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von Disputirsucht und Rechthaberei, von stolzblindem Enthusiasmus für fremde Wortlarven, von ignoranter Verleidung alles reellen Wissens und Thuns, von unerträglicher Verachtung aller Guten und Großen, die vor uns gelebt haben; aber haben nicht auch wir in jenen Tagen, da man laut in die Welt schrie, jeit Hegel habe die Philosophie aufgehört, Philosophie zu sein, denn sie jei jest Pansophie geworden, genau dieselben traurigen Erscheinungen der eitelsten Selbstüberhebung und der absprechendsten Verachtung aller ächten, an den Thatjachen der Erfahrung langsam, aber sicher fortschreitenden Wissenschaftlichkeit erlebt? Troßalledem wird keiner, der erfüllt ist von den geschichtlichen Großthaten Herder's, die Metatritit und die Kalligone ohne tiefstes Bedauern lejen tönnen. Man muß es leider sagen, es war nichts als persönliche Rache für die Unbill, welche sich Herder durch Kant's ungünstige Beurtheilung seiner Ideen zur Philosophie der Geschichte angethan wähnte, daß er die Uebertreibungen und Verirrungen der Schüler dem Meister selbst in die Schuhe schob und sich sogar nicht scheute, mit Bezug auf Kant's Schrift über den Streit der Facultäten die Regierungen gegen denselben zu heben. Verder's Gattin berichtet (Von und an Herder, S. 345), Goethe habe bei dem Erscheinen der Metakritik gejagt, hätte er gewußt, daß Herder dieses Buch schrieb, knieend würde er ihn gebeten haben, es zu unterdrücken; Rosenkranz nennt in seiner Geschichte der Kant'schen Philosophie Herder einen belfernden Thersites.

Und Spuren derselben unseligen Verbitterung trägt auch die „ Adrastea“. So sinnig und schön, jo stoffreich und anregend ein großer Theil diejer Schilderungen und Beurtheilungen über Begebenheiten und Charaktere des achtzehnten Jahrhunderts ist, so hat Schiller doch leider Recht, wenn er in einem Briefe, welchen er am 20. März 1801 an Goethe schrieb, die Adrastea ein bitterböses Werk nennt, das die alte abgelebte Literatur besonders darum so emsig aufsuche, um die Gegenwart zu verleumden oder hämische Vergleichungen anzustellen. Der großartige Aufschwung, welchen die deutsche Bildung durch Nant und Goethe und Schiller

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gewonnen hatte, ist für den Verfasser der Adrastea gar nicht vorhanden.

Es ist begreiflich und entschuldbar, wenn durch diese verwirrenden Eindrücke das hehre Bild herder's in den Augen der nächsten Zeitgenossen verdunkelt wurde. Schiller meinte in jenem Briefe an Goethe, man möchte zuweilen in allem Ernst fragen, ob Einer, der sich jekt so unendlich trivial, schwach und hohl zeige, wirklich jemals außerordentlich gewejen sein könne. Allein die geschichtliche Betrachtung steht auf einer höheren Warte. Wer mag im harten Winter vergessen, wie schön der Frühling und Sommer gewejen?

Glüdlicherweise ist grade aus dieser trübsten Zeit Herder's ein Wert vorhanden, das Herder's Namen auch Solchen unvergeßlich macht, die seiner hohen wissenschaftlichen Bedeutung nicht zu folgen vermögen.

Im Jahr 1805 erschien aus Herder's dichterischem Nachlaß der herrliche Romanzenkranz des Cid, welchen er kurz vor seinem Tode, im Winter 1802 bis zum Frühling 1803, geschrieben hatte. Wir wissen jeßt durch Reinhold Köhler's treffliche Schrift, daß dieses Gedicht zum allergrößten Theil, d. h. mit Ausnahme von vierzehn Romanzen, nur die metrische Umdichtung einer französischen Prosabearbeitung ist, welche Herder der Bibliothèque universelle des Romans (Juliband 1783) entnahm. Aber nur um so bewunderungswürdiger ist es, wie glänzend die wirksamste Eigenthümlichkeit Herder's, seine feine Anempfindung und das Finden und Festhalten des treuen Localtons in allen Einzelheiten der dich = terischen Nachbildung, sich auch hier wieder bethätigte. Keiner der anderen Dichter, welche sich um jene Zeit in gleichem Sinn an die Schäße der spanischen Literatur wendeten, hat etwas geschaffen, das jo volksthümlich geworden wäre wie Herder's Cid.

Am 21. December 1803 starb verder. Auf seinem Grabmal in der Stadtkirche zu Weimar liest man die von ihm selbst verfaßte Inschrift: „Licht, Liebe, Leben!“

Herder gehört nicht zu den klassischen Menschen im Stil Windelmann's, Lessing's, Sant's, Goethe's und Schiller's; er ist immer nur anregend, fast nirgends abschließend und ausgestaltend. Daher sind Herder's Schriften zum Theil veraltet. Dennoch ist Herder einer unserer wichtigsten und eingreifendsten Geistesheroen. So tief wirkte Herder auf seine Zeit nach allen Richtungen, daß die große Dichtung Goethe's und Schiller's, die sogenannte romans tische Schule, die Philosophie Schelling's und Hegel's, ohne das Vorangehen Herder's gar nicht gedacht werden kann.

3 weites Kapitel.

Gerstenberg.

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Gerstenberg ist an geschichtlicher Bedeutung mit Herder nicht entfernt vergleichbar. Nichtsdestoweniger ist auch er, wenn nicht ein Begründer, so doch ein Vorläufer der Sturm- und Drangperiode.

Auf Wesen und Gestaltung des Drama's war verder in den Fragmenten und in den Kritischen Wäldern nicht eingegangen; seine Abhandlungen über Shakespeare fallen erst einige Jahre später. Die erste dramaturgische Kundgebung der neuen, von Lessing abweichenden Richtung waren Gerstenberg's Briefe über Shakespeare, die erste dramatische That dieser neuen Richtung war Gerstenberg's Ugolino.

Heinrich Wilhelm von Gerstenberg war am 3. Januar 1737 zu Tondern in Schleswig geboren. Er war schon früh als Schriftsteller aufgetreten, bis dahin aber immer nur anempfindend und nachahmend. Als Jenaer Student dichtete er Idyllen in der Weije Geßner's, und anakreontische Tändeleien in der Weise Gleim's; als dänischer Offizier, 1763 am Feldzug der Dänen gegen die Russen theilnehmend, dichtete er, abermals nach dem Vorbilde von Gleim's Grenadierliedern, Kriegslieder eines dänischen Grenadiers. In Verbindung mit Jacob Friedrich Schmidt, der später Prediger in Gotha wurde, gab er 1763 die holsteinische Wochenschrift“, der Hypochondrift“ heraus, die zwar sogar von Herder überschwenglich gepriejen wird, in Ton und Inhalt aber sich von den meisten anderen moralischen Wochenschriften nicht wesentlich unterscheidet. „Ariadne

„ auf Naros“ war eine jener dramatischen Cantaten, die damals

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überall beliebt waren und in Rousseau's Pygmalion ihre höchste Entfaltung fanden; in der Bearbeitung von Brandes und mit der Musik von Benda wanderte dies Monodrama über alle Bühnen. Seine eigenen selbständigen Wege fand Gerstenberg erst in den ,, Briefen über Merkwürdigkeiten der Literatur“, einer Zeitschrift, die im Jahr 1766 von ihm eröffnet wurde, und in den Dichtungen, welche aus den hier niedergelegten Ansichten hervorgingen.

Vom Drucort (Schleswig und Leipzig) pflegte man diese Zeitschrift meist die Schleswigichen Merkwürdigkeiten zu nennen. Gleich Herder's Fragmenten war auch sie eine Befämpfung und zugleich eine Fortbildung der Literaturbriefe.

Es fehlte nicht an unmittelbaren einzelnen Ausfällen gegen dieselben; der zwölfte Brief, der nach ihrem Eingehen erschien, ist eine achtungsvolle, doch nicht von Sympathie zeugende Gedächtnißrede; das Wichtigste und das im tiefsten Grund Unterscheidende ist, daß auch Gerstenberg ebenso wie Herder sich mit aller Kraft gegen die Schranken der Reflexionsdichtung richtet und für die zwingende Macht und Fülle des Ursprünglichen und ächt Dichterischen ein scharfes und wachsames Auge hat. Besonders im zwanzigsten Brief, der den täglich weiter um sich greifenden Rißel“ Ramlers, „sich durch die eigenmächtige Umarbeitung berühmter Poesieen einen Namen zu erwerben“, mit schärfstem Wit geißelt, ist diese Grundanschauung innig und beredt ausgesprochen. Alles blos Witige und Lehrhafte wird von dem Wesen ächter Poesie ausgeschlossen. „Ich glaube“, sagt Gerstenberg, „daß man den Scheideweg, wo sich das dichterische Genie von dem schönen Geiste oder Belesprit trennt, noch nicht aufmerksam genug untersucht habe. Deutlicher, ich glaube, daß nur das Poesie jei, was das Wert des poetischen Genies ist, und alles Uebrige, so vortrefflich es auch in jeder Absicht sein möge, sich diesen Namen mit Unrecht anmaße.“ Freilich sei es schwer, fährt Gerstenberg fort, die Frage, was denn Genie sei, zu beantworten, zumal unsere Piychologie sich immer noch nur mit der Oberfläche der Seele beschäftige; aber wenigstens die Wirkung des Genies lasje sich beschreiben. „Der beständige Ton der Inspiration,

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