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habe den Gott nicht in seinen Einkünften gehindert. Es folgt dann noch ein zweites derartiges Bekenntnis, bei dem für jede Sünde ein besonderer Richter aufgerufen wird gewiß war es ursprünglich ein selbständiges Stück und ist erst nachträglich hier mit hineingezogen, so daß der Tote nun zweimal seine Sündlosigkeit beteuert: 0 Weitschritt zu Heliopolis! ich habe keine Sünde begangen. O Flammenumarmer zu Cher-ahau! ich habe nicht geraubt. O Nase zu Hermopolis! ich habe nicht betrogen. O Schattenfresser zu Kerert! ich habe nicht gestohlen. O Kehrgesicht zu Roseta! ich habe nicht Menschen gemordet. O Doppellöwin im Himmel! ich habe nicht die Kornmaße verringert. O Messerauge zu Letopolis! ich habe nichts Krummes getan. O Flamme zu Chetchet! ich habe nicht das Tempelvermögen bestohlen. O Knochenbrecher zu Herakleopolis! ich habe nicht gelogen. Unter den weiteren Sünden, die der Tote dann Weißzahn, Blutfresser, Gedärmefresser, Verirrer und ähnlichen grauenhaften Wesen gegenüber ableugnet, sind dann noch: Ich habe kein Essen geraubt. Ich habe nicht heilige Stiere getötet. Ich habe nicht gelauscht. Ich habe nicht die Ehe gebrochen. Ich war nicht taub bei Worten der Wahrheit. Ich habe nicht weinen machen. Ich habe mein Herz nicht aufgezehrt (durch Reue). Ich habe nicht geschmäht. Ich habe nicht viele Worte gemacht. Ich habe den König nicht geschmäht. Meine Stimme war nicht laut. Ich habe den Gott nicht geschmäht u. a. m. Dann aber spricht der Tote also zu den furchtbaren Richtern: Gelobt seid ihr, ihr Götter. Ich kenne euch und kenne eure Namen. Ich falle nicht vor eurem Schwert. Ihr meldet diesem Gotte, in dessen Gefolge ihr seid, nichts Böses über mich; ihr habt euch nicht mit mir zu befassen, ihr sprecht die Wahrheit über mich vor dem Herrn des Alls. Denn ich habe Gerechtes getan in Ägypten, ich habe den Gott nicht geschmäht und der zeitige König hatte sich nicht mit mir zu befassen.

Gelobt seid ihr, ihr Götter, die ihr in der Halle der zwei Wahrheiten seid, in deren Leib keine Lüge ist und die ihr von Wahrheit lebt... vor Horus, der in seiner Sonne wohnt. Errettet mich vor dem Bebon, der da lebt von den Eingeweiden der Großen, an dem Tage der großen Abrechnung. Seht, ich komme zu euch, ohne Sünde, ohne Böses . . .; ich lebe von Wahrheit und nähre mich von der Wahrheit meines Herzens. Ich habe getan, was die Menschen sagen und worüber die Götter zufrieden sind. Ich habe den Gott befriedigt mit dem, was er gern hat. Ich habe dem Hungrigen Brot gegeben und Wasser dem Durstigen und Kleider dem Nackten und eine Fähre dem Schiffslosen. Ich habe Opfer den Göttern gegeben und Totenspenden den Verklärten. Errettet mich, hütet mich; ihr verklagt mich nicht vor dem großen Gotte. Ich bin einer mit reinem Mund und reinen Händen, zu dem die, die ihn sehen, » Willkommen, Willkommen« sagen.

Was der Tote dann noch weiter zu seiner Rechtfertigung anführt, daß er jenes Wort gehört habe, das der Esel mit der Katze sprach u. ä. m., wird belegen sollen, daß er ein treuer Diener des Osiris gewesen sei, der dessen Feste und Aufführungen mitgemacht habe.

Wer diese Listen nicht begangener Schuld durchsieht, merkt bald, daß es ihren Verfassern schwer gefallen ist, für die 42 Richter, deren Zahl durch die 42 Gaue gegeben war, nun auch 42 Sünden aufzufinden; sie wiederholen sich vielfach in anderer Fassung oder sie sind ganz allgemein gehalten. Was als verboten gilt, ist etwa folgendes: die Götter und die Toten schädigen, morden, quälen, stehlen, Unmündige berauben, betrügen, Unzucht und Ehebruch begehen, lügen, verleumden, schmähen, lauschen alles Dinge, die auch unsere Moral verdammt. Nur eines geht darüber hinaus, das merkwürdige aber schöne Verbot des Herzessens, der unnützen Reue.

Was wir sonst in Grabschriften älterer Zeit als Beleg für die Güte des Toten anführen sehen, trägt den gleichen einfachen Charakter: ich gab Brot dem Hungrigen und Kleider dem Nackten und fuhr den, der nicht übersetzen konnte, in meiner eigenen Fähre über.1) Ich war ein Vater des Waisen, ein Gatte der Witwe, ein Windschirm des Frierenden;2) ich bin einer, der Gutes sprach und Gutes erzählte (also kein Klätscher), ich erwarb meine Habe in gerechter Weise.3)

Die Toten, die die Prüfung nicht bestanden, fanden keinen Eintritt in das Reich des Osiris und das war traurig genug für sie, denn sie lagen ja nun hungernd und durstend in ihren Gräbern und schauten weder bei Tag noch bei Nacht die Sonne. Aber da bei den irdischen Gerichten des nicht Freigesprochenen doch eine besondere Strafe wartet, so hat man, wenn gewiß auch erst nachträglich, auch für den nichtgerechtfertigten Toten Strafen ersonnen. Die Richter tragen Schwerter, um den Sünder zu strafen, und ein besonderes schreckliches Wesen, Bebon, von dem wir sonst nichts wissen, wird ihn zerreißen. Aber viel mehr als dieses erfahren wir nicht es war kein Gegenstand, dem die Phantasie des Volkes gern nachging.

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Auch über das Schicksal des Seligen erfahren wir aus dem Totenbuche nicht viel Klares. Er hat seinen Sitz in der Halle vor dem großen Gotte und er kennt jenen großen Gott... Er geht heraus im Felde Earu. Man gibt ihm Kuchen und Brot und einen Acker mit sieben Ellen hoher Gerste und Spelt. Die Horusdiener ernten sie ihm und er iẞt von dieser

1) Kairo 20505 u. o. 2) Hannover, Kestnermuseum Nr. 11. 3) Kairo 1641.

Gerste und diesem Spelt.1) Oder auch: er geht ein und aus in der Unterwelt und bewohnt das Feld Earu und weilt im Speisefelde, dem großen windreichen Orte. Er ist dort mächtig und ist dort verklärt, er pflügt dort und erntet dort und trinkt dort und pflegt dort der Liebe und tut alles, was er auf Erden tat.2)

Wie man sich dann im neuen Reiche im Anschluß an das Totenbuch die Existenz eines seligen Toten dachte, mögen zwei Grabschriften zeigen. In der einen 3) wünscht sich der Speichervorsteher Nachtmin: Glanz im Himmel, Stärke auf Erden und Rechtfertigung in der Unterwelt. ein- und auszugehen in meinem Grabe daß ich mich kühle in seinem Schatten daß ich Wasser trinke täglich aus meinem Teiche daß meine Glieder wachsen daß der Nil mir Nahrung und Speisen gebe und alle frischen Pflanzen zu ihrer Zeit daß ich mich ergehe auf dem Ufer meines Teiches, täglich ohne Aufhören daß meine Seele flattere auf den Zweigen der Bäume, die ich gepflanzt habe - daß ich mich abkühle unter meinen Sykomoren daß ich die Früchte esse, die sie geben daß ich einen Mund habe, mit dem ich spreche wie die Horusdiener daß ich zum Himmel aufsteige und zur Erde herabsteige und auf dem Wege nicht behindert werde daß man meinen Ka nicht umringe daß man meine Seele nicht einsperre daß ich sei inmitten der Gelobten unter den Ehrwürdigen daß ich meinen Acker pflüge auf dem Felde Earu daß ich hinkomme zum Speisenfeld mir herauskomme mit Krügen und Broten mit allen Speisen des Herrn der Ewigkeit - daß ich meine Nahrung empfange von dem Fleische auf dem Tische des großen Gottes.

daß man zu

Und dem Paheri, dem Fürsten von Elkab, wünschen die Seinen: Du gehst ein und gehst aus mit frohem Herzen und mit den Belohnungen des Herrn der Götter. . Du wirst zu einer lebenden Seele. Du hast Macht über Brot, Wasser und Luft. Du verwandelst dich in einen Phönix oder in eine Schwalbe, in einen Sperber oder Reiher, wie du willst. Du setzt in der Fähre über und wirst nicht zurückgehalten, du fährst auf der Flut, wenn ein Gewässer entsteht. Du lebst von neuem und deine Seele trennt sich nicht von deinem Körper. Deine Seele ist ein Gott zusammen mit den Verklärten und die vortrefflichen Seelen reden mit dir. Du bist unter ihnen und empfängst (doch), was auf Erden gegeben wird: du besitzest Wasser, du besitzest Luft, du hast Überfluß an dem, was du wünschest. Deine Augen werden dir gegeben um zu sehen und deine Ohren um das Sprechen zu hören. Dein Mund redet, deine Beine gehen und Hände und Arme rühren sich dir. Dein Fleisch wächst,

1) Totenb. 99. 2) Totenb. 110, Einleitung. 3) Louvre C. 55.

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deinen Adern geht es wohl, du fühlst dich wohl in allen deinen Gliedern. Du hast dein richtiges Herz bei dir und dein früheres Herz gehört dir. Du steigst auf zum Himmel und man ruft dich an jedem Tage beim Tranktische des Wennofre. Du empfängst die Speisen, die ihm geliefert werden und die Spenden des Herrn der Nekropole.

Und weiter erhofft man für denselben: Du ißt das Brot neben dem Gotte, an der großen Treppe des Herrn der Neunheit (des Osiris in Abydos), du ergehst dich dort, du befreundest dich mit den Horusdienern (den alten dort bestatteten Königen). Du steigst hinauf und hinab und wirst nicht zurückgehalten. Du wirst am Tore der Duat nicht abgewiesen, die Türflügel des Horizontes werden dir geöffnet und die Riegel öffnen sich dir von selbst. Du betrittst die Halle der beiden Wahrheiten und der Gott, der in ihr ist, begrüßt dich. Du setzst dich nieder innen im Totenreich und schreitest einher in der Stadt des Niles«. Du freust dich, wenn du pflügst auf deinem Anteil des Feldes Earu; was du bedarfst, entsteht durch deine Arbeit, und deine Ernte kommt als Weizen zu dir. Ein Strick ist für dich an die Fähre gebunden, und du fährst, wenn es dir einfällt. Jeden Morgen gehst du aus und jeden Abend kehrst du heim; nachts wird dir eine Lampe angezündet, bis die Sonne (wieder) über deinem Leibe erglänzt. Man sagt zu dir » Willkommen « in diesem deinem Hause der Lebenden. Du schaust den Re im Horizonte des Himmels und erblickst den Amon, wenn er aufgeht. Du erwachst schön am Tage, alles Böse ist von dir abgetan. Du durchwandelst die Ewigkeit in Fröhlichkeit und mit dem Lobe des Gottes, der in dir ist (d. h. deines Gewissens?). Dein Herz hast du bei dir, es verläßt dich nicht. Deine Speise besteht da, wo sie sein soll.

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Auch wer dies aufmerksam liest, wird schwerlich zu einer klaren Vorstellung vom Leben der Toten kommen. Daß der Tote die Nacht im Grabe oder in der Unterwelt zubringt, daß er am Morgen erwacht und sein Grab verläßt, wenn er die Sonne aufgehen sieht; daß er als Vogel auf den Bäumen sitzt oder sich in Abydos des Umgangs der alten Toten erfreut; daß er auch am Himmel weilt, wo er das Feld Earu mit der Fähre erreicht; daß er dort den Acker baut, aber auch vom Osiris gespeist wird; daß er bei alledem sich wieder als ein lebender Mensch fühlt mit frischer Seele und frischem Leib das ist etwa, was sich erkennen läßt. Aber will man weiter ins einzelne gehen, so stößt man auf allerlei Widersprüche. So würde z. B. nach der Inschrift des Paheri die Duat am Himmel liegen, während man sie, wie wir gesehen haben, gewöhnlich unter der Erde denkt, und das Totengericht denkt sich die Inschrift des Nachtmin in der Unterwelt, während die des

Paheri seinen Sitz, die Halle der beiden Wahrheiten, an den Himmel verlegt. Und wer nun erst sich das Verhältnis klar machen will, in dem Leib und Seele und Ka zueinander stehen manche Texte kennen überdies auch noch den Schatten des Menschen —, der gerät diesen späteren Texten gegenüber in eine noch größere Verlegenheit, als er sie schon bei den alten erduldet, und mag sich wundern, wie ein intelligentes Volk Jahrhundert auf Jahrhundert diesen Wirrwar ertragen hat.

Aber es handelt sich ja um übersinnliche Dinge und bei denen darf kein Volk es allzu genau nehmen. Einst hat die ursprüngliche frische Phantasie sie lebendig geschaut und benannt, das jüngere Geschlecht aber verbindet mit den so entstandenen Benennungen andere unbestimmte Begriffe. Auch wir sprechen vom »>Himmel«< und meinen doch nicht viel mehr damit als ein Reich der Seligen, wir sprachen von der Seele, vom Geiste, vom Herzen und sind uns dabei des ursprünglichen Wertes dieser Ausdrücke kaum noch bewußt.

So wollen wir denn auch den Ägyptern der historischen Zeit das Recht lassen, die alten Ausdrücke für das Übersinnliche und Unbegreifliche noch weiter zu verwenden, unbekümmert um deren genaue Bedeutung. Könnten wir heute einen Ägypter über diese scheinbaren Widersprüche befragen, so würde er uns gewiß zur Antwort geben, daß derartiges überhaupt kaum einen Widerspruch enthalte, oder auch daß man gut tue, so Heiliges und Unerforschliches nicht zu genau zu besehen. Denn gerade in diesem Nebelhaften und Verschwommenen liegt ja ein besonderer Reiz dieser Dinge für den Menschen und erst eine tote und gelehrte Theologie kann auf den Gedanken kommen, philisterhaft eine Geographie des Jenseits zu entwerfen. Daß dem ägyptischen Volk auch dieses Stadium nicht erspart geblieben ist, zeigen die wunderlichen Bücher, die dem Toten seinen Weg weisen und die ihn mit all den Wesen bekannt machen, die er in der Unterwelt antreffen kann.

Wer in der heiligen Stätte Rosetau (vgl. oben S. 17) das Reich der Toten betritt, dem stehen, so lehrt uns eine Landkarte des Jenseits,1) zwei Wege offen, die ihn zu dem Reiche der Seligen führen, der eine zu Wasser, der andere zu Lande. Beide gehen die Kreuz und Quer und du kannst nicht von einem zum andern gehen, denn zwischen ihnen liegt ein Feuermeer. Auch Seitenwege gibt es, auf denen du nicht fahren sollst, denn sie führen dich ins Feuer hinein oder

1) Das »Zweiwegebuch« nach einem Sarge unserer Sammlung herausgegeben von Graf Schack.

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