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Die Trümmer solcher Tempeltürme finden sich auf allen großen Tells des Zweistromlandes. Der Aufstieg ging in Windungen oder auf Stufen empor; oft beides zugleich, s. S. 187. 281. Der Neboturm von Borsippa (s. Abb. 82) ragt noch heute 48 Meter über den Hügel Birs Nimrud empor. Er bestand aus sieben Etagen entsprechend den sieben Planeten, und noch heute sind die Reste der Planetenfarben zu sehen. Es ist selbstverständlich, daß diese gigantische Ruine auch in nachbabylonischer Zeit von Sagen umwoben war. So erklärt es sich wohl, daß die jüdische Tradition (vgl. Beresch. Rabba 42, 1) I Mos II mit dem Borsippa-Tempel statt mit dem Bel-Merodach

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Tempel von Babylon in Verbindung brachte, und das Alexander Polyhistor und Abydenus an die gigantischen Trümmer von Birs Nimrud eine der Genesis-Erzählung entsprechende (von ihr abhängige?) Überlieferung knüpften ?

Rekonstruktionen solcher Tempeltürme nach Herodot und den Keilinschriften stellte der Architekt Chipiez 1879 im Salon in Paris aus; sie sind beschrieben und abgebildet bei Perrot et Chipiez, Histoire de l'art dans l'Antiquité II, 379 ff. Eine authentische Abbildung findet sich auf

11 Näheres darüber S. in meinem Kampf um Babel und Bibel“, S. 40, und vorher in meiner Monographie Nebo in Roschers Lexikon der Mythologie. Vgl. auch Hommel, Aufs. u. Abh. 384f. u. 457 f. und Zimmern KAT 3 616f., Anm. 7.

2) Andere Tempeltürme wurden bereits früher S. 28 und 126 erwähnt, s. auch unten S. 281 Anm. 2.

einem Alabasterrelief in Niniveh, s. Abb. 8 und auf dem S. 10, Abb. 3, wiedergegebenen Merodachbaladan-Stein, wo der Stufenturm mit unter Schlangen- und Drachenungeheuern steht. Zu Abb. 8 vgl. Bischoff, Im Reiche der Gnosis S. 80. Zu den von der amerikanischen Expedition bloßgelegten Trümmern des Tempelturmes von Nippur s. Abb. 83 und vgl. Hilprecht, Die Ausgrabungen im Bêl-Tempel zu Nippur; zu den Trümmern des Stufenturmes von Assur s. MDOG 1905.

Eine nach dem Befund der Ausgrabungen im allgemeinen zuverlässige Schilderung des Marduk-Tempels von Babylon gibt Herodot I, 181f.:

„In jedem der beiden Teile der Stadt befindet sich in der Mitte, in dem einen Teile die königliche Burg innerhalb einer großen und starken Umfassungsmauer, in dem andern das Heiligtum des Zeus Belus mit ehernen Toren; dieses war noch bis zu meiner Zeit vorhanden, ein Viereck im Umfang von zwei Stadien auf jeder Seite; in der Mitte des Heiligtums ist ein Turm gebaut, sest von Stein, in der Länge und Breite eines Stadiums; auf diesem Turm erhebt sich ein anderer Turm, auf diesem wieder ein anderer, bis zu acht (!) Türmen; man steigt hinauf auf einer Treppe, die von außen ringsherum um alle diese Türme (!) angebracht ist. In der Mitte ungefähr beim Hinaufsteigen ist ein Ruhepunkt mit Sitzen zum Ausruhen, auf denen die Aufsteigenden sich niederlassen, um auszuruhen; in dem letzten Turme ist ein großer Tempel: in diesem Tempel befindet sich eine große wohl gebettete Lagerstätte, und daneben steht ein goldener Tisch; ein Götterbild ist aber dort nicht aufgerichtet, auch verweilt kein Mensch darin des Nachts, außer einem Weibe, einem von den Eingeborenen, die der Gott sich aus allen erwählt hat, wie die Chaldäer versichern, die Priester dieses Gottes sind.

Eben dieselben behaupten auch, wovon sie jedoch mich nicht überzeugt haben, daß der Gott selbst in den Tempel komme und auf dem Lager ruhe, gerade wie in dem ägyptischen Theben auf dieselbe Weise, nach Angabe der Ägypter. Denn auch dort schläft in dem Tempel des Thebanischen Zeus ein Weib. Diese beiden pflegen, wie man sagt, mit keinem Manne Umgang. Ebenso auch verhält es sich in dem Lycischen Patara mit der Priesterin des Gottes zur Zeit der Orakelung; denn es findet diese nicht immer daselbst statt; wenn sie aber stattfindet, so wird sie dann die Nächte hindurch mit dem Gott in den Tempel eingeschlossen.“

Welchem Zwecke dienten die babylonischen Tempeltürme? Wie alle Tempelheiligtümer waren sie Abbild eines himmlischen (kosmischen) Heiligtums. Wie die astrologischen Bilder auf den Grenzsteinen ,, Häuser" (bez. Throne) für die planetarischen Gottheiten darstellen, zeigt der Grenzstein MerodachBaladans 2 einen Etagenturm am Himmel. Die siebenstufigen Tempeltürme sind das Abbild des himmlischen Etagenturmes 3,

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1; Vgl. z. B. S. 10 Abb. 2. 2) S. 10 Abb. 3, s. oben.

3) Auch die anderen Tempeltürme haben Namen, die sich auf den Kosmos beziehen. „Haus der 50“ (das ist der Weltzyklus, s. oben S. 28) hieß der Tempel in Girsu. Der Marduktempel in Babylon hieß E-temenden die Planetenbahnen (tubukati) über dem Tierkreis bilden, und die, welche hinaufsteigen, tun ein dem Gotte wohlgefälliges Werk, s. 52.

Wir dürfen annehmen, daß dieser kultische Zweck auch später betont wurde. Die Tempeltürme würden dann den Versuch einer Annäherung an die Gottheit bedeuten. Das scheint auch der Erzähler i Mos II anzunehmen, nur daß er ein solches Vorhaben als heidnische Tollkühnheit und als frevelhaften Übermut brandmarkt.

Daß die Tempeltürme, deren Spitze den Zugang zum Himmel darstellt, mit einem Heiligtum gekrönt gewesen sind, darf von vornherein angenommen werden. Nebukadnezar berichtet, er habe auf der Spitze der Tempeltürme von Babylon und Borsippa ein strahlendes Heiligtum als „wohlbestellte Kammer" erbaut!. Wie weit die Schilderung Herodots zutrifft, läßt sich mit dem vorhandenen Material nicht entscheiden. Es ist sehr wohl möglich, daß der Dienst der „Weiber Marduks“, von denen der Cod. Hamm. spricht, mit der Tempelkapelle zusammenhängt.

Bei der hohen Bedeutung, die der Astronomie in Babylonien zukam, wird man fernerhin erwarten, dass die Türme auch astronomischen Zwecken dienten? Die Inschriften verraten bisher nichts davon. Aber Apollonius von Tyana (1, 25), der bei seiner Beschreibung Babylons aus guten Quellen zu schöpfen scheint, hat vielleicht den Tempelturm im Auge, wenn er von einem großen Gebäude aus Ziegeln, mit Bronze belegt, spricht und sagt, daß sich darin eine von Gold und Saphir strahlende Kapelle befand, die das Firmament (den Sternhimmel:) darstellte.

Endlich wäre zu erwarten, daß die Türme Begräbniszwecken gedient haben. Der Bel-Tempel von Nippur (s. Abb. 83) ist von Gräbern umgeben, gleich den Pyramiden; einer seiner Namen ist E-gigunû ,,Haus der Gräber“. Bekanntlich behaupten die Klassiker, der Tempel von Babylon habe ein Grabmal des Gottes Bel enthalten. Dazu stimmt, daß der Turm zu Larsa in einer Nabonid - Inschrift „, Grab des Sonnengottes" genannt

an-ki „Haus des Fundamentes Himmels und der Erde", der Tempelturm von Nippur hieß u. a. E-sag-aš „Haus der Entscheidung“, wohl im Sinne der Schicksalsbestimmung. Der siebenstufige Bel-Tempel von Nippur (s. Abb. 83) hieß u. a. Dur-an-ki „Band Himmels und der Erde“ (Hommel, Grundriß 351, Anm. 2).

?) maštaku taậnî KB III, 2, 31.

2, Ebenso hatten nach neueren Feststellungen die Pyramiden Richtkanäle zur Feststellung der Sonnenwenden.

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wird?. Vielleicht ist auch das Grab des Ningirsu im Tempel zu Lagaš, das Gudea errichtet, und die Grabstätte der Malkat zu Sippar, die Hammurabi in der Einleitung zum Gesetzeskodex mit Grün, der Farbe der Auferstehung, bekleidet, s. S. 110, im Tempelturm zu suchen. Es sind Heiligtümer der Gottheit, die das Sterben und Wiederauferstehen des Naturlebens (Mond, Sonne oder Kreislauf) körpern. Zugleich aber wird es sich um Königsgräber handeln, wie bei den Pyramiden ? Die altbabylonischen Könige gelten gleich den Pharaonen als Inkarnationen der Gottheit. Naramsin, Gudea, Dungi haben das Götterdeterminativ? Die Ägypter sagten

Mumie des Königs: du bist Osiris, d. h. du wirst auferstehn (S. 82 ff.). Mit ähnlichen Gedanken wird man an die Königsgräber in den Tempeltürmen Baby

Abb. 83: Trümmer vom Stufenturm in Nippur. loniens getreten sein.

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Außerbiblische Traditionen. In den Sibyllinischen Orakeln (zitiert bei Theophilus ad Autolycum) heißt es im 3. Buch (Kautzsch, Pseudepigr. 187f.):

) KB III, 2, S. 90, Z. 16; s. Hilprecht 1. c. S. 71.

2) Hilprecht, Die Ausgrabungen im Bel-Tempel zu Nippur 68 ff., sieht in den Etagentürmen die Darstellung einer feinsinnigen kosmisch-religiösen Idee: im oberen Teile repräsentierend die Majestät der Gottheit, im mittleren Teile die Kultstätte der auf Erden wohnenden Menschheit, und in dem in den Hades hinabreichenden unteren Teil den Ort der Toten. Diese Konstruktion Hilprechts stimmt nicht allenthalben zum babylonischen Weltbild; es spielen hier wohl modern-religiöse Vorstellungen hinein, die der Antike zu viel zumuten.

3) So auch Hommel, Grundriß S. 126 vgl. Aufs. u. Abh. 390 ff.

„Als sie'' den Turm bauten im assyrischen Lande sie waren aber alle von gleicher Sprache und wollten emporsteigen zum gestirnten (!) Himmel. Alsbald aber legte' der Unsterbliche ,den Winden mächtigen Zwang auf“, und da warfen die Stürme den großen Turm ,von hoch' hinab und erregten der Sterblichen Streit gegeneinander; darum gaben dann die Menschen der Stadt den Namen Babylon. Als aber der Turm gefallen war und die Zungen der Menschen sich in mannigfache Sprachen verkehrt hatten, aber die ganze Erde mit Sterblichen sich füllte, indem die Königreiche' sich teilten, da war das zehnte Geschlecht der redenden Menschen, seitdem die Sintfiut über die früheren Männer gekommen, und es wurden Herrscher Kronos, Titan und Japetos (!)?

Alexander Polyhistor (Syncellus 44) bringt die Sage mit dem Kampf des Titan und Prometheus gegen Kronos zusammen und sagt ebenfalls, die Götter hätten den Turm gestürzt und jedem eine eigne Sprache gegeben. Er beruft sich auf die Sibylle, die auch sonst die Sibylle des Berosus heißt. Es ist anzunehmen, das sich bei Berosus eine ähnliche Erzählung gefunden hat. Die gleiche Quelle kennt Josephus, Antiqu. I, I, 4. Er erzählt mit denselben Worten (,,die Götter erregten einen Sturm“ usw.). Nur die griechischen Namen nennt er nicht. Vorher aber berichtet er im gleichen Kapitel den Turmbau nach jüdischer Tradition, die die Verachtung und Verhöhnung Gottes" auf Nebrod (Nimrod), den Enkel Chamas', des Sohnes Noës, zurückführt: ,,denn er war kühn und seiner Hände Kraft groß".

Der Geschichtsschreiber Eupolemos sagt nach Euseb. Praep. ev. 9, 17:

Die Stadt Babylon sei zuerst von den aus der Sintflut Geretteten gebaut. Es waren das aber Riesen, und sie bauten den (!) berühmten Turm. Als aber dieser durch den Willen des Gottes einstürzte (!), seien die Riesen über die ganze Erde zerstreut worden.“

Moses von Chorene, der armenische Geschichtsschreiber (5. Jahrh. n. Chr.) erzählt 3.

„Von ihnen (den göttlichen Wesen, die in den ersten Zeiten die Erde bewohnten) entsprang das Geschlecht der Riesen von starkem Körperbau und ungeheurer Größe. Voll Hochmut und Trotz faßten sie den gottlosen Plan, einen hohen Turm zu bauen. Aber während sie mit dem Bau beschäftigt waren, zerstörte ein schrecklicher Wind, durch den Zorn Gottes erregt, das ungeheure Gebäude und warf unter

1) ist Zitat bei Theophilus.

2) Zur Ergänzung dienen die andern hier angeführten Sibyllen-Zeugnisse, die gleich der Bibel die Sprachverwirrung anknüpfen.

3) S. zu diesen letzten Zeugnissen Lueken S. 314.

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