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PSYCHOLOGIE

DER

NATURVÖLKER.

ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGISCHE

CHARAKTERISTIK DES NATURMENSCHEN

IN INTELLEKTUELLER, AESTHETISCHER, ETHISCHER

UND RELIGIÖSER BEZIEHUNG.

EINE NATÜRLICHE SCHÖPFUNGSGESCHICHTE

MENSCHLICHEN VORSTELLENS, WOLLENS UND GLAUBENS

VON

DR. FRITZ SCHULTZE,

ORDENTL. PROFESSOR DER PHILOSOPHIE AN DER TECHNISCHEN HOCHSCHULE

ZU DRESDEN,

LEIPZIG

VERLAG VON VEIT & COMP.

1900.

OCT 3 1902

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Vorrede.

Jetzt, wo Deutschland in seinen Kolonieen mit Naturvölkern in unmittelbare Berührung getreten ist, wird man bei uns den hohen praktischen Wert einer Psychologie der Naturvölker, die ich insofern Kolonialpsychologie nennen möchte, zu schätzen wissen, und nicht zu befürchten brauchen, daß, wie noch vor dreißig Jahren, eine Psychologie der Wilden als eine wilde Psychologie verspottet werde.

Die meisten Schwierigkeiten und Unzuträglichkeiten, welche den Weißen im Verkehr mit unkultivierten Völkern begegneten, entsprangen aus der falschen Behandlung derselben, besonders aus der unbewußten Verletzung ihres ganz eigentümlichen und von dem unsrigen im hohen Grade abweichenden Gefühlswesens; man verstand den Naturmenschen weder in geistiger, noch in sittlicher, noch in religiöser Beziehung; man misverstand sich gegenseitig, und diese Mißverständnisse führten oft genug zu blutigen Zusammenstößen.

Will man den farbigen Wildling beherrschen, will man ihn, wie es deutsche Art ist, sogar erziehen', so muß man zuvor seine seelische Beschaffenheit genügend erkannt haben. Nur eine Psychologie der Naturvölker kann dieses Verständnis geben, und daher hege ich die Überzeugung, daß dieses vorliegende Werk in Deutschland heute einem Bedürfnis entgegenkommt und das Recht besitzt, als ein zeitgemäßes begrüßt zu werden.

Man kann ein allseitiges psychologisches Verständnis der Naturvölker nicht aus einzelnen Reisebeschreibungen gewinnen. Die Männer, von denen diese stammen, Missionare, Schiffskapitäne, Forschungsreisende u. s. w., sind keine Psychologen. Sie erzählen, was sie erleben, und je sachlicher es geschieht, um so dankenswerter ist es. Aber in den meisten Fällen mangelt ihnen das richtige Verständnis für die seelischen Beweggründe, aus denen die Handlungen des Naturmenschen entspringen,

1 Vgl. des Verfassers Werk „Deutsche Erziehung“ (Leipzig 1893). denn die Erkenntnis dieser, die eigentliche, tiefe, erklärende psychologische Einsicht kann nur aus der Vergleichung vieler verwandter Thatsachen, nur aus dem Zusammenhang vieler ähnlicher Erscheinungen, kurz nur aus dem Überblick über das ganze, im Laufe der Zeit gesammelte, systematisch und methodisch zu bearbeitende Beobachtungs- und Erfahrungsmaterial gewonnen werden. Der besondere Beobachter sieht wohl das Einzelne, aber er kennt nicht den Zusammenhang des Ganzen, aus dem sich erst der einzelne Fall richtig erklären läßt, und deshalb faßt er vielfach den einzelnen Fall unrichtig auf, trotzdem er den Vorzug genießt, ihn selbst zu erleben.

Sogar aus den besten Werken der wissenschaftlichen Völkerkunde läßt sich ein erschöpfendes psychologisches Verständnis des Naturmenschen nicht herauslesen. Denn diese Werke sind Geschichtswerke; sie sind unter dem historischen Gesichtspunkte geschrieben; sie geben Thatsachen, und eben darin liegt ihr nicht hoch genug anzuschlagender Wert, aber sie vertiefen sich selten genügend in die seelischen Beweggründe und Triebfedern und, wo es einmal geschieht, meistens nur einseitig und von lediglich populären, nicht wissenschaftlichen psychologischen Gesichtspunkten aus, weshalb sie auch leicht zu falschen Erklärungen der Erscheinungen gelangen. Die Werke der Völkerkunde liefern den Stoff zu einer Psychologie der Naturvölker, aber nicht diese Psychologie selbst, ähnlich wie Brehms Tierleben Stoff zu einer Tierpsychologie, aber nicht diese selbst enthält. Anthropologische und ethnographische Werke wie die von CLEMM, WAITZ, GERLAND, FRIEDRICH MÜLLER, BASTIAN, ANDREE, RATZEL, PESCHEL, DARWIN, LUBBOCK, TYLOR u. a. sind von unschätzbarem Werte als historische Werke und leicht zugängliche Stoffsammlungen, aber ihr psychologischer Wert steht nicht in gleichem Verhältnis zu ihrem historischen, weil sie nicht von Psychologen und nicht von vornherein mit psychologischer Absicht unter dem psychologischen Gesichtswinkel mit psychologischer Schulung geschrieben sind. Am nächsten kommt dem psychologischen Ideal noch der alte Waltz, zumal im ersten Bande seiner Anthropologie der Naturvölker. BASTIAN, der auf Grund der Anthropologie sogar eine psychologische Weltanschauung begründen und die Psychologie als Naturwissenschaft bearbeiten will, ist zu wenig Systematiker und versinkt, trotz vieler genialer Lichtblicke, zu sehr in der Überfülle eines ungesichteten Materials. RATZEL endlich, dessen im größten Stile angelegte Völkerkunde

von

neuem

Bewunderung durch die meisterhafte Beherrschung des ungeheuren Stoffes erweckt, ist eben in erster Linie Historiker, aber kein methodisch geschulter Psychologe. Nur ein solcher, der mit den verschiedensten Erscheinungen und Gesetzen des Seelenlebens bekannt ist und sie auf die neuen Probleme anzuwenden weiß; der dazu auch noch als Philosoph mit den Problemen der Erkenntnistheorie und Logik, der Moral- und Religionsphilosophie und der Ästhetik vertraut ist, kann eine Psychologie der Naturvölker schreiben. Die vorzüglichen Werke aller jener genannten Autoren sind notwendige und unentbehrliche Vorarbeiten zu einer Psychologie der Naturvölker – diese selbst ist aber etwas anderes, sie ist eine neue Aufgabe, die eine neue Lösung, ein neues Werk fordert. Den Anfang zu der Lösung dieser neuen Aufgabe glaube ich in dem vorliegenden Buche gemacht zu haben, das mich im Laufe von dreißig Jahren immer beschäftigt hat. Ich bin weit von dem Wahne entfernt, die Lösung bereits fraglos und einwandsfrei gegeben oder gar zu Ende geführt zu haben. Aber in jeder der drei großen Abteilungen der psychologischen Bearbeitung des geistigen Zustandes des Naturmenschen, nämlich seines intellektuellen (einschließlich ästhetischen), moralischen und religiösen Seelenlebens glaube ich ganz neue Gesichtspunkte gegeben, ganz neue Kriterien der Beurteilung aufgestellt, ganz

neue Perspektiven eröffnet zu haben. Jedes Kapitel wird und soll den Anstoß zu neuen Untersuchungen liefern, jeder Abschnitt soll in seinen Grundgedanken entweder bestätigt oder widerlegt, im ersteren Falle ergänzt und erweitert, im letzteren verbessert und überwunden werden.

Dem Empiriker und Historiker der Anthropologie gegenüber betone ich mit Nachdruck, daß dies Werk ein psychologisches ist. Sein Schwerpunkt liegt nicht in dem Erfahrungsmaterial, das bietet. Dieses ist

vielerlei Quellen, und nicht zum wenigsten aus den oben genannten völkerkundlichen Werken, welche ja den kritischen Extrakt der Quellen enthalten, gesammelt und an sich nichts Neues. Der Schwerpunkt dieses Werkes liegt vielmehr in der neuen psychologischen Bearbeitung des alten Materials, in der Aufdeckung der ersten und innersten seelischen Motive, in der Auffindung bis dahin nicht geahnter Zusammenhänge, in dem Beweise der allmählichen und rein natürlichen Entwicklung der höchsten intellektuellen, ästhetischen, moralischen

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