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Eine Erinnerung daran sind die das Blut vertretenden roten Fäden um Stirn und Hals der Braut in den verschiedensten Gegenden Deutschlands. Nach' uralter Sitte wird das Paar von der Mutter des Mannes um den Herd geführt; die Braut setzt sich neben dem Herde auf einen Stuhl und bekommt Zange und Feuerbrand in die Hand, dann geht es zur Trauung (vgl. S. 195). Bei Dortmund ward während des Umführens um den Herd das Feuer entzündet; dabei sprach man vergessene Sprüche. Die Nordendorfer Spange beweist, daß Donar seit alter Zeit als Beschützer und Schirmer der Ehe galt (S. 253). Der Wind- und Sturmgott Wodan wird zur Ersiegung der Braut angerufen, denn er ist der Schnellste unter den Göttern, die göttliche Weihe erfolgt durch Donar (wigi, Thonar!), vermutlich durch seinen Hammer, das Sinnbild des Rechtes wie der Fruchtbarkeit.

5. Balder.

Zwar sind die Zeugnisse über Balder nur spärlich, aber sie lassen ibn immerhin noch als eine lichtspendende, jugendliche Gottheit erkennen. Balder, ags. Bealdor, an. Baldr ist von der Wurzel bal mit betontem tr-Suffix gebildet und be. zeichnet den leuchtenden, Licht verbreitenden (gr. pal-os licht). Idg. bhaltos bedeutet sowohl hell schimmernd, glänzend, wie schnell, kühn; beide Bedeutungen sind vielleicht auch für Balder anzunehmen (der kühne Licht- oder Glanzspender). Die alten englischen Königsgenealogien nennen als Vodens Sohn Baldaeg oder Balder. Baldaeg = der helle Tag, Glanztag, , ist ein Beiwort Balders und bestätigt das Wesen und den Namen des Gottes. Auch aus dem westfränkischen Worte Baldrevert = der gleich Balder leuchtende ergibt sich derselbe Name mit der gleichen Bedeutung.

Unsere Kenntnis vom Mythus des Gottes bei den hochdeutschen Stämmen beschränkt sich im wesentlichen auf den zweiten Merseburger Zauberspruch:

Phol und Wodan

ritten zu Walde.
Da ward Balders Roß

sein Fuß verrenkt.
Da besprach ihn Sinthgunt, und Sunna, ihre Schwester,
Da besprach ihn Frija,

und Volla, ihre Schwester,
Da besprach ihn Wodan,

der es wohl verstand:
80 den Knochenbruch,
80 die Trennung der blutenden Weichteile,

80 die eigentliche Verrenkung :
Knochen zu Knochen,

Blut zu Blut,
Glied zu Glied,

als ob sie geleimt seien ! Dem Zauberspruche, der beim Stillen des Blutes und Verbinden der Wunde seine Wirkung ausüben soll, geht eine kurze mythische Erzählung vorauf. Wie Wodans Spruch bei Balders Roß die Genesung erzielte, so soll es das (dreimalige) Hersagen des ganzen Liedes bei irdischen Pferden, die erkrankt sind; die Bemühung des Menschen wird unter göttlichen Schutz gestellt. Der erste Teil versetzt uns also auf mythischen Boden, der zweite enthält den eigentlichen Zauber, das Ganze dient zur praktischen Nutzanwendung.

Das Lied schildert einen Ritt der himmlischen Götter. Zwei Reiter, von vier Göttinnen begleitet, fahren zu Walde, d. h. reiten auf die Jagd: Wodan und Balder, Sinthgunt und Sunna, Volla und Frija. Unterwegs erleidet Balders Fohlen einen Unfall. Die Göttinnen versuchen dem Übel abzuhelfen; wie die germanischen Frauen die Wunden des Kriegers verbinden, sind ihre himmlischen Gegenbilder heilkundig gedacht. Aber ihre Kunst ist hier umsonst; erst Wodan gelingt es.

Vier Hauptpunkte treten hervor: der Ritt Phols und Wodans, die Verletzung von Balders Pferde, die vergebliche Besprechung des Schadens durch vier Göttinnen, endlich das helfende Eingreifen Wodans.

Die Vorstellung, daß die Lichtgötter ihren Weg reitend zurücklegen, ist uralt. „Grüß dich Gott, du heiliger Sonntag, ich sich dich dort herkommen reiten“, beginnt ein alter Segen, und ein anderer aus Schwaben: „Sei mir willkommen, Sonnenschein, wo reitst du hergeritten?" Wenn das Fohlen, das Balder besitzt, nicht einfach das Streitros bedeutet, so

II. Merseburger Zauberspruch.

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weist es auf eine jugendliche Lichtgottheit hin, eine Erscheinung des frühen Morgens. Das Straucheln des Pferdes hat also guten Sinn. Wenn der junge Lichtgott das Ende seines Weges erreicht, wird sein Roß lahm. Umgekehrt ist das Roß im Märchen, das die Sonne am Anfang ihrer Laufbahn reitet, schwarz, später grau, am Morgen dagegen weiß und glänzend

Balder ist also nach dem Merseburger Spruche ein Lichtgott, mag man an das Zwielicht, das erste Aufleuchten des Tages oder an den Taggott selbst denken. Dann kann die Beinverrenkung des Pferdes und dessen Heilung nur den täglichen Ritt des Lichtgottes zur Unterwelt, seinen Fall und seinen neuen Aufgang bedeuten. Befremdend ist, daß Wodan, der alte Nacht- und Sturmgott, den Lichtgott begleitet; man erwartet eher: der Gott des Zwielichtes und sein Vater Tius, der Tagesgott, reiten auf lichten Rossen am Morgenhimmel empor. Mit gutem Grunde hat man daher angenommen, daß die Heilung zu einer Tat Wodans umgedichtet sei, nachdem dieser sich zum Hauptgott aufgeschwungen hatte.

Die auffallende Reihenfolge, daß Wodan an zweiter Stelle genannt wird, sowie das starke Hervorheben „der. es wohl verstand“ zeigen, daß er seinen Platz erst später in diesem Liede erhalten hat.

Fulla, die üppige, auf römisch-germanischen Votivsteinen der Gardereiter aus der Zeit von 132–141 vielleicht Fortuna genannt, ist eine Hypostase der Frîja, die Spenderin der Fruchtbarkeit; hier ist sie als Schwester aufgefaßt. Sie war in der Urzeit die Gemahlin des Himmelsgottes Tius, bis der nächtige Stürmer Wodan ihn stürzte und sein Reich und seine Gattin an sich ris. Frîja-Volla muß also in dem Spruche als Wodans Gemahlin aufgefaßt werden; mithin muß Sunna-Sinthgunt in einem besonderen Verhältnisse zu Balder stehen. Sunna be deutet die Sonne, die Sonnengöttin, eigentlich ist sie dieselbe wie Frîja; Sinthgunt, ihre Hypostase, ist gleichfalls als Schwester aufgefaßt, zwischen Sunna und Sinthgunt muß ein Zusammenhang bestehen. Es ist unmöglich, zwischen den reitenden Tagesgottheiten sich eine Nacht- oder Mondgöttin vorzustellen, die Kampfjungfrau, die Nacht für Nacht wandelt (Sinnachtgunt), oder die streitbare Walküre, die vor der Türe der Totenhalle ihren Posten hat. Sindgund ist die wandelnde, eilende Göttin, die Gefährtin der eilenden Sonnengöttin, oder sie ist die Göttin, die ihren Weg erkämpfen muß, die zum Kampfe ausgeht. Aus den Eigenschaften der Frîja und Sunna sind also selbständige Göttinnen entstanden. Ist aber Sinthgunt-Sunna ursprünglich ein Wesen, wie Volla-Frîja, und gehört letztere als Gemahlin zu Wodan, so muß unbedingt ein mythisches Verhältnis zwischen Sinthgunt und Balder obwalten. Wie der Himmelsherr und die Himmelskönigin ein Paar bilden, so muß der junge Tag oder das Zwielicht und die Sonnengöttin zusammen gehören. Darauf deutet auch der sachliche Zusammenhang. Der Ritt der Götter erfolgt offenbar in einer gewissen Reihenfolge. Es kann nicht Zufall sein, daß Sintbgunt, die doch an Macht hinter Frîja zurücktritt, zuerst Balders Fohlen zu Hilfe eilt und an erster Stelle unter den vier Göttinnen genannt wird. Sie muß an Balders Seite reiten, wenn sie zuerst den Unfall wahrnimmt.

Ihr folgt ihre Schwester Sunna, dann das Schwesternpaar Volla und Frîja und endlich Wodan. Dem Gattenverhältnis WodanFrîja entsprechend, muß Sinthgunt als Balders Gemahlin gedacht sein.

Ist aber Sinthgunt ein Beiname der Sunna, Volla ein solcher der Frîja, so liegt es nahe, auch in Phol einen Beinamen des Gottes Balder zu sehen. Daß er nicht ein neuer Gott sein kann, zeigt der Zusammenhang. Er wird bei der Besprechung nicht weiter erwähnt, während doch Wodan, der schon in der ersten Zeile genannt war, noch einmal mit Namen auftritt. Das Beiwort ist lediglich aus metrischen Gründen für Balder selbst eingesetzt: Phol gab zu fuhren den fehlenden Stabreim.

Phol, germ. "pulaz (skr. bala Kraft, gr. BěA-TEDOS, Bɛa-tiov, altbulgar. boliji der größere) ist der Starke, Kräftige. Die mit Phol zusammengesetzten Namen zeigen, daß Phol und Balder sich durchaus entsprechen; ob als Brüder oder als Namen eines Gottes, mag dahin gestellt bleiben, der Merse

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burger Zauberspruch faßt sie jedenfalls als eine Gottheit auf. In Thüringen, unfern der Saale, finden wir Pholesbrunno, jetzt Pfuhlsborn; Baldebrunno (Baldersbrunno) in der Rheinpfalz ist zweifelhaft. Von Pfuhlsborn geht die Sage, daß dort ein dem Götzen Pful geweihter Tempel gestanden habe, der an der noch jetzt vorhandenen Quelle seinen Sitz hatte. Einem Baldenhain (Baldershain) entspricht vielleicht, einem Balderes lêg (Hain) bestimmt ags. Polesléah, jetzt Polsley: es gab also heilige Haine, die Balder-Pol geweiht waren. Ein Baltheresberghe wird 744 erwähnt; ein Polesworth liegt in Warwickshire. In einer zwischen 744-788 verfaßten Urkunde wird ein bayer. Ort Pholesouwa erwähnt, jetzt Dorf Pfalsau bei Passau; ein Pfalsau liegt auch an der Melk (Niederösterreich); um 1138 wird ein Ort Pholespiunt genannt (piunt=eingehegter Garten oder Acker, Feldstück), jetzt Pfalzpoint an der Altmühl; in Pholeschirîchûn heißt es in den Urkunden von St. Gallen 855.

Das zweite Zeugnis für Balder ist zwar viel älter, aber weit unsicherer und noch dürftiger in seinem Inhalt als der doch auch nur Andeutungen gebende II. Merseburger Zauberspruch. Tacitus berichtet (Germ. 43): Bei den Naharnarvalen (südlich von Thorn und Bromberg) wird ein Hain uralter Götterverehrung gezeigt. Ein Priester in weiblicher Tracht steht dem Heiligtume vor, doch nennen die Berichterstatter als Götter, römisch aufgefaßt, Castor und Pollux. Dies das Wesen der Gottheit, ihr Name Alkis; obgleich es keine Bilder von ihnen gibt, verehrt man sie doch als Brüder, als Jünglinge.

Tacitus schildert hier den gemeinsamen Kult der vandilisch-gotischen Stämme, Pfleger und Hüter des Stammesheiligtums sind die Nahanarvali. Tacitus hebt einmal das rein Germanische dieses Kultes hervor, sodann, daß die Gesamtvorstellung, die er von diesen Göttern bekam, ibn an Castor und Pollux erinnerte: die beiden germ. Gottheiten sind auch Brüder und Jünglinge wie die griech. Dioskuren, aber es sind germanische Götter.

Aus den Worten des Tacitus läßt sich nicht ersehen, welcher Kasus Alcis ist, ob Dativ. Plur. von Alci oder Alcae, Herrmann, Deutsche Mythologie. 2. Aufl.

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