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zu mir

wußte auch zu strafen. Das zeigt die Steintafel, auf der Nefer-abu, ein niederer Beamter der Nekropole, sehr unorthographisch folgendes bekennt:1) Ich war ein unwissender Mann, ein törichter, und wußte nicht, was gut und böse ist. Ich tat Sündhaftes gegen die Berg spitse. Sie züchtigte mich und ich war in ihrer Hand bei Vacht und bei Tag und saß da wie die Schwangere. Ich schrie nach Luft, aber sie kam nicht

Seht, ich sage zu Groß und Klein in der Arbeiterschaft: hütet euch vor der Westspitze, denn ein Löwe ist in der Spitze. Sie schlägt, wie ein wilder Löwe schlägt, und verfolgt den, der sich gegen sie vergeht. Als ich dann zu meiner Herrin rief, fand ich, daß sie zu mir kam mit süßer Luft und sie war mir gnädig, als sie mich ihre Hand hatte sehen lassen und wandte sich mir friedlich su. Sie ließ mich meiner Krankheit vergessen, die an mir gewesen war. Ja die Westspitze ist gnädig, wenn man sie anruft. Höret, alle ihr Ohren auf Erden: hütet euch vor der Westspitze. Ob wohl ein Ägypter niederen Standes es damals gewagt hätte, seine Strafe und seine Errettung dem Amon Re von Karnak zuzuschreiben?

An dem Emporkommen dieser Volksgötter nahmen nun auch die heiligen Tiere der Tempel teil, von denen wir oben (S. 25) gesprochen haben. So befindet sich in der Berliner Sammlung ein Denkstein, der einen Tempeldiener von Heliopolis im Gebet vor dem Mnevisstiere darstellt und der noch aus dem Anfange des neuen Reiches stammt. Und wenn der Stier oder die Katze gestorben sind, so bestattet man sie jetzt mit einem gewissen Aufwand und die Stätte, wo sie beigesetzt sind, steht bereits im Geruche der Heiligkeit. Noch ist uns der Sarg einer heiligen Katze erhalten,2) den Amenophis III. ihr geweiht hat, und für die Gräber der Apisstiere von Memphis hat einer der Söhne Ramses' II. als Hoherpriester des Ptah reichlich Sorge getragen; beim Apisgrabe treibt man die Ehrfurcht bereits so weit, daß man dem toten Ochsen wie einem Menschen Totenfiguren beigibt, die in der unten (S. 140) auseinandergesetzten Art ihm die Arbeit im Jenseits abnehmen sollen.

Gern wüßten wir, was das niedere Volk, das an diesen kleinen Gottheiten sein Genügen fand, sonst über die Welt und die Götter gedacht hat. Einen kleinen Einblick darin gewähren uns die Märchen des neuen Reichs, die ja, wie überall, auf den Anschauungen der unteren Stände beruhen

1) Maspero, Études de mythologie p. 404 ff.; hier nach dem Original berichtigt.

2) In Kairo.

werden, wenn es auch gebildete Leute sind, die sie uns überliefert haben.) Der oberste Gott des Märchens ist Re

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67. Denkstein, dem Mnevis von dem unten dargestellten Ken geweiht.

Oben räuchert der Hohepriester Prinz Amosis. (Berlin 14 200.)

Har-achte, Amon wird überhaupt nicht genannt. Re ist der Herr der Welt, der den guten Menschen gegen die bösen

1) Das folgende nach Pap. d'Orbiney und Harris 500. Erman, Die ägypt. Religion.

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beisteht. Zusammen mit der Neunheit der Götter geht er auf Erden umher, wie ein König mit seinem Gefolge, um nach dem Rechten zu sehen. Auch Chnum ist dabei anwesend und bildet Menschen. Wird ein Kind geboren, so kommen sieben Hathorgöttinnen und sehen, was das Geschick ist, das sein Gott ihm bestimmt hat, und ob auch der Mensch dem ihm Verhängten zu entgehen sucht, der Gott tut doch, was er will. Daß es weiter auch wunderbare Bäume geben kann und Stiere mit jeder schönen Farbe und daß man gut tut, diesen Opfer zu bringen, kann nach dem oben (S. 79) Gesagten nicht befremden. Die Vorstellung von dem bestimmten Schicksal des Menschen scheint übrigens auch sonst jerbreitet gewesen zu sein; sogar in einer offiziellen Urkunde I) bezeichnet man den Tod als das Verhängte und es gibt auch eine Gottheit dieses Namens, die allerdings mehr das glückliche Geschick zu bringen scheint.

Während so das Volk sich seinen Glauben naiv zurecht machte, dachten die Gebildeten über die Götter nach und über die Welt, und wie sie so grübelten und philosophierten, begann ihr Glaube sich zu zersetzen. Immer mehr verwischten sich ihnen die Unterschiede zwischen den einzelnen alten Göttern und immer verschwommener wurde ihre Religion. Es war das Lebenshaus, d. h. die Schule der Gelehrten, wo man solche Weisheit pflegte, aber daß sie auch außerhalb der Schulen in den Kreisen der Gebildeten herrschte, zeigen uns manche Lieder dieser Zeit, die in ihrer Frische gewiß nicht im Lebenshause gedichtet sind und die doch diese Anschauungen enthalten.

Hören wir zunächst, was uns König Ramses IV. auf seinem Denkstein in Abydos berichtet von dem, was er bei seinen Forschungen im Lebenshause aus den Büchern, die er anzusehen nicht abließ, gelernt hatte. Da fand er, daß dein Wesen, Osiris, geheimnisvoller ist als das aller Götter. Du bist der Mond, der am Himmel ist. Du verjüngst dich nach deinem Wunsch, du wirst jung nach deinem Belieben. scheinst, um die Finsternis zu vertreiben, gesalbt und gekleidet, (d. h. in deinem Feststaat) für die Götter und der Zauber geschieht, um ihre Majestäten zu verklären und ihre Feinde auf die Schlachtbank zu bringen. . . Und die Menschen zählen, um den Monat zu wissen, und addieren, um ihre Zeit zu wissen.

Ja du bist der Nil, groß auf den Ufern am Anfang der Jahreszeit; die Menschen und die Götter leben von der Feuchtigkeit, die aus dir kommt.

Ich habe deine Majestät auch als König der Unterwelt gefunden. Wenn Re alle Tage aufgeht und zur Unterwelt

Du er

1) Im Friedensvertrage Ramses' II.

Erde ...

kommt, um dieses Land und auch die Länder zu besichtigen, so sitzest du auch wie er. Ihr beide zusammen werdet Bai Demdem genannt. Die Majestät des Thoth steht neben euch, um die Befehle, die aus eurem Munde kommen, aufzuschreiben. 1)

Man sieht, die Rolle, in der jeder Ägypter den Osiris kannte und verehrte, die des Totengottes, wird hier erst an. dritter Stelle und auch da noch in ungewöhnlicher Weise erwähnt; dafür wird dem Osiris aber hier die Rolle des Mondes und des Niles zuerkannt. Und in einem Liede, das auf ähnlichen Umdeutungen beruht, wird Osiris fast zur Erde; man denkt sich, daß Osiris als Leiche unter der Erde liegt und sie gleichsam trägt mit allem, was auf ihr ist; da kann denn sein Rücken als die Erde selbst gelten. Der Erdboden liegt auf deinem Arm und seine Ecken auf dir, bis hin zu den vier Stützen des Himmels. Regst du dich, so bebt die

und (der Nil) kommt hervor aus dem Schweiße deiner Hände. Du speist die Luft aus deiner Kehle in die Nase der Menschen. Alles, wovon man lebt, Bäume und Kraut, Gerste und Weizen ist göttlichen Ursprungs und kommt von dir.

Gräbt man Kanäle, baut man Häuser und Tempel, schleppt man Denkmäler, legt man Äcker an, gräbt man Felsgräber und Gräber sie liegen auf dir, du bist es, der sie macht. Sie befinden sich auf deinem Rücken. Ihrer sind mehr, als sich schreiben läßt, es gibt auf deinem Rücken keine leere Stelle, sie liegen alle auf deinem Rücken und (du sagst) nicht: ich bin belastet. Du bist Vater und Mutter der Menschen, sie leben von deinem Atem und sie essen vom Fleische deines Leibes. 2)

Wenn das bei einem alten Gotte geschehen konnte, so kann man sich denken, was aus dem ohnehin unklaren Amon Re gemacht wurde. Er hat eine Seele in seinem rechten Auge, die Sonne; er hat eine andere in seinem linken Auge, den Mond; er ist Schu, der Luftgott, mit den herrlichen Gestalten in den vier Winden. Er ist Osiris. Er ist es, der seinem Leib selbst alle Gestalten verleiht, die er will und die Götter der Gaue sind seine Gestalten.3) Und in einem Buche, das zu Schmun verfaßt war, wird dargelegt, wie Amon überall sich einen Sitz gemacht habe, damit seiner Namen viel seien.4) Sein Ursitz war auf der Höhe von Schmun gewesen, wo er im Desdeswasser landete und aus der Flut in einem verborgenen Ei auftauchte (S. 29). Die Himmelsgöttin stand dabei als die

1) Mar. Ab. II 54—55.
2) Äg. Ztschr. 38, 32.

3) Brugsch, Große Oase S. 15-16, aus dem »Geheimen Amonsbuche«.

4) ib. 26,

Amaunet (S. 60) hinter ihm und er setzte sich auf diese Kuh und faßte ihre Hörner und schwamm auf der Flut umher und landete, wo es ihm beliebte. Und wo immer er gelandet ist, da ist er der Gott des Ortes geworden. In Ehnas, wo er zuerst landete, ist er der dortige Gott Harsaphes; in Mendes ist er der Widder, den man dort verehrt; in Sais ist er der Sohn der Neith, d. h. der Sobk; er ist der Widder zu Heliopolis; er ist der Nun, das Urwasser; er ist der Gott Ptah Tenen von Memphis; er ist der Ptah, den man zu Theben verehrt; er ist der Min von Koptos; er ist der Month von Theben. Der Nil, der älteste der Götter, ist eine Gestalt von ihm und sein ist Himmel, Erde, Unterwelt, Wasser und Luft.

Wo alle Götter so durcheinander gehen, da ist von der alten ägyptischen Religion eigentlich nur noch die Form geblieben; die Namen und die Bilder der Götter sind noch da, aber was man damit bezeichnet, sind eigentlich nur noch verschiedene Seiten der Welt und insofern kann man diese Richtung wirklich eine pantheistische

nennen.

Dieselben gebildeten Kreise, die diese Anschauungen gepflegt haben, haben sich nun auch noch in anderer Weise von dem Herkommen entfernt. Wer bisher zu den Göttern gebetet oder sie im Liede gepriesen hatte, der hatte sich dabei im ganzen der alten herkömmlichen Formeln und Worte bedient, die zwar wenig Gedanken enthielten, die aber durch das Alter geheiligt waren. Das ist seit der zweiten Hälfte des neuen Reiches anders und der frische Zug, der in dieser Epoche das ägyptische Leben durchweht, ruft eine religiöse Dichtung hervor, in der das Fühlen und Empfinden des einzelnen frei sich ausspricht. Auch darin zeigt sie schon ihre Volkstümlichkeit, daß sie nicht mehr in der heiligen Sprache der alten Literatur, sondern in der modernen Umgangssprache abgefaßt ist. Das älteste und schönste Beispiel dieser Dichtung ist der Hymnus Amenophis’ IV. (oben S. 67); auch das Lied auf Amon Re, das wir oben (S. 62) mitgeteilt haben, ist da, wo es den Gott als Schöpfer und Erhalter feiert, schon im neuen Stile gehalten. Wer solche Lieder mit einem der alten Hymnen vergleicht, etwa mit dem an Osiris, der oben angeführt ist (S. 50), dem wird der große Unterschied nicht entgehen; dort tote Erinnerungen an allerhand Sagen, hier eignes Fühlen und die Freude sich das Wirken und die Güte des Gottes lebhaft zu veranschaulichen. Da ist der Gott ein guter Hirte: Amon, du Hirt, der die Kühe früh austreibt, der die elende zur Weide treibt; er ist der Mastbaum, der den Winden trotzt, er ist der Pilot, der die Untiefen kennt und

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