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6. Feldgeister. Wie im Walde, so treiben auch in Feld und Flur die elbischen Geister ihr Wesen. Erst mit dem Beginne des regen

Ackerbaues, als der Germane seine Abbängigkeit von Saat und Ernte tief empfand, konnten sich die Korngeister entwickeln. Die Feldgeister sind Windelbe; der Wind ist der Beförderer oder Vermittler der Befruchtung. Ins Wiesengras oder in das Kornfeld sah man Wind und Wolke sich schadend oder befruchtend niederlassen. Daher stellte man sich vor, daß die in Wetter und Wolken waltenden Mächte auch in Feld und Acker hausten. Wallt der Wind im Korne, so sagt man, „die Windkatzen laufen im Getreide, die Wetterkatzen sind drin"; man warnt die Kinder, Kornblumen zu suchen, damit sie der Bullkater nicht hasche. Ebenso redet man von Hasen, Bären, Wölfen, Hunden, Windsauen, Böcken, die im Getreide gehen, wenn es in Wellen wogt oder, in der Sprache des Landmannes, wolkt. Die Volksphantasie sieht diese tiergestaltigen Wesen auch sonst im Getreide liegen, und der Bauer mahnt davon ab, ihnen zu nahen. Man spricht von einem einzelnen Wesen dieser Art oder von einer ganzen Schar; „der Wolf geht im Korn“, oder „die Wölfe jagen sich im Korn“. Beim Schneiden oder Mähen des Getreides flieht der Korndämon von Ackerstück zu Ackerstück. Wer während der Erntearbeit krank wird, der ist unversehens auf ibn gestoßen, den hat der Roggenwolf untergekriegt, den hat der Erntebock gestoßen. Wird die letzte Garbe gebunden, so hat sich der Kornstier, der Roggenwolf, die Roggensau, der Getreidehahn in sie geflüchtet. In Anhalt rufen die Schnitter: ,,der Hase kommt bald“, „paßt auf, wie der Hase herausspringt“! Das Abschneiden des Getreides und Wiesengrases ist zugleich der Tod des Korndämons. Diese Tötung wurde später dramatisch dargestellt, löste sich von der Ernte Schritt für Schritt los und wurde als „Hahnschlagen“ eine selbständige Volksbelustigung zu verschiedenen Zeiten des Jahres. Nach anderer Auffassung aber ist die Tötung des Korngeistes ein Frevel, der mit dem Tode des Täters gebüßt werden muß.

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Daher stammt der Aberglaube, daß der Schnitter des letzten Kornes sterben müsse. Nach der gewöhnlichen Annahme findet der Korngeist jedoch keineswegs durch die Sense des Schnitters den Untergang. Er lebt, so lange es noch irgendwo unausgekörntes Getreide gibt. Mit der letzten Garbe, in die er sich flüchtet, wird er ergriffen, auf dem letzten Erntefuder thropend heimgebracht und lebt auch unter Dach und Fach fort und verbreitet seine Segnungen. Jubelnd wird die den Korngeist darstellende Puppe vom Felde hereingeholt und mit schönem Spruche dem Gutsherrn überreicht, der das Erntebier spenden muß. Sie erhält ihren Platz auf der Vordiele des Herrenhauses, wird zur Seite der Haustür, an dem Hausgiebel oder auf dem Dache befestigt und bleibt hier, bis im nächsten Jahre eine neue Erntepuppe die alte ersetzt. Zuweilen glaubt man, daß der auf dem Gehöfte des Bauern überwinternde Korngeist im nächsten Jahre mit dem Keimen der Pflanzen seine Verrichtungen im Leben der Natur wieder antritt.

Wie man die Kinder warnt, in die Erbsenbeete zu gehen, denn da sitze oder liege der Roggenbock, Haferbock, Erbsenbock, Bohnenbock, so warnt man sie auch, das Kornfeld zu betreten, um die blauen Kornblumen zu pflücken:

„Laß stehen die Blumen, geh nicht ins Korn,
Die Roggenmuhme zieht um da vorn.
Bald duckt sie nieder,
Bald guckt sie wieder:
Sie wird die Kinder fangen,

Die nach den Blumen langen.“ (Kopisch). Neben den tiergestaltigen Korngeistern gibt es auch menschengestaltige. Wenn der Wind im Korne Wellen schlägt, zieht die Kornmutter über das Getreide oder laufen die Kornweiber durch das Getreide. Andere Namen sind Weizen-, Gersten-, Korn-, Flachsmutter, Kornfrau, Kornweib, Roggenweib, Korn-, Roggen-, Erbsen-, Weizen-, Hafermuhme, Großmutter, alte Mutter, die Alte. Vor dem Kornmann im Getreide warnt man die Kinder an vielen Orten, auch vor dem wilden Mann im Saatfeld, der mit eisernem Knüttel werfe, vor den zwerghaft gedachten Getreidemännchen. Aber auch Grummetkerl, Kleemännchen, Grasteufel, der Alte ist der Dämon geheißen. Die Kornmutter hat feurige Finger, teergefüllte oder mit glühenden Eisenspitzen versehene Brüste, sie sind so lang, daß sie wie die wilden Weiber diese über die Achseln schlagen kann: ein sinnlich symbolischer Ausdruck der Vegetationsfülle. Mit ihren Doggen jagt sie über den Acker hin oder sitzt selbst in Wolfsgestalt im Korne, von kleinen Hündchen begleitet, die die verlaufenen Kinder in ihre eiserne Umarmung führen. In Westfalen haust der Hafermann im Felde, mit großem schwarzem Hute und einem gewaltigen Stocke; er führt die Begegnenden durch die Luft hinweg, umwandelt die Kornbaufen, verlockt und neckt den Wanderer. Hat der Wind das Getreide an einer Stelle nach allen vier Seiten gelagert, so hat der Alte dort gesessen. Wie man die letzten Getreidebüschel als Talisman stehen läßt, weil sich der tiergestaltige Korndämon in sie zurückgezogen hat, so ließ man in Anhalt an der letzten Ecke des zuletzt geschnittenen Feldes einige Halme übrig: „die mag die Kornmuhme verzehren“. Über ganz Deutschland verbreitet, aber erst seit dem 13. Jhd. bezeugt, ist ein Brauch, der sich an den Namen des Alten knüpft. Wer das letzte Korn schneidet oder bindet, dem ruft man zu: „Du hast den Alten, und mußt ihn behalten“ (d. h. den Winter über ernähren). Aus der letzten Garbe wird eine Puppe in Mannesgestalt gefertigt und bekleidet: die Mäher und Binderinnen strömen herbei, rufen jubelnd seinen Namen und knieen nieder, küssen auch wohl die Kornfigur. Vom Felde wird dann der Alte feierlich heimgetragen oder hereingefahren. Zuhause wälzen die Arbeiter die Puppe dreimal um die Scheune, setzen sie auf dem Hofe nieder, bilden einen Ring um sie, umtanzen sie dreimal, nehmen sie mit an das Erntemabl, setzen ihr Speise und Trank vor und laden sie zum Essen ein. Die letzte Binderin eröffnet mit dem Strohmann den ersten Tanz auf der Dreschdiele. Später wird er in der Scheune oder im Herrenhause aufgehängt. Der Hofherr soll ihn da wohl in acht nehmen, heißt es in der gereimten Ansprache an jenen, er werde ihn behüten Tag und Nacht.

Die Riesen.

Name und Art der Riesen.

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Die Riesen.

1. Name und Art der Riesen. Eine uralte germ. Bezeichnung der Riesen hat bereits Tacitus überliefert (Germ. 46). Jenseits der Finnen im hohen Nordosten beginnt die Fabelwelt: die Ellusier und Etionen haben Gesichter und Antlitze von Menschen, Leiber und Gliedmaßen wilder Tiere (S. 146). Êtja, Etio (urgerm. *etanaz), an. iqtunn, ags. eoton, as. etan (as. Etanasfeld, thür. Etenesleba) gehört zu etan „essen“ und bedeutet „gefräßig“. Noch im 11. Jhd. (Adam. Brem. 4, 25. 19) wird, wie in der nordischen Mythologie durchgängig, das Heim aller Unholde und Riesen in den Nordosten verlegt. Diese merkwürdige Übereinstimmung läßt sich nur dadurch erklären, daß seit unvordenklichen Zeiten die germanische Weltansicht sich die Riesen im Nordosten hausen dachte. An der Grenze der Welt lebt nach der Dichtung des Mittelalters ein ungeheueres, nur zu Fuß und mit Stahlkolben kämpfendes Geschlecht, das mit dem grünen Horne der Drachen bedeckt und mit ihrer Schnelligkeit begabt ist (Wolfram Wilh., Titurel), und ein besonderes Riesenreich begegnet auch sonst in der Sage (Rother 767). Eine andere urgerm. Bezeichnung war *þurisaz, stark, kraftvoll (ahd. turs; vgl. den Ortsnamen Tursinriut, Tirschenreut; Turislôon=Riesenwalden, jetzt Dorla bei Fritzlar, und die Eigennamen Thurismund, Thurisind; mhd. türse, schweiz. türsch, dürst, ags. đyrs, an. þurs). Der Name von Armins Gattin, Thusnelda, gehört nicht hierher, er bedeutet nicht die Riesen (Thursen) Kämpferin (Thursinhilda), sondern *þūssnello ist die Kraftkühne.

Nur in Deutschland findet sich der Name Riese, der Kräftige, Männliche, Starke (skr. vršan, ahd. risi, riso, as. wrisil, mhd. rise; nicht zu rîsan „sich erheben“ gehörend). Auch urgerm. *hûnaz ist der Kräftige, Starke (mhd. hiune, mds. hûne, Hüne; vgl. an. hunn Bär, skr. çûra der Held, und die Ortsnamen: Hauna, Hünfeld, Personennamen: Hûnila Hûnirîx, Hûnimund, Humbert, Hûnbolt Humbold). aber für Hüne die Bedeutung „Riese nicht vor dem 13. Jhd

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belegt werden kann, ist es einfacher, die Hünen aus dem Namen den Hunnen abzuleiten (S. 120). Ein anderer alter Ausdruck liegt noch vor in ags. ent, bayer.-österr. Enz, enterisch, enzerisch = ungeheuer groß, seltsam: Enzenberg (Inselberg) = Riesenberg.

Alle diese Namen bezeichnen das Gewaltige, Ungeheuere. In einem ags. Gedichte heißt es: „ich kann mächtiger schmausen und essen als ein alter Riese.“ Von der Gefräßigkeit der Riesen ist der allgemeine Name Etionen wie der besondere Eigenname Wolfesmâge entlehnt (Virg. 882). Selbst von rohem Fleisch oder gar von Menschenfleisch nähren sie sich: so entstand der Menschenfresser unserer Märchen. Soweit an leiblicher Größe und Stärke der Mensch den Zwergen überlegen ist, bleibt er hinter den Riesen zurück.

Den ungefügen Ecke vermag kein Roß zu tragen, in weiten Sprüngen, einem Leoparden gleich, rennt er durch den Wald; das Wild flüchtet in den Wald und schaut neugierig seinem gewaltigen Laufe nach. Der Bauch eines auf der Erde ausgestreckten Riesen sieht aus wie ein kleiner Berg (K. H. M. Nr. 134); ihre Leiber sind elf und wohl sechszehn Fuß lang (D. S. Nr. 326). Für das Pferd eines Riesen muß ein besonderer Stall gebaut werden, es ist mehr denn zehn Ellen hoch und liegt an einer gewaltig dicken Kette, die ihm statt des Halfters dient; die Königstochter muß auf einer Leiter hinaufsteigen und drückt dem Rappen die ellenlangen Sporen in die Seite, als er vom Hexentanzplatz über die brausende Bode setzt; vier Fuß tief schlägt das Roß seinen Huf in das harte Gestein, das noch heute die Roktrappe heikt (D. S. Nr. 318).

In fast allen gebirgigen Gegenden ist die Sage vom Riesenspielzeug bekannt. Das Riesenfräulein von der Burg Nideck streicht mit einer Hand Bauern, Pferde und Pflug in ihre Schürze, erreicht mit einem Schritte den jähen Berg, wo die väterliche Burg ragt, und stellt das Spielzeug auf den Tisch (D. S. Nr. 17, 319, 324). In Steine, mit denen sich die Riesen geworfen oder auf denen sie gestanden haben, findet man die Male von ihren Händen und Füßen eingedrückt (D. S. Nr. 19, 134 ff., 166). Der kleine Sohn der Riesenkönigin Frau Hütt knickt sich eine Tanne als Steckenpferd ab (D. S. Nr. 233). Der junge Riese zerbricht eine eiserne Stange, die kaum vier Pferde fortschaffen können, reißt zwei der größten Bäume aus und schleppt sie mit dem Wagen und den Pferden nach Hause; Mühlsteine, die auf ibn geworfen werden, hält er für Sandkörner und trägt einen Mühlstein als Halsband (K. H. M. Nr. 90).

Die Fußtritte der Riesen bilden Täler in die weiche Erde, sie machen meilenweite Sprünge, von den Tränen eines Riesenweibes rühren die Flüsse

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