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Sin. Sin oder Nannar!, ,,sumerisch“ En-zu, ist der Mondgott. Bei der Vorherrschaft des Mondkultus gilt als der ihm im Weltall gebührende Punkt der Nordpunkt im Tierkreis: wie Anu ist er ,,Vater" der Götter2; Ištar, die Tochter Anus, ist auch Tochter des Sin; in dem herrlichen Mondhymnus IV R 9 wird er einmal geradezu Anu genannt. Wenn aber der Mond und zwar als Vollmond am Nordpunkt steht, ist die Sonne in der Opposition, also am Tiefpunkt angelangt. Der Mond trägt in der babylonischen Lehre Oberweltscharakter. Er repräsentiert

das Leben, die Auferstehung, denn er ist inbu ša ina rammanišu ibbanû, Frucht, die sich aus sich selbst erzeugt.

Die Sonne trägt dementsprechend

Unterweltscharakter. Sie repräsentiert den Tod, in ihr verschwinden die Gestirne. In

Ägypten, dem SonnenAbb. 35: Sin als Neumond und Venus - Ištar

land, ists umgekehrt: (mit „Morgenstern“! vgl. Abb. 42).

Osiris-Mond ist UnterBabyl. Siegelcyl.; Orig. in Rom.

weltsgottheit, die Sonne Oberweltsgottheit. Als Auferstehungsgottheit kommt Sin die grüne Farbe zu 3

Unter den Phasen des Mondes wird naturgemäß der Neumond hervorgehoben. Er wird im gesamten Orient mit Jubel

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1) Mit demselben Ideogramm geschrieben, wie die Stadt Ur (liegt ein Spiel mit urru „Licht“ vor?). Nannar ist der Erleuchter“, s. Zimmern KAT 3 362; in dem bei King, Seven Tablets veröffentlichten Ištar-Hymnus heißt Ištar: nannarat šamê u irșitim „die Erleuchterin Himmels und der Erde",

2) Die Benennung des Sin als bûru „Stier“ bezieht sich auf die Hörner des Stieres, die an die gehörnte Mondsichel erinnern; K100 Obv 7 heißt Sin „Träger gewaltiger Hörner“, s. auch unten S. 103. Im Mithras - Kult erscheint Luna auf einer von weißen Stieren gezogenen Biga. Cumont, Die Mysterien des Mithra 89, erklärt die Stiere aus der Bedeutung des Mondes für das Wachstum; das entspricht der alten aufzugebenden Anschauung. Jeder Gott kann Stier sein (bûru), sofern er Mondcharakter hat, und jede Göttin Kuh.

3) Vgl. S. 59.

begrüßt als Sichelschwert, das den Drachen besiegt hat! Besondere Bedeutung kommt, wie wir sahen, dem Frühjahrs

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Abb. 36: Anbetende werden vor den Mondgott geführt.
Altbabylonischer Siegelzylinder aus Menant, Glyptique I, pl. IV, 2.

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Neumond? bez. Frühjahrsvollmond zu (S. 32 ff.). Der Frühjahrsgleiche gehen die vierzigtägigen Aquinoktialstürme voraus 3. Es sind die Tage der Plejaden, die nach Stierrechnung dem Frühlingsanfang vorausgehen, die darum als sieben böse Geister, als Gewalten Nergals gelten. Wir besitzen einen mytho- Abb. 37: Halbmond und Hand (Venus), logischen Text, der den Kampf und heiliges Zeichen der Araber.

Amulet im Besitze des Verfassers. Sieg schildert :

1) Das arabische Hilal; wahrscheinlich liegt hier, wie zuerst de Lagarde vermutet hat, der formale Ursprung des Hallelu- jah). Vgl. das astronomische Bild S. 33 Abb. 15. Jes 27, i ist Sichelschwert MondMotiv. Vgl. hierzu S. 33.

:) Neumond und Venus bilden das heilige Zeichen der Araber. Da unter den Körperteilen der Venus die Hand entspricht (s. Hommel, Geographie und Geschichte S. 101), so tritt in dem Abb. 37 wiedergegebenen heiligen Zeichen des Muhammedaners die Hand an Stelle des Venussternes. Sie wird von den Muslims dann als „Hand Muhammeds“ gedeutet.

3) Sie repräsentieren den Winter, ähnlich wie die Epagomenen am Jahresschluß, vgl. S. 86. Sie gelten als vierzigtägig ('arabaîn in Syrien noch heute) oder fünfzigtägig (hamsîn).

- Der babylonische Mythus vom Schwarz mond und seiner Befreiung von den ,,Sieben bösen Geistern"1. (Anfang fehlt. Nach Z. 23 ist zu ergänzen, daß Bel, dem Beherrscher des Tierkreises, Kunde

gebracht wird von der Bedränggis des Mondes durch die sieben bösen Geister.) „Losbrechende Stürme?, die bösen Geister sind es, schonungslose Dämonen, die auf dem Himmelsdamm (Tierkreis) 3 er

zeugt sind; sie sind es, die Krankheit bringen, bewirkend, daß dem Haupte (des Menschen) Böses zustößt, täglich

Übles [. ............. Sieben sind es, die Boten Anus, ihres Königs. Von Ort zu Ort bringen sie Verfinsterung, ein Orkan, welcher am Himmel grimmig dahinjagt, sind sie, dichtes Gewölk, das am Himmel Finsternis verursacht, sind sie, der Ansturm der hervorbrechenden Winde sind sie, der am hellen

Tage Finsternis verursacht; mit dem Unwetter, dem bösen Winde, toben sie einher, der Regen Rammans (Adad), eine mächtige Verwüstung, sind sie; Zur Rechten Rammans gehen sie einher, am Grunde des Himmels wie Blitze [....], Vernichtung anzurichten rücken sie heran; am weiten Himmel, der Wohnung des Königs Anu, stehen sie feindlich,

und keiner ist, der ihnen entgegentritt.“ Als Bel diese Botschaft vernahm, erwog er die Sache in seinem Herzen und hielt Rat mit Ea, dem erhabenen massû der Götter. Sie setzten Sin, Šamaš, Ištar zur Verwaltung des Himmelsdammes ein”, mit Anu teilte er ihnen die Herrschaft über den ganzen Himmel zu, den Dreien, den Göttern, seinen Kindern; Tag und Nacht ohne Unterlaß sollten sie dort Dienst verrichten. Als nun die Sieben, die bösen Götter, am Himmelsdamm einhertobten, legten sie sich vor den Leuchter hin als Belagerer, machten sie den Helden Šamaš (die Sonne) und den starken Ramman

zu ihren Bundesgenossen, während Ištar bei Anu ihre herrliche Wohnung bezogen hatte und

Himmelskönigin zu werden begehrte Die folgenden verstümmelten Zeilen schildern das Unheil, das die Verfinsterung mitbringt. Das Land ist verödet, die Menschen sind in Trübsal niedergedrückt. Sein Licht war verdunkelt, auf seinem Herrschersitze saß er (der Mond")

nicht. Die bösen Götter, die Boten ihres Königs Anu,

1) Im Beschwörungstext IV R 5 als Rezitation aufgenommen. Vgl. die Erläuterung von Winckler F. III, 58 ff., Himmelsbild und Weltenbild AO III, 2-3, 65ff. Die Zeugnisse dieses wichtigen astral-mythologischen Textes wurden bereits an mehreren Stellen von uns herangezogen, s. S. 34f.

2) S. 101 Anm. 3. 3) šupuk šamê s. S. 13 f.

*) Das Folgende verstümmelt, jeder der sieben erscheint als Ungeheuer. 5) S. 13f. 6) S. 35. 108.

) Vollmondspunkt, s. die Zeichnung S. 33 Abb. 15.

indem sie bewirken, daß dem Haupte (des Menschen) Böses zustößt,

machen sie erzittern . nach Bösem trachten sie, aus dem Himmel heraus stürzen sie wie ein Wind über das Land.

Bel sah am Himmel die Verdunkelung des Helden Sin; der Herr spricht zu seinem Diener Nusku: „Mein Diener Nusku, eine Botschaft bringe zum apsû (Ozean, Reich Eas), die Kunde von meinem Sohne Sin, der am Himmel elend verdunkelt ist, melde dem Ea im apsû.“

Nusku vernahm gehorsam das Wort seines Herrn, ging eilend zu Ea in den apsû; zum Fürsten, dem erhabenen massû, dem Herrn Ea, trug Nusku das Wort seines Herrn.

Ea im apsû vernahm diese Kunde, er biß sich auf die Lippe, sein Mund war voll Wehklagen. Ea sprach zu seinem Sohne Marduk und ließ ihn das Wort vernehmen 1: „Gehe, mein Sohn Marduk, den Fürstensohn, den Leuchter Sin, der am Himmel elend verdunkelt

wird,

seine Verdunkelung laß am Himmel erstrahlen, die Sieben, die bösen Götter, die die Gebote nicht fürchten, die Sieben, die bösen Götter, die wie eine Sintflut hervorbrechen und

das Land heimsuchen, über das Land wie ein Regenguß hereinbrechen, vor den Leuchter Sin haben sie sich gewalttätig gelegt, den Helden Šamaš und Adad haben sie zu ihren Bundesgenossen ge

macht“, Auf der V. Tafel des Epos Enuma eliš werden die Phasen geschildert (vgl. hierzu die Mondlauf-Tafel Abb. 15, S. 33) 3:

Den Mond * ließ er aufleuchten, damit er die Nacht verwalte, er bestimmte ihn als einen Nachtkörper, um die Tage zu kennzeichnen: „monatsweise, unaufhörlich, aus der (dunklen) Mondscheibe (Tarnkappe) geh heraus (Neumond)5, um am Beginn des Monats wieder aufzuleuchten über das Lande (bilal!), strahle mit den Hörnern, zu bestimmen sechs Tage (am siebenten Tage ist Halbmond; da sind die Hörner verschwunden); am siebenten Tage sei die Mondscheibe halb, am 14. sollst du erreichen (?) die Hälfte [allmonat]lich (Vollmond, die Hälfte des monatlichen Laufes). Wenn Šamaš (die Sonne) am Grunde des Himmels dich... ... leuchte (?) hinter ihm (?). (Vom Vollmond an steht die Sonne unter dem Horizonte, wenn der Mond aufgeht, beleuchtet also seine rücwärtige Seite). [Am 21.) nähere dich dem Wege der Sonne, (am 27. bez. 28.] sollst du mit Šamaš zu

1) Auch hier hat Marduk die Rolle, die ursprünglich Nebo gebührt, vgl. S. 35.

2) Der Rest fehlt. Es folgt dann die Beschwörungsformel.

) Z. 12 ff. (Fortsetzung zu der S. 27f. gegebenen Analyse).
4) Var. seinen Stern! Es wird Ninib-Mars zu ergänzen sein!
5) Lies umuš (Imp. von namâšu).
6) Nicht „im Lande“; e-[li], s. King 193.

sammentreffen, mit ihm gleichstehen (mit der Sonne zusammentreffen, in ihr verschwinden).

Seine Kultorte sind in Südbabylonien Ur, in Mesopotamien Haran, wo er als Bel - Haran, aber auch unter dem Namen Sin verehrt wird; Nabonid redet von dem Tempel des Sin in Harana.

Von dem Charakter der „Zwillinge“ Sin und Nergal war bereits die Rede? Nergal war dabei gleich der Sonne. Wenn VR 46 Lugalgira und Šitlamtaëa als Zwillinge genannt sind: Gestirn der großen Zwillinge Lugalgira und Šitlamtača,

Sin und Nergal, so ergibt sich auf Grund der oben S. 15f. gegebenen Ausführungen folgende Gleichung: Zwillinge

Mond und Sonne
Ninib und Nergal*

obere Hälfte und untere Hälfte der Ekliptik
Nun ist aber Lugalgira Gibil, denn Gibil als
Feuergott gehört an den (heißen) Nordpunkt der
Ekliptik, also Lugalgira = Ninib (in diesem System
Mondplanet) und dann Šitlamtaëa = Nergal (in

diesem System Sonnenplanet). Die Vorstellung von den Zwillingen kann aber auch der Mond allein vertreten und zuar in den beiden Mondhälften des ab- und zunehmenden Mondes (er heißt deshaib vielleicht wiederholt ellammê „Zwillinge“ und vgl. die Tierkreis - Hieroglyphe, die die Zwillinge abbildet: 105; und in diesem Zusammenhange kann Lugalgira auch die zunehmende und Šitlamtaëa die abnehmende Mondhälfte vertreten.

Als Orakelgott ist Sin bêl purussê, ,,Herr der Entscheidung“. Der Priester liest in Asurbanipals Annalen nachts auf der (Vollmondscheibe, was Nebo darauf geschrieben hat.

) Leider ist das Folgende verstümmelt.

2) S. auch Hommel, Grundriß der Geographie und Geschichte des AO, S. 87. Wieweit in den bisher bekannten südarabischen Götternamen, auf deren ausschließlichem Mondcharakter Hommel die weitgehendsten Schlüsse auf baut, die Namen wirklich den Mond bedeuten, ist m. E. vorläufig nicht überall zu entscheiden. Die Hadramauter kennen den Sin, die Sabäer verstehen unter Haubas (Haubas und seine Heere) gewiß den Mond. Was der ‘Amm der katabanen ist, scheint mir trotz der Namen wie ‘Amm - ner nicht sicher, und der Wadd der Minäer ist eher Marduk als Sin. Man muß bei den ,,kanaanäischen“ Gottheiten immer bedenken, daß Sonne, Mond und Ištar dieselben Erscheinungen (s. oben S. 24) zeigen.

3, S. 65.

+, Diese grundlegende Gleichung hat Zimmern KAT 3 413 im Anschluß an Jensen nicht beachtet; eine ganze Reihe seiner Bemängelungen des „Systems" beruhen darauf.

3, S. Zimmern KAT 3 S. 363f., vgl. 413, von dessen Auffassung ich dabei freilich in wesentlichen Punkten abweiche (vgl. jetzt Winckler, F. III, 286 ff.).

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