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klaren Bewußtsein vom Verhältnis des Menschen zu Gott und sie kennen die innere sittliche Verantwortlichkeit. Man hat mit Recht gesagt, daß die liturgische Formel „unbekannter Gott“, „unbekannte Göttin“ wie eine Parodie klingt auf Worte wie Ps 51, 6: „An dir allein hab ich gesündigt und übel in deinen Augen getan." Wo sind in den babylonischen Psalmen Gedanken zu finden, wie Ps 32, 5: „Ich sprach, ich will dem Herrn meine Sünde bekennen, da vergabst du mir die Missetat meiner Sünde“; Ps 51, 12: „Schaffe in mir Gott ein reines Herz" ??

Daß den Babyloniern bei solcher Betonung von Sünde und Schuld der Gedanke an einen „Sündenfall“ am Anfang der Menschengeschichte nicht fern gelegen hat, ist zu erwarten. In der Tat zeigt die Auffassung der Sintflut als einer Strafe, die um der Frevel der Menschen willen gekommen ist, und die Mythen von Strafheimsuchungen, die der Sintflut vorausgegangen sind und deren Höhepunkt das Verderben der Flut war (s. dazu S. 233), daß man von Sünden der Urzeit redete.

Schließlich sei noch ein Text2 mitgeteilt, der in der ausgezeichneten Interpretierung H. Zimmerns in weiten Kreisen bekannt geworden ist und berechtigtes Interesse erweckt hat, weil er uns wie kein anderer einen tiefen Blick tun läßt in die Psychologie des babylonischen Büßers und in die gesamte Weltanschauung des außerbiblischen vorderen Orients: ,,Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt".

„Ich gelangte zu (langem) Leben, über das (Lebensziel ging es hinaus. Wo ich mich auch hinwende, da steht es schlimm, ja schlimm; meine Drangsal nimmt überhand, mein Wohlergehen erblicke ich

nicht. Rief ich zu meinem Gott, so gewährte er mir nicht sein Antlitz,

fehte ich zu meiner Göttin, so erhob sich ihr Haupt nicht. Der Wahrsager deutete nicht durch Wahrsagung die Zukunst,

durch eine Spende stellte der Seher mein Recht nicht her. Ging ich den Totenbeschwörer an, so ließ er mich nichts vernehmen,

der Zauberer löste nicht durch ein Zaubermittel meinen Bann. Was für verkehrte Dinge in der Welt!

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Blickte ich hinter mich,
Als ob ich eine Spende

oder bei der Mahlzeit

so verfolgte mich Mühsal.
meinem Gott nicht dargebracht hätte,
meine Göttin nicht angerufen worden wäre,

!) Vgl. Fr. Jeremias bei Chantepie de la Saussaye, Religionsgesch.3 322 f.; Sellin, Ertrag der Ausgrabungen S. 17.

2) Zimmern, zuletzt AO VII, 3, S. 28 ff. Text: IV R 60*. Zu diesem alten Texte existiert ein philologischer Kommentar in Keilschrift V R 47; vgl. auch Delitzsch, BB III, 54.

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mein Antlitz nicht niedergeschlagen, mein Fußfall nicht sichtbar

gewesen wäre; (wie einer), in dessen Munde stockten Gebet und Flehen,

(bei dem) der Tag Gottes auf hörte, der Festtag ausfiel; der nachlässig war, auf (der Götter) Ausspruch (?) nicht achtete,

Furcht und Verehrung (Gottes) seine Leute nicht lehrte; der seinen Gott nicht anrief, von seiner Speise aß,

seine Göttin verlies, ein Schriftstück (?) ihr nicht brachte; der den, der geehrt war, seinen Herrn, vergaß, den Namen seines mächtigen Gottes geringschätzig aussprach

so erschien ich. Ich selbst aber dachte nur an Gebet und Flehen,

Gebet war meine Regel, Opfer meine Ordnung.
Der Tag der Gottes-Verehrung war meine Herzenslust,

der Tag der Nachfolge der Göttin war (mir) Gewinn und Reichtum. Dem König zu huldigen, das war meine Freude,

auch ihm zu spielen, das war mir angenehm. Ich lehrte mein Land auf den Namen Gottes zu achten,

den Namen der Göttin zu ehren, unterwies ich meine Leute. Die Verehrung des Königs machte ich riesen(?)gleich,

auch in der Ehrfurcht vor dem Palaste unterwies ich das Volk.

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Wüßte ich doch, daß vor Gott solches wohlgefällig ist! Was aber einem selbst gut erscheint, das ist bei Gott schlecht; was nach jemandes Sinn verächtlich ist, das ist bei seinem Gotte

gut. Wer verstünde den Rat der Götter im Himmel,

den Plan eines Gottes, voll von Dunkelheit (?), wer ergründete ihn! Wie verstünden den Weg eines Gottes die blöden Menschen!

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Der am Abend noch lebte, war am Morgen tot,

plötzlich ward er betrübt, eilends ward er zerschlagen; im Augenblick singt und spielt er noch,

im Nu heult er wie ein Klagemann. Tag und Nacht ändert sich ihr' Sinn. Hungern sie, so gleichen sie einer Leiche,

sind sie satt, so wollen sie ihrem Gotte gleichkommen. Gehts ihnen gut, so reden sie vom Aufsteigen zum Himmel, sind sie voll Schmerzen, so sprechen sie vom Hinabfahren zur Hölle.

(fehlt ein größeres Stück?)

45

Zum Gefängnis ist mir das Haus geworden.
In die Fessel meines Fleisches sind meine Arme gelegt,

1) Nämlich der Menschen.

2) Einige Zeilen der Lücke können aus dem Kommentar zu diesem Texte, sowie aus einem Konstantinopeler Duplikat ergänzt werden. Dieselben enthalten bereits eine Schilderung des Leidenszustandes des Sprechenden, eingeleitet durch die Worte: „Ein böser Totengeist ist aus seinem Loche hervorgekommen“ (Zimmern).

in meine eigenen Bande

sind meine Füße geworfen.

(fehlt eine Zeile) Mit einer Peitsche hat er mich geschlagen,

voll von mit seinem Stabe hat er mich durchbohrt, der Stich war gewaltig. 20 Den ganzen Tag verfolgt der Verfolger mich,

inmitten der Nacht läßt er nicht mich aufatmen einen Augenblick.

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Durch Zerreißen (?) sind gesprengt meine Gelenke,

meine Gliedmaßen sind aufgelöst, sind .... In meinem Kote wälzte (?) ich mich wie ein Stier,

war begossen wie ein Schaf mit meinem Unrat. Meine Fiebererscheinungen sind dem Zauberer unklar geblieben (?);

auch hat meine Vorzeichen der Wahrsager dunkel gelassen. Nicht hat der Beschwörer meinen Krankheitszustand gut behandelt; auch gab einen Endpunkt für mein Siechtum der Wahrsager

nicht an. Nicht half mir mein Gott, faßte mich nicht bei der Hand,

nicht erbarmte sich meiner meine Göttin, ging mir nicht zur Seite.

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Geöffnet war (schon) der Sarg, man machte sich an meine Bei

setzung (?), ohne schon tot zu sein, ward die Wehklage um mich vollführt. Mein ganzes Land rief: Wie ist er übel zugerichtet!“ Da solches mein Feind hörte, erglänzte sein Angesicht;

meiner Feindin () verkündete man es, ihr (?) Sinn ward heiter.

5

Ich weiß (aber) eine Zeit

wo inmitten der Manen

für meine gesamte Familie,
ihre Göttlichkeit geehrt sein wird!."

Für das Kapitel Sünde und Sündenfall bietet in gewisser Beziehung noch wertvolleres Material die Religion des Avesta. Wir haben S. 147 ff. die avestische Lehre kennen gelernt, nach der zwei Welten im Kampfe stehen, die Welt des Ahuramazda und die Welt des Ahriman. Zarathustras Theologie hat den Schauplatz des Kampfes in die Seele des Menschen verlegt. Ahriman ist Ursache der Sünde. Yima, der Repräsentant des goldenen Zeitalters (S. 149), „,der gute Hirte, der über die sieben Weltgegenden herrschte“, fand an falschen und unwahren Worten Gefallen, und die Herrlichkeit flog in Gestalt eines Vogels von ihm weg? Die Vollendung der Erlösung in der Welterneuerung wird mit Ahriman auch die Sünde vernichten. Die Verbindung des finstren chaotischen Ungeheuers, das als Drache oder Schlange erscheint, mit dem Verführer zur Sünde ist in der Religion Zarathustras deutlich vorhanden. Der biblischen Anschauung liegt sie ebenfalls zugrunde, wenn es auch in unsern

1) Die Übersetzung der beiden letzten Zeilen ist sehr unsicher.
?) Yast 19, 31 ff. Orelli, Religionsgesch. 549.

Texten nicht deutlich hervortritt. Die Schlange im Paradies, deren Vernichtung 1 Mos 3, 15 versprochen wird, ist im letzten Grunde identisch mit den Chaosungeheuern Leviathan, Rahab, die Jahve besiegt. In der Apok. Joh. wird die Endzeit geschildert, die der Urzeit entspricht. Dort tritt die Verbindung klar hervor in dem ,,Drachen“, „der alten Schlange, die die ganze Welt verführt", 12, 9; 20, 8. Es kann kaum zweifelhaft sein, daß die babylonische Lehre den Gedanken von dem Chaos

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ungeheuer als Ursache des Verderbens auch gekannt hat, wenn auch noch keine direkten Zeugnisse vorliegen. In einem Dankpsalm, von dem nur Fraginente vorhanden sind?, heißt es: „Beim göttlichen Strom, woselbst das Gericht der Menschen gehalten

wird, wurde mir das Mal abgewischt, die Kette abgenommen, in den Rachen des Löwen', der mich verschlingen wollte, hat Marduk Gebis gelegt.“

In der mexikanischen Mythologie heißt das erste Weib ,, die Frau mit der Schlange“ oder „die Frau von unserm Fleische" und hat Zwillingssöhne. Die Abb. 71 * stellt sie dar,

1) Seler, Cod. Vat. Nr. 3773, I, S. 133.

2) Zimmern AO VII, 3, 30f. Text V R 48. Es ist nur von leiblichen Leiden die Rede, aber es handelt sich um einen Bußpsalm.

3) Darf an i Pt 5, 8 erinnert werden?

+) Vgl. Humbold, Pittoreske Ansichten der Cordilleren II, 41 und 42 (Tafel 13), Lueken, I. c. S. 132.

mit der Schlange redend, während die Zwillingskinder im Streit erscheinen. Sie wird in Mexiko verehrt als Gattin des Gottes des himmlischen Paradieses.

Ebenso kennen die Inder eine göttliche Urmutter des Menschengeschlechts, die im Paradiese (dem indischen Meru) wohnt. So hat im Anfang die Schlange den bösen Dämon Mahišasura bekämpft, ihm den Kopf zertreten und abgeschlagen

ein Sieg, der sich am Ende der Weltzeit wiederholen wird, wenn Brahma dem Indra die Weltherrschaft zurückgeben wird ".

Die Chinesen haben einen Mythus, nach dem Fo-hi, der erste Mensch, die Wissenschaft von Yang und Yin, dem männlichen und weiblichen Prinzip (Himmel und Erde) erfunden habe, s. S. 153. Ein Drache, der aus der Tiefe kam, habe sie ihm gelehrt? „Das Weib“, heißt es in einer erklärenden Glosse, ,,ist die erste Quelle und die Wurzel aller Übel".

Der glückliche Zustand des Urmenschen. Die Sündenfall-Geschichte setzt ein goldenes Zeitalter voraus, in. dem die Menschen in Gottesnähe und Frieden lebten. Auch dieser Gedanke ist Gemeingut der Menschen. Man hat gesagt 3, der Mythus vom Frieden der Menschen atme die Sehnsucht eines kriegesmüden gealterten Volkes nach Ruhe und Frieden, das älteste Israel könne ihn also nicht erzeugt haben. Erzeugt hat Israel die Lehre vom goldenen Zeitalter nicht. Aber die zugrunde liegende Weltanschauung (nicht Mythus) fragt nicht nach politischen Zuständen. Der glückliche Urzustand hängt mit der Weltzeitalterlehre zusammen, s. S. 62 ff. Auf das goldene Zeitalter folgt das silbernet, dann das kupferne, dann das eiserne. Die Zeiten werden schlechter. Die Endzeit wird Zustände der Urzeit wiederholen (vgl. z. B. AG 14, 11). Die babylonischen und assyrischen Texte reden oft von einer Segenszeit, in der sich Gedanken von einer vergangenen glücklichen Zeit wiederspiegeln".

Das Gilgameš-Epos erzählt von einem Freunde des Helden, einem an Pan und Priapus erinnernden, am ganzen Körper behaarten Heros Eabani. Er ist das Geschöpf, das Aruru schuf,

1) Lueken I. c. 90 f. 2) Lueken S. 98. 3) Gunkel, Genesis 109.

*) Eigentlich müßte die Reihenfolge sein: Silber (Mondzeitalter), Gold (Sonnenzeitalter, bez. Saturn-Zeitalter, denn Sonne Saturn-Nergal S. 24). Die Umkehrung ist unter der Herrschaft der Lehre von Marduk (Sonnenerscheinungi oder unter ägyptischem Einfluß erfolgt.

“) KAT 3 380 f. BNT 31 f. 57.

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