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und Schranken des wirklichen Lebens ist, Einfügung in die feste Weltordnung ohne Einbuße der inneren 3dealität.

Besonders in zwei Dichtungen kommt das Tiefste dieser Lebensepoche Goethe's zuin dichterischen Ausdruck; in „Iphigenia auf Tauris“ und in dem unvollendeten Lehrgedicht „Die Geheimnisse“.

Aus Goethe's Tagebuch und aus dem Briefwechsel mit Frau von Stein wissen wir, daß Iphigenie am 14. Februar 1779 begonnen und unter dem störenden Trubel der lästigsten Geschäfte und Amtsreisen ausgeführt wurde; am 28. März war sie vollendet. Am 6. April wurde sie zum ersten Mal am Hofe dargestellt; Goethe selbst spielte den Orest. „Nie werde ich den Eindruck vergessen“, berichtet yufeland, „den Goethe als Drest im griechischen Costüm in der Darstellung seiner Iphigenie machte, man glaubte einen Apollo zu sehen; noch nie erblicte man eine solche Vereinigung körperlicher und geistiger Vollkommenheit und Schönheit als damals in Goethe.“

Diese wunderbare Dichtung erfuhr noch gar vielfache Umbildungen, bevor sie in Italien ihre legte klassische Vollendung erhielt; aber dies waren nur Umbildungen der Form. Der innerste Gedankengehalt ist bereits in der ersten Gestalt vollkräftig ausgesprochen. Nicht mehr düster trobiges Titanenthum, sondern heitere Entfaltung reiner idealer Menschennatur, seelenvolle Darstellung sittlicher Harmonie und Hoheit. Am 29. März 1779, unmittelbar nach dem Abschluß des Gedichtes, schrieb Goethe in sein Tagebuch: „Ich war diese Zeit her wie das Wasser klar, rein, fröhlich.“ Auf Iphigenie vor Allem ist anzuwenden, wenn im Wilhelm Meister einmal Aurelie sagt, aus ächter Dichtung sehe der reine Geist des Dichters wie aus hellen offenen Augen hervor.

Und das großartig angelegte Lehrgedicht „Die Geheimnisse“, dessen Ausführung in den Sommer 1784 fällt, ist die gleiche Feier des reinen und vollen Menschenthums, der lauteren, in Kampf und Entjagung thätigen Sittlichkeit. Nur daß hier, unter dem mächtigen Eindruck der erneuten Spinozastudien, das Dogmatische, das heißt in Goethe's Sinn, die Prüfung und Verneinung der sogenannten Offenbarung bestimmter und ausdrücklicher hervorgehoben wird. Es ist der Versuch, das einfach und schlicht Menschliche, die Idee der Humanität, als die innere Triebfraft und Wesenheit aller Religion darzustellen; die verschiedenen Religionen sind nur durch Volksthümlichkeit und Klima verschiedenartig bedingte, bald mehr bald weniger verschleierte Spiegelungen dieser ursprünglichen reinen Menschheitsidee. Doch zeigte sich bald, daß der Gedanke in dieser Allgemeinheit dichterisch undurchführbar war. Die „Geheimnisse blieben Bruchstüd.

Es liegt in der Natur der innigen Wechselwirkung zwischen Inhalt und Form, daß mit diefer gewaltigen inneren Uma bildung des Denkens und Empfindens zugleich in Goethe eine nicht minder durchgreifende Umbildung des dichterischen Formgefühls auftritt.

Zwar behielt Goethe auch jeßt noch die alte Weise, die, an Shakespeare und an Volkslied erwachsen, es überall auf ächt volts= thümliche, eigenartig deutsche Dichtung abgesehen hatte. Grade diejer Zeit entstammt ein guter Theil seiner herrlichsten Lieder, deren eigenstes Wesen die Wiedergeburt und die künstlerische Verklärung des deutschen Volksliedes ist; grade dieser Zeit entstammen die ächt voltsmäßigen Balladen, der Erltönig, der Fischer, der Sänger. Ja nicht blos das Gedicht, Hanns Sachsens poetische Sendung, sondern auch das Gedicht auf Mieding's Tod, bewegt sich noch durchaus in den Bahnen, in denen er einst Hanns Sachs nachgestrebt. Selbst Iphigenie ist in ihrem ersten Entwurf in Prosa geschrieben, wie dieselbe durch das bürgerliche Trauerspiel Lessing's für das deutsche Drama üblich geworden. Allein je mehr Goethe der Höhe einer Bildung nahte, die an Innerlichkeit und Poesie über die Bildung des Aufklärungszeitalters weit hinausragte, und doch alle trübe Leidenschaftlichkeit der Uebergangsepoche, in welcher er anfangs bejangen gewesen, zu milder Bejonnenheit, zu glüdlichem Gleichgewicht, zu einer in sich festen und versöhnten Plastik des Lebens und Denkens klärte, um jo unwillkürlicher, und naturnothwendiger machte sich in ihm das Gefühl geltend, daß diese nordische Art der dichterischen Formengebung zwar durchaus berechtigt, aber in dieser strengen Ausschließlichkeit für den vollen Umfang seines tiefsten inneren Lebens nicht ausreichend sei. Die plastische Hoheit und Harmonie der Empfindung erfordert plastische Hoheit und Harmonie der Gestaltung. Es erwacht in ihm das Bedürfniß hohen Stils. Die Muster der Alten, die er, wie wir aus den Pindarischen Oden der Weßlarer und Frankfurter Zeit jehen, selbst in seiner deutschesten Zeit niemals aus den Augen verloren, werden ihm wieder lebendiger und innerlich wahlverwandter. Neben die Lieder und Balladen mit ihrer unvergleichlichen Musik des Reims und der Sprache treten Epigramme in plastisch bewegten Distichenversmaß, die Goethe oft jogar, ganz in antiker Weise, als still beredte Zeugen glüdlich und beschaulich verlebter Stunden, in die Felswände und Denksteine der Wälder und Gärten eingraben ließ, treten Hymnen und Oden, die man mit dem eigenen Ausdruck des Dichters treffend als „antiker Form sich nähernd“ bezeichnen kann, weil sie zwar nicht nach irgend einem bestimmten antiken Schema gebildet sind, aber durchweg in dem festen gemessenen Schritt antifer Rhythmen einherschreiten. Und es ist nur eine andere Wendung derselben Empfindung und desselben Bedürfnisses, wenn Goethe jeßt auch in den „Geheimnissen“ und in der „Zueignung“, welche ursprünglich als Prolog der Geheimnisse gedacht ist, zu den italienischen Ottaverimen greift, nach jener kunstvoll gegliederten Form, in welcher die Dichtung der italienischen Renaissance die Musit der modernen Innerlichkeit mit antik plastischer Ruhe und Gebundenheit zu verschmelzen suchte. Besonders lebhaft aber trat dieses Bedürfniß plastisch hohen Stils im Drama hervor. Es ist von hohem psychologischen Reiz und für die Einsicht in die Natur künstlerischer Formengebung überaus fördernd, die Urgestalt der Goethe’schen Iphigenie grade nach dieser Seite eingehend zu betrachten. Ganz von selbst, lediglich durch die Nothwendigkeit der Sache, klingt hier bereits überall durch die Mischart der sogenannten dichterischen Proja der unab. weisbare rhythmische Vers durch; so daß Goethe schon in den nächsten Monaten eine Uebertragung in Verse begann, die freilich erst viele Jahre nachher unter der Sonne Italiens ihre Vollendung und legte Durchbildung erhielt.

Eine große epochemachende Wendung war geschehen. Die Sturm- und Drangperiode war in Goethe abgethan.

Viertes Kapitel.

Die Goethianer.

Lenz. Klinger. 2. Wagner.

Wie mächtig und überwältigend vom ersten Anbeginn die Erscheinung Goethe's auf die Zeitgenossen wirkte, erhellt besonders aus der Thatsache, daß Goethe, ohne es zu suchen und zu wollen, sogleich das Haupt einer neuen Dichterschule wurde, welcher Freund und Feind den Namen der Goethe'schen Schule beilegte. Jm Briefwechsel Lessing's mit seinem Bruder wird mehrfach von den neuen ,,Goethianern“ gesprochen. Das deutsche Museum von 1776 enthält eine Abhandlung, die die Ueberschrift führt: „Etwas über das Nachahmen im Allgemeinen und über das Goethisiren insbesondere.“

Vornehmlich drei junge Dichter, Lenz, Klinger, Leopold Wagner, wurden von den Zeitgenossen als „Goethianer“ bezeichnet. Sie stammen alle Drei aus Goethe's nächstem persönlichem Freundeskreise. „Ein freudiges Bekennen, daß etwas Höheres über mir schwebe, war anstecend für meine Freunde“, sagt Goethe im elften Buch von Wahrheit und Dichtung.

Diejelben Anschauungen und dieselben Ziele; aber ohne Tiefe des Gehalts, ohne die entsprechende dichterische Gestaltungskraft, ohne die Wünschelruthe sicheren Schönheitsgefühls. Man meinte den Kern zu haben, indem man die tumultuarische Manier Goethe's veräußerlichte und verrohte. Schon Karl Lessing, der die Abneigung seines großen Bruders gegen die jungen Stürmer und Dränger

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