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Fünftes Kapitel.

Das Totenwesen der älteren Zeit und

des neuen Reiches.

Seit uns die Ausgrabungen des letzten Jahrzehntes die ältesten Grabstätten Ägyptens kennen gelehrt haben, sehen wir, daß auch in diesem Lande, das so Gewaltiges für seine Toten getan hat, die Bestattung zu Anfang eine einfache gewesen ist: eine schlichte Grube, in die man die Leiche so hineinlegt, daß sie kauernd, mit angezogenen Knien auf ihrer linken Seite liegt. Die Leiche verweste darin und wer ein solches Grab nach wenigen Jahren aufdeckte, fand ein Gerippe aus einzelnen Knochen vor. Eine Erinnerung an diese älteste Art der Bestattung, bei der die Leiche verweste und zerfiel, hat sich das spätere Ägypten übrigens, ohne es zu wissen, bewahrt, denn seine Toten

75. Grab ältester Zeit. gebete wünschen

(Nach einer Photographie von G, Reisner.) noch immer, daß die Glieder des Verstorbenen wieder sich vereinigen sollen und daß sein Kopf wieder an seine Knochen geknüpft werden möge. Die spätere Zeit, die ihre Leichen unzerfallen, als Mumien, zu bewahren wußte, hat solche Formeln als Anspielungen auf den von Feinden zerschnittenen Leib des Osiris gefaßt, während umgekehrt eher die Sage von der Zerstückelung der Osirisleiche aus diesen alten Ritualen entstanden sein mag, die von auseinandergelösten Gebeinen sprachen.

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Gern gibt diese alte Zeit ihren Toten etwas in die Hand, wovon man annimmt, daß sie es auch im Tode gebrauchen werden; so hält eine der alten Leichen in unserer Sammlung noch den breiten Reibstein, auf dem sie sich im Leben die grüne Schminke zur Bemalung ihres Leibes gerieben hatte, und eine andere hält einen ledernen Beutel. Weit mehr aber noch stellt man neben die Leiche hin. Vor allem Töpfe und Näpfe mit Speise und Trank, damit der Tote nicht hungere; Harpunen und Steinmesser, damit er sich Nahrung erjagen und sich gegen Feinde schützen könne; ein Spielbrett, um sich damit die Zeit zu vertreiben, Haarpfeile und Reibsteine, damit ihm seine Toilette so gut gelinge wie im Leben. Dazu dann auch anderes, was ihm nur in übernatürlicher Weise dienen konnte. Das kleine Schiff aus Ton soll es ihm ermöglichen, die Seen zu passieren, die, wie wir oben (S. 95; 93) gesehen haben, die himmlischen Gefilde der Seligen umschließen. Das tönerne Rind soll ihm geschlachtet werden, das tönerne Nilpferd will er jagen, die tönerne Dienerin in dem großen Bottich soll ihm darin mit den Füßen Gerstenteig kneten, um ihm sein Lieblingsgetränk, das Bier, zu bereiten. Und jener anderen hockenden Frauenfigur fällt es offenbar zu, ihrem Herren Liebesdienste zu erweisen, daher ist sie so schön bunt bemalt, als sei sie bekränzt und geschmückt und daher sind Schenkel und Gesäß bei ihr in jener Stärke entwickelt, die dem Afrikaner auch heute noch als das Höchste weiblicher Schönheit gilt.

Andere Gräber dieser ältesten Zeit zeigen uns dann auch schon Beisetzungen, die eine bessere Erhaltung der Leiche anstreben. Man läßt ihr die gleiche hockende Stellung wie bisher, näht sie aber in Leder oder Matten ein oder birgt sie auch in zwei großen Krügen; dann trocknet sie in dem dürren Boden ein und wird zu einer Art natürlicher Mumie. Oder man gräbt das Grab etwas tiefer und mauert es mit Ziegeln aus und legt eine Steinplatte darüber, die den Inhalt vor dem Zerdrücken schützen soll. Noch sicherer war es, wenn man einen kurzen Schacht in den Felsen grub und unten an ihn eine kleine Kammer anschloß, deren Öffnung

vermauerte; schüttete man diesen Schacht zu und häufte man über ihn einen Steinhaufen, so war die Leiche auch vor Dieben und Schakalen geschützt.

Eine andere reichere Gestalt der Gräber treffen wir zu

man

erst bei den Königen an. Jenes große Grab zu Negade in Oberägypten, in dem wahrscheinlich Menes beigesetzt ist, der älteste König, dessen sich die späteren Ägypter erinnerten, ist ein rechteckiges Ziegelgebäude, dessen starke Wände schräg nach oben zulaufen und das ein flaches Dach aus Palmstämmen hatte. Seinen Kern bildete die Kammer mit der Leiche des Königs; vier andere Kammern daneben enthielten die großen Mengen der Speisen, der Wein- und Bierkrüge, die elfenbeinernen Ruhebetten, die prächtigen Steingefäße und all den anderen Hausrat, dessen der Herrscher im Tode bedurfte. Ähnliche Gräber bauten seine Nachfolger in Abydos und bei einigen von diesen begegnen wir zuerst einer Sitte, die später von Wichtigkeit werden sollte: der König wird nicht allein bestattet, sondern in kleineren Kammern neben ihm ruht sein Hof; wie die kleinen Grabsteine dieser Kammern zeigen, sind so die Frauen des Herrschers, seine Leibwächter und sogar seine Hofzwerge und Hunde um ihn gesellt.

Aber diese Form des Gräberbaues ist nicht lange ein Vorrecht der Könige geblieben, die Vornehmen ahmen sie ihnen nach und so gehen denn die Herrscher ihrerseits zu einer neuen Art des Grabes, zu der Pyramide, über, die seit dem Ende der dritten Dynastie (etwa 2800 v. Chr.) die eigentliche Form des Königsgrabes bildet.

Diese Pyramiden, die man so oft das Wahrzeichen der älteren ägyptischen Geschichte genannt hat, können in der Tat als ein solches gelten; zeigen sie doch, wie maßlos sich Macht und Ansehen dieses alten Königstumes gesteigert hatten. Schon die erste bekannte Pyramide, die Stufenpyramide von Sakkara, die sich König Zoser errichtete, ist ein Riesenbau, dessen Mauerwerk aus Kalkblöcken nicht weniger als 60 m hoch aufragt. Aber was will das sagen gegenüber dem Bau, den sein fünfter Nachfolger, König Cheops, errichtete, gegenüber der großen Pyramide von Gize? Um sich ihre Dimensionen klar zu machen, denke man sich in Berlin das Viereck zwischen der Akademie und dem Zeughaus und zwischen dem Opernhaus und der Dorotheenstraße mit einer Steinmasse überbaut, die bis zur Höhe des Straßburger Münsters aufsteigt. Und doch diente dieses Riesenwerk, dessen Anlage während der langen Regierung des Königs wiederholt erweitert wurde, lediglich dazu, die Leiche des Herrschers vor Zerstörung zu schützen; es war gleichsam nur ein Steinhaufe, der über der Grabkammer aufgetürmt war. Wenn aber der König so die Kraft seines ganzen Landes zu diesem einen Zwecke anspannen durfte, so zeigt das, daß dieser Zeit schon die Erhaltung der Leiche als die heiligste Pflicht galt; offenbar ward sie schon von der Vorstellung der möglichen Wiederbelebung des Leibes, die wir oben (S. 97) besprochen haben, beherrscht.

Aber wie jede Übertreibung bald zugrunde geht, so ist es auch bei dem Pyramidenbau geschehen. Die beiden nächsten Nachfolger des Cheops bauen noch in dem Gigantenstile ihres Vorgängers, alle späteren Herrscher des alten Reiches aber (und es gibt doch auch unter ihnen solche mit langer Regierung) haben sich mit verhältnismäßig kleineren Bauten begnügt. Und man muß sagen, daß diese kleinen Pyramiden ihren Zweck ebenso gut oder ebenso schlecht erfüllt haben wie ihre Riesenschwestern, denn einen dauernden Schutz haben weder diese noch jene der Leiche gewährt. Trotz aller Granitblöcke, mit denen man ihre engen Gänge verstopft hat, sind sie sämtlich schon im Altertume ausgeraubt worden.

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76. Pyramiden und Totentempel zu Abusir. Unten im Tal die Torgebäude, von denen bedeckte Aufwege zu den Tempeln führen. (Nach der Herstellung von L. Borchardt.)

Da das Innere der Pyramide nach der Beisetzung nicht mehr betreten werden durfte, so mußten die Räume, die zur Verehrung des toten Herrschers nötig waren, außen neben ihr angelegt werden: ein Tempel zum Darbringen der Opfer und mit ihm verbunden Magazine und allerlei Wirtschaftsräume zur Bereitung der Speisen. Dazu dann noch Wohnhäuser und Verwaltungsräume für die Priester und Beamten der Pyramide. Das alles zusammen galt mit der Pyramide als eine Stadt und trug einen Namen, der ihre ewige Dauer und Herrlichkeit pries: Horizont des Cheops oder Grosse des Chephren oder reine Sitze hat Userkaf.

Rings um die Pyramide des Königs her sind dann nach der alten Sitte diejenigen bestattet, die ihn im Leben umgeben haben, die Prinzen und Prinzessinnen und alle die

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77. Mastabas. (Rekonstruktion von Perrot-Chipiez.) Großen seines Hofes. Wie eine Stadt mit regelmäßigen Straßen liegen diese Gräber um die Pyramide her, sehr verschieden in der Größe, im Material und in der Ausschmückung, aber doch alle im wesentlichen von einer Art, von derjenigen, die die Fellachen unserer Tage prosaisch, aber bezeichnend die Mastaba, d. h. die Bank, benannt haben. Die Mastaba hat äußerlich die rechteckige Gestalt der ältesten Königsgräber, aber sie verbindet damit alle die Vorkehrungen, die man inzwischen zum Schutze der Leiche erdacht hatte. Man treibt einen senkrechten Schacht (wir nennen ihn den Brunnen) tief in den Felsboden hinein und meißelt an seinem Ende eine kleine seitliche Kammer aus, in der die Leiche beigesetzt wird. Über diesem Schachte wird dann ein rechteckiger Haufen von Steinblöcken aufgetürmt, dessen Wände mit behauenen Steinen bekleidet werden, so daß die Mastaba wie ein gemauertes Gebäude mit schrägen Wänden aussieht. Den Schacht führt man bis zu ihrem Dache hindurch, denn durch ihn muß ja am Tage der Beerdigung die Leiche hinabgelassen werden; ist dies geschehen, so mauert man den Eingang der Totenkammer zu und füllt den Schacht bis oben mit Blöcken und Schutt aus.

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