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nach dem man sich auf dem Wasser sehnt.I) Und Thoth ist der Fruchtbaum, der die Menschen nährt, diese grope Dumpalme von sechzig Ellen, an der Früchte sind; Kerne sind in den Früchten und Wasser ist in den Kernen; er ist der süße Brunnen für den Durstenden in der Wüste; er ist es der Wasser bringt an ferne Orte.) Ein Verhältnis von persönlicher Liebe und Vertrauen hat man zu dem Gotte: Amon Re, ich liebe dich und habe dich in mein Herz geschlossen ... ich folge nicht der Sorge in meinem Herzen; was Amon gesagt hat, gedeiht.3) Und so legt man ihm unbekümmert alle seine Sorgen ans Herz: du wirst mich erretten aus dem Munde der Menschen am Tage, wo er Lüge redet.4) Der Verleumdete, den ein Nebenbuhler um sein Amt gebracht hat, bittet den Sonnengott oder den Osiris, ihm beizustehen.5) Und wieder ein anderer betet so: Amon, leihe dein Ohr einem, der allein steht im Gericht, der arm ist und sein Gegner ist mächtig. Das Gericht bedrückt ihn: »Silber und Gold für die Schreiber und Kleider für die Diener!« Doch er findet, daß Amon sich in den Vezier verwandelt, damit der Armé hervorgehe.6) Auch sonst wird es in dieser Poesie gern ausgesprochen, daß der Gott sich gerade der Armen annimmt; wenn alles gegen sie ist, so bleibt doch er ihr Beistand, der Richter, der keine Geschenke nimmt und die Zeugen nicht beeinflußt.7)

In einem dieser Lieder8) tritt uns dann auch (wie schon oben auf dem Denkstein des Nefer-abu) das Bewußtsein der Sündhaftigkeit des Menschen entgegen. Auch dem Ägypter der alten Zeit konnte es ja nicht verborgen sein, daß wir allzumal Sünder sind, aber seinen Göttern gegenüber machte er von dieser Erkenntnis keinen Gebrauch; ihnen versicherte er immer wieder seine Trefflichkeit. Anders der Dichter des neuen Reichs, er weiß, daß er ein törichter Mensch ist und bittet zu seinem Gott: strafe mich nicht wegen meiner vielen Sünden. Auch in den Lehrbüchern der Weisheit, die in Ägypten seit alters beliebt waren und die bisher nicht viel mehr vom Menschen gefordert hatten als ein korrektes Benehmen, regt sich jetzt ein anderer Geist. Diene deinem Gotte und vermeide, was er verabscheut. Wehe dem, der lügt gegen ihn 9) oder der sonst etwas tut, was er haßt. Wenn du deine Mutter vernachlässigtest, daß sie dich tadelte und ihre Hände zu Gott erhöbe, so würde er ihr Geschrei hören und dich strafen.10) Opfere ihm und feiere seine Feste.II) Aber wenn du ihn verehrst, so tue es still

1) Inscr. in the hierat. Char. pl. XXVI. 2) Sall. 1, 8, 2 ff. 3) Inscr. hier Char. 1. 1. 4) ib. 5) Ä. Z. 38, 19ff. 6) An. 2, 8, 5 ff. 7) Bologna 1094, 2, 3 ff. 8) An. 2, 10, Iff. 9) Max. d’Anii 6, 12. 10) ib. 7, 3.

11) ib. 6, 12; 2, 3.

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Drittes Kapitel. Der Götterglaube im neuen Reich.

und ohne Prunken, denn das Heiligtum Gottes, dessen Abscheu ist Geschrei. Bete du mit einem wünschenden Herzen, in welchem alle seine Worte verborgen sind, so tut er deinen Wunsch und hört, was du sagst und nimmt dein Opfer an. I) Und diese Erkenntnis, daß Gott ein stilles Gebet lieber ist als ein lautes, finden wir auch in jenem oben angeführten Liede an Thoth, das ihn mit einem Brunnen in der Wüste vergleicht: Du süßer Brunnen für den Durstenden in der Wüste; er ist verschlossen für den, der da redet, er ist offen für den, der da schweigt. Kommt der Schweigende, so findet er den Brunnen.2) In silentio et spe soll der Mensch auf die Hülfe seines Gottes harren. Es ist der Anfang einer innerlichen Religion, der uns so am Ende des neuen Reiches entgegentritt. Eine neue Epoche religiösen Empfindens hat bei den Gebildeten der damaligen Welt begonnen, dieselbe Periode, derem weiteren Verlaufe noch die Psalmen angehören. In Ägypten selbst hat sie ein Ende genommen, ehe sie noch zu voller Entfaltung gekommen war und für die Geschichte der ägyptischen Religion ist sie somit nur eine Episode. Welche Gründe hier die Entwicklung abgebrochen haben, sehen wir nicht, denn in den nächsten Jahrhunderten entschwindet Ägypten fast ganz unseren Blicken. Wo wir es wiedersehen, haben politische Unglücksfälle seine Kraft gebrochen; die Ägypter sind ein greisenhaftes Volk

geworden, das nur noch von seiner Vergangenheit zehrt.

1) ib. 3. 2. 2) Sall. I, 8, 2 ff.

Viertes Kapitel. Der Totenglaube der älteren Zeit und des

neuen Reiches.

Wenn es eine Seite gibt, in der sich das ägyptische Volkstum von jedem anderen unterscheidet, so ist es die übertriebene Pflege der Toten. Zur Verehrung der Götter oder zu praktischen Zwecken haben auch andere Völker Bauten errichtet, die sich den ägyptischen Riesentempeln an die Seite stellen lassen, aber Gräber wie die großen Pyramiden oder die Felsengräber Thebens gibt es nicht noch einmal in der Welt.

Und den gleichen Eindruck erhält, wer in unseren Sammlungen sieht, was alles in die Gräber gelegt war, um den Verstorbenen ihr Dasein zu erleichtern. Diesen Anstrengungen würde sich das ägyptische Volk nicht während dreier Jahrtausende unterzogen haben, wenn es nicht eben besondere Vorstellungen über die weitere Existenz der Toten gehabt hätte, Vorstellungen, denen wir noch heute nachgehen können, dank jener alten Totenliteratur, die in fast unübersehbarer Menge auf uns gekommen ist.

Freilich eine Literatur in gewöhnlichem Sinne ist sie nicht oder sie ist es doch nur zum kleinsten Teile; es sind zumeist nur kürzere oder längere Sprüche, wie man sie am Grabe von Alters her aufsagte. Wir kennen diese Sprüche besonders aus zwei großen Sammlungen, aus den sogenannten Pyramidentexten und dem sogenannten Totenbuche. Pyramidentexte nennen wir die langen Inschriften einiger Pyramiden aus dem Ende des alten Reiches, in denen man den toten Königen gleichsam eine Bibliothek von alten Texten beigegeben hat, die auf das Schicksal der Verstorbenen Bezug haben; es sind zum großen Teil uralte Sprüche, die uns in die Urzeit des ägyptischen Volkes hineinführen. Als Totenbuch bezeichnen wir eine andere Gruppe von Sprüchen, die man seit dem neuen Reiche den Toten gern auf einen Papyrus geschrieben beigibt. Auch unter diesen ist gewiß manches sehr alte, aber allenthalben drängen sich dazwischen jüngere Vorstellungen vor. So sind es denn in erster Linie die Pyramidentexte, an die wir uns wenden müssen, um zu erfahren, was die alten Ägypter dazu bewogen hat, mit so viel Hingabe für ihre Toten zu sorgen.

Den Unterschied zwischen lebenden Wesen und unbelebten haben sich die Ägypter von jeher so gedacht, daß jenen eine besondere lebende Kraft eingeflößt sei, die sie den Ka nennen. Einen solchen Ka erhält jeder Mensch bei seiner Geburt, wenn Re es befiehlt und so lange er ihn hat, so lange er der Herr eines Ka ist und mit seinem Ka geht, so lange ist er auch am Leben. Sehen kann ihn

niemand, aber man denkt sich, daß JP er so aussehen werde, wie der Mensch

gerade selbst aussieht. Schon damals, als der neuerstandene Sonnengott die beiden ersten Götter durch Ausspeien erschaffen hatte (S. 28), legte er seine Arme hinter sie und damit ging sein Ka auf sie über und sie lebten. 1) Dieses Hinhalten der Arme mußte überhaupt zur Verleihung eines Ka gehören, denn zwei ausgestreckte Arme sind von Alters her sein Zeichen. Stirbt dann der Mensch, so weicht sein Ka freilich von ihm, aber zu hoffen steht doch, daß er sich auch weiter noch um den Leib küm

mert, den er so lange bewohnt hat 68. König Amenophis III. und daß ihn wenigstens zeit

als Kind und sein Ka. weise neu beseelt. Und so mag er (Aus d. Tempel v. Luxor.) es sein, für den man das Grab

des Verstorbenen pflegt und mit Speisen versieht, damit er nicht hungern müsse und nicht dürsten.

Neben diesem Ka, der immer ein unklares und unbestimmbares Wesen blieb, so oft man ihn auch im Munde führte, träumte man dann auch von einer Seele, die man in allerlei Gestalten sehen konnte. Im Tode verließ sie den Leib und entflog ihm; daher war sie wohl wie ein Vogel gestaltet und vielleicht saß der Verstorbene, um den man klagte, jetzt dort unter den Vögeln, auf den Bäumen, die er selbst einst gepflanzt hatte. Andere dachten an die Lotusblume, die über Nacht aus dem Teiche aufgeblüht war und frugen sich, ob der Tote sich nicht in dieser zeige. Oder

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1) Mar. Abyd. tableau 16.

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auch an die Schlange, die so geheimnisvoll als ein Sohn der Erde aus ihrem Loche hervorschoß oder an das Krokodil, das aus dem Strome an das Ufer kroch, als gehöre es eigentlich in das Reich des Landes. Und wer weiß, ob die Seele nicht alle diese Gestalten annehmen konnte, und noch so manche andere, welche sie wollte und ob sie nicht heute hier und morgen dort weilte, an jedem Orte, wo sie wollte.I)

Wer aber weiter bei sich bedachte, ob es nicht gar neben unserer Welt der Lebenden eine ähnliche Welt der Toten geben möge, der kam auch bald auf den Gedanken, wo ein solches Totenreich belegen sein müßte. Allabendlich sah er die Sonne im Westen versinken, um gens im Osten wieder zu erscheinen; sie mußte also in der Nacht eine Unterwelt durchwandert haben, einen zweiten unterirdischen Himmel. Da lag es nahe, diese Welt, die den Lebenden

69. Die Seele. (Berlin 7772.) unzugänglich war, für das Reich der Toten in Anspruch nehmen. Wie die Sonne stiegen auch sie im Westen hernieder und lebten fortan in einem dunklen Lande, das sich ihnen nur dann erhellte, wenn die Sonne auf ihrem nächtlichen Laufe bei ihnen vorüberkam. Diese Vorstellung ist früh volkstümlich geworden und hat dazu geführt, daß man das Totenreich geradezu als den Westen und die Verstorbenen als die Westlichen bezeichnet.

Keine von diesen Arten des Fortlebens konnte freilich als ein Glück gelten. Mochte man unter der Erde sein Dasein fristen oder auf der Erde in allerlei Gestalt erscheinen, immer blieb es eine traurige Existenz und war kein rechtes Leben. Da hat sich denn bei anspruchsvolleren Gemütern frühzeitig der Gedanke eingestellt, ob denn wirklich auch jeder dieses Los teilen müsse. Gab es auf Erden neben den vielen Geringen und Armen auch Mächtige und Reiche, so konnte wohl auch im Tode nicht alles gleich sein; es gab gewiß eine bessere Gestalt und eine bessere Stätte für die Könige und andere auserlesene Seelen, für solche, die nach

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1) An dem hohen Alter dieser volkstümlichen Vorstellungen wird man nicht wohl zweifeln können, wenn sie uns auch erst aus dem Totenbuche bekannt sind.

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