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auch die Gestalten historisch sein. Selbst die Existenz schriftlicher Quellen halten wir für die Urzeit Israels nicht für ausgeschlossen. Die Historizität einzelner Züge kann ebenfalls mit den Mitteln der Literarkritik nicht festgestellt werden. Jedenfalls darf einer Erzählung die Geschichtlichkeit im Sinne des Berichterstatters nicht deshalb abgesprochen werden, weil etwa eine Legende hindurchschimmert, die sonst als Einkleidung eines kosmischen Vorgangs bekannt ist, wie z. B. im Jakobstraum, bei Jakobs Kampf an der Furt des Jabbok usw. An Fragen aber, ob man dem mythologischen Motiv zuliebe der Geschichte leise Verschiebungen gegeben habe, oder ob in andern Fällen das Motiv in einem ausschmückenden Nebenzug liegt, in Hervorhebung eines Wortspiels, in Unterstreichung einer an sich nebensächlichen Tatsache, in Erfindung von bedeutungsvollen Namen usw., wird in Zukunft die alttestamentliche Wissenschaft nicht vorübergehen können.

In den eigentlichen Geschichtsbüchern bilden die mythologischen Motive das künstliche Beiwerk. Die Bearbeiter der uns vorliegenden Geschichtsbücher, die die eigentlichen uns verloren gegangenen Annalen nur auszugsweise benutzen, kannten den Sinn der mythologischen Motive und haben sie als Mittel wissenschaftlicher Darstellung im Sinne ihrer Zeit weiter ausgebildet? Mythologische Umrankungen der Geschichte und beigefügte mythologische Anekdoten sind leicht als solche erkennbar. Eine Reihe von Geschichten, bei denen konservative Exegeten zu bemerken pflegen, man werde hier die Spuren der dichtenden Sage anerkennen müssen, werden so ihre Erklärung finden. Wir erinnern an die Geschichte vom Riesen Goliath 3 und die Angaben über Davids Helden 2 Sa 21, 15 ff., vgl. i Chr 21 [20], i ff., an die Ausschmückung der Geschichten von Nabal und Abigail i Sa 25 und von Amnon und Thamar 2 Sa 13, an das Anzünden des Feldes Joabs in der Absalomgeschichte 2 Sa 14, 30 ff., an die Ausschmückung der dreifachen Zweikämpfe bei Gibeon 2 Sa 2, 12 ff.

an

1) Von den besonderen Problemen der Quellen für die Josua- und Richterzeit wird an anderer Stelle die Rede sein.

2) Beispiele bei Winckler, Gesch. Isr. II, 31. 218 vgl. 277.
3) S. 86, Anm. 1..

Zweites Kapitel.
Die babylonische Religion.

I. Die Mysterien. Da die altorientalische Lehre, die die Welt nach ihrem Ursprung, Zweck oder Ziel darstellt, göttliches Wissen darstellt, also mit „Wissenschaft“ identisch ist, so kann sie ebensowenig Gemeingut des Volkes gewesen sein, wie heutzutage unsre Wissenschaft. Dem Volke wurde die Lehre durch die Mythologie (iegós kóyos heißen in hellenistischer Zeit die orientalischen Mythen) popularisiert und durch Festspiele dramatisch dargestellt. Die priesterliche Lehre wurde als Arkan-Disziplin, als Mysterium (nisirtu) vererbt. Von Enmeduranki, einem der 7 Urkönige, erfuhren wir, er habe das Geheimnis Anus (Bels und Eas), die Tafel der Götter, die Omentafel (?), das Mysterium von Himmel (und Erde] empfangen und seinen Sohn gelehrt. Ferner heißt es, dass der Weise, der Wissende (mudû) das Mysterium der großen Götter bewahrt und seinen Sohn auf Tafel und Tafelstift schwören läßt. Diese „Schreibtafel des Geheimnisses von Himmel und Erde" stellt ebenso wie die „Bücher der Urzeit" bei Berosus das in die Sage übertragene Offenbarungsbuch des gestirnten Himmels dar. Auch sonst ist von Tradition einer Geheimlehre die Rede. Am Schluß des Epos Enuma eliš, das Marduk als Drachenkämpfer, Weltbildner und Herrn der Geschicke verherrlicht, heißt es von den 50 Ehrennamen, in die der Weltlauf hineingeheimnist ist: „Sie sollen bewahrt werden, und der „Erste“ soll sie lehren, der Weise und Gelehrte sollen sie miteinander überdenken, es soll sie überliefern der Vater, sie seinem Sohne lehren.“ Auch die Tafelunterschriften der Bibliothek Asurbanipals kennen den Unterschied von Wissenden und Nichtwissenden (z. B. VR 64): ,,Der Wissende soll es dem Wissenden zeigen; der Nichtwissende soll es nicht sehen?.“ Die „Überlieferung der Gelehrten Baby

1) S. 47. Ihm entspricht bei den Persern der Gründer der MagierSekte Manuschir.

2) In den Berichten über die Mosaische Zeit erscheinen die 70 Ältesten als Träger einer Geheim-Tradition. Jesus redet von denen, die „den Schlüssel der Erkenntnis haben“, den Heiden gegenüber wurden dann wieder die Hauptstücke der christlichen Lehre (Bekenntnis und Sakrament als Mysterien behandelt.

lons“ beschäftigt Mani nach der Legende 12 Jahre, nachdem er vom Engel El tâum (Gottgenosse) Befehl bekommen hat, sich von seiner Umgebung abzusondern 1

Monumentale Zeugnisse über babylonische Arkan-Disziplin werden wir der Natur der Sache nach nicht erwarten dürfen. Aber wir können aus dem Wesen der orientalischen Lehre und nach Analogie späterer Mysterien-Kulte, die der altorientalischen Lehre entsprechen (insbesondere Isis- und Attis- und Mithrasmysterien), den Schluß ziehen, daß es sich für die Mysterien um dreierlei handelte:

I. Um Betrachtung und Verständnis der Natur, abzielend auf die Erkenntnis, daß die Erscheinungen des gestirnten Himmels und des Naturlebens Offenbarung einer einheitlichen göttlichen Macht sind.

2. Um Einführung in die Erfahrung, daß im Kreislauf des Lebens aus Leben Tod und aus Tod Leben hervorgeht, das Geheimnis der Unsterblichkeit 2.

3. Um das Geheimnis der Gemeinschaft mit der Gottheit. Dieser Gedanke ist später reich ausgebildet, wohl auch unter nicht-orientalischem Einfluß, und wird insbesondere mit dem Verlangen noch einem bevorzugten Geschick im Jenseits verbunden (Himmelsreise der Seele; die physikalischen Mysterien werden mit ethischen verknüpft). Daß aber Spuren davon auch in Babylonien vorhanden sind, beweist meines Erachtens

a) die gottwohlgefällige Handlung des Emporsteigens auf dem Planetenturm, s. S. 52,

b) die mystische Verbindung der Totenfeier mit der Feier des sterbenden und auferstehenden Jahrgotts, wie sie z. B. in der Höllenfahrt der Ištar bezeugt ist.

II. Latenter Monotheismus und göttliche Trias.

,,Wie Sonne und Mond, Himmel, Erde und Meer allen Menschen gemein sind und nur bei andern Völkern anders genannt werden, so gibt es nach Verschiedenheit der Völker verschiedene Benennungen und Verehrungen jenes einzigen Wesens, das alle Dinge in Ordnung hält." Mit diesem Ausspruch formuliert Plutarch, dem wir mancherlei Kenntnis über die antiken Mysterien verdanken, die Einheit der antiken Re

1) S. Bischoff, Im Reiche der Gnosis S. 53.
2) Näheres zu 1 und 2 s, in meinen Monotheist. Strömungen S. roff.
3) Er war delphischer Priesterbeamter und Dionysos-Myste.

ligionen, die uns mehr und mehr als „Dialekte einer und derselben Sprache des Geistes“ erscheinen. In der Tat sind die Erscheinungen in der Welt der „ewigen Sterne“ und im Wechsel des Naturlebens den Wissenden nicht ,,Götter" im polytheistischen Sinne, sondern sind Träger der einen göttlichen Macht, die sich in mannigfacher Weise kundgibt. Jede Tempellehre wird das gesamte Wissen umfaßt und den Nachweis geführt haben, daß sich die Gottheit an dem betreffenden Orte in der bestimmten lokalen Gestalt und Art offenbart, die sich aus der Übereinstimmung des betreffenden Tempels mit dem entsprechenden heiligen Bezirk am Himmel ergibt. Der Lokalgott erscheint für diesen Bezirk als Inbegriff der gesamten göttlichen Macht, die Tempellehre erweist ihn als den Wohltäter, die übrigen Götter erscheinen gle

Götter erscheinen gleich wundertätigen Heiligen; „wie der Sterne Heer um die Sonne sich stellt, umstehn sie geschäftig den Herrscher der Welt“, das gilt mutatis mutandis vom Göttersystem jedes Lokalkults und bei politischen Konzentrierungen, die immer zugleich religiöse Konzentrierungen sind, von jedem Staats- und Reichskult im alten Orient. So sagt für einen Mond-Kultort die Lehre der ,,Wissenden“: „Der Mond heißt vom 1. bis 5. Tag Anu, vom 6. bis 10. Tag Ea,

11. bis 15. Tag Bel'." In Babylon lehrte man, in der Tempellehre Marduks:

Wenn der Stern des Marduk (der Planet Jupiter) im Aufgehen ist, ist er Nebo; wenn er [142] Doppelstunden hoch steht, ist er Marduk; wenn er kulminiert, ist er Nibiru ?."

Ebenso erklärt sich der vielbesprochene, zufällig nur aus neubabylonischer Zeit überlieferte Text 3:

Ninib: Marduk der Kraft,
Nergal: Marduk des Kampfes,
Bel: Marduk der Herrschaft und Regierung;
Nabu: Marduk des Geschäfts ),
Sin: Marduk Erleuchter der Nacht,
Šamaš: Marduk des Rechts,

Addu (Adad-Ramman): Marduk des Regens. Aus der Lehre vom Tierkreis als dem Offenbarungsbuche des göttlichen Willens ergibt sich ferner für die esoterische

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1) III R 55, Nr. 3. 2) III R 54, Nr. 5. Zu Nibiru s. S. 20 f.

3) 81-11-3, 111 (Brit. Mus., d. h. Nr. In der am 3. Novbr. 1881 erworbenen bez. registrierten Texte). Vgl. Chwolsohn II, 714 über die Ssabier: „Die Idole sind nicht Götter, sondern Repräsentanten der unsichtbaren Gottheiten, durch die man sich ihnen nähert.“

Religion eine trinitarische Auffassung von der Gottheit. Sonne, Mond und Venus sind die Regenten des Tierkreises, die vier übrigen Planeten entsprechen ihren Viertelerscheinungen (s. S. 14ff.). Sowohl die Trias in ihrem Verhältnis zueinander, wie jede einzelne der drei Erscheinungen verkörpert das gesamte Wesen der Gottheit. Je nach den kultischen Verhältnissen des betreffenden Tempels wird die eine oder andere Seite kultisch hervorgehoben! Es ist jedesmal zu fragen, ob die Gottheit an der betreffenden Stelle und zur betreffenden Zeit Sonnen-, Mond- oder Venus - Ištar-Charakter zeigta; in jedem Falle aber repräsentiert die Gottheit zugleich den gesamten Kreislauf, der in jedem Mikrokosmos des Naturlebens seine Erscheinungen wiederholt.

In der alteranischen Magierlehre, sofern sie Zarathustra unter Hervorhebung des Feuerpunktes im Weltall (auf Grund des Kults seiner Heimat:) in sein System aufgenommen hat, ist die Trias Sonne, Mond und Tištrya (Sirius), s. Kap. III unter Eranier. Jeden der sechs Amšaspands (bez. sieben mit Einschluß des Ormuzd) geleitet die Trias. In Ägypten finden wir die Trias Sonne, Mond und Hathor - Isis. Hathor trägt Sonne und Mond auf dem Haupte. Osiris, der Abb. 25 vor ihr steht, von ihren Flügeln geschützt, ist Marduk der Bringer des neuen Weltzeitalters, vgl. S. 81. Die gleiche Erscheinung zeigt die karthagische Tanit, die Abb. 24 vom sullam (Tierkreisbogen, vgl. S. 13) umwölbt ist und Sonne und Mond in ihren Händen trägt'. Tacitus, Germ. 9 sehnt sich nach dem secretum, das bei den Germanen verehrt wird: Merkur (Allwalter nach c. 39), Herkules und Mars. Merkur ist Wotan, Herkules Donar, Mars ist Tiu oder Ziu. Die Germanisten sind der Ansicht, daß diese Angabe in Widerspruch stehe mit Caesar, bell. gall. VI, 21, der als germanische Göttertrias Sol, Vulcanus, Luna nennt. Aber beide Angaben stimmen zusammen. Die drei entsprechen der Trias der astralen Lehre: Luna = Jupiter-Wotan-Merkur; Sol: Donar

.) Beispiel: Von dem vedischen Varuna heißt es, das eine seiner Augen sei die Sonne. Natürlich ist das andre der Mond. Er repräsentiert den Sonne-Mond-Kreislauf mit seinem Kampf und Sieg. Dabei hebt sein Kult selbst den Mondcharakter empor, ergänzt durch Mithra, der in seinen Beziehungen zu Varuna-Mond Sonnencharakter trägt (sol invictus bei den Römern). Aber sowohl Varuna wie Mithra offenbaren die gesamte göttliche Macht.

2) Vgl. jetzt auch v. Landau, Beitr. zur Altertumskunde IV, 1off. S. Winckler, F. III, 274 ff.

:) Das Bild ist reproduziert nach Corpus Inscript. Semit. Atlas I, 45, 183. Auf einem aus dem umgebauten Dom zu Meldorf an der Nordsee zutage geförderten frühmittelalterlichen Grabstein, der im dortigen Museum aufbewahrt wird, fand ich dasselbe Motiv. Die nordafrikanischen Seefahrer kamen bekanntlich bis vor wenig Jahrzehnten an die Küste der Nordsee.

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