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gestehe, daß der Gedanke, am Rande des Grabes wegen Uebertretung von Staatsgeseßen vor Gericht gestellt oder sonst beschädigt zu werden, mich beunruhigte. Die natürliche Folge war, daß ich zunächst eine sorgfältige und möglichst objective Prüfung meiner ganzen bisherigen schriftstellerischen Wirksamkeit anstellte. Vor meinem Eintritt in den preußischen Staatsdienst dachte ich nur an Leitfäden und Lehrbücher für den Geschichts-, Religions- und logischen Unterricht an Gymnasien; eine schriftstellerische Theilnahme an den politischen und kirchlichen Parteifämpfen fiel mir im Traume nicht ein. Erst das praktische Leben im preußisden Staatsdienste zog meine Feder, ich kann wol sagen fast wider meinen Willen, auf dieses den innern Frieden störende und noch dazu gefährliche Gebiet. Die Anregungen, ja Anreizungen dazu, welche ich von seiten der edelsten preußischen Staatsmänner und Patrioten: von Bodelschwingh, Aster, Eichhorn und Andern erhielt, waren für einen jungen Mann stark genug und wurden in dem Maße stärker, als die Uebung in dergleichen polemischen Auffäßen zunahm. Dazu kam die eigene Eitelkeit. Man ließ es an Instructionen und Materialien nicht fehlen; die geheimsten Actenstücke öffneten sich auf meinen Wunsch. Welchen Gebrauch ich davon gemacht, liegt dem Publicum in vielen Abhandlungen, Auffäßen und Zeitungsartikeln seit Jahren vor. · Zurückweisung feindseliger Angriffe auf den preußischen Staat und die evangelische Kirche ist der Inhalt aller dieser Auffäße und Zeitungsartikel. Daß ich unverschämte Lügen oft

mit zu schroff ausgesprochenen Wahrheiten niedergeschlagen, rechne ich mir jegt felbst zur Sünde; jedoch nie ist mir von seiten eines Ministers oder eines andern hohen Staatsbeamten ein Tabel darüber zugekommen, wol aber lobende Anerkennung und Anregung zur Fortsegung meiner publicistischen Wirksamkeit. Dachte man doch einmal alles Ernstes' daran, meine ganze Rraft für eine solche conservative Wirksamkeit im Staatsdienste zu verwenden, obwol, oder vielmehr eben deshalb, weil man mich als den Verfasser einer anonymen Schrift nannte, worin unter andern sehr freimüthigen Aeußerungen folgende Stelle vorkommt: „Herr Streckfuß (damals einflußreicher Geheimrath im Ministerium des Innern) hätte besser gethan, mit seiner Schrift zu Hause zu bleiben, weil er nicht ahnt, wie das Publicum über lobhudeleien urtheilt. Ein politischer Schriftsteller, der heutigen Tages feinem Landesherrn wahrhaft nüßen will, barf nicht fragen, was diesem oder jenem Vorgesepten wohlgefällt, sondern was wahrhaft nügt und frommt.

Und nun sollte eine in durchaus unveränderter conservativer Gesinnung und Abficht zur Warnung und Belehrung unternommene Benußung von Kenntnissen, die ich allerdings nur im Staatsdienst erlangen konnte, als eine Uebertretung der Staatsgeseße ges beutet werden können? Ich konnte und kann mir die Möglichkeit nicht denken.

Gleichwol schlug ich zu meiner völligen Beruhigung den Weg ein, mein Manuscript aus der Druderei zurückzuziehen und der Brüfung von Sachverständigen zu unterwerfen. Ich ersuchte einen Mann, der nich allein vermöge seiner amtlichen Stellung mit den Staatsgesetzen und den Pflichten treuer Staatsdiener fehr genau bekannt ist, sondern auch selbst sich als einen der wackersten preußischen Batrioten vom Beginn der Freiheitskriege an bewährt hat, und noch jegt als ein Musterbild der Treue und des milden Urtheils anerkannt wird, das Manuscript mit kritischen Augen zu durchmustern. Meinem Wunsche willfahrend 308 er, um ganz sicher zu gehen, noch einen Rechtskuns digen hinzu. Beide Männer fanden nichts Gesets widriges, nicht einmal etwas, was mir zum Tadel gereichen könne. Nur das sei gewiß, schrieben sie, daß einzelne Bersonen sich durch meine Enthüllungen unangenehm berührt finden und vielleicht auch Rache üben würden, wenn sie dazu im Stande seien. Aber auch bloße Verlegung einzelner Personen würde vom Standpunkte christlicher Sittenlehre, die mir mehr gilt als Staatsgesetze, tabelnswerth sein, wenn sie ihre Rechtfertigung nicht in höhern sittlichen Zwecken finden könnte. Wenn ich auf mein amtliches Leben zurück blicke, so sagt mir mein Gewissen, daß ich oft in einseitiger Auffassung meiner Pflicht scharfe und vers legende Worte gebraucht habe, wo milde und schonende christlicher und zweckmäßiger gewesen wären. Dergleichen Sünden kommen auch in meinen polemischen Schriften nicht wenige vor. Mein Gewissen sagt mir aber auch, daß ich in meinem amtlichen Verkehr mit Lehrern und Geistlichen stets die höhern Interessen der Staats und der Kirche im Auge gehabt habe. Gewiß steht das Angemeine, Das, was für Kirche und Staat nüglich und heilsam ist, höher als das Interesse oder die Empfindungen einzelner Personen oder Stände, soviel Schonung diese auch verdienen mögen; ist aber dieses der Fall, dann tritt für Jeden, der etwas allgemein Nügliches und Heilfames sagen will, die Frage in den Hintergrund, ob das Gesagte diesem oder jenem Wetterwendischen angenehm oder unangenehm ist. Dies ist der Gerichtspunkt, der mich in meinen Schriften überall geleitet hat, und auch ferner leiten wird.

Die Regierung eines Staats, sagt einer unserer einsichtigsten Staatsmänner, ist lebendige Wirksamkeit in der richtigen Auffassung, Leitung und Förderung allgemeiner Interessen; der preußische Staat aber bes steht und kann in seiner auf geschichtlichem Wege geworbenen Zusammenseßung nur bestehen 1) durch Treue und Tapferkeit seines Heeres und 2) durch Intelligenz, Ueberzeugungstreue und Ehrenhaftigkeit seiner Beamten. Das Heer hat sich im Jahre 1848 glänzend bewährt und nicht allein Breußen, sondern auch Deutschland aus einer Revolution der gefährlichsten Art gerettet. In der Beamtenwelt dagegen hat dieselbe Schicksalskatastrophe eine tiefgehende, zum Theil aus einer falschen Schulgeseßgebung hervorgegangene moralische Krankheit allem Volke aufgedeckt. Sollte es nun Sünde sein, darauf aufmerksam zu machen, wohin es nothwendig führen muß, wenn nicht kräftige Heilmittel angewandt werden? Damit, daß man jeßt auch den höhern Beamten eine Stellung anweist, bei welcher

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és auf Gesinnung weniger ankommt als auf geschidte und willfährige Ausführung gegebener Weisungen, scheint vielen aufrichtigen Vaterlandsfreunden, welche Centralisation und Bureaukratie für ein großes Uebel halten, der Schaden eher verflimmert als geheilt zu werden. So viel ist wol gewiß, daß die Chefs der Verwaltungsbehörden nicht Alles selbst sehen können, was sie zur richtigen und gedeihlichen Behandlung der Sachen ihres Ressorts wissen müssen; aber zum richtigen Sehen helfen nicht falsche Brillen.

3ch übersehe die andere rein menschliche Seite nicht; weiß ich doch aus eigener Erfahrung, wie bitter es für einen Familienvater ist, aus geordneten und gewohnten häuslichen und bürgerlichen Verhältnissen herausgeworfen zu werden. Ich weiß aber auch aus eigener Erfahrung, daß es besser ist, sich eine andere ehrliche Wirksamkeit zu schaffen, als seine Dienste jeder in revolutionären Zeiten auftauchenden politischen oder kirchlichen Richtung zu widmen und sich so, wie ein Mann, dem man wol auch noch ein Denkmal in Berlin errichten wird, sich ausdrückte, „werkthätig durchs Leben hindurch ins Grab hineinzulügen“.

Viel besser als in der staatlichen Beamtenwelt sieht es doch in Wahrheit seit längerer Zeit auch in der kirchlichen nicht aus. Sollte es tabelnswerth oder gar sträflich sein, daß ich darüber vor dem Eintritte jener Schicksalskatastrophe dem Minister der geistlichen Angelegenheiten als vortragender Rath aus sicherer eigener Erfahrung die Augen zu öffnen suchte in der Art, wie es in dem vorliegenden Buche zu lesen ist?

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