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dann nämlich kann man statt des Zweiten das Vierte und statt des Vierten das Zweite setzen, und manchmal fügt man dabei auch noch die Bezeichnung des Gegenstandes hinzu, zu welchem dasjenige in Verhältnis steht, statt dessen man den übertragenen Ausdruck setzt. Als Beispiel führt Aristoteles Folgendes an:

Die Trinkschale steht in ähnlichem Verhältnis zum Dionysos wie der Schild zum Ares, und daher kann man denn die Trinkschale den Schild des Dionysos und den Schild die Trinkschale des Ares nennen. Oder wie sich das Alter zum Leben verhält, so der Abend zum Tage, und man kann daher den Abend als das Alter des Tages und das Alter als den Abend oder, wie Empedokles thut, als den Niedergang des Lebens bezeichnen. Manchmal fehlt es für eins der proportionalen Glieder an einer eigenen Benennung, aber nichts destoweniger kann man dann eine ähnliche Vertauschung des Ausdrucks vornehmen. Z. B. das Ausstreuen des Samens heißt säen, für das Ausstreuen ihrer Strahlen durch die Sonne aber giebt es keine eigene Benennung, aber dies letztere verhält sich zur Sonne ähnlich wie das Säen zu dem, welcher den Samen ausstreut, und daher sagt denn der Dichter: sie säet den gottgeschaffenen Strahl.

Es ist hierbei nicht nur wichtig, dass Aristoteles Synekdoche und Metonymie mit unter den Begriff pletacopú begreift -- und in der That, auch bei ihnen findet doch nur eine Übertragung des Einzelnen auf das Allgemeine oder umgekehrt statt –, sondern dass er das innerste Wesen des Metaphorischen in der Analogie, in der Proportion, gefunden hat.

So sagt auch Kant:1) Eine Erkentnis nach der Analogie ist nicht etwa, wie man das Wort gemeiniglich nimmt, eine unvollkommene Ähnlichkeit zweener Verhältnisse zwischen ganz unähnlichen Dingen. Z. B. Es verhält sich die Beförderung des Glücks der Kinder a zu der Liebe der Eltern b, wie die Wohlfahrt des menschlichen Geschlechtes c sich verhält zu dem Unbekannten in Gott x, welches wir Liebe nennen.

Unter den vier bezeichneten Arten des bildlichen (metaphorischen) Ausdrucks nennt Aristoteles die auf der Analogie beruhende die schönste (Rhet. III 10) indem er als Beispiel das bekannte Wort des Pericles anführt, mit der gefallenen Jugend

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1) Prolegomena zu jeder zukünftigen Metaphysik $ 58.

sei der Frühling aus der Stadt gewichen, und des Kephisodotos, der die Trieren bunte Mühlen nannte. Aristoteles lobt die Metapher rat' dvaroglav, weil sie den Vergleichungspunkt veranschaulicht; denn das Durchschlagende ist eben, dass nicht die vertauschten Begriffe, sondern die Verhältnisse, innerhalb derer sie an den einander entsprechenden Punkten erblickt werden, eine Gleichung bilden. Sagen wir z. B., führt Aristoteles an, Gott hat den Geist als ein Licht in der Seele angezündet, so ist das Gemeinsame der Sphären des Geistes und des Lichtes, dass sie etwas kundthun. Aber ins Innerste der wirklich anschaulichen Metapher führt uns nach Aristoteles der Begriff der Lebensbethätigung, der svépre!!: Veranschaulichung nenne ich das, was etwas Lebendes (oder Totes) in lebendiger Thätigkeit wirkend darstellt. Wenn ein Mann Tetporovas d. i. eigentlich „viereckig" genannt werde, wie es Simonides thut, so sei das eine Metapher, und die Analogie liege in dem „Vollendeten“, das vom Körperlichen auf das Geistige übertragen werde, aber es kennzeichne keine Thätigkeit, kein Leben, keine Energie; anders liege es, wenn Isocrates einen Mann, der im besten Alter steht, bezeichnet als einen in blühender Reife dastehenden, oder wenn Homer das Unbelebte metaphorisch als belebt darstelle, indem er von dem Stein des Sisyphos (Od. 11, 598) sagt: und immer wieder hinab rollte der mitleidlose Stein, oder wenn es vom Pfeile heisst: er Aog dahin (11. 13,587), vom Geschoss: es verlangte in den Haufen hineinzufliegen (Il. 4,126), von den Speeren: sie standen empor aus der Erde, voll Gier, im Fleische zu schwelgen (Il. 11,574), von der Spitze: hervordrang aus der Brust die stürmende Spitze (Jl. 15,542).

In allem diesem, sagen wir mit leiser Fortbildung der Worte des Aristoteles, wird Lebensthätigkeit durch die Beseelung (Òd to öppuya cival) dem Leblosen geliehen; und Aristoteles erkennt völlig klar und scharf, dass die Analogie zwischen Lebendem und Leblosem die Bewegung ist; der Dichter macht alles bewegt und lebend, die Thätigkeit aber ist Bewegung“.

Da nämlich das Verhältnis vom Innerem und Äusseren das formgebende, ja das fundamentale im menschlichen Geiste ist, zwingt die Analogie, von der Bewegung, welche wir in der Aussenwelt wahrnehmen, also von diesem bewegten Äusseren auf ein bewegendes Inneres zu schliessen und so auch den toten Stoff mit Leben, mit Energie zu beseelen; und das ist dann kein rhetorischer, künstlicher Tropus mehr, sondern der Abdruck eines notwendigen Vorganges in unserem die Wirklichkeit nach eigenen Gesetzen umbildenden Geiste. Der Mensch kommt eben nimmer darüber hinaus, dass er die physisch-psychische Einheit, welche er an sich selbst erlebt, zum Weltprinzip macht, dass er das Verhältnis von Innerem und Äusserem, von Seelischem und Körperlichem, welches er in dem Mikrokosmos seines Ichs wirksam findet, auf den Makrokosmos überträgt. Doch diese Konsequenzen zog Aristoteles noch nicht. Aber, ich meine, sie drängen sich auf, wenn man nur die Gedanken des grossen Philosophen zu Ende denkt.

Cicero unterscheidet (de oratore [[I 38) dreierlei am einfachen Wort, was der Redner zum glanzvollen Schmuck seiner Rede anwenden kann: das ungewöhnliche, das neugebildete und das übertragene Wort. Die übertragenen Worte hat er kurz vorher den eigentlichen, gleichsam zuverlässigen Dingbezeichnungen, welche fast zugleich mit den Dingen selbst entstanden sind, gegenübergestellt und als solche bezeichnet, die gleichsam an die Stelle eines anderen gesetzt werden (quasi alieno in loco collocantur); hier sagt er nun von der Übertragung (translatio) Folgendes: sie hat eine weite Anwendung; sie ist hervorgerufen mit Notwendigkeit durch Mangel und Enge; sodann aber hat das Gefühl der Annehmlichkeit und das Ergötzen sie so häufig gemacht; denn wie das Kleid zunächst zur Vertreibung der Kälte erfunden ist, hernach aber auch zum würdigen Schmuck des Körpers diente, so wurde auch die Wortübertragung durch den Mangel eingeführt und durch die Ergötzung zum weiteren Gebrauche gebracht. Denn von Reben, die Augen treiben (gemmare), von Üppigkeit im Graswuchs, von fröhlichen Saaten reden auch die Landleute; was nämlich durch ein eigentliches Wort kaum ausgedrückt werden kann, das veranschaulicht bei der Übertragung die Ähnlichkeit desjenigen Begriffes, den wir mit dem fremden Wort dargestellt haben. Diese Übertragungen sind also gleichsam Anleihen, da man, was man selbst nicht hat, anderswoher entnimmt; jene sind ein wenig kühner, welche einen Mangel nicht verraten, sondern zum Glanze der Rede etwas beisteuern.

Wie schon Aristoteles (Rhet. III 4) auf die Ähnlichkeit der

Metapher und des Gleichnisses hingewiesen hatte, so führt Cicero aus, dass die Übertragung auf dem Wege der Vergleichung sich vollzieht, so dass der Dichter den Meeressturm mit Prädikaten schildert, welche nur Personen zukommen, und findet die prächtige Wirkung, welche in dem Metaphorischen liegt, -- auch wenn eigent·liche Wörter gebraucht werden könnten, wo also keine inopia vorliegt --, teils darin, dass es eine Eigenart des Geistes ist, das vor den Füssen Liegende zu überspringen und anderes weither Geholtes zu nehmen, und sodann darin, dass der Hörer in seinen Gedanken anderswohin gelenkt wird und dennoch nicht abirrt, was immer das grösste Vergnügen bereitet, teils auch darin, dass durch einzelne Wörter eine wirkliche Sache und ein vollständiges Bild (Gleichnis) erzielt wird, oder auch, weil jede Übertragung, welche auf sachgemässe Weise entlehnt ist, sich lebendig vor die Sinne stellt. Es giebt nämlich nichts in der Welt der Dinge, dessen Bezeichnung und Namen man nicht bei anderen Dingen anwenden kann; woher nämlich ein Gleichnis entlehnt werden kann - und es ist dies bei allem möglich ---, ebendaher kann auch ein einziges Wort, welches die Ähnlichkeit enthält, der Rede Glanz verleihen.

Genau wie Cicero (vgl. auch noch orator c. 24 u. 27), findet auch Quintilian (VIII 6), der schlechtweg die Metapher ein verkürztes Gleichnis. nennt was ihr Wesen nicht trifft

ihren Ursprung teils in dem Mangel an einer eigentlichen Bezeichnung, teils in der Vorliebe für das Bezeichnendere (Anschaulichere) und Schmuckvollere.

Der Begriff der aristotelischen Analogie, der Proportion ist verloren gegangen, und der Gedanke, wie fliessend die Grenzlinien zwischen eigentlichen und uneigentlichen (bildlichen, metaphorischen) Wörtern sind, geht weder Cicero noch Quintilian auf, geschweige denn, daß er in seinen wichtigen Konsequenzen zu Ende geführt werde. Die späteren Rhetoriker1 bleiben in dem Kreise der bisher bei den Alten aufgedeckten Anschauungen stehen; der Gesichtspunkt der Proportion taucht nur bei Pseudo-Plutarch (de vit. et poes. Hom. 19) auf. – Vossius (inst. rhet. II p. 85) unter

. scheidet eine Metapher, welche auf bloßer Ähnlichkeit beruhe, von der Proportionsmetapher. Betreffs der Einteilung begegnet immer die aristotelische nach Maßgabe von Gattung und Art, oder die den Gedanken der aristotelischen svéprea und der Beseelung weiterführende von Übertragungen des Belebten auf das Belebte, des Belebten auf das Leblose, des Leblosen auf das Belebte, des Leblosen auf das Leblose. Doch wie man (z. B. Quintilian VIII 6, 2f) mehr denn ein Dutzend verschiedener Tropen (Übertragungen im weiteren Sinne) aufstellte, also 1. Metapher, 2. Synekdoche, 3. Metonymie 4. Antonomasie, 5. Onomatopoie, 6. Katachrese, 7. Metalepsis, 8. Epitheton, 9. Allegorie, 10. Änigma, 11. Ironie, 12. Periphrasis, 13. Hyperbaton mit Anastrophe, 14. Hyperbel, so brachte man es schliesslich bis zu 18 Unterabteilungen der Metapher selbst. Es leuchtet ein, dass bei allen diesen Einteilungen nur der Stoff, nicht das Wesen getroffen wird, denn es handelt sich nicht um Vertauschung der Dinge selbst, sondern um die der Begriffszeichen, der Wörter, welche die Analogie der beiden herangezogenen Sphären kennzeichnen. Und immerdar handelt es sich nur um das Verhältnis des Inneren und des Äußeren zueinander und um die auf Analogie sich gründenden Beziehungen zwischen dem Ich und dem Nicht-Ich.

1) Vgl. Gerber, die Sprache als Kunst II, 1 p. 77 f,

Wir können Jahrhunderte in der Geschichte des Begriffs des Metaphorischen überspringen, bis wir Ansätzen derjenigen Anschauungen begegnen, von denen wir uns leiten lassen.

Wir finden sie bei Giambattista Vico in seinem Principi di una scienza nuova intorno alla natura delle nazioni, Napoli 1725!")

So sonderbar uns auch heute gar Vieles anmutet, was dieser rhetorische Philosoph und philosophische Rhetoriker aus einem Wuste des buntesten Wissens uns darbietet, so hell blitzen doch überall Gedanken von tiefer Wahrheit auf, mit denen er seiner Zeit weit voraneilte. So nicht nur in der homerischen Frage, sondern auch in der Lehre von den „Tropen, Ungeheuern und poetischen Transformationen“ (II 7). Seine Metaphysik ruht, wenn wir sie in unsere heutige Denkweise umschmelzen, auf dem Gedanken, daß die Perception und Auffassung eines fremden Gegenstandes nichts anderes als Assimilation der vom Gegenstande gebotenen Eindrücke mit den schon in uns vorhandenen Vorstellungen ist, daß die Art der Auffassung lediglich davon abhängt,

1) Ich wies bereits kurz auf das nicht bloß für unsere Frage höchst wichtige und trotz aller Wunderlichkeiten für seine Zeit geradezu phänomenale Werk hin in meiner kleinen Studie über das Metaphorische in der dichterischen Phantasie, S. 12 f., Berlin 1889, Ztschr. f. vergl. Litgesch. N. F. II.

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