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Anfangs wird mit aller licentia poetica darauf los geliebt – der Dichter ,log und trog sich", wie er sagt, ,bei allen hübschen Gesichtern herum, und hatte den Vortheil, immer im Augenblick zu glauben, was er selbst sagte"; aber bald liegt der jugendlich Uebermüthige still und folgsam zu den Füßen einer flugen Frau, die ihn lenket, sänftiget und beherrscht, jegt die weiße Hand beruhigend auf seine brennende Stirne legt, ein andermal die „laune des Verliebten" in vers tauschten Rollen mit ihm spielt, um ihn durch den Wedsel von Zärtlichkeit und Kälte zugleich anzuziehen und zu ängstigen. Benahm sich wohl Götbe am Hofe der Herzogin-Mutter, dieser lustigen lebensfrohen Dame im Anfange viel anders, als kurz vorher in den Frankfurter Cirkeln ? Einmal entsetzte er sie mit einer unerbörten Bebauptung, dann sprang er auf und tanzte und tollte im Zimmer umber mit Possen, über die sie vor laden ersticken wollte. Das Getreibe der ersten wilden Wochen in Weimar ist bekannt genug; das Hespeitschenconcert auf dem Markte, das Weintrinken aus Schädeln 2. Wenn Göthe den Teufel im Leibe hatte, war er nach Wieland's Aeußerung „wie ein muthiges Füllen, das von vorn und hinten ausschlägt, und dem allzu nabe zu fommmen nicht gut war.“ Doch wie lange währte das ? Kaum hatte er seine „politische“ laufbahn in Weimar angetreten, so stimmte er die geniale Ausgelassenheit seines Betragens schnell berab; er benahm sic sofort, wie Wieland gleichfalls zu rühmen weiß, „mit untadeliger owg pooúvn und aller ziemlichen Weltflugheit“, und wieder nicht

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lange - da gebt jene svidliche Haltung vollends in die strenge, ernste, Taciturnität“ des Kammerpräsidenten über, die faum der Herzog ein und das andere Mal zu entrunzeln vermochte . . . Aus Wertber-Tasso war ein ganzer Antonio geworden, freilich ein Antonio mit poetischer Innerlichkeit und Tiefe; nach außen Hofmann, für fich Forsder, Künstler, Poet.

Der Gesc mad, jenes Verhalten zur Poesie, zur Kunst und den äußeren Formen des Lebens, in dem sich dichterisder Sinn und Weltfinn vereinen, da er dem Künstler, dem schönen Geist ebenso eigen sein sou, wie dem gebildeten Diplomaten, trat immer entschiedener an die Stelle jenes schwelgenden, sorglosen, um die Welt sitte unbekümmerten Phantasielebens, welches die Göthe’sche Jugendzeit so sehr charakterisirt. Das Maß und die Selbstbeherrschung, womit er sein äußeres Wesen, seinen Verfehr mit der Welt in die Formen der Sitte band, wirkte zügelnd und mäßigend auch auf die Kräfte seiner Phantasie, brachte aber freilich einen Anflug böfisden Wesens und diplomatischer Zurüdbaltung aud in seine Dichtung. Mit der Taciturnität des Kammerpräsidenten ging in Kurzem die Schweig. samkeit, die sichere Ruhe des Meisters Hand in Hand, der stillen Blids auf seinen fünstlerischen Zweden rubt – aber die Gewohnbeit, bei der Klein-Regiererei in dem Weimarer Conseil auch das Unbedeutende mit Grandezza und Wichtigkeit zu behandeln, übte zum Theil auch auf sein dichterisches Shaffen Einfluß, und ließ ihn da oft das Nebenwerk zeitraubender Spielereien mit demselben Ernst betrachten und zur

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Geltung bringen, wie die höchsten, würdigsten Kunstaufgaben.

Mitten in dem betäubenden Wechsel von diplomatisden Sißungen, Maskeraden, Jagden, Vorstellungen auf dem Liebhabertbeater, Schlitts@ubpartien 2c. wurde es in der Seele des Dichters trop des äußeren Lärmens still und stiller, und eine neue Form der poetischen Anschauung dämmerte in seiner Seele empor, wie die sbönen Linien einer fernen Küste, die aus Morgennebeln tauchen. Das Talent bat Pflichten gegen sich selbst, die durch Unterlassungssünden am ehesten verlegt werden – und solcher hatte sich unser Dichter während der ersten Jahre des geschäftigen Müssiggangs in Weimar vielfach anzuflagen. Aber Eines , und zwar ein Wesentliches war durch diese Pause dody gewonnen; der därfere Einschnitt nämlid zwischen der Jugendzeit und der Periode der Reife, ein beilsames Ausruhen der productiven Kräfte, die abnende Vorbereitung zu neuen, böberen Aufgaben. Götbe ließ sich auch bierin durch den stillen Zug eines inneren Soidjals leiten, das er über all' seinen Kräften walten füblte; wie den Drest eine Drafelstimme in den beiligen Hain von Tauris führte, so geleitete auch unseren Dichter eine Götterband, leise lenkend, in den gebeiligten Bezirf des idealen Friedens, der reinen künstlerischen Vollendung. Shiler zog sich in die

30g Klause philosophischer Betrachtung zurück, um aus ihr beraustretend mit der Sicherheit des Meisters an die Fortsegung seines dichterisden Lebenswerfes geben zu fönnen Göthe's Genius wirfte mitten unter den Weltzerstreuungen, wo der Dichter sich selbst fehlte, gleich der Natur in dunkler, beimlider Tiefe, bis die frischen Keime sowellend an's licht der Sonne traten, und er selbst staunend der neuen Kräfte gewahr wurde, die sich aus seinem Innern an die Oberfläche boben.

Das Maßbalten, die omgpooúvn ist die echt griedis de Tugend - fein Wunder daher, daß ießt dieses Streben Göthe's, fein Wesen mit sich und der Welt in reines Gleichgewicht zu bringen, ihm selbst als ein bellenisder Zug in seiner eigenen Natur aufging.

Wenn in der ersten Periode der productive Dich ter mit aller Frische der Jugendlichkeit bei ihm ber. vortritt, so in der zweiten der ordnende, formende Künstler in der reinen Klarheit der sich selbst beschränfenden Kraft. An die Stelle des titanischen Dranges tritt olympisde Rube; wie es ebedem seine Seele nad gewaltigen Stoffen hindrängte, große Intentionen ihm im Gemütbe gäbrten, so geht jest sein ganzes Streben auf Beredlung der Form, auf Ebenmaß und Harmonie. Der Drang nad Ursprüng= lidhfeit, nach gemüthvoller Naivetät und Frisde führte den jugendliden Dichter dem Volfsliebe und dem Mittelalter, dem Hans Sachs und den deutschen Volfsbüchern zu; das mädytig erwachte, fünstlerische Bes dürfniß leitet ihn auf die lidhtspur der Alten zurüd, und die Wogen des homerischen Gesanges ídlagen melodisc an sein lauschendes Dýr.

Die anderen Stürmer und Dränger verbielten sich dem Alterthum gegenüber etwa so wie Rembrandt, der auf altes Kupfergeschirr und rostige Rüstungen deutend, sagte: dies seien seine Antifen. Sie steckten noch, wie Georg, in Hansens Küraß, verehrten noch wie Bruder Martin, die eiserne Hand Gögens wie eine Reliquienband, während Göthe'n bereits der claffisde Tempelfriede der hellenischen Kunstform umfing. Noch im Jabre 1787, als Göthe die eben in der Verseform vollendete , Iphigenia" seinen römischen Freunden vorlas, fonnten sich diese in den rubigen Gang der Dichtung nicht gleich finden. Sie erwarteten, unter ihnen besonders Maler Müller, wieder etwas Berlichingisches; auch Tischbein wollte diese fast gänzliche Entäußerung der Leidenschaft“ nicht zu Sinne. Der mächtige Anstoß, welchen Göthe, der Jüngling der Zeit gegeben, wirfte noch immer nachtönend in ihr fort, während er selbst schon eine neue, ihr fremde Form der Bildung für sich gewonnen hatte.

Fast scheint es, als ob wir nun mit unserem Standpuncte gerückt, eine weit günstigere Auffassung für die Weimarer Einflüsse auf unseren Dichter ges wonnen bätten, als wir fie früher aussprachen. Es frägt sich ernstlic: Fallen die Nadtbeile, die das Hofleben für ihn hatte: die Vergeudung seines Talentes an poetische Bagatellen, das Eindringen höfischer Rüdfichten in die Poesie, die Theilung seines Berufes in eine amtlich-prosaische und dichterische Thätigkeit so gar nicht entscheidend in's Gewicht? Oder fann etwa selbst ein Raphael dabei gewinnen, wenn er durch zehn Jahre fast nichts als Transparente für 3Uuminationen und Hoffefte malt?

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