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214. Die Verhältnisse ändern sich mit dem Auftreten der jo, so daß die zweite Hälfte der Tragödie ein wesentlich verschiedenes Gepräge erhält. Eine neue, uralte Mythe wird herangezogen, um eine zweite (scheinbare ?) Gewaltthat des Götterkönigs gegen die Menschheit darzustellen. Das muß auf den Menschenfreund Prometheus verhängnißvol wirken. Er spricht nun sein Geheimniß vom einstigen Sturze des Zeus mit sichtlichem Hohne so deutlich aus, daß der Götterbote Hermes mit gemessenem Befehle vollständiger Enthüllung erscheint. Prometheus trott, zornentflammt, und wird in den Schlund des Tartarus versenkt. So gewinnt der Dichter den Vortheil einer beständigen Steigerung der götterfeindlichen Stimmung des Helden und zugleich jenen anderen, daß erst am Schluß der übermenschliche Trot, welcher immer etwas Verlegendes hat, auf kurze Zeit zur Erscheinung kommt. Dieser verleşende Eindruck aber wird abermals gemildert durch die Menschenliebe des Titanen, die ihn zum Aeußersten treibt, und durch die furchtbare Züchtigung, welche den Frevler augenblicklich erfaßt.

Die unschöne Fabel der Jo ist folgende: Zeus liebt die anmuthige Jungfrau und lockt sie durch Traumgebilde aus dem Vaterhause. Sie widersteht, bis sie auf des Gottes Geheiß vom Vater verstoßen wird. Die Götterkönigin Hera verfolgt die in eine Ruh Verwandelte durch alle Länder der Erde. In Aegypten findet sie endlich Ruhe und empfängt durch Zeus' Berührung einen Sohn, welcher Stifter eines berühmten Stammes wird. Er ist auch Ahnherr des Herakles, welcher dereinst Prometheus befreit. Prometheus erkennt schon an den Klagerufen die Unglückliche, welche sich ihm naht. Er gibt sich ihr zu erkennen, wil aber den Grund seiner Qualen nicht wiederum nennen; er sagt jedoch der jo, welche ihre bisherigen Leiden eingehend erzählt, ebenso ausführlich ihre langen Irrfahrten durch drei Welttheile voraus. Der Dichter will offenbar die ganze Aufmerksamkeit des Zuhörers auf diese unabsehbare Reihe von Mühsalen richten, welche Zeus einem Menschenkinde bereitet. Daß der Grund seines Zornes den Heiden nicht ohne Weiteres für unwürdig und abscheulich galt, muß freilich zu ihrer Schande eingestanden werden. So bleibt denn für unsern Dichter, oder vielmehr dessen heidnische Leser, nur die unbefugte Härte, mit welcher das Widerstreben der Unschuldigen geahndet wird. Diese aber sticht grell ab gegen die zarte Rücksicht, welche dem Prometheus kaum gestattet, ihr die traurige Enthüllung zu machen: 30: Berichte außerdem noch mir Unseligen,

Zu welcher Zeit ein Ende meine Jrrfahrt nimmt. Pr.: Mehr als die Kunde frommt dir, glaub's, Unwissenheit. jo: Nein, hehle nichts von dem, was mir zu leiden bleibt. Pr.: Nicht ja aus Mißgunst weigr ich die Gefälligkeit. fo: Warum denn stehst du an, mir Ades kundzuthun? Pr.: Es ist kein Neið; nur, dich zu fränken, trag' ich Scheu. jo: Sei weiter nicht, als mir es lieb, für mich besorgt. Pr.: Weil du es willst, so muß ich reden; höre denn.

Es kann nun nicht auffallen, wenn der Menschenfreund, nachdem in vierfacher Nede die Leiden der jo als Sinnbild aller Trübsale der über die weite Erde zerstreuten Menschheit vergegenwärtigt sind und der erwartete Befreier in bestimmterer Gestalt als Nachkomme der jo aufgetreten ist, in folgende Lästerung gegen den göttlichen Urheber alles Uebels ausbridht:

Ja, Zeus wird einstens seinen stolzen Sinn fürwahr
Noch beugen müssen; denn es broht ein Ehebund,
Zu dem er schreitet, ihn aus eig'nem Reich,
Vom Thron in's Nichts hinabzustoßen. Kronos' Fluch,
Des Vaters, wird dann bis zum leßten Wort erfüllt,

Den er, vom alten Herrscherthrone stürzend, sprach.
Dieß Unglüc abzuwenden, kann kein Gott, als ich,
Das sich're Mittel ihm verfünden. Mir allein
Ist dieses, ist der Weg bekannt. So thron' er denn
In Sicherheit, auf seinen hohen Donner stolz,
Und schwing' des Blitzes feuersprühendes Geschoß !
Denn dieses wird ihm nimmermehr behülflich sein,
Den Sturz zu meiden, der ihm schmählid), schredlich droht.
Er rüstet ja den Ringer selbst schon gegen sich,
Die Wundermacht, die unbezwingbar starf ersteht,
Ihn, welcher Flammen, mächt'ger als sein Blitz, ersinnt
Und Wetterschlag, gewalt'ger als des Donners Hall,
Der auch Poseidons breigezacten Speer zerschellit,
Mit dem er Land und Ocean erschütternd schlägt.
Doch stößt einst Zeus an diesem Unglüđsstein den Fuß,
So lernt er wohl, was Herrschaft und was Knechtschaft sei.

Der Chor sucht vergeblich seine Rede zu mäßigen; er troßt nur um so fühner:

Du schmeichl’, anbetend, flehend, ihm, der eben herrscht ;
Ich kümm're doch mich weniger als nichts um Zeus.
Er walte, schalte diese kurze Zeit der Macht
Nach Gutbefinden; bald ist's aus mit seinem Reich!

In dieser gereizten Stimmung überrascht ihn nun Her: mes mit dem strengen Gebot des Zeus, sein Geheimniß klar und bestimmt zu enthüllen. Der Götterbote nimmt zugleich den Ton triumphirenden Hohnes an:

Dich weisen Klügler, überherb in herbem Wort,
Der, Götterehre schädigend, dem Tagsgeschlecht

Die Ehre gab; bich, Feuerräuber, sprech' ich an.
Nun kennt auch Prometheus keine Mäßigung mehr:

Hochfahrend wahrlich, stolzen Selbstgefühles pou
Ist deine Rede, wie's geziemt dem Götterknecht.
Ihr herrscht noch neu im neuen Reich und wähnet wohl,
Daß eurer Burg fein Unheil nah'? Mit eig'nem Aug'

Sah ich doch zwei Tyrannen schon daraus verjagt.
Und den von heute schau' ich baldigst, schmählichst geh'n
Denselben Weg; du glaubst wohl gar, ich fürchte mich
Und duce schüchtern nieder vor den Neulingen?
Weit bin ich, himinelweit von solcher Tugend fern.
Du eile nur desselben Weges emsig heim;
Du hörst von mir auf alle deine Fragen nichts.

Die Drohungen des Götterboten verfangen auch nicht ; Prometheus weiß, daß er unsterblich ist und aus der Tiefe des Hades, wie aus dem schlimmern Leid, welches ihn nad) den Qualen des Tartarus noch auf der Oberwelt erwartet, siegreich hervorgehen wird.

215. Es wäre nicht unmoralisch, wenn Aeschylos mit der Versenkung des Frevlers in den Hades, unter Androhung späterer, noch schlimmerer Qualen, die Prometheusfabel abgeschlossen hätte. Der Gerechtigkeit wird durch die fortdauernde, der Größe des Verbrechens entsprechende Züchtigung Genüge geleistet. Dennoch bleibt es poetisch unbefriedigend, wenn das gestörte Verhältniß zwischen Zeus und dem Vertreter der Menschheit nicht wieder geordnet wird. Gerade in diesem Punkte beobachten auch die Alten meist eine bewunderungswürdige Mäßigung: sie sorgen fast überall für einen ethischen Ausgleich der sich bekämpfenden Kräfte und Leidenschaften. Diesen erwarten wir auch bei unserem Stoffe. Außerdem liegt die erhoffte Befreiung des Helden viel 311 sehr im Dunkel, als daß wir nicht die Fortführung der dramatischen Handlung wünschen sollten. Der Göttervater aber erscheint in dem vorliegenden Stücke in einem mehr oder weniger ungünstigen lichte, zumal uns der Dichter eine erhebliche Theilnahme für Prometheus und die durch ihn vertretene Sache gleichsam aufgedrängt hat.

Die erwähnten Umstände fallen so schwer in die Wagschale des Urtheils, daß manche Kritiker dem Dichter den schärfsten Tadel nicht ersparen. Er hat, so meinen einige, nach Art der Komiker die Götter der Volksreligion verspotten wollen. Das würde immerhin nicht unbegründeten Verdacht gegen seine sonst anerkannte Religiosität überhaupt erweden. Oder er soll nach andern die theogonischen Erzählungen des Hesiod dadurch haben bekämpfen wollen, daß er die Lächerlichkeit solcher Göttergeschichten durch die dramatische Darstellung recht augenfällig machte. Aber die gaffende Menge würde sich wohl schwerlich an den tiefer liegenden Geist, vielmehr nur an die komische Außenseite gehalten haben. Uebrigens könnte man einem Tragiker ein solches Stück kaum zutrauen. Allein Aeschylos war ja in die Weisheit der Mysterien und der Philosophie eingeweiht; dieß ist der Grund, weßhalb man ihm als Philosophen eine dichterische Reform der Volksreligion und der landläufigen Mythen zuschreiben zu können glaubt.

In sittlicher Beziehung finden einige besonders tadelhaft, daß der äußerlich unterliegende Prometheus doch durch seine Standhaftigkeit den endlichen Sieg über Zeus zu ertrogen scheint. Göthe muß den griechischen Dichter ebenso aufgefaßt haben, da bei ihm die Verherrlichung des siegreichen Trobes gegen die Götter in dem Maße Hauptziel der Darstellung ist, daß dem Frevler nicht einmal eine Strafe nahen darf.

Leider liegt uns die Lösung der Schwierigkeiten, wie sie der Dichter in „Prometheus' Befreiung“ 1 gab, nicht mehr vor. Aber zahlreiche Anhaltspunkte ermöglichen doch eine mindestens in hohem Grade wahrscheinliche Rechtfertigung des Aeschylos bezüglich aller wesentlichen Stücke der Anklage. Es gilt jeßt als ausgemacht, daß er nach seiner bekannten

1 Προμηθεύς λυόμενος.

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