verkennen, daß Goethe mein Sohn wäre. Ich kann das nun eben nicht finden, doch muß etwas daran sein, weil es schon so oft ist behauptet worden. Ordnung und Ruhe find Hauptzüge meines Charakters, daher thu' ich Alles gleich frisch von der Hand weg, das Unangenehmste immer zuerst, und verschlucke den Teufel (nach dem weisen Rath des Gevatters Wieland), ohne ihn erst lange zu begucken; liegt denn Alles wieder in den alten Falten, ist Alles unebene wieder gleich, dann biete ich dem Troß, der mich in gutem Humor übertreffen wollte."

Und an einer andern Stelle schreibt sie: „Zwar habe ich die Gnade von Gott, daß noch keine Menschenseele mißvergnügt von mir weggegangen ist, wes Standes, Alters und Geschlechts sie auch gewesen ist, Ich habe die Menschen sehr lieb und das fühlt Alt und Jung, gehe ohne Prätension durch die Welt, und dies behagt allen Erdensöhnen und Töchtern, bemoralisire Niemand, — suche immer die gute Seite auszuspähen, überlasse die schlimme dem, der die Menschen schuf, und der es am besten versteht, die scharfen Ecken abzuschleifen, und bei dieser Methode befinde ich mich wohl, glücklich und vergnügt."

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Beide Stellen sind aus ihrem Briefwechsel entnommen. Sie schrieb gern und viel, an ihren Sohn, die Weimaraner, an Freunde und Freundinnen des Hauses, an Schauspieler. Denn das Schauspiel war ihre liebste Erholung, heitere Stücke gefielen ihr besser als ernste; selbst vor derben Possen scheute sie nicht zurück. Sie war keine Schriftstellerin, aber sie wußte trefflich zu erzählen, Märchen und Geschichtchen, die sie frei erfand oder nach ihrem Gefallen veränderte. Sie hatte Freude an der Lectüre, aber größere Lust am Umgange mit bedeutenden Menschen: „Es war für mich jederzeit eine große Wollust, große Menschen um mich und bei mir zu sehen, aber in meiner jeßigen Lage, da meine beiden Kinder weit, weit von mir entfernt sind, ists Himmelsfreude“, so schreibt sie, als sie wieder allein mit ihrem Gatten lebte. Unter den Großen aber galt ihr Sohn ihr als der Größte. Sie hatte mit ihm eine zweite Jugend durchlebt, da sie von dem ernsten Gatten durch eine weite Alterskluft getrennt war. Von der frühen Kindheit des Sohnes an sette sie ihr größtes Vertrauen auf ihn. Sie war um ihn nicht bange. Seitdem sie, während einer schweren Krankheit des Sohnes,

in dem Bibelworte: „Man wird wiederum Weinberge pflanzen an den Bergen Samariä, pflanzen wird man und dazu pfeifen“ Troft für das augenblickliche Leiden geschöpft hatte, war sie sicher, ihn zu behalten. Sie freute sich an seinen Erfolgen, die sie als wohlverdient ansah. Sie hatte ein Verständniß für seine Handlungen, selbst für solche, die von der Welt verkannt oder verurtheilt wurden. Goethe's Reise nach Italien begrüßte sie mit lautem Jubel, wußte sie doch, daß er dadurch einem sehnsüchtigen Wunsche seines Herzens nachkam und daß er aus derselben Nahrung für sein ganzes Leben schöpfen würde; sie erinnerte sich der Worte ihrer Freundin, des Fräuleins von Klettenberg: „wenn Dein Wolfgang nach Mainz reist, bringt er mehr Kenntnisse mit als Andere, die von Paris und London zurückkommen." Die Ehe des Sohnes verdammte sie nicht; sie schickte Grüße an den „Schaz“, sobald sie erfahren hatte, daß das Verhältniß begonnen war; sie nahm Christiane Vulpius freundlich auf und begrüßte sie mit dem Namen „Tochter“.

Goethe's Mutter tritt uns durch ihre Briefe wahr und lebenskräftig entgegen; die Zeitgenossen sprechen gern von ihr; Bettina von Arnim hat sie mit dichterischer Freiheit, Goethe hat sie bei aller Liebe und Pietät mit Wahrhaftigkeit und historischer Treue geschildert. In „Dichtung und Wahrheit“ und in den ersten Kapiteln von „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ die zu jener Darstellung eine Art Ergänzung bilden, steht sie leibhaftig vor uns; Elisabeth im „Göz von Berlichingen" trägt ihre Züge: ihre Wirthlichkeit, ihre frohe Munterkeit, die im gewöhnlichen Laufe des Lebens Alles von der leichten Seite nimmt, aber auch in den schwierigsten Lagen frei bleibt von Verzweiflung; die Mutter in „Hermann und Dorothea“ besigt ihre Eigenschaften: ihre Sparsamkeit und doch ihre Hochherzigkeit im Spenden, wenn ein Nothfall die Gabe erheischt, ihr Talent, den Widerspruch zwischen Vater und Sohn zu schlichten, jenen durch verständige Rede zu beschwichtigen, diesen durch inniges Eingehn auf seine Ansichten und Pläne zu gewinnen, ihre unermüdliche Thätigkeit im Haus und Garten, ihr sorgliches Mitleben mit dem Sohne. Aber das Denkmal, das Goethe noch im Herbste 1831 ihr errichten wollte, blieb unvollendet; jene Aristeia, von der wir nur wissen, daß es ein großes Ehrendenkmal für die Mutter werden sollte, die der Dichter bis zu seinem Lebensende treu verehrte.

Von seiner Kindheit und Jugend bis zu seinem Eintritt in Weimar hat Goethe selbst die ausführlichsten und besten Nachrichten in Dichtung und Wahrheit“ gegeben. Es würde einer biographischen Einleitung zu Goethe's Werken schlecht anstehen, diese Erzählung zu recapituliren. Warum Goethe sie „Dichtung und Wahrheit“ nannte, wie er namentlich das erstere Wort aufgefaßt sehen wollte, aus welchen Quellen er schöpfte, welche Irrthümer er beging, das ist Alles in der Einleitung und den Anmerkungen zu dem genannten Werke auseinandergesezt. Wer von einer biographischen Einleitung das Resumé dieses autobiographischen Meisterwerks verlangt, der würde sich damit eines Genusses berauben, auf den er nicht verzichten soll und dem Bearbeiter eine Aufgabe aufladen, die dieser nicht zu übernehmen vermag. Hier handelt es sich weder darum, alle biographischen Einzelheiten mitzutheilen, noch darum, Goethe's Worte zu wiederholen, die in den Werken sich finden; hier handelt es sich eher darum, den Eindruck zu fixiren, den Andere von ihm empfingen, die Hauptdaten seines Lebens kurz zu registriren, seine literarische Laufbahn darzustellen, ohne doch wieder ausführlich auf Inhalt und Wirkung seiner Werke einzugehen, da derartige Betrachtungen in die Specialeinleitungen zu den Schriften verwiesen sind. Hauptsächlich soll aber hier auf Goethe's Briefe Rücksicht genommen werden, die zwar ihrer großen Anzahl wegen von der Sammlung seiner Schriften ausgeschlossen sind, jedoch ihrer Bedeutung wegen verdienen, in einzelnen Bruchstücken den Lesern der Werke bekannt zu werden.

Joh. Wolfgang Goethe ist am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren. Von seinen Geschwistern blieb nur seine Schwester Cornelie am Leben; die übrigen, Brüder und Schwestern, starben in frühester Jugend. Von seinen Jugendgespielen hat keiner einen bedeutenden Einfluß auf ihn geübt. Die meisten Jünglinge hörten auf für ihn zu existiren, sobald er seine Vaterstadt verließ und die Mädchen behielten höchstens Leben in seiner Phantasie Außer seinen Eltern, seiner Schwester, dem Hausfreund, der ihn mit Klopstock bekannt machte und einigen älteren Personen, zu deren Gesprächen der Knabe troß seiner Jugend zugelassen wurde, haben nur zwei Menschen einen hervorragendern Einfluß auf ihn geübt, der Rector Albrecht, der ihn im Hebräischen unterrichtete und Fräulein Susanna von Klettenberg, eine Freundin der Mutter, in deren

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