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Gedichten, das kräftige Gewürz des Lebens in mancherlei Drama's ausdrückend, fragt er weder rechts noch lints, was von dem gehalten wird, was er macht, sondern sucht mit jeder neuen Arbeit immer gleich eine Stufe höher zu steigen, und kämpfend und spielend seine Gefühle zu klarer und schönheitsvoller künstlerischer Ge= staltung zu entwideln.

Viel Tollheit und Ausgelassenheit im fröhlichen Verkehr mit munteren Jugendgesellen, viel Wanderungen und Ausflüge in der locfenden Gegend, unerjättliche Lust an der Eisbahn in den Wintertagen vom frühen Morgen bis tief in die Nacht hinein, himmelaufjauchzendes Glück und zum Tode betrübte Pein in der leiden= schaftlichen Verstridung mit Lili. Und dabei unzweifelhaft auch viel leichtfertiger Muthwille und Uebermuth, viel sinnliche Derbheit, viel rüdsichtslojes Ueberspringen unüberspringbarer Sitte.

Es giebt nichts Bezeichnenderes als der Brief, welchen Goethe am 17. September 1775 an Auguste von Stolberg schreibt: „Ist der Tag leidlich und stumpf herumgegangen. Da ich aufstund, war mir’s gut. Ich machte eine Scene an meinem Faust. Vergängelte ein paar Stunden.

Verliebelte ein paar mit einem Mädchen, davon Dir die Brüder erzählen mögen, das ein seltjames Geschöpf ist. AB in einer Gesellschaft von ein Dußend guter Zungen, so grad wie sie Gott erschaffen hat. Fuhr auf dem Wasser auf und nieder ; ; ich hab die Grille, selbst fahren zu lernen. Spielte ein paar Stunden Pharao, und verträumte ein paar mit guten Menschen. Und nun siße ich, Dir gute Nacht zu sagen. Mir war's in alle dem, wie einer Ratte, die Gift gefressen hat; sie läuft in alle Löcher, schlürft alle Feuchtigkeit, verschlingt alles Ebbare, das ihr in den Weg kommt, und ihr Inneres glüht von unauslöjchlich verderblichem Feuer. Die ehrjamen Reichsstädter entfepten sich ob folcher unerhörten Ungebundenheit. Goethe selbst berichtet, daß man ihn den Bären, den þuronen, den Westindier zu nennen liebte; Merct meldet an Nicolai, ein ganzes Buch lasje sich füllen von all dem Thörichten und Bösen, was die Leute in Frankfurt und drei Meilen in der Umgegend sich von Goethe erzählten. Aber dieser leicht

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lebige, fejjelloje, verwegen übermüthige Jüngling ist derselbe Goethe, dejjen Ideale täglich an Schönheit und Größe wachsen, der sich der überlegenen Reife und Verständigkeit Merd's willig unterordnet und ihn um so eifriger aufsucht, je schonungsloser ihn dieser in die Schule nimmt, ist derselbe Goethe, der sich mit Jacobi in wärmster Hingebung und Begeisterung in die läuternde und befreiende Welt Spinoza's einlebt, ist derselbe unverdorbene, schlicht findliche, grundgutmüthige Goethe, dessen Erscheinen den Kindern Merd's immer das höchste Ergößen war, wie es vormals in Weplar das Ergößen der kleinen Geschwister Lotten's gewesen. Durch die Briefe Goethe's an Kestner und Lotte, an die Gräfin Stolberg, an Lavater und Jacobi kennen wir jeßt das damalige Sein und Wejen Goethe's bis in seine geheimsten Regungen. Und mit jedem neu auftauchenden Zuge werden wir immer auf's neue entzüdt und ergriffen von diesem knospenden, treibenden, ringenden Frühlingsleben, von dieser sicheren Gemüthsinnigkeit, von diejer selbst im leidenschaftlichsten Strudel unwandelbar gleichen Seelenreinheit.

„Wer diesen Burschen im Schlafrock und Nachtwamms seiner Bonhommie sieht“, schreibt Merck in jenem Briefe an Nicolai, „muß gewiß Gefallen an ihm finden. Und es ist ein prächtiges Wort, wenn Betty Jacobi ihn scherzend den bösen Menschen mit dem guten Herzen nennt.

An Lavater tadelte Goethe schon jeßt, daß ihm sein schweifender Geist die innere Sammlung und Vertiefung entzogen und so der chönsten Freude, des Wohnens in sich selbst, beraubt habe; man spreche ihm von Räthjeln und Mysterien, wenn man aus dem in sich und durch sich selbst lebenden und wirkenden Herzen rede. Goethe's Genius hatte diejes hehre Glück des festen Wohnens in sich selbst, des in sich und durch sich selbst lebenden und wirkenden Herzens, in unaussprechlichster Fülle und Tiefe.

Dieser feste sittliche Halt vornehmlich ist es, der den ersten Jugendschöpfungen Goethe's sogleich die Weihe unvergänglicher Größe sichert. In ihren Stoffen und Motiven sind dieje Jugenddichtungen Goethe's durchaus ächte Kinder der Sturm- und Drangperiode. Und zwar um jo mehr, je mehr jener innige und unverbrüchliche Zusammenhang zwischen Leben und Dichten, welcher der Grundzug seiner Natur ist, ihm schon jeßt mit klarster Bewußts heit tiefste Lebensnothwendigkeit und höchstes Kunstgesef war. „Was doch alles Schreibens Anfang und Ende ist“, schreibt Goethe am 21. August 1774 an Jacobi, „die Reproduction der Welt um mich durch die innere Welt, die Alles padt, verbindet, neuschafft, knetet und in eigener Form und Manier wiederhinstellt; das bleibt ewig Geheimniß, das ich auch nicht offenbaren will den Gaffern und Schwäßern. All das schrankenlos Emporstrebende, Grollende, Mühlende, was diese gähnende Zeitstimmung gegen die Enge und Starrheit der herrschenden Meinungen und Zustände auf dem Herzen hatte, strebt, grollt, wühlt, schafft und arbeitet auch in Goethe. Aber wo alle die Anderen nur an der Oberfläche haften, nur lallen und stammeln oder sich sügnerisch aufschminken und sich in sinnlosen Schwulst verlieren, da erfaßt der durchdringende Tiefsinn und die sittliche Sicherheit und Klarheit Goethe's sogleich den innersten Kern, spricht das legte entscheidende Wort aus, und schafft gestaltungskräftig rein und allgemein menschliche und darum ewig giltige Typen und 3deale.

3m Werther, im Prometheus und vor Allem im Faust vertieft sich die Grundstimmung der Sturm- und Drangperiode, der himmelstürmende Titanismus und die überschwengliche Gefühlsinnerlichkeit, zur erschütternden Tragik des unlösbaren Widerspruch: zwischen dem angeborenen Unendlichkeitsstreben und der angeborenen Endlichkeit und Begrenzung. Es ist ein Ringen und Kämpfen um die lezten und höchsten Ziele des Daseins.

All die Dichtungen der anderen Stürmer und Dränger sind zerstoben wie Spreu; Goethe's Jugenddichtungen dagegen sind die wesentlichsten Grundlagen unseres tiefsten Bildungslebens. Unser ganzes Denken und Empfinden wäre ein anderes, wären Werther und Faust nicht.

Und ganz besonders beachtenswerth ist auch die dichterische Form dieser Goethe'schen Jugenddichtungen.

Es ist hergebracht, diese erste Epoche Goethe's die Epoche des genialen Naturalismus zu nennen. Von dieser schwankenden Bezeichnung, die nur Sinn im Gegensaß gegen die späteren Goetheschen Dichtungen des ideal hohen Stils hat, sollte man endlich abkommen. Angesichts einer künstlerisch so geschlossenen Komposition, wie Goethe's Werther ist, will man von Naturalismus sprechen?

Das Eigenthümliche und Bedeutende ist vielmehr das Finden und Suchen eines voltsthümlich deutschen Stils, wie er seit dem Sturz des Gottschedianismus von Allen erstrebt, in dieser Frische und naiven Herzlichkeit aber noch von Heinem erreicht war.

Goethe erfüllte und vollendete, was Lessing und Herder jo siegreich vorbereitet und angebahnt hatten.

Am deutschen Volkslied war Goethe großgeworden; und in Goethe's Liedern und Balladen findet das Volkslied seine fröhliche Auferstehung und seine künstlerische Läuterung. Shakespeare, der stammverwandte englische Dichter, ist das leuchtende Vorbild, welchem Göß von Berlichingen rüdhaltslos nachstrebte und diese Nachahmung ist von so unbezwinglicher Gewalt ächtester Ursprünglichkeit und Volksthümlichkeit, daß es besonders diese unbedingte Deutschheit war, durch welche das gewaltige Werk blißartig in alle Gemüther schlug. Und überaus bedeutjam ist es, daß Goethe zu dieser Zeit auch auf Hanns Sachs zurückgreift. Goethe erklärt im achtzehnten Buch von Dichtung und Wahrheit diese Vorliebe für Hanns Sachs aus der leichten Handhabung seines Reimes und Versbaues; der tiefere Grund ist, daß in Hanns Sachs ihn der bürgerlich schlichte und derbe Naturton anzog, der in jo quellender Frische und Naivetät sogar in Shakespeare nicht mehr zu finden war. Es nimmt nicht Wunder, wenn Goethe die Weise des alten Nürnberger Meisters für seine satirischen Possen und Puppenspiele verwendet, denn diese Art der Humoristit, so geistvoll und übersprudelnd sie ist, war doch wesentlich Hanns Sachs selbst entlehnt. Aber ein ewig staunenswerthes Wunder höchster Genialität ist es, daß Goethe dieje schlichte und schmudlose Kunstform, welche viele der überraschten Zeitgenossen Goethe's als Bänkeljängerton schmähten, sogar für die erhabenste

aller Dichtungen, für die Fausttragödie festhielt und sie hier zu einer Schönheit und stilvollen 3dealität zu klären wußte, daß wir uns jeßt die Faustdichtung in einer anderen Form gar nicht mehr denken können.

Was die Epoche besitt, verkünden hundert Talente,
Aber der Genius bringt ahnend hervor, was ihr fehlt.

Gög von Berlichingen.

3m Sommer 1771 übersandte Goethe von Frankfurt aus einem Lieutenant Demars in Neu - Breijach, den er offenbar in Straßburg fennen gelernt hatte, ein Drama aus jeiner Feder. ,,Sein Glüc muß es unter Soldaten machen, fügte er hinzu. Unzweifelhaft, daß dieses Drama der „Göß von Berlichingen“ war. Unmittelbar nach seiner Rüctehr aus Straßburg hatte er die eifrige Arbeit daran begonnen. Sein Brief an Salzmann vom 28. November 1771 führt uns mitten in den frischesten Schöpfungsdrang. „Sie kennen mich so gut,“ schreibt Goethe, „und doch wette ich, Sie rathen nicht, warum ich nicht schreibe. Es ist eine Leidenschaft, eine ganz unerwartete Leidenschaft. Sie wissen, wie mich dergleichen in ein Girtelchen werfen kann, daß ich Sonne, Mond und die lieben Sterne darüber vergesse. ... Mein ganzer Genius liegt auf einem Unternehmen, worüber Homer und Shakespeare und alles vergessen worden. Ich dramatisire die Geschichte eines der edelsten Deutichen.... Wenn's fertig ist, sollen Sie's haben, und ich hoff, Sie nicht wenig zu vergnügen.“

Es bezieht sich unzweifelhaft auf diese Bearbeitung, wenn Goethe in Dichtung und Wahrheit erzählt, daß unter dem spornenden Antrieb seiner Schwester das Werk in der unglaublich kurzen Frist von etwa sechs Wochen vollendet worden. Ein Brief Goethe's an Salzmann vom 3. Februar 1772 dankt demselben bereits für die Zurüdjendung der Handschrift und für den gespendeten Beifall.

Um dieselbe Zeit jendete Goethe die Handichrift an verder. In dem begleitenden Schreiben (Weimarer Ausgabe, Nr. 85) sagt

Bettner, Literaturgeschichte. III. 3. 1.

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