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Sühnopfer der Götterdämmerung untergehen. Dann kommt das goldene Zeitalter. Opfertod schafft neues Leben. Balder wird wiederkommen.“ Hervorragende Germanisten haben diese Schlußfolgerungen als unberechtigt erwiesen 1. Dennoch glaube ich, daß Kauffmann gegen Ende seines Buches den Baldermythus mit Recht in den Zusammenhang der altorientalischen Lehre gerückt hat?. Kauffmann wird dann übrigens zugeben müssen, daß bereits Rudbeck 1689 gar nicht so unrecht hatte, wenn er den Baldermythus auf das Ergebnis führte: ad solis circuitum annuum haec omnia referenda esse, und daß der „längst vergessene“ Finn Magnusen, der Rudbecks Ansicht eine kosmische Perspektive gab, und der in Balder ein Prototyp des großen Weltenjahres und seines im Weltbrand sich erfüllenden Endes sah, samt seinen Nachfolgern E. G. Geijer und N. M. Petersen auf dem richtigen Wege gewesen ist. Die germanische Mythologie wird in entscheidenden Punkten auf die mit l'nrecht geringschätzig behandelten Forschungen vor Jakob Grimm zurückgreifen müssen.

In Völuspa erzählt die Völve uraltes Erlebnis. Sechs Walküren reiten vom Himmel zur Erde. Im Geäst eines hochragenden Baumes wächst die Mistel, die zum Pfeil in der Hand Lokis wird. Frigg klagt um den getöteten Sohn. Aber Balder wird einst nach Walhall zurückkommen. Dann werden „unbesät die Äcker Frucht tragen", alles Böse wird auf hören".

Die Fragmente von Ulfrs Gedicht Husdrapa (um 975) beziehen sich auf mythologische Bilder, die im neuen Hause eines Großen im westlichen Island an die Wände gemalt waren, und die den Kampf Heimdallrs mit Loki, die Leichenfeier Balders u. a. darstellten. Ulfr war ein Anhänger des alten Glaubens. Nach den Fragmenten, die sich auf Balder beziehen, ist der Scheiterhaufen Balders auf dem Schiffe zugerüstet. Odin selbst erscheint, von Walküren und Raben begleitet. Freyr reitet auf goldborstigem Eber (!) herbei; Heimdallr zu Roß. Aus Snorres Edda läßt sich die Szene ergänzen : Nanna, des Nefr Tochtert, stirbt vor

1) Heusler in D. Lit. Ztg. 1903, Nr. 8. Mogk im Literaturblatt für german. u. roman. Philologie 1905, Nr. 6. Prof. Mogk bin ich durch den Hinweis auf Irrtümer des Kauffmannschen Buches zu großem Danke verpflichtet.

2) Kauffmann hält es „insbesondere für nicht unwahrscheinlich, daß der ganze Vorstellungskreis von einem im Himmel um Odin sich sammelnden Heer, das gleich den Sternen, die vom Himmel fallen, dem großen Weltbrand erliegen wird, in prähistorischer Zeit (!) aus dem Orient (!) den Germanen zugekommen und entlehnt ist.“

3) Vgl. zu diesem Motiv des goldenen Zeitalters Zimmern KAT: 380 ff. mein BNT 31 ff.

*} Snorres Edda nennt Forseti als Sohn der beiden.

Kummer und wird auf den Scheiterhaufen gelegt. Die Riesin Hyrokin stößt das Schiff vom Lande, dann weiht Thor den Scheiterhaufen mit dem Hammer. Die Götter aber senden einen Boten, Balder aus dem Hause der Hel zu erlösen.

In einer Halbstrophe der um 1220 entstanden Rafns saga heißt es: ,, Alles weinte das habe ich, so wunderbar es erschien, vernommen um Balder aus der Unterwelt zu erlösen.“ Und in einer Spruchsammlung des 12. Jahrhunderts hören wir: die Unterwelt hatte Balder verschlungen; alle weinten ihm nach, Trauer war ihnen bereitet; seine Geschichte ist ja männiglich bekannt, was brauch ich darüber viel Worte zu machen?"

Snorres Edda berichtet, wie Balder, der gute Sohn Odins, vom blinden Hödur? auf dem Ringplatz auf Lokis heimtückisches Betreiben durch den Mistelzweig, der von den Naturdingen durch Frigg einzig nicht vereidigt war, getötet wurde. Alle Götter weinen bitterlich? Frigg fragt, wer von den Göttern zur Unterwelt reiten will, um Balder auszulösen. Hermodr, ein Bruder Balders, reitet neun Nächte durch finstere Täler bis zur goldenen Brücke, die eine Jungfrau bewacht. Nordwärts führt der Weg zur Unterweit, deren Tor Hermodrs Roß im Sprunge nahm. Balder soll freigegeben werden, wenn mit den Asen alle Dinge, lebende und tote, um ihn weinen. Hermodr kehrt heim, Balder gibt für Odin den Ring Draupnir mit, Nanna für Frigg ihr Kopftuch. Die Asen schicken Sendboten zu allen Wesen, Balder loszuweinen. „Menschen und Tiere, Erde und Gestein, alles Holz und Erz weinte um Balder, wie du gesehen haben wirst, daß diese Wesen alle weinen in Frost und Hitze (!).“ Nur eine Riesin weigert sich: „Behalte Hel, was sie hat.“

Marduk von Babylon. Die Gestalt des Marduk von Babylon, wie wir sie seit der Hammurabi-Zeit kennen, ist eine Schöpfung der babylonischen Priesterschaft, die dem Anspruch Babylons auf die Weltherrschaft die religiöse Sanktionierung gibt. Der scheinbare Synkretismus stellt die Personifikation des gesamten Systems dar. C'rsprünglich, bei Entstehung des Systems, scheint er identisch mit Marduk von Eridu gewesen zu sein, aber für die historische Zeit sind beide Erscheinungen, die auch mit verschiedenen Ideogrammen bezeichnet werden, voneinander zu unterscheiden. Marduk von Eridu scheint von jeher Sonnencharakter gehabt zu haben (AMAR UD Sonnenstier), während Marduk von

? Zur Sichtung von Snorres Bericht s. Kauffmann S. 30ff.
2) In der isländischen Fassung Loki, Snorre schiebt Hödur ein?

3) Kauffmann ist die ungermanische Weinseligkeit der Götter im nordischen Mythus mit Recht aufgefallen. Es ist die Tammuz-Klage.

4, S. Anm. 4. Alles Leben ist erstorben, daher die Klage, vgl. Höllenfahrt der Ištar. Nicht „erlösende Kraft der Muttertränen“ ist das Motiv, wie Kauffmann S. 53. 63 will.

Babylon speziell mit dem Jupiter verbunden zu sein scheint als Partner des Nebo (Borsippa), Nergal (Kutha) und Ninib (s. S. 93). „Am glänzenden Himmel (burummi ellûti) ist gewaltig seine Bahn“, heißt es in einem Hymnus.

Die folgenden Übertragungen auf Marduk glauben wir nachweisen zu können:

1. Die Funktionen des Königs der Götter sind ihm übertragen. Das Epos Enuma eliš stellt es so dar, daß ihm bei der Götterversammlung als dem Berufensten die Herrscherrolle zugesprochen worden sei. Anšar hat Kampf und Herrschaft zuerst Anu zugedacht, der aber vor dem Kampfe zurückschreckte. Sein Anrecht dazu hat er sich als Besieger der Tiâmat erworben, s. Kap. III S. 132 ff. Dabei erhält Marduk fünfzig Namen – das heißt, der ganze Kreislauf der Natur durch Jahr und Äon wird in ihm verkörpert (s. S. 28).

2. Von Bel, dem Beherrscher des Tierkreises, übernimmt er die Rolle als mušîm šîmâti, „Bestimmer der Geschicke“ und als bel matâti, ,,Herr der Länder". So heißt Bel z. B. auf der Schlußansprache der Hammurabi-Stele. Im Schöpfungsepos heißt es ausdrücklich, daß ihm u. a. die Stellung als Bel zugesprochen wurde. Er heißt deshalb auch Bel ?, z. B. IV R 40, Nr. 1:

„Bel, deine Wohnung ist Babel, Borsippa dein Throngemach,
den weiten Himmel, dein ganzes Herz,
Bel, mit deinen Augen durchschaust du alles."

3. Von Ea übernimmt er die Rolle des abkal ilâni (z. B. Šurpu IV, 77; VIII, 71), des Weisen unter den Göttern. Das verraten die Begleitworte des Codex Hammurabi. Dort ist der Marduk-Kult noch in der Durchführung begriffen, und wir finden Ea mit Epitheta geschmückt, dié später Marduk von Babylon auszeichnen.

4. Die Eigenschaften des Marduk von Eridu, des Sohnes Eas (S. 97 ff.), gehen auf ihn über. Auch der Tempelname Esagila wurde von Eridu auf Babylon übertragen. Ebenso gehört die Schicksalsbestimmung ursprünglich in das Reich des Sohnes Eas. In einem Beschwörungshymnus 3 an Marduk heißt es: „Ein Gott, ohne den in der Wassertiefe das Los der Menschen nicht

bestimmt wird."

1) Zu Marduk-Jupiter s. Jensen, Kosmologie S. 134 f.
2) So auch bei Jes 46, i und im Apokryphon vom Bel zu Babel.
3) S. Hehn Nr. 3. AB V.

vor

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Von Eridu stammt auch die im Epos Enuma eliš verherrlichte Stellung des Marduk von Babylon als Demiurg, nicht, wie bisher allgemein, aber ohne Begründung angenommen wurde, vom Bel von Nippur. In dem eigentlichen Schöpfungsbericht (s. S. 129ff.) ist Marduk von Eridu Schöpfer der Erde und der Menschen. Viele der Hymnen, die Marduk in der Rolle des Sohnes Eas verherrlichen, scheinen geradezu auf den Stadtgott von Babylon umgedichtet worden zu sein, vor allem die von dem barmherzigen, großohrigen (S. 98) Gotte handelnden, der wohltuend umherzieht und die Menschen errettet.

5. Auch Nebo von Borsippa hat seinen alten Ruhm an Marduk von Babylon abgeben müssen. In den Zeiten

der ersten Dynastie muß man für Nebo die Rolle voraussetzen, die später Marduk zufiel. Ihm müssen früher wie Anu und Bel die Schicksalstafeln zugesprochen sein, die beim TiâmatKampf an Marduk übergeben werden. Seit

Abb. 50: Quetzalcuati. der Hammurabi - Zeit ist er zum „Schreiber

Nach Seler Cod. Vatic. 3773. der Geschicke“ im Du-azag, dem Schicksalsgemach, degradiert. Das ist in der Kalenderreform, in dem Vorrücken der Präzession (s. oben S. 66) begründet. Die Sonne ist in den Stier gerückt, der dem Marduk-Jupiter gehört". Dadurch bekam Marduk die Rolle des ,,Verkünders" und Retters, die ursprünglich Nebo zukam 2.

So wird Marduk von Babylon schließlich zum „Gott des Weltalls“ „König der Götter“, „König Himmels und der Erde“, „Herr der Herren, König der Könige". In einem der Hymnen, die diesen Marduk verherrlichen, versteigt sich der dichtende Priester bis zu dem Gedanken 3:

„Ich will verkünden deine Größe den weiten Völkern.“

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1) Im mexikanischen Tonalamatl entspricht Marduk der Gott des Ostens Quetzalcuatl s. Abb. 50.

2) Vgl. S. 82f. Ich habe in meiner Monographie Nebo bei Roscher auf den ursprünglichen Vorrang Nebos hingewiesen, ohne die Zusammenhänge klar zu erkennen, wie sie jetzt durch Winckler, z. B. F. III, 277 ff. klargestellt worden sind. S. dann auch Zimmern, KAT 3 S. 402 vgl. 399, der aber irrtümlich Marduk und Nabû für „möglicherweise ursprünglich identisch“ hält.

3) King, Bab. Magic 18.

Der siebenstufige Tempel dieses Marduk in Babylon heißt E-temen-an-ki, „Haus des Fundaments Himmels und der Erde". Von ihm heißt es bei Erneuerungsbauten wiederholt, man habe „seine Spitze bis an den Himmel reichen lassen“. Er bildet den Prototyp für den biblischen ,,Turmbau zu Babel“ s. Kap. Turmbau.

Zum Neujahrsfest s. S. 86 f.

An die Gestalt des Marduk hat sich eine ausgebildete naturalistische Erlösungslehre angeknüpft. Marduk ist der Barmherzige, der es liebt, von den Toten zu erwecken, der Großohrige", der die Bitten der Menschen hört. Diese Erlöserlehre hat sich bis über die christliche Ära hinaus auf babylonischem Boden entwickelt. Sie lebt fort in der Religion der Mandäer, die noch heute in den Sumpfgegenden des Euphrat und Tigris und in den Grenzgebieten von Persien existiert und deren Erlösergott Mandâ de hajjê oder Hibil Ziwâ identisch ist mit Marduk, dem Sieger über das Ungeheuer der Finsternis.

Zum Schluss sei noch ein Hymnus an Marduk von Babel im Auszug wiedergegeben, der wohl ursprünglich nach Eridu gehört und religiös interessante Gedanken enthält?:

Marduk, dein Name ist überall im Munde der Menschen glückbringend! Marduk, großer Herr, auf dein erhabenes Gebet

möge ich gesund und heil sein und so deine Gottheit verehren;

wie ich es wünsche, möge ich es erlangen! Lege Wahrheit in meinen Mund;

la B gute Gedanken in meinem Herzen sein!

Trabant und Leibwächter? mögen Gutes künden!
Mein Gott möge an meine Rechte treten;

meine Göttin möge an meine Linke treten;
ein Gott, der mich bewahrt, möge mir zur Seite stehen!

Nebo. Nebo vertritt im astralen System des Stierzeitalters die westliche, winterliche Jahreshälfte. Sein Offenbarungsgestirn ist Merkur, der nach der Lehre von Babylon in Opposition zu Marduk - Jupiter den Westpunkt des Tierkreises beherrscht 3.

In früherer Zeit hat er, wie bereits bemerkt, die Rolle gespielt, die seit Babylons Vorherrschaft Marduk einnimmt. NeboMerkur ist der Morgenstern, der die neue Zeit verkündet, s. S. 67.

') Hehn, Hymnen an Marduk Nr. 13 AB V. Zimmern, AO VII, 3, 16.

2. Wahrscheinlich zwei Götterkinder, wie Kettu und Mešaru, Recht und Gerechtigkeit, die Šamaš zur Seite stehen. 3) Vgl. S. 26.

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