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Gräber wie in die Wohnungen der Lebenden führte, konnte dazu führen, die Schlange als die endlich vom Leibe ganz entwicbene Seele zu betrachten, sie als den Wohnsitz der Seele anzusehen.

Der fränkische König Guntram war eines gar guten, friedliebenden Herzens. Einmal war er auf die Jagd gegangen, und seine Diener hatten sich bierhin und dahin zerstreut; bloß ein einziger, sein liebster und getreuster, blieb noch bei ihm. Da befiel den König große Müdigkeit; er setzte sich unter einen Baum, neigte das Haupt in des Freundes Schoß und schloß die Augenlider zum Schlummer. Als er nun entschlafen war, schlich aus Guntrams Munde ein Tierlein hervor in Schlangenweise, lief fort bis zu einem nahe fließenden Bach, an dessen Rand stand es still und wollte gern hinüber. Das hatte alles des Königs Gesell, in dessen Schoß er ruhte, mit angesehen, zog sein Schwert aus der Scheide und legte es über den Bach hin. Auf dem Schwerte schritt nun das Tierlein hinüber und ging hin zum Loche eines Berges, da hinein schloff es. Nach einigen Stunden kehrte es zurück und lief über die nämliche Schwertbrücke wieder in den Mund des Königs. Der König erwachte und sagte zu seinem Gesellen: „Ich muß dir meinen Traum erzählen und das wunderbare Gesicht, das ich gehabt. Ich erblickte einen großen, großen Fluß, darüber war eine eiserne Brücke gebaut; auf der Brücke gelangte ich hinüber und ging in die Höhle eines hohen Berges; in der Höhle lag ein unsäglicher Schatz und Hort der alten Vorfahren.“ Da erzählte ihm der Gesell alles, was er unter der Zeit des Schlafes gesehen hatte, und wie der Traum mit der wirklichen Erscheinung übereinstimmte. Darauf ward an jenem Orte nachgegraben und in dem Berg eine große Menge Goldes und Silbers gefunden, das vor Zeiten dahin verborgen war (Pls. Diac. 3, 34; D. S. Nr. 428).

Anstatt eines Kindes wird eine Schlange geboren, diese aber solange mit Ruten gestrichen, bis sie sich in ein Kind verwandelt; es soll aber oft geschehen, daß die Schlange verschwindet, und alsdann findet sich kein Kind mehr. In einer adeligen Familie kamen alle Kinder mit einem Schlangengesicht oder in Schlangengestalt zur Welt. Sobald aber das Kind zui erstenmale gewaschen wurde, legte es das Schlangengesicht ab und entdeckte seine menschliche Gestalt. Denn solange das germanische Kind die heidnische Wassertaufe noch nicht erhalten hatte, mit der die Namengebung verbunden war, galt es als Seele; der Körper wurde als Gewand erdacht, das die Seele anzieht; durch einen Ring oder ein Seil wird nach deutschen Sagen die Verbindung zwischen Körper und Seele hergestellt. Man darf eine Schlange nicht töten, das bringt Unglück und kann das Leben kosten. Der Zisterzienser-Prior Cäsarius von Heisterbach (13 Jhd.) weiß, daß die Schlange als Schutzgeist mit dem Kinde zur Welt kommt, und daß das Leben des Neugeborenen an das ihre geknüpft ist. Im Spreewalde sagt man: jedes Haus hat zwei Schlangen, eine männliche und eine weibliche; aber sie lassen sich nicht eher sehen, als bis der Hausvater oder die Hausmutter stirbt; dann teilen sie ihr Los.

Das Schlangenpaar, das als Schutzgeist im Hause wohnt, sind die Seelen des Ahnherrn und der Abnfrau des Geschlechts, die in dem Hause der Familie geblieben sind. Darum ist die Schlange von der Schweiz bis Niederdeutschland ein erwünschter Gast im Hause, den man nicht töten darf, soll dem Hause nicht großes Unglück widerfahren; vielmehr muß man sie mit Spenden, besonders mit Milch und Brot gewinnen. Auf der Türschwelle darf man nach bayerischem und voigtländischem Aberglauben nicht Holz spalten, weil die Hausotter darunter liegt.

Als die Seele, die ihren Schatz nicht hergeben will, ist die Schlange die Hüterin des Grabschatzes; nach süddeutschem Glauben trägt sie daher ein Schlüsselbund am Halse, im deutschen Märchen kehrt als ähnliches Symbol die Krone des Otternkönigs wieder. Gelingt es, der Schlange dieses Krönchen zu entwenden, so hat man entweder an diesem selbst einen unerschöpflichen Schatz, oder man zwingt den Schatzwächter zur Auslieferung eines solchen.

Aus dem Seelenglauben ist also ein Teil der Schatzsagen zu erklären. Dem Toten werden reiche Schätze mit in sein Grab gegeben; bei späteren Geschlechtern erwacht die Gier nach den nutzlos vermodernden Kleinodien; der Mensch überwindet das Grauen, steigt in das Grab hinab und holt sich den Schatz. Die gewaltige Scheu vor der lebhaft gebliebenen Vorstellung, durch das Einringen in sein Haus und in seinen Frieden die Seele des mächtigen Toten zu beleidigen, war es, die in Wirklichkeit den Schatz hütete; aber ihr mit menschlichen Waffen entgegenzutreten, war das Verwegenste, das die

Seele als Schlange, Kröte.

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Phantasie erfinden konnte. Die Seele bewacht als Schlange oder in jeder anderen Tiergestalt den Hort, wie schon die alte Sage vou König Guntram erzählt; um das ungeheure Wagnis hervorzuheben, werden die grellsten Farben aufgetragen, das Tier verwandelt sich in Drachen, Bären und andere Spukgestalten, und nur selten gelingt das Abenteuer. Nach jüngerer Sagenform erscheint die Seele selbst dem Menschen im Traume, nennt ihm den Ort im alten „ver. wünschten“ Schlosse, wo der Schatz liegt, sagt ihm voraus, wie alles kommen werde und bittet ihn, sich nicht zu fürchten. Sie werde als Schlange unter dem grauen Steine hervorkriechen, sich um ihn ringeln und ihn küssen wollen, und wenn er das ruhig ertrüge, so werde sie erlöst sein, ihm aber solle der Schatz gehören. Der Mensch verspricht alles, aber wenn der kalte Kuß nach ihm züngelt, schreit er laut auf; dann bleibt der Schatz ungehoben, und die Seele wartet auf einen anderen Erlöser. Auch hier klingt noch das natürliche Schaudergefühl vor dem Toten nach. Besteht aber der Mensch die Probe, so daß die Seele erlöst wird, dann erhält er zum Danke den Schatz, und oft beschenkt ihn die schöne Jungfrau, die in die Schlange verwandelt war, auch mit ihrer Hand. Diese Sagen, in denen die Erlösungssehnsucht einer Seele so scharf ausgeprägt ist, verraten deutlich christlichen Ursprung, gehen aber wohl in die Zeit zurück, wo die Lehre vom Erlöser den heidnischen Deutschen zuerst bekannt wurde. Von einem zweiten Teile der Schatzsagen, der im Traumleben seine Er. klärung findet, wird später die Rede sein.

Dieselbe Rolle wie die Schlange spielt auch wegen ihres Aufenthaltes in der Erde die Kröte. Noch vor 50 Jahren wurde ein Knabe, als er eine solche Kröte erschlagen wollte, mit den Worten zurückgehalten: Du kannst nicht wissen, ob es nicht deine Großmutter ist. Zu Sylvester haben die armen Seelen Erlaubnis, zur Erde zu kommen, man darf dann keine Kröten und Frösche töten, weil es „verwunschene" Seelen sind.

Zu einem Kinde kam täglich eine Hausunke aus einer Ritze hervorgekrochen, senkte ihr Köpfchen in die Milch und aß auch von dem Brote mit. Als aber die Mutter das gute Tier tötete, verlor das Kind seine schönen roten Backen und magerte ab. Nicht lange, so fing der Totenvogel an zu schreien, das Rotkehlchen sammelte Zweiglein und Blättlein zu einem Totenkranze, und das Kind lag auf der Bahre (K. H. M. Nr. 105).

Cäsarius von Heisterbach berichtet eine der Sage vom Binger Mäuseturme völlig gleiche Erzählung:

Zu St. Gereon in Köln liegt ein Wucherer bestattet, dem das den Armen vorenthaltene Almosen sich in lauter Kröten verwandelte. Als ihm der Beichtvater auftrug, sich nackt in die Kiste zu legen, ward er bis auf die Gebeine aufgezehrt. Seitdem aber kam keine Kröte mehr über die Schwelle. Ursprünglich sind es die Seelen der betrogenen Armen, die den Geizhals zu Tode quälen.

Die Hauskröte, Unke, auch Muhme genannt, wohnt im Hauskeller und hält die hier verwahrten Lebensmittel in gutem Zustande. Dadurch kommt Wohlstand ins Haus, sie heißt daher auch Schatzkröte und wird darum als schützender Hausgeist mit Milch gefüttert.

Dieselbe Sage, die von König Guntram erzählt wird, kehrt bei einem Landsknechte wieder: nur ist es ein klein, weiß Tierlein, gleich einem Wiesel, das aus dem offenen Munde des Schlafenden herauskriecht; „die Landsknechte konnten erkennen, daß, was sie mit den Augen gesehen, ihm wirklich im Traume vorgeschwebt hätte“ (D. S. Nr. 455). In einer hessischen Sage ist die Gestalt der ausfahrenden Seele gleichfalls ein weißes Wiesel; in einer niedersächsischen schwebt die Seele als schattenhafte Maus umher. In Thüringen bei Saalfeld auf einem vornehmen Edelsitze zu Wirbach hat sich anfangs des 17. Jhd. folgendes begeben:

Das Gesinde schälte Obst in der Stube, einer Magd kam der Schlaf an, sie ging von den anderen weg und legte sich abseits, doch nicht weit davon, auf eine Bank nieder, um zu ruhen. Wie sie eine Weile still gelegen, kroch ihr zum offenen Maule heraus ein rotes Mäuselein. Die Leute sahen es meistenteils und zeigten es sich untereinander. Das Mäuslein lief eilig nach dem gerade geklefften Fenster, schlich hinaus und blieb eine Zeitlang aus. Dadurch wurde eine vorwitzige Zofe neugierig gemacht, so sehr es ihr die anderen verboten, ging hin zu der entseelten Magd, rüttelte und schüttelte an ihr, bewegte sie auch an eine andere Stelle etwas fürder, ging dann wieder davon. Bald danach kam das Mäuselein wieder, lief nach der vorigen bekannten Stelle, da es aus der Magd Maul gekrochen war, lief hin und her und wie es nicht ankommen konnte, noch sich zu

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recht finden, verschwand es. Die Magd aber war tot und blieb tot“. Jene Vorwitzige bereute es vergebens. Im übrigen war auf demselben Hof ein Knecht vorhermals oft von der Trud gedrückt worden und konnte keinen Frieden haben, dies hörte mit dem Todo der Magd auf (D. S. Nr. 247).

Ein Mädchen, das viel unter dem Alpdruck zu leiden hatte, beschloß, den Gegenstand zu fangen, der sie immer quälte. Sie legte sich daber jede Nacht so hin, daß sie die Hände über den Kopf zusammen hatte ; ihre Mutter hielt im Nebenzimmer Wache, Als sie ihre Tochter ächzen hörte, ging sie mit einem Lichte in ihr Zimmer; das Mädchen, von dem Lichte erschreckt, ließ die Hände niedersinken und griff in der Gegend der Herzgrube ein kleines Tier. Ohne es zu besehen, steckte sie es in einen Strumpf und verschloß diesen. Bald darauf erfuhr sie, daß ihr Bräutigam gestorben wäre. In der Kirche, während der Leichenrede, wo der offene Sarg stand, zog sie zufällig den Strumpf aus der Tasche, den sie aus Versehen eingesteckt hatte, und aus demselben sprang eine weiße Maus; die lief hurtig in den Mund des Toten, und dieser wurde wieder lebendig.

Nach alemannischem Aberglauben muß man, wenn ein Kind mit offenem Munde schläft, ihn schließen, sonst möchte die Seele in Gestalt einer weißen Maus entschlüpfen. Jedem steht der Tod bevor, der von weißen Mäusen träumt; läßt sich eine weiße Maus im Wohnhause blicken, kündet sie hier einen Sterbefall an.

In der Sage vom Binger Mäuseturme sind die Mäuse, die Tag und Nacht über Bischof Hatto laufen und an ihm zehren, die durch den Rhein schwimmen, den Turm erklimmen und den Bischof lebendig auffressen, die Seelen der verbrannten armen Leute (D. S. Nr. 241). Die Sage ist über die ganze germanische Welt verbreitet, wird zuerst bei Thietmar von Merseburg (Anfang des 11. Jhd.) erwähnt und ist im 14. Jhd. an Bischof Hatto und den Binger Wasserturm geknüpft. Andere Erklärer denken an den uralten Brauch, bei eintretendem öffentlichem Unglück (z. B. Hungersnot durch Mäusefraß) die Götter durch Opferung der Landeshäupter vermittelst Hängens zu versöhnen, oder an eine aus dem Orient eingeschleppte Hautkrankheit: die Wunden, die sich bildeten, wurden im Volksmunde als Mäusefraß erklärt, weil sie so aussahen. Der Rattenfänger von Hameln lockt durch sein zauberisches Pfeifen die als Ratten vorgestellten Kinderseelen hinter sich her und verschwindet mit ihnen im nahen Koppenberge (D. S. Nr. 244). Spätere Zeit hat statt der Seelen in

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