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Selbstmord, immer ausschließlicher und selbstquälerischer die Betrachtungen über die Nachtjeiten des Lebens. Selbst sein volles warmes Gefühl an der lebendigen Natur wird ihm jezt nur eine Quelle des Elends; was ist die Natur als der Abgrund des ewig offenen Grabes, ein ewig verschlingendes, ewig wiederkäuendes Ungeheuer? In wilden und unwegsamen Fußwanderungen sucht er das tobende Herz zu beschwichtigen. Vergebens. Endlich ermannt er sich. Er flieht.

In geregelter Thätigkeit sucht er sich zu vergessen. Er ist bei einer Gesandtschaft eingetreten. Der Anfang ist leidlich. Das Beste ist, daß es genug zu thun giebt; und die vielerlei Menschen, die allerlei neuen Gestalten machen ihm ein buntes Schauspiel vor jeiner Seele. Aber für immer? Es umdrängt ihn die Geschäftspedanterei, die Kleinlichkeit und Enge der Etikette, der Schwall der elendesten und erbärmlichsten Leidenschaften! zuleşt trifft ihn sogar eine empörende Zurüdjekung von Seiten des sinnlosesten adligen Kastengeistes.

Diese Yinweisung auf die Unbill und Jämmerlichkeit der maß= gebenden gesellschaftlichen Zustände und Anschauungen ist nicht, wie Napoleon in seiner Unterhaltung mit Goethe rügte und wie Goethe unbegreiflicherweise zugestand, eine Durchschneidung der Einheitlichkeit des Grundmotivs, sondern eine sehr wesentliche Verstärkung und Vertiefung desselben. Der Groll Werther's gegen die Welt gewinnt dadurch nur um so mehr Berechtigung und größere Allgemeinheit. Der geniale Jüngling soll verkümmern in diesen Philistereien und Unwürdigkeiten, gleich dem Pferde in der Fabel, das, seiner Freiheit ungeduldig, sich Sattel und Zeug auflegen läßt und endlich zu Schanden geritten wird?

Aufs neue beginnt Werther die gefährliche 3rrfahrt. „Ja wohl bin ich nur ein Wanderer, ein Waller auf der Erde, jeid ihr denn mehr?“ Er will in den Krieg; es ist nur eine flüchtige Grille. Gleich dem Schmetterling, der immer wieder zu der tödtenden Lichtflamme, der er entflohen, blindlings zurüdflattert, kehrt Werther wieder zurüd in die Nähe der Geliebten. Er phantajirt sid in den settner, Literaturgeidsidyte. III. 3. 1.

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Wahn, sie sei mit Albert nicht glüdlich. Es wird in ihm immer düsterer und finsterer. An die Stelle Homer's tritt Ojjian. Was noch an thätiger Kraft in ihm ist, verlischt. „Wehe mir! ich fühle zu wahr, daß an mir allein alle Schuld liegt. Nicht Schuld! Genug, daß in mir die Quelle alles Elends verborgen ist, wie vormals die Quelle aller Seligkeit. Bin ich nicht noch eben derselbe, der ehemals in aller Fülle der Empfindung herumschwebte, dem auf jedem Tritt ein Paradies folgte, der ein Herz hatte, die ganze Welt liebevoll zu umfassen? Und dies Herz ist jeßt todt, aus ihm fließen keine Entzückungen mehr, meine Augen sind trocken, und meine Sinne, die nicht mehr von erquidenden Thränen gelabt werden

den, ziehen ängstlich meine Stirn zusammen. Ich leide viel, denn ich habe verloren, was meines Lebens einzige Wonne war; die heilige belebende Kraft, mit der ich Welten um mich schuf, sie ist dahin! Ich habe mich oft auf den Boden geworfen und Gott um Thränen gebeten wie ein Ackersmann um Regen, wenn der Himmel chern über ihm ist und um ihn die Erde verdürftet; aber ach! ich fühle es, Gott giebt Regen und Sonnenschein nicht unserm ungestümen Bitten, und jene Zeiten, deren Andenken mich quält, warum waren sie jo jelig, als weil ich mit Geduld seinen Geist erwartete, und die Wonne, die er über mich ausgoß, mit ganzem innig dankbarem Herzen aufnahm!“

Für den Müden und Gebrochenen ist kein rettender Ausweg. Die Kämpfe, die er noch mit sich tämpft, sind nur halbe Kämpfe, ohne das Wollen des Sieges, und darum nur unaufhörliche Niederlagen. Der Entschluß, die Welt zu verlassen, reift. ,,Den Vorhang aufzuheben und dahinterzutreten, das ist alles! Und warum das Zaudern und Zagen? Weil man nicht weiß, wie es dahinter aus sieht? Und man nicht wiederkehrt? Und daß das nun die Eigen: schaft unseres Geistes ist, da Verwirrung und Finsterniß zu ahnen, wovon wir nichts Bestimmtes wissen!“ „Ja, Lotte, warum jollte ich es verschweigen? Eines von uns Dreien muß hinweg, und das will ich sein! O meine Beste! in diesem zerrissenen Herzen ist es wüthend herumgeschlichen, oft - deinen Mann zu ermorden! Dich! mich! jo jei es!“ Wie mit Schwertern trifft es in unser Herz, wenn unter jolcher Stimmung Werther der Geliebten aus Dijian liest: ,,Die Zeit meines Welfens ist nahe, nahe der Sturm, der meine Blätter herabstört! Morgen wird der Wanderer kommen, der mich jah in meiner Schönheit, ringsum wird sein Auge im Felde mich suchen und wird mich nicht finden.“ Nun geschieht das Unabwendbare. Werther tödtet sich.

Handwerker trugen ihn, kein Geistlicher hat ihn begleitet.“ Schneidender als diese lezten Worte des Romans, welche dem Briefe entlehnt sind, in welchem Kestner an Goethe den Tod des jungen Jerusalem meldete, hätte der Schluß gar nicht erfunden werden können. Gegenüber der Tragödie des überschwenglichen leidenschaftlichen Herzens die pharijäische Herzlosigkeit der Weltfitte.

Die Wertherdichtung ist nicht die tiefste, aber die bewunderungswürdigste Dichtung Goethe's. Das Grundmotiv ist krankhaft, und doch von unzerstörbarer Wirkung; veraltet, und doch unveraltbar. Die Zwiespältigkeit dieses Eindrucks besteht darin, daß der unverbrüchliche Idealismus des Herzens hier nur in der unreifen und unflaren Form ziellojer Phantastit auftritt, und daß dieje unreife und unklare Phantastit in der dichterischen Darstellung doch mit aller Hoheit und Unbezwinglichkeit des wahren und ächten Idealismus erfüllt und durchglüht ist. Werther ist Phantast

. Die Erbärmlichkeit des Weltlaufs, meint Werther und wir sollen es mit ihm meinen, hat keinen Raum für jolche Tiefe und Innerlichkeit. Einem gesunden und thatkräftigen Herzen wäre die Tragit Werther's nicht unlösbar gewesen. Mehr Selbstbeherrschung und Manneskraft, und Werther war gerettet, wie der Dichter aus gleicher Verwidlung siegreich hervorgegangen. Die aus der Bearbeitung von 1786 stammende Einschiebung der höchst wirkjamen Parallelgeschichte des Bauernburschen, der aus Eifersucht seinen Mitbewerber todtschlägt, zeigt, daß später die gereiftere Kunsteinsicht Goethe's diesen Mangel erkannte und ihn durch die Hin: weisung auf die dämonische Urgewalt elementarer Leidenschaft möglichst zu verdeden suchte. Troßdem wird Werther zum Untergang

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geführt; und zwar so, daß er nicht als ein Fehlender dargestellt wird, sondern als ein tief beklagenswerth Unglüdlicher, als ein der unentrinnbaren Welttragit schuldlos Erliegender. Die Dichtung wäre nicht zu ertragen und fiele in die Reihe der peinlichsten Empfindjamkeitsromane, wäre mit dieser krankhaften Phantastik das Grundmotiv erschöpft. Aber das grade ist die eigenste Größe und der mit Nichts vergleichbare Reiz dieser Dichtung, daß sie nichtsdestoweniger zugleich voll des gesundesten kraftstrokendsten Lebensgefühls ist. Freilich ist jener stürmende unglüdliche Jüngling Phantast; aber er ist nicht blos Phantast. Untrennbar neben und in seiner Ueberspannung und Krankhaftigkeit, durch die er sich untergräbt und vernichtet, liegt so viel ächter und kräftiger Idealismus; so viel rein und allgemein Menshliches, so viel gesunder revolutionärer Zorn gegen Unnatur und Unvernunft, so viel spornendes Verlangen nach Poesie und Ursprünglichkeit, so viel reine kindliche Nächstenliebe, daß wir immer wieder in die tiefste Mitleidenschaft des Helden gezogen werden, daß wir trotz aller seiner trüben Leidenschaftlichkeit ihn immer wieder als einen Theil unserer selbst, und zwar nicht als den schlechtesten, empfinden, ja daß, wie Goethe in den Gesprächen mit Eckermann sich ausdrückt, Jeder einmal im Leben eine Epoche hat, in welcher ihm der Werther kommt, als sei er eigens für ihn geschrieben. Wandte sich doch selbst der vierundsiebzigjährige Dichter noch in einem seiner ergreifendsten Gedichte ,, An Werther's Schatten“ als an eine Gestalt, der er sich in tiefster Seele noch verwandt fühlte!

Und dazu die unvergleichliche Kunst der Komposition und der dichterischen Darstellung. Was Rousseau in der Neuen Heloise ahnungsvoll, aber unzulänglich erstrebte, hier ist es überwältigende That. Ein so umstricfender Zauber festgeschlossener künstlerischer Einheit, eine so zwingende unentrinnbare Grundstimmung, ein so ergreifendes Schauen und offenbaren der geheimsten und schreck= haftesten Abgründe und Herzenstiefen, eine so warme und lebensvolle Empfindung für die Poesie des menschlichen Kleinlebens sowohl wie der gewaltigsten Leidenschaften, ein so offenes und plastisches Auge für die Fülle landschaftlicher Schönheit und für das machtvolle Einwirken der Naturumgebung auf die wechselnden Seelenstimmungen, eine solche Gluth und Macht der Sprache war noch nicht gehört worden und ist selbst von Goethe in solcher Tiefe und Energie nur im Faust wiedererreicht. Ueberall die packende Kraft und die volle und innige Gegenwart des innerlichst Selbsterlebten.

Es ist bekannt, wie tief die Gewalt dieser Dichtung das innerste Mark der Zeit traf.

Die Männer der Aufklärungsbildung, nicht blos Nicolai, jon= dern auch die Größten und Besten wie Lessing und Kant und Möjer und Lichtenberg sahen in ihrer scharfen Verstandesklarheit in Werther nur den frankhaften, eitlen, abenteuerlichen Phantasten, dessen kleingroßes, verächtlich schätbares Wejen um so gefährlicher jei, je näher es liege, die poetische Schönheit mit der moralischen zu verwechseln. Mit den Schlacken verwarfen sie auch den Kern. Die Jugend dagegen, befangen in demselben gefühlsdunklen weltfeindlichen Groll und Ungestüm, sah in Werther nur den heldenmüthigen Kämpfer für die Poesie des 3dealismus, den tragischen Blutzeugen für die unaufgebbaren Rechte des Herzens. „Es war jeßt erlaubt“, sagt Rehberg, einer dieser jüngeren Zeitgenossen (vgl. Tieds Kritische Schriften, Bd. 2, S. 301), „Gedanken laut werden zu lassen, die man einst kaum gewagt hatte, sich selbst zu gestehen, Gesinnungen zu äußern, die man sich selbst nicht hatte gestehen dürfen; bald ward es etwas Schönes, diejes Alles zur Schau zu tragen. Ich war siebzehn Jahre alt, als Werther erschien. Vier Wochen lang habe ich mich in Thränen gebadet; nicht über die Liebe und das Schicksal des armen Werther, sondern in der Zertnirschung des Herzens und im demüthigenden Bewußtsein, daß ich nicht so dächte, nicht so sein könne, als dieser da. Ich war vont der Idee befallen, wer fähig sei, die Welt zu erkennen, wie sie wirklich ist, müsje so denken, müsje jo sein.“

Und diese unterwühlende Wirkung erstreckte sich nicht blos auf Deutschland, sondern über ganz Europa, über die ganze gebildete Welt.

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