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Vorbemerkung:

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Unsere Kenntnisse der ägyptischen Geschichte sind bekanntermaßen sehr dürftige. Einen kurzen Überblick über ihren Verlauf findet der Leser in dem » Ausführlichen Verzeichnis der ägyptischen Altertümer. Berlin 1899« S. 8—20. Hier sei nur bemerkt, was die Einteilung bedeutet, die man in die ägyptische Geschichte eingeführt hat, um damit dem Mangel einer genaueren Chronologie abzuhelfen. Wir zerlegen die ägyptische Geschichte in

1. die prähistorische Zeit.
2. die »älteste Periode«, von der Gründung des einheit-

lichen ägyptischen Reiches an (etwa seit 3300 v. Chr.).

Diese zerfällt ihrerseits wieder in drei » Dynastien«. 3. das »alte Reich«, die erste Blütezeit Ägyptens; etwa

von 2800—2300 v. Chr. Eingeteilt in Dynastie 4, 5

und 6. 4. eine wenig bekannte Zwischenzeit. 5. das » mittlere Reich«, Dynastie 11-13.

Dabei die große Blütezeit der Dynastie 12 (etwa 2000-1800). 6. die wenig bekannte Periode der sogenannten Hyksos

zeit. 7. das »neue Reich«; zerfällt in Dynastie 18 (1580-1320),

die Epoche der ägyptischen Macht, und in Dynastie 19

bis 20 (1320-1100 v. Chr.). 8. die wenig bekannte Zwischenzeit der sogenannten

» libyschen Zeit«. 9. die »saitische Zeit«; zerfällt in Dynastie 26, die Zeit

der saitischen Könige (663-525 v. Chr.) und in die

Zeit der persischen Herrschaft (525–332 v. Chr.).
10. die »griechische Epoche« Ägyptens; zerfällt in die

Zeit Alexanders und der ptolemäischen Könige (332
bis 30 v. Chr.) und in die der römischen Herrschaft
(seit 30 v. Chr.).

Einleitendes.

In dem engen Tale des unteren Niles hat einst in unvordenklichen Zeiten ein afrikanisches Volk gesessen, das auf den Marschen des Delta seine Rinder zog und auf den Äckern des oberen Landes seine Gerste baute und das es bei dieser friedlichen Tätigkeit früher als andere Völker zu einer höheren Gesittung gebracht hatte. Auch als dann später einmal die dürftigen Beduinen der arabischen Halbinsel das Land eroberten, büßte das ägyptische Volk zwar seine Sprache ein, aber nicht seine Kultur und es bildete sich ein Mischvolk, das nichts von seinem alten Wesen aufgab. Es war ein Verhältnis, dem ähnlich, das uns heute das moderne Ägypten zeigt, wo auch wieder erobernde Beduinen, die Araber des Islam, den alten Bewohnern ihre Sprache aufgezwungen haben, ohne daß darum diese arabisch sprechenden Ägypter etwas wesentlich anderes geworden wären, als es ihre christlichen und heidnischen Vorgänger gewesen sind. Die Natur des merkwürdigen Landes ist eben stärker als jede menschliche Macht.

In einem Punkte scheint aber die jetzige Arabisierung des Landes doch einen größeren Einfluß gehabt zu haben als jene beduinische Eroberung der Urzeit. Denn sie hat ja den Ägyptern außer der neuen Sprache auch eine neue Religion gegeben, während nichts uns nötigt, ein Gleiches auch für die Invasion der alten Zeit anzunehmen. In dem Glauben und den Vorstellungen der alten Ägypter, wie sie uns in ihrer ältesten Literatur entgegentreten, ist nichts, was irgendwie auf die Natur oder die Lebensverhältnisse der Wüste deutete, während sehr vieles in ihnen sich nur aus der eigentümlichen Beschaffenheit des ägyptischen Landes verstehen läßt. Man muß daher die ägyptische Religion als ein Erzeugnis Ägyptens betrachten und damit ist zum guten Teil schon ihr Charakter gegeben. Ägypten ist ein Land des Ackerbaues, das bei aller Fruchtbarkeit doch schwere Arbeit erfordert und das seine Bewohner gut zum praktischen Leben erzieht; ein gewisser nüchterner Ernst wird daher auch ihren Glauben auszeichnen. Die heitere Phantasie will auf diesem schweren Boden nicht recht gedeihen, besser gedeiht schon allerlei Aberglauben. Und die

Erman, Die ägypt. Religion.

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Einleitendes.

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Welt, in der das Volk lebt, ist eine enge; es kennt nur sein langgestrecktes schmales Tal, in dem sein wunderbarer Fluß alljährlich den Segen über die Äcker ergießt; alles daneben ist die Wüste, mit der der Mensch nichts zu tun hat. Nur eines mußte den Ägypter über sich hinausziehen, wie es ja auch für uns dem Niltale seinen Zauber verleiht: der Himmel mit der Glut seiner Sonne und der unermeßlichen Pracht seiner Sterne. Und so sieht denn der Ägypter in diesen Gestirnen gern seine Götter und kein Gott steht ihm höher als die Sonne, die alles erhält und alles ins Leben gerufen hat. Unter dem aber, was sich dem Ägypter auf Erden zeigte, fesselten ihn besonders die Tiere, mit denen er als Landmann in steter Berührung war und die er täglich erblickte; auch in ihrer Gestalt stellte er sich daher gern seine Götter vor.

Und noch in anderer Weise wirkte die eigentümliche Beschaffenheit des Landes in der ägyptischen Religion, es zersplitterte sie. Unterägypten ist von Flußarmen, Sümpfen und Wasserläufen in allen Richtungen zerschnitten, und Oberägypten, der wichtigste Teil des Landes, ist ein einziges, schmales Flußtal, in dem drei bis vier Millionen Menschen auf einer Strecke wohnen, die etwa der von Basel bis zum Meere gleichkommt. In einem so gearteten Lande, in dem die verschiedenen Teile nur wenig miteinander in Berührung kommen, werden sich notwendig allerlei Sonderheiten der einzelnen Gegenden herausbilden, in der Sprache, in den Sitten und in der Religion.

So finden wir denn auch in jeder größeren Stadt Ägyptens und in der Landschaft um sie her die Religion in besonderer Weise gestaltet. Die großen Götter führen in den einzelnen Gauen eigene Namen, sie haben abweichende Sagen und werden in besonderer Weise verehrt; daneben besitzt diese und jene Stadt noch ihre eigene Gottheit, die sich der keiner anderen gleichsetzen läßt. In Zeiten, wo Ägypten auch politisch zerspalten ist, verstärken sich diese religiösen Unterschiede von Jahrhundert zu Jahrhundert; wird es dann aber zu einem Reiche vereinigt, so beginnt ein eigentümlicher Prozeß. Dann wird der Glaube derjenigen Stadt, die die Residenz geworden ist, zur offiziellen Religion des Staates; ihr Tempel wird aus dem ganzen Lande besucht und ihr Gott allbekannt. Da dauert es dann nicht lange und man wünscht auch in anderen Städten jenem so Ansehn gekommenen Gotte zu dienen; man führt seine Verehrung ein oder man erinnert sich der Tatsache, daß der eigene Gott im Grunde ja eigentlich derselbe ist wie jener und schmilzt beide zusammen. Und da mit dem Fortschreiten der Kultur sich in anderen Beziehungen ein gemeinsames geistiges Leben im ägyptischen Volke ent

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zu

wickelte, in der Kunst, in der Literatur, in der Wissenschaft, so sollte man erwarten, daß es schließlich auch zur Bildung einer einheitlichen und vereinfachten Religion gekommen wäre. Aber es ist nie dazu gekommen und weder die strafferen politischen Verhältnisse noch die steigende Bildung des Volkes, noch auch die zunehmende Berührung mit andern Völkern haben dies erreicht. Wenn die Leute von Bubastis lernen, dem Gotte Amon zu dienen, weil er der Gott der Königsstadt ist, so werden sie darum nicht im geringsten in der Verehrung ihrer Göttin Bast nachlassen, und wenn sie anfangen, diese alte Göttin als identisch mit der Sechmet und der Isis anzusehen, so werden sie darum doch noch nicht ein Titelchen an ihren überkommenen Anschauungen ändern, sondern einfach das Neue zu dem Alten hinzufügen.

Denn auf dem ägyptischen Volke lastete ein besonderer Fluch: es konnte nicht vergessen; es hatte in frühester Zeit seine Schrift erfunden und damit einen Vorrang vor anderen Völkern erworben, aber es mußte auch das Unglück eines solchen Besitzes auskosten. Jede neue Epoche seines langen Lebens brachte ihm neue Vorstellungen, aber die alten Vorstellungen verschwanden darum noch nicht. Sie treten vielleicht zeitweise zurück, aber irgendwie bleiben sie doch als heilige Besitztümer aufbewahrt und treten dann in einem andern Jahrhundert wieder in den Vordergrund. Auch das, was in den Tempelbibliotheken nur noch ein papiernes Dasein führte, konnte so wieder lebendig werden und Einfluß gewinnen. Jede Epoche vergrößerte somit den Wirrwar der gemeinsamen Vorstellungen und der örtlichen, des Alten und des Neuen, und vermehrte die Masse des religiösen Details, das die ägyptischen Theologen erfreute und uns ein Greuel ist.

Und dennoch verlohnt es sich auch für uns, den Glauben der Ägypter durch die Jahrtausende zu verfolgen, nur daß wir versuchen werden, gerade jenen Dingen nachzugehen, die der ägyptische Priester verachtet haben würde. Wie das Volk in der Urzeit dachte, als es seine Götter noch naiv lebendig schaute; wie es später, als seine Gottheiten ihm in ihren Riesentempeln fremd geworden waren, sich bescheidnere Helfer erdachte, die ihm näher stehen konnten; wie einmal ein Herrscher den kühnen Versuch gemacht hat, sich und sein Volk von dem Banne des alten Glaubens zu erlösen; wie inmitten all der äußerlichen Vorstellungen vom Leben nach dem Tode das Gefühl durchdringt, daß dabei die Rechtlichkeit des Menschen doch wichtiger sei als Formeln und Zeremonien das zu sehen erscheint uns wichtiger, als wenn wir alle Namen und Abzeichen und Festtage der Götter und Göttinnen kennten.

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Erstes Kapitel
Der Götterglaube der älteren Zeit.
Wer von der ägyptischen Religion spricht, der denkt
dabei unwillkürlich an den Glauben jener Zeit, die die
Tempel von Karnak und Luxor, von Medinet Habu und
Abusimbel geschaffen hat, in denen die Götter wie in
Palästen thronten und ihre glanzvollen Feste begingen.
Aber diese uns vertraute Zeit muß von derjenigen, die der

ägyptischen Religion ihre äu-
Beren Formen gegeben hat,
unendlich weit abliegen. Wer
diese äußeren Formen be-
trachtet, wie sie sich z. B.
an den Götterbildern treu be-
wahrt haben, der sieht, daß
die Verhältnisse des Volkes,

das sie schuf, noch sehr ein-
1. Kronen.

fache und bescheidene gewesen

sein müssen. Rohe Götterfiguren menschlicher oder tierischer Bildung verstand schon zu schnitzen und gefiel sich darin, sie durch verschiedene Kronen

unterscheiden, aber seine Phantasie ging dabei noch nicht über Diademe aus Schilfbündeln, Schaf- und Kuhhörnern und Straußenfedern hinaus. Seine Götter tragen als Szepter einen Stab, wie ihn noch heute jeder Beduine sich schneidet und seine Göttinnen begnügen sich sogar mit einem Schilfstengel. Seine Tempel sind Hütten mit geflochtenen Wänden, deren Dach vorn mit hervorstehenden Stäben geschmückt ist; ein 2. Szepter (a Götter, 6 Göttinnen).

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