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Elftes Kapitel.
Die ägyptische Religion in Europa.

Als der alte Baum der ägyptischen Religion schon im Absterben war, trieb er noch einen wilden Schößling, der wunderbar genug ferne Länder überschattete; durch das weite römische Reich hin gewann der Glauben der Isis und des Osiris sich eine eifrige Gemeinde.

Die Bekanntschaft mit diesen Göttern war längst durch die ägyptischen Schiffer und Händler vermittelt, die sich in den Hafenorten des Mittelmeeres und in seinen großen Städten niedergelassen hatten. Sie werden dort ägyptische Gemeinden gebildet haben, deren geheimnisvolle Feste auf ihre Mitbürger anziehend und ansteckend wirkten. Aber ihre Sache würde sich nie weiter entwickelt haben, hätte sie nicht auch die gebildeten Stände an sich gelockt. Was diese zu dem ägyptischen Glauben hinzog, war zunächst die unklare Verehrung, die man diesem Lande uralter Kultur und wunderbarer Denkmäler entgegenbrachte; hat doch die römische Welt kaum ein anderes Landschaftsbild so gern dargestellt, wie dasjenige Ägyptens mit seinen Tempeln und Schilfhütten und Krokodilen. Auch uralte, tiefsinnige Weisheit sollten die Ägypter besitzen; glaubte man doch, daß die Führer der geistigen Welt, die griechischen Philosophen, das Beste ihrer Lehre von den Priestern Ägyptens empfangen hätten. Und endlich und das war für ernstere Gemüter wohl die Hauptsache bei diesem frommen Volke mußte das eine zu finden sein, dessen Mangel so manche unklar empfanden; die eigene Religion war den Gebildeten halb erstorben, aber in vielen regte sich doch eine stille Sehnsucht nach dem Übersinnlichen und alles was diese befriedigen konnte, war willkommen. Auch heute können wir ja wieder eine gleiche Stimmung bei manchen unserer Zeitgenossen beobachten; die Ruhe der überlieferten Religion ist ihnen verloren gegangen und so suchen sie nach einem Ersatz; die Toren fallen dem Spiritismus zu, die Besseren klammern sich an den Buddhismus. Auch darin sind sich beide Erscheinungen ähnlich, daß die Gebildeten die fremde Religion nicht einfach hinnehmen wie sie ist, denn so würde sie ihren verfeinerten Seelen nicht genügen; der »esoterische Buddhismus« der modernen Dame ist im Grunde nur allerlei Philosophie in buddhistischem Gewande, und über den Isisglauben des Plutarch würden die Priester von Memphis und Theben wohl den Kopf geschüttelt haben.

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158. Nillandschaft auf einem römischen Tonrelief.

(Berlin, Antiquarium.)

Dieser Respekt der gebildeten Stände war es, der dem armen Isispriester der griechischen und italischen Städte und seiner wunderbaren Lehre ein höheres Ansehen gab, als es die anderen Priester des Orients genossen, die neben ihm auf römischem Boden ihr Wesen trieben.

Auch ein weiterer Reiz kam der Ausbreitung des ägyptischen Glaubens zu gute; die offizielle Religion stand ihr lange feindlich gegenüber und Senat und Kaiser suchten diesem » Aberglauben« immer wieder durch Verbote und Beschränkungen zu steuern. Freilich ohne Erfolg, denn wenn man der Isis nicht offen dienen konnte, so tat man es desto eifriger im Geheimen, Erman, Die ägypt. Religion.

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und gewiß währte es nie lange, bis das Verbot wieder eingeschlafen war. Und schließlich ward es gar nicht mehr gehindert, wenn jemand der Isis und dem Serapis einen Tempel erbaute und aus der stillen Duldung ward ein offenes Anerkenntnis. Seit dem Ausgange des ersten Jahrhunderts n. Chr. ist jeder Makel von den ägyptischen Göttern genommen und wieder hundert Jahre später nennt man sie schon die einst ägyptischen, jetzt auch römischen Gottheiten.I) Sehr viel zu dieser Entwicklung wird auch die Regierung Hadrians beigetragen haben, der Ägypten selbst bereist hatte, und der

für dieses Land und für seine Götter schwärmte. Seine Villa in Tibur enthielt auch einen ägyptischen Park, der Kanopus hieß; Götterstatuen aus schwarzem Stein in halb ägyptischem Stil und unterirdische Hallen und ein Heiligtum des Serapis sollten den Besucher an das Nilthal erinnern. Und als dem Kaiser sein Liebling Antinous auf der Reise im Nil ertrunken war, da hielt er

es für das Höchste, wenn der arme Knabe zum Throngenossen der Götter von Ägypten) erhoben würde. In den Städten Griechenlands mochte man dann den neuen Halbgott als einen schwermüti

gen Jüngling darstellen, in seinem Heilig116 tume in Ägypten aber sollte er ein ägyp

tischer Gott sein und die Grabanlage, die der Kaiser ihm in Rom weihte, war eine ägyptische und trug hieroglyphische Inschriften. Noch heute meldet uns der zierliche Obelisk des Monte Pincio, 3) daß Osiris Antinous, der Verstorbene, der in dieser

Stätte ruht, die im Grenzbezirk des glück159. Antinous.

lichen Rom liegt, als ein Gott erkannt ist (Statue in Paris.) in den göttlichen Stätten von Ägypten. Tem

pel sind ihm gebaut und er wird von den höheren und niederen Priestern von Ober- und Unterägypten verehrt und ebenso von allen Ägyptern. Eine Stadt ist uch seinem Namen benannt worden und Griechen und Ägypter kommen zu ihr und Äcker und Felder werden ihnen gegeben, um ihnen darin ein gutes Leben zubereiten. Der Tempel dieses Gottes, der Antinous heißt, befindet sich darin und ist aus gutem Kalkstein gebaut, mit Götterbildern um ihn her und Statuen und sehr

1) Minuc. Felix 22, 2.
2) CIG. 6007.
3) Mitt. d. Deutsch. Archäol. Inst.

Röm. Abt. XI, 113.

vielen Säulen, solchen wie sie früher von den Vorfahren gemacht wurden und solchen, wie sie von den Griechen gemacht werden. Und in diesem Tempel werden ihm Speisen auf seine Altäre gelegt, und er wird gepriesen von den Priestern, und alle Menschen wallfahren zu ihm, weil er die Bitte dessen erhört, der zu ihm ruft und den Kranken heilt dadurch, daß er ihm einen Traum sendet. Es ist die griechisch-ägyptische Stadt Antinoe, deren Gründung uns so berichtet wird; die Verehrung des griechischen Knaben schlug in ihr feste Wurzeln und noch im dritten Jahrhundert war Antinous in Ägypten ein vielverehrter Gott, der Kranke heilte und Wunder tat.") So hatte Europa auch seinerseits Ägypten einen Gott gegeben, wer wollte da den ägyptischen Glauben noch einen fremden nennen? Auch jetzt freilich gab es noch so manche, die den Abscheu gegen diese tierköpfigen Götter nicht ganz überwinden konnten. Das zeigt uns der Spott Lucians. Da sitzen die Götter im Rate auf dem Olymp, aber in ihrer Versammlung geht es unruhig zu, denn die alten griechischen Götter können ihren Ärger nicht mehr zurückhalten über all das zweifelhafte Volk, das sich in ihre erlauchte Gemeinschaft eingeschlichen hat, über die unmanierlichen Genossen des Dionysos, über die Gottheiten aus den Barbarenländern und über die leeren Wesen wie » Tugend« und »Schicksal«, die die Philosophen ausgeheckt haben. Bei dem Gelage drängt sich jetzt eine geräuschvolle Menge zusammen, die alle möglichen Sprachen spricht und die sich unpassend gegen die alten Götter benimmt; die Ambrosia geht aus und der Nektar wird immer teuerer. Und Momus, der sich zum Sprecher der Unzufriedenen macht, trägt diese Übelstände in langer Rede vor und schmäht besonders das Barbarengesindel, den Attis und den Sabazios und den Mithras und all dies Gelichter, das kein Griechisch kann und das es nicht einmal versteht, wenn man ihm zutrinkt. Aber, sagt er, das alles könnte noch hingehen. Doch du, du hundsköpfiger, in Leinen gehüllter Ägypter, wer bist du denn? und wie kannst du bellender Hund ein Gott sein wollen. Und wozu läßt sich der bunte Stier aus Memphis verehren und gibt Orakel und hat Priester: Von Ibissen und Affen und Böcken will ich lieber garnicht sprechen und auch nicht von dem andern lächerlichen Zeug, das irgendwie aus Ägypten in den Himmel eingeschmuggelt ist. Wie könnt ihr Götter es nur mitansehen, daß man die ebenso gut verehrt wie euch oder wo möglich noch besser. Und du Zeus, wie kannst du es aushalten, daß sie dich mit Widderhörnern behaften? Zeus gibt zu, daß diese ägyptischen Dinge abscheulich seien, aber, setzt er vorsichtig hinzu: vieles

1) Origenes c. Cels. III, 36.

unseres

davon sind Rätsel und wer nicht darin eingeweiht ist, soll nicht darüber lachen.1)

Was Zeus dem Momus einwirft, ist offenbar das, was die gebildeten Anhänger der Isis den Spöttern zu entgegnen pflegten: ihr seht nur die äußere barocke Form Glaubens und ahnt nicht, was sich hinter ihr verbirgt. Und, sagt Plutarch wer diese

nge wörtlich nimmt und sich um ihren höheren Sinn nicht kümmert, da muß man ausspeien und den Mund reinigen. Denn wer ist Osiris? Osiris ist das Prinzip der Feuchtigkeit und die befruchtende Kraft der Zeugung. Er ist die Vernunft der Seele und das Geordnete und Gesetzmäßige in der Welt; ja er ist schlechtweg das Gute. Typhon aber ist das Trockne, Sengende, Dürre. Er ist das Unvernünftige, Unbesonnene der Seele und das Krankhafte, Störende in der Welt, er ist das Schlechte. Isis hat die fruchtbare Erde zum Körper; sie ist der weibliche, die Zeugung aufnehmende Teil der Natur, der Stoff für Gutes und Schlechtes, der aber doch seiner Natur nach zum Guten neigt.2) Und alles Gute und Geregelte ist ein Werk der Isis und ein Abbild des Osiris.3) Nichts aber ist der Göttin so wohlgefällig wie das Trachten nach der Wahrheit und der rechten Erkenntnis des Göttlichen; sie fördert die heilige Lehre, während Typhon dagegen kämpft. Wer geregelt, mäßig und keusch im ernsten Dienste ihres Tempels lebt, der kann zur Erkenntnis des ersten, höchsten erkennbaren Wesens gelangen; dazu ladet sie uns durch ihr Heiligtum ein.+) Nicht das Leinenkleid und das geschorene Haupt machen den Isisgläubigen – obschon auch das tiefsinnige Gebräuche sind sondern der wahre Isisgläubige ist der, der über die heiligen Dinge grübelt und der darin verborgenen Wahrheit nachsinnt.5) Denn gleichgültig ist nichts in diesen Dingen. Wenn das Sistrum, mit dem man

vor der Göttin klappert (S. 51), oben rund ist und vier Querstäbe hat, so ist das dem Weisen eine Hindeutung auf den >> Mondkreis«, der alles umfaßt, und auf die vier Elemente, die innerhalb seiner sich regen.

Und wenn man das Sistrum gern oben mit einer Katze verziert, so glauben wir Profanen zwar, dies geschehe wegen der katzengestaltigen, fröhlichen Bastet (S. 15), Plutarch aber weiß den wahren Grund: die Katze deutet wieder auf den Mond, entweder, weil dieses Tier veränderlich, nächtlich und fruchtbar ist, oder weil sich seine Augen beim Vollmond erweitern. Und die beiden Frauenköpfe am Stiel

1) Lucian, Deorum Concilium 10.
2) Plut. Isis et Osir. 33. 38. 39. 49. 53.
4) ib. 2. 5) ib. 3.

3) ib. 64.

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