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In einer dritten Epoche (Zeit vor Tacitus) haben die Germanen keinen gemeinsamen höchsten Gott mehr. Jeder Stamm erhebt seinen Stammesgótt auf die höchste Stelle. Wodan kommt bei den Istwäonen auf, der nächtliche Sturmgott wird Kriegsgott. Der Bauerngott Donar kann erst zu einer Zeit und bei Stämmen in die Höhe gekommen sein, wo friedliche Kultur herrschte.

Durch die enge Berührung der Germanen mit den Gallern und Römern (Zeit des Tacitus) erweitert sich das Machtgebiet Wodans: er wird Kulturgott, Erfinder der Künste und der Zauberei.

Wodan reißt die Herrschaft und die Gattin des Tiwaz an sich.

Die Mythen vom Himmels- und Jahresgotte gehen auf den Windgott über. Alles, was des Deutschen Herz erhebt, wird ihm übertragen. Mit dieser neuen Kultur kommt er zu den andern Stämmen und wird fast überall der höchste Gott.

Als die Römer mit den Germanen zusammenstießen, war Tius sicherlich nicht mehr der unumschränkte Herrscher des Alls. Schon teilt sich Wodan mit ihm in die religiöse Herrschaft über Deutschland, Nur die Erminonen bewahrten noch zur Zeit des Tacitus am treusten den Gott und seinen Kult, bei allen andern Stämmen war er nur Kriegsgott oder neben andern Eigenschaften besonders Lenker der Schlacht geworden. Darum geben ihn die römischen Schriftsteller mit Mars, die griechischen mit Ares wieder.

2. Foseti.

Fern von der Heimat hatten germanische Söldner der friesischen Heeresabteilung ihrem obersten Gotte Tius Thingsus, dem Befehlshaber und Vorsitzenden des in Heer und Thing versammelten Volkes, einen Weihstein gesetzt. Aber noch unter einem andern Namen, als Foseti, verehrten sie ihn daheim.

Als der hl. Willibrord zwischen 690 und 714 sich auf der Missions. reise befand, kam er an der Grenze zwischen den Dänen und Friesen zu einer Insel, die nach dem Gotte Fosite, den sie verehren, von den Bewoh

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nern Fositesland genannt wurde, weil auf ihr Heiligtümer dieses Gottes erbaut waren. Dieser Ort wurde von den Heiden mit solcher Verehrung betrachtet, daß keiner von ihnen etwas von dem Vieh, das dort weidete, oder von anderen Dingen zu berühren, noch auch aus der Quelle, die dort sprudelte, das Wasser anders denn schweigend zu schöpfen wagte. Dorthin wurde der Mann Gottes durch einen Sturm verschlagen und blieb einige Tage da, bis günstiges Wetter zur Fahrt wiederkehrte, nachdem der Sturm sich gelegt hatte. Er verachtete aber die törichte Scheu vor der Unantastbarkeit jenes Ortes und fürchtete nicht den wilden Sinn des Königs, der jeden Verletzer der Heiligtümer dem grausamsten Tode zu weihen pflegte, sondern taufte drei Menschen in jener Quelle und ließ von dem Vieh, das dort weidete, zu seinem Bedarfe schlachten. Als die Heiden das sahen, glaubten sie, daß sie entweder in Wahnsinn verfallen oder durch plötzlichen Tod zugrunde gehen würden. Da sie aber saben, daß ihnen nichts übles widerfuhr, ergriff sie Schreck und Staunen; sie berichteten jedoch dem Könige Radbod, was sie gesehen hatten.

Dieser geriet in große Wut gegen den Priester des lebendigen Gottes und gedachte die Beleidigungen seiner Götter zu rächen. Drei Tage lang warf er immer dreimal nach seiner Gewohnheit das Los; niemals aber konnte, da der wahre Gott die Seinigen verteidigte, das Los der Verdammten auf den Knecht Gottes oder auf einen der Seinigen fallen; nur einer von seinen Gefährten wurde durch das Los bezeichnet und mit dem Martyrium gekrönt. Radbod fürchtete Pippin, den fränkischen König und entließ den Bekehrer unverletzt (V. Willebrordi 10. 11).

Was Willebrord unausgeführt gelassen hatte, brachte einige Zeit nachher ein anderer Geistlicher zustande. Liudger war bemüht, den Strom der Lehre weiter zu verbreiten und fuhr etwa 785 nach einer kleinen, zwischen den Friesen und Dänen gelegenen Insel, die nach dem Namen ihres falschen Gottes Fosete Fosetesland heißt. Als er ihr schon nahe war, und, das Kreuz in der Hand, dem Herrn Bitt- und Dankgebete darbrachte, sahen die welche in demselben Schiffe waren, einen dichten, schwarzen Nebel von der Insel abziehen, nach dessen Abzuge sich große Heiterkeit über dieselbe verbreitete. Er zerstörte die Tempel des Fosete, die dort erbaut waren und taufte die Bewohner in der Quelle, die dort sprudelte, in welcher der heilige Willibrord früher drei Menschen getauft hatte, und aus der bis dahin kein Einwohner anders denn stillschweigend Wasser zu holen wagte (V. Liudgeri 22).

Die Insel nahm seitdem den Namen hêlegland, Helgoland an, den sie noch heute fortführt; den Bekehrern war daran gelegen, den auf der Stätte ruhenden Begriff der Heiligkeit für das Christentum zu erhalten. Noch im 11. Jhd. geht das Gerede, daß die Seeräuber, wenn sie auch nur die geringste Beute von der Insel geholt hätten, bald Herrmann, Deutsche Mythologie. 2. Aufl.

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nachher durch Schiffbruch umgekommen oder im Kampfe erschlagen seien, noch keiner sei ungestraft vom Raubzuge heimgekehrt. Ja, sie brachten sogar den dort lebenden Eremiten mit großer Ehrfurcht den Zehnten ihrer Beute (Adam. Brem.).

Statt des handschriftlich entstellten Fosete, Fosite ist wahrscheinlich Forsete oder Forsite zu lesen. Die Heiligkeit der Insel wurde auch von den Nordmannen anerkannt; dem alten Gauheiligtum der Nordfriesen, das wie der Tempel der Nerthus von der Meeresflut umspült war, entlehnten sie den höchsten Gott der Amphiktyonie und behielten sogar den unnordischen Namen Forseti. Forsita, ahd. forasizo, ist der Vorsitzende, eine passende Benennung für den Gott, der dem Gerichte vorsitzt und alle Händel beilegt. Aus dem nordenglischen Votivsteine wissen wir, daß Tius der Vorsitzende der Gerichtsgemeinde war. Mithin ist Tius Thingsus und Tius Forsita dasselbe: der gewaltige Himmelsgott, unter dessen Schutz und Frieden das Volk tagt. Darum sind seine Tempel, die Quelle, die dort weidenden Herden unverletzlich; darum fallen ihm, als dem höchsten Gotte, Menschenopfer. Darum herrscht noch im 11. Jhd. auf Forsitesland heiliger Frieden, den nicht einmal die Seeräuber zu verletzen wagen. Das Eiland erscheint wie das geheiligte Vorbild der Thingstätte, von der See umschlossen und eingehegt, wie jene von den heiligen Fäden, und unter den Bann der Unverletzlichkeit und des Schweigens gegeben, gleich der Mahlstatt.

Nach alter friesischer westerlauwer Sage hat der oberste Gott einst selbst sein Volk das friesische Recht gelehrt.

Karl der Große forderte die Friesen auf, zu ihm zu fahren und sich ihr Recht zu küren, das sie halten wollten. Da erwählten sie zwölf Asegen (Rechtsprecher, Schöffen) als ihre Foerspreken“ (Vorsprecher) von den sieben Seelanden. Er befahl ihnen zu verkünden, was friesisches Recht sei. Sie aber begehrten Frist. Des dritten Tages hieß er sie wiederkommen. Sie beriefen sich auf die im friesischen Rechte gangbaren zwei Fristen und drei Nedskinen, d. i. Notscheine, Fälle echter Not, und erklärten auch am sechsten Tage sich außer stande. Da rief der König, sie hätten den Tod verwirkt, stellte ihnen aber die Wahl, ob man sie töten sollte, ob sie leibeigen werden wollten, oder ob man ihnen ein Schiff geben sollte, so fest

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und stark, daß es eine Ebbe und Flut möchte ausstehen, und das sonder Riem und Ruder und sonder Tau. Da erkoren sie das Schiff und fuhren aus mit der Ebbe so fern weg, daß sie kein Land mehr sehen konnten. Als ihnen leid zu Mute war, sprach einer von ihnen, der von Wydekens (Wittekinds) Geschlecht war, des ersten Asega: „Ich habe gehört, daß unser Herr Gott, da er auf Erden war, zwölf Jünger hatte, und er selbst der dreizehnte war, und kam zu ihnen bei verschlossenen Türen, tröstete und lehrte sie; warum bitten wir nicht, daß er uns einen dreizehnten sende, der uns Recht lehre und zu Lande weise ?" Sie fielen auf die Knie, beteten, und der dreizehnte, ihnen allen gleich, saf plötzlich im Schiffe am Steuer. Er hatte eine Achse (wohl eine Axt) oder ein gekrümmtes Holz auf der Achsel und ruderte das Schiff mit ihm zum Ufer. Da sie zu Land kamen, warf er die Achse auf das Land und warf einen Rasen auf, ein Stück Torf. Da entsprang eine Quelle Wassers, die den Durst aller stillte. Den Weg, den der Gott zu Lande nahm, nannte man Eeswey, die Stätte, wo sie sich niederließen, Axenthove. Der Dreizehnte lehrte die Zwölfe alles, was Rechtens sei, und war verschwunden, als er sie belehrt hatte. Die Zwölfe traten vor König Karl, der sie von den Wogen des Meeres verschlungen wähnte. Karl bestätigte, was sie als Recht verkündigten. So ist das friesische Recht entstanden (D. S. Nr. 445).

Wie der Ortsname Eeswey (answeg, Weg des Gottes) zeigt, ist Christus in dieser spätern Auffassung, deren Aufzeichnung nicht über das 14. Jhd. hinausgeht, an die Stelle eines german. Ans (fries. ês) getreten. Der Gott, auf dessen Unterweisung die Kunde des Volksrechtes zurückgeführt wird, kann nur der höchste Gott der Friesen sein, Tius Thingsus oder Foseti. Seine Lehre verkünden die Gesetzsprecher, die Asegen, und hüten das gottgegebene Recht; sie sind Diener und Priester des Tius.

Auch der Born, der durch die von ihm geschleuderte Axt entspringt, führt auf den Herrscher des Himmels; seinem Rosse ist die Wunderkraft eigen, durch Aufschlagen des Hufes eine Quelle aus dem Boden zu stampfen. Auch sein Speer besitzt diese Kraft. Darum erfolgt die Unterweisung der Asegen auch an diesem Quell. Aus dem Wasser steigt der Nebel empor, und für das Inselklima ist der Nebel besonders charakteristisch. Die erwähnte Legende aus dem Leben Liudgers gewinnt so ihre volle Bedeutung, wenn wir annehmen, daß eine heidnische Volksvorstellung in christlichem Sinne verwendet sei. Beim Nahen der Priester verließ der Gott das Eiland, und man sah einen dunklen Nebel von der Insel fortziehen, in dessen Verhüllung der Gott vor den Christen verschwindet.

3. Wodan,

Als unbestritten höchster Gott der Germanen galt lange Zeit Wodan, und noch heute ist die landläufige Meinung, daß er von Anfang an die führende Stelle unter den deutschen Göttern eingenommen habe. Wenn aber der sächsische Täufling um 790 dem Thunaer, Wôden und Saxnôte abschwören muß, wenn es mit derselben Reihenfolge in einem Gedichte des Paulus Diaconus heißt, „Thonar und Waten werden nicht helfen“, so stimmt die Stelle, die Wodan hier einnimmt, gewiß nicht zu der Bedeutung, die Tacitus ihm zuschreibt „von den Göttern verehren sie am meisten den Wodan“ (Germ. 9). Zwar hat sich Wodan in der Tat zum Hauptgott aufgeschwungen, aber erst nachdem er den alten Himmelsgott Tius von seinem Throne verdrängt hatte. Der düstere, finstere Gott, dem der Mensch scheu aus dem Wege geht, wenn er mit tief in die Stirn gedrücktem Hut im nächtlichen Sturme hoch zu Roß dahinjagt, der Grimme, in dessen Gefolge die Seelen der Toten fahren, der erbarmungslos holden Frauen nachjagt und sie quer über den Sattel seines Rosses bindet, ist so grundverschieden von dem erhabenen Götterkönige, der gleich Helios im leuchtenden Himmelssaale sitzt und mit Frea die Geschicke der Menschen lenkt, daß nur besondere Umstände diese Gegensätze erklären können.

Es darf angenommen werden, daß im allgemeinen die Volksüberlieferung das ältere, dunklere Bild bewahrt hat. Eine Entwickelung vom natürlichen zum geistigen Wesen Gottes liegt gewissermaßen bereits in seinem Namen. Wodan, hd. Wuotan, as. Wôdan, bei den Langobarden durch Vortritt eines G Gwôdan, ags. Vôden, an. Óđinn, Óþenn, ndrd. Waud, Wod, bayer. Wûtan gehört zur idg. Wurzel vâ „wehen“ und ist durch zwei Suffixe gebildet; germ. *vôtha, = rasend, besessen, wütend ist verwandt mit lat. vates, skr. vậtas (geistig erregt) und bezeichnet nicht nur

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