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Seite seiner Existenz hervor. Als wäre er kein Ägypterkönig, erzählt er uns, daß er 110 Löwen geschossen oder eine Herde von Wildochsen gejagt habe und daß ihm von dem Mitanikönig eine Tochter mit 317 Mädchen gesandt worden sei. Vor allem berichtet er der Nachwelt, daß er, der allmächtige König, die Tii, die Tochter des Jua und der Tua, also das Kind beliebiger Privatleute, zu seiner Königin gemacht habe. Wer dies liest und bedenkt, wie wenig derartiges zu dem ägyptischen Königtume paßt, der kann nicht wohl zweifeln, daß der Herrscher, der es liebte, so aufzutreten, auf dem Wege war, seiner nationalen Stellung untreu zu werden. Ägypten begann, wie wir heute sagen würden, ein moderner Staat zu werden, und unter diesen Verhältnissen übernahm der vierte Amenophis sein Reich, um bald in den Konflikt zu geraten, den die neue Richtung unausbleiblich hinaufbeschwören mußte.

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57. Von einem Bau Amenophis' IV. in Theben. Rechts der König betend, über ihm die Sonne; links der Sonnengott noch in alter Gestalt, aber schon mit den neuen Namen. (Berlin 2072.)

War es sein eigenes Unternehmen oder führte er nur etwas durch, was sein Vater begonnen hatte, genug, er wagte es, in der Religion von der bisherigen Bahn abzuweichen. Er versuchte zunächst, den alten Sonnengott Re Har-achte, der, wie wir gesehen haben, von Amon zurückgedrängt war, wieder als den höchsten Gott des Staates gelten zu lassen und erbaute ihm in Theben, Memphis, Heliopolis und in anderen Städten neue Heiligtümer. Damit erfüllte er gewiß einen Wunsch der Priesterschaft der alten Götter; daß er selbst aber dabei noch weitergehende Gedanken hatte, das ergibt sich daraus, daß er für den Sonnengott jetzt auch noch ein neues Bild und einen neuen Namen einführte. Neben dem alten sperberköpfigen Bilde des Gottes kam jetzt ein neues in Anwendung, das nichts war als die Sonne als

Erman, Die ägypt. Religion.

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Gestirn; Strahlen laufen von ihr aus, die mit Händen Lebenszeichen reichen, und wenn an ihrem unteren Rande zuweilen noch eine Schlange hängt, so ist dieses allegorische Beiwerk auch das einzige, was noch an ägyptische Vorstellungen erinnert. Im übrigen ist es ein Bild, das auch Kanaanäer und Nubier verstehen können und man frägt sich unwillkürlich, ob nicht auch eine solche Absicht bei seiner Schaffung vorgelegen hat; für ein großes Reich des Altertumes war ein gemeinsamer Kultus ein wesentliches Bindemittel, und wenn man einen solchen schaffen wollte, so war es leichter, einen farblosen, allgemein menschlichen Sonnengott einzuführen als eine rein ägyptische Gottheit, wie es der Amon gewesen wäre. Wer aber den neuen Namen des Gottes erwägt: Har-achte, der im Horizont jauchzende, in seinem Namen »Glanz, welcher in der Sonnenscheibe ist«, der erkennt, daß noch etwas anderes mitgewirkt hat, gelehrte Spekulation. Kein naiver Verehrer des Re Har-achte würde seinen Gott so bezeichnet haben; es sind ausgeklügelte Worte, die möglichst abstrakt ausdrücken sollen, daß man nicht das Gestirn selbst verehrt, sondern das Wesen, das sich in ihm offenbart. Und da wir hören, daß der König später den neuen Glauben als seine Lehre bezeichnet, so dürfen wir vielleicht ihm selbst diese theologische Ausgestaltung zuschreiben. Und wer weiter in dem Kreise, der ihn in den folgenden Jahren umgibt, die Königin Mutter Tii wiederfindet, und als Günstling den niederen Geistlichen Ei, der der Gatte der Amme des Königs war, und wer das seltsam krankhafte Bild des Herrschers betrachtet, der ist versucht, aus alledem eine Geschichte zusammenzureimen, wie sie mehr als einmal in der Welt das Ende eines großen Königshauses bezeichnet hat.

Klar ist aber eines, daß die Einführung des neuen Kultus bald auf Widerstand gestoßen ist und daß dieser Widerstand von den Vertretern des Amonskultus ausgegangen ist. Denn mit einer Erbitterung sondergleichen wendet sich der König gegen diesen Gott und sucht ihn zu vernichten. Es sollte nichts übrig bleiben in Ägypten, was an den Amon und an seine Gattin, die Mut, erinnerte, nicht einmal ihr Name. Wo immer in einem Tempel, in einem Grabe oder auf einem Geräte das Wort Amon vorkam, da mußte es ausgekratzt werden, mochten auch die Denkmäler der Väter des Königs noch so arg dadurch geschändet werden. Und da sein eigener Name Amenhotp (Amon ist zufrieden) durch einen bösen Zufall selbst das verhaßte Wort enthielt, so legte der König ihn ab und nannte sich fortan Ich-en-aton, »Glanz der Sonnenscheibe«.

Der Fanatismus, der sich hierin ausspricht, hat ihn dann auch in seinem religiösen Werke zu einer Konsequenz geführt, an die er gewiß ursprünglich nicht gedacht hatte. Jetzt sollte sein Sonnengott, den man nicht neben dem Amon hatte dulden wollen, an dessen Stelle treten und er sollte nur noch in dem neuen Bilde der Sonne mit Armen dargestellt werden. Auch der alte Name Har-achte sollte nur noch für die offizielle Titulatur des Gottes beibehalten werden, sein gewöhnlicher Name sollte Aton min, die Sonnenscheibe, sein, ein Wort, das in Klang und Aussehen

, zu vertreten. Und nicht mehr die höchste Gottheit sollte fortan die neue Sonne sein, sondern die einzige; mochte an Ptah und Hathor, an Osiris und Isis weiter noch glauben, wer da wollte, für die Getreuen des Königs gab es fortan nur noch den einen Gott, dem sie dienten. Und da

58. Das neue Bild des Sonnengottes. es einem orientalischen Herrscher nicht an »Getreuen« zu fehlen pflegt, so wird man annehmen können, daß der neue Glaube wirklich ein bis zwei Jahrzehnte lang geherrscht hat, wenigstens in den oberen Schichten des Volkes. Wie dieser neue Glaube beschaffen war, das können wir noch an einem großen Liede ermessen, das ohne Zweifel offizielle Geltung in seinem Kultus besessen hat. Es lautet so:

Du erscheinst schön im Horizonte, des Himmels, du lebende Sonne, die zuerst lebte. Du gehst auf im östlichen Horizonte und erfüllst die Erde mit deiner Schönheit. Du bist schön und groß und funkelnd und hoch über der Erde. Deine Strahlen umarmen die Länder, soviel du geschaffen hast. Du bist Re ..., du bezwingst sie durch deine Liebe. Du bist fern, aber deine Strahlen sind auf Erden ...

Gehst du unter im westlichen Horizonte, so ist die Erde finster, als wäre sie tot. Sie schlafen in ihren Kammern, mit verhülltem Haupt. Ihre Nasen sind verschlossen und kein Auge sieht das andere. Stähle man ihre Habe, die unter ihrem Kopf liegt, sie merkten es nicht. Jeder Löwe kommt aus seiner Höhle heraus und alles Gewürm beißt. .. Die Erde schweigt: der sie schuf, ruht ja in seinem Horizonte.

Früh morgens gehst du im Horizonte auf und leuchtest als Sonne am Tage. Die Finsternis flieht, wenn du deine Strahlen spendest. Die Bewohner Ägyptens sind fröhlich: sie erwachen und stehen auf den Füßen, wenn du sie erhoben hast. Sie waschen ihren Leib und greifen nach ihren Kleidern. Sie erheben ihre Hände, dich zu preisen. Das ganze Land tut seine Arbeit.

Alles Vieh ist zufrieden auf seiner Weide. Die Bäume und Kräuter grünen, die Vögel flattern in ihren Nestern und heben ihre Flügel, dich zu preisen. Alle Tiere hüpfen auf ihren Füßen; was da flattert und fliegt, lebt, wenn du für sie aufgehst.

Die Schiffe fahrin hinab und ebenso hinauf; jeder Weg steht offen, weil du aufgehst. Die Fische im Strom springen vor deinem Antlitz, deine Strahlen dringen in das Innere des Meeres.

Der die Knaben in den Weibern schafft und den Samen in den Männern; der den Sohn im Leibe seiner Mutter am Leben erhält, der ihn beruhigt, daß er nicht weine, du Amme im Leibe!

Der die Luft spendet, um jedes seiner Geschöpfe zu beleben, wenn es aus dem Leibe kommt am Tage seiner Geburt. Du öffnest ihm den Mund und es redet; du machst, wessen er bedarf

Das Junge im Ei spricht schon in der Schale; du schenkst ihm in ihr Luft, um es am Leben zu erhalten. . . Es kommt aus dem Ei, um zu reden ...; es geht auf seinen Füßen fort, wenn es aus ihm herauskommt.

Wie viel ist, was du gemacht hast! Du schufst die Erde nach deinem Wunsche, du allein, mit Menschen, Herden und allen Tieren, alles was auf Erden ist, was auf den Füßen geht und was schwebt und mit den Flügeln fliegt.

Die Fremdländer Syrien und Äthiopien und das Land Ägypten einen jeden setztest du an seine Stelle und schufst, was sie bedürfen; ein jeder hat sein Eigentum, und seine Lebenszeit ward berechnet. Thre Zungen sind durch die Sprachen geschieden und ihr Äußeres gemäß ihrer Farbe; Unterscheider, du unterschiedst die Völker.

Du schufst den Nil in der Tiefe und führst ihn herbei nach deinem Belieben, um die Menschen zu ernähren.

Alle fernen Länder, deren Lebensunterhalt schufst du und setztest einen Nil an den Himmel, daß er zu ihnen herabsteige; er schlägt Wellen auf den Bergen wie der Ozean und befeuchtet ihre Äcker in ihren Städten. Wie schön sind sie, deine Beschlüsse, du Herr der Ewigkeit!

Den Nil am Himmel, du überwiesest ihn den Fremdvölkern und dem Wild aller Wüste, das auf den Füßen geht und der Nil, der kommt aus der Tiefe für Agypten.

Du schufst die Jahreszeiten, um all dein Erschaffenes zu erhalten, den Winter, um sie zu kühlen, die Glut, damit sie dich kosten (?). Du schufst den fernen Himmel, um an ihm zu strahlen, um all dein Erschaffenes zu sehen, allein und aufgehend in deiner Gestalt als lebende Sonne, erglänzend, strahlend, sich entfernend und wiederkehrend. Du schufst (die Erde) für die, die aus dir allein entstanden sind, die Hauptstädte, Städte, Stämme, Wege und Ströme. Aller Augen schauen dich vor ihnen, wenn du die Tagessonne über der Erde bist.

Wer diesen schönen Hymnus mit den Liedern auf den alten Sonnengott vergleicht oder mit dem oben mitgeteilten auf Amon-Re, dem wird der grundsätzliche Unterschied nicht entgehen. Gemeinsam ist ihnen, daß sie den Gott als Schöpfer und Erhalter der Welt und alles Lebens feiern. Aber der neue Hymnus weiß nichts von den alten Namen des Sonnengottes, von seinen Kronen, Szeptern, heiligen Städten. Er weiß nichts von seinen Schiffen und Matrosen und vom Drachen Apophis, nichts von der Fahrt durch das Totenreich und der Freude von dessen Insassen. Es ist ein Lied, das ebenso gut auch ein Syrer oder ein Äthiope zum Preise der Sonne anstimmen kann. Und in der Tat sind ja diese Länder und ihre Bewohner so in diesem Hymnus erwähnt, als wolle er dem Hochmut, mit dem der Ägypter auf die elenden Barbaren herabsah, ein Ende machen. Alle Menschen sind des Gottes Kinder; er hat ihnen verschiedene Farbe und verschiedene Sprachen gegeben und hat sie in verschiedene Länder gesetzt, aber er sorgt für alle in gleicher Weise, und wenn er den einen seinen Nil gibt, so gibt er den anderen dafür seinen Regen.

Dieser neue Glaube steht unserm eigenen Empfinden so nah, daß wir unwillkürlich seinem kühnen Begründer unsere Sympathie zuwenden. Und doch, wer ohne Vorurteil überlegt, was der vierte Amenophis eigentlich unternahm, der wird schließlich doch das Recht und die Vernunft auf der Seite seiner Gegner suchen wie unerfreulich uns auch die Sache erscheint, die sie vertreten.

Denn einmal war für eine solche nicht nationale Religion, die sich auf den allgemein menschlichen Standpunkt stellte, die Zeit noch nicht gekommen. Und dann war es ein bitteres Unrecht, den historisch entstandenen Glauben des Volkes, in dem es mit seinem ganzen Leben wurzelte, durch das Hineinwerfen einer solchen frei erfundenen Lehre zu stören. Amenophis IV. war kein Reformator; er war ein aufgeklärter Despot, der den Deismus seiner Zeit gewaltsam an die Stelle der überlieferten Religion setzen wollte und ein solches Unterfangen konnte die gesunde Entwicklung des Glaubens nur hindern.

Wie das Volk sich mit der Lehre seines Königs auseinandersetzte, zeigen uns zwei kleine Denkmäler unserer Sammlung. Auch in den Gräbern sollte von allen bisherigen Anschauungen abgewichen werden; es genügte, wenn der Tote zur Sonne flehte, ihm ihren Anblick zu gewähren

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