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Und zu des Himmels Macht und seiner Hochbau,
Daß ich vermöge durch des Herrn Gnade
Mit den Zähnen aufzureißen diesen Zauber durch mutigen Gedanken,
Zu wecken das Wachstum zum Nutzen der Menschheit:

d. h. ich bete, daß ich vermag, . . . durch meine Worte den über der Flur ruhenden Zauber zu vernichten.

Der erste Segen wurde bei der Beackerung und Aussaat gesprochen, der zweite dient zur Herstellung der Fruchtbarkeit solcher Äcker, denen ein Zauber angetan ist. Er ist von einem Mönche des 8. oder 9. Jhd. aufgezeichnet, der neben die uralte, heidnische Anrufung von Himmel und Erde ein Gebet an die heilige Jungfrau Maria setzte. Auch die zum Gebet gehörenden Opfergebräuche sind erhalten. Man soll gen Morgen vor Sonnenaufgang (vielleicht in der Nacht, die dem Vermählungsfeste des Tius und der Erdgöttin voraufgeht) vier Rasenstücke aus den vier Winkeln des Ackers schneiden, da man stehet; dann soll man Hefe, von allen Viehes Milch, etwas von allen im Lande wachsenden Bäumen außer den Hartbäumen (Eiche und Buche, die keine Besegnung nötig haben) und etwas von allen namhaften Kräutern außer der Klette (Unkraut) auf die Rasenstücke legen, mit heiligem Wasser besprengen und dabei sprechen: Wachse, vermehre dich und erfülle die Erde! Dann soll das ganze Opfer, das die Tiere und Früchte umfaßt, die dem Landmanne nützlich sind, zur Kirche getragen werden, so daß das Grüne gegen den Altar gewendet ist; vier Messen werden darüber gelesen und die Rasenstücke noch vor Sonnenuntergang wieder auf den Acker gebracht. Dann schneide man vier Stäbchen vom ,,Lebensbaume", ritze darauf die Namen der vier Evangelisten und das Zeichen des Kreuzes und lege unter jedes Rasenstück ein Stäbchen: Es ist offenbar ein heidnischer Runenzauber, durch christliche Namen und Zeichen ersetzt. Dann wende man sich gegen Osten, wo gerade die Sonne aufgeht, und spreche den erwähnten Segen.

In demselben Zusammenhange ist noch ein dritter Segen an die Erdgöttin bewahrt, der unmittelbar zu dem ersten

gehört und sich ebenfalls auf die Beackerung und Aussaat
bezieht:
Erce, Erce, Erce, Mutter der Erde.
Es gönne der allwaltende, ewige Herrscher,
Daß die Äcker wachsen und gedeihen,
Voll werden und sich kräftigen.
Er gönne ein Heer von Schäften (Getreidehalmen) und des Kornes Wachstum
Und der breiten Gerste Wachstum
Und des weißen Weizens Wachstum
Und aller Erde Wachstum.

Es gönne dir der ewige Herrscher, daß die Äcker gefriedet seien gegen aller Feinde Schädigung und geborgen gegen alles Böse.

Das Wort Erce, womit der Spruch beginnt, ist eine Weiterbildung von ero Erde, wie z. B. Funke von got. fôn Feuer. Da auch Attilas Gemahlin Erka heißt, mhd. Herche, war der Name auch den Goten bekannt, ist also sehr alt. Wenn auch dunkel ist, warum Erce Mutter der Erde genannt wird (die Göttin als Mutter des Erdreiches?), und ob die im Volksglauben fortlebende Herke, Arke zu ihr gehört, die als fahrende Mutter bezeichnet wird, so läßt sich doch mit Sicherheit sagen, daß in dem ganzen Brauche die vergötterte Erde mit Gebet und Opfer verehrt wird. In dem zuerst angeführten Segen wird die Erde selbst als Menschenmutter angerufen.

Dieser Ackersegen wird angewendet, nachdem folgende Gebräuche erledigt sind: Unbekannter, von Bettlern gekaufter Same wird genommen denn gefundene, gebettelte oder gestohlene Dinge gelten für besonders heilsam – das Ackergerät herbeigeholt, in einer Höhlung des Pfluges Weihrauch, Fenchel, geweihte Seife und geweihtes Salz verborgen, und auf den Pflug selbst der Same gelegt. Nachdem dann die erste Furche gezogen und gesprochen ist, „Heil sei der Erde, der Menschenmutter", wird der Mutter Erde ein Opfer gebracht. Man nehme Mehl von jeder Art, bilde daraus mit den Händen einen breiten Laib, knete ihn mit Milch und mit heiligem Wasser und lege ihn unter die erste Furche.

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Das älteste geschichtliche Zeugnis für die Verehrung der Erdgöttin bei den Ingwäonen bietet Tacitus (Germ. 40):

Weiterhin von den Langobarden wohnen die Reudigner und Avionen, die Anglier und Variner, die Eudosen, Suardonen und Nuitonen, die alle durch Flüsse und Wälder geschützt sind. Bemerkenswert bei den einzelnen Völkern ist nichts, vereint verehren sie die Nerthus, das ist die Mutter Erde. Sie glauben, daß die Göttin eingreife in das Leben der Menschen und bei den Völkern einziehe. Es ist auf einer Insel im Ozean ein heiliger Hain, den niemand betreten darf, und in ihm ein geweihter Wagen, mit einer (weißen) Decke verhüllt. Nur dem Priester ist es gestattet, ihn zu berühren. Dieser weiß, wann sich die Göttin im Allerheiligsten aufhält, und er begleitet sie, wenn sie auf ihrem von Kühen gezogenen Wagen umfährt in frommer Haltung, unter Beobachtung heiliger Gebräuche und mit ehrfurchtsvollem Gebete. Frohe Tage gibt es dann und festlich geschmückte Orte, wohin die Göttin gastlich ihre Schritte lenkt. Die Waffen ruhen, des Krieges Stürme schweigen, alles Eisen ist verschlossen; Friede und Ruhe sind dann allein bekannt, dann allein geliebt, bis derselbe Priester die des Verkehrs unter den Sterblichen satte Göttin ihrem Heiligtume zurückgibt. Dann wird der Wagen nebst den Tüchern und, wenn man glauben will, die Gottheit selbst im einsamen See gebadet. Sklaven versehen dabei den Dienst, die sogleich derselbe See verschlingt. Daher der geheimnisvolle Schauer und die heilige Unwissenheit, was das sei, das nur dem Tode Geweihte schauen." (D. S. Nr. 364).

Tacitus schildert den Kultus der seeanwohnenden Stämme. Tiwaz Ingwaz und Nerthus, der Himmelsgott und die roütterliche Erde, sind das göttliche Paar bei den Ingwäonen. Wo die Gemahlin verehrt wurde, muß auch der bimmlische Gatte verehrt sein; das Fest wird schwerlich der Göttin allein gehört haben.

Tacitus verdankt seinen Bericht, der allerdings das Fest des Gottes unerwähnt läßt, offenbar einem Römer, der selbst

in diesen Gegenden die ihm merkwürdige Prozession erlebte und mit ähnlichen Schaustellungen in der kaiserlichen Hauptstadt verglich. Die Schlußfolgerungen sind vom Schriftsteller selbst gezogen, er hat erst nach den Motiven der Handlung geforscht und sie sich nach seiner Geistesrichtung zurechtgelegt. Also nur das Tatsächliche des Berichtės ist der Wirklichkeit entnommen, alles übrige ist freie Reflexion. Aber auch so bleibt bei der Gedrängtheit des Stiles manche Ungewißheit und Unklarheit zurück.

Schon der Schauplatz des Festes ist nur im allgemeinen angegeben. Der Wohnsitz der sieben ingw. Völkerschaften, die sich zur gemeinsamen Verehrung der Nerthus zusammen fanden, liegt nördlich vom Stammlande der Langobarden, dem Bardengau. Wo aber im einzelnen die Stämme gewohnt haben, und wo der aus dem Meer aufragende Hain zu suchen ist, bleibt ungewiß. Der Name der Reudigner ist vermutlich wie der der Semnonen (S. 220) und Nahanarvalen (S. 274) ein hieratischer Kultname; an. rjóđa „röten“ ist die technische Bezeichnung für das Bestreichen und Besprengen mit dem heiligen Opferblut; die Reudigner wären also das Sacralvolk der Ingwäonen. Sechs Stämme scheinen auf dem Festlande gewohnt zu haben, der siebente, die Aviones, auf den Inseln; ihr Name bedeutet ,,Inselbewohner“.

Höchst wahrscheinlich war der Nerthustempel auf Seeland gelegen, nicht auf Rügen, Fehmarn, Bornholm, Alsen (Als-ö Insel des Heiligtums), noch auf einer der friesischen Inseln der Nordsee. Es ist erklärlich, daß sich ein Teil der Ingwäonen die erntespendende Erdmutter auf Seeland heimisch dachte, dem fruchtbarsten Lande, das sie von Hause aus besaßen. Noch im 10. Jhd. wird berichtet, daß in Hleiđr (Lejre, Lederun) auf Seeland jedes neunte Jahr um die Zeit der Sommersonnenwende große Opferfeste gefeiert wurden, die erst Heinrich der Vogler 934 abschaffte (Thietmar von Merseburg 19). Und da der Ort auf einer Insel (Seeland) gelegen ist, sogar in der Nähe der See nicht fehlt (der Videsö, der weiße See bei Ledreburg), so wird hier das Stammesheiligtum zu suchen sein. Selbst der Name Hleiđr (vgl. got. hleißra Hütte,

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Zelt) scheint aus vordänischer Zeit zu stammen und die ingw. Bezeichnung für das Gebäude zu enthalten, in dem Wagen und Bild der Göttin bewabrt wurden.

Der römische Reisende, der Tacitus von diesem Feste Kunde gab, vernahm als den heimischen Namen der Göttin Nerthus, den er mit ,,terra mater" verdolmetschte. Nerthus ist grammatisch Masc. und Femin, zugleich, mythologisch eine doppeltgeschlechtige Gottheit (S. 191), ein Geschwisterpaar, das zugleich ein Ehepaar war. Als Gattin des Tius könnte sie die Herrin der Erde, der Unterwelt sein, daher mag sie die „Unterirdische“ sein (végtepol Götter der Unterwelt). Da aber die höchste Göttin sonst schlechthin Frija heißt, d. i. die Geliebte, die Gattin des obersten Gottes, so ist auch die Erklärung

Männin“ nicht völlig abzuweisen (idg. *ner Mann, skr. nara, gr. a'vño; mit Suffix-b). Der männliche Nerthus ist allein im Norden als Nigrár erhalten, seine Schwester und Gemahlin allein bei den Ingwäonen. Die Bezeichnung „Mann und Frau“ für den Himmelsgott und die Erdgöttin hat Anspruch auf höchstes Alter. Im Grunde auf dasselbe läuft die Erklärung hinaus: nertu Masc. und Femin. (= guter Wille, das lat. numen) sei ursprünglich Epitheton gewesen, das sowohl einer männlichen wie einer weiblichen Gottheit gegeben werden konnte.

Aus unbekannter Ferne nahte der Himmelsgott den Menschen und hieß darum Ingwio der Ankömmling. Im Winter aber zog er wieder in fernes Land, aus dem er im Frühling heimkehrte. Solange die holde Gegenwart des Gottes währte, glaubte man ihn anwesend und beging festlich seine Vermählung mit der Erdgöttin im Lenz. Auch die Göttin war dann den Menschenkindern sichtbar, in feierlichem Umzuge ward sie von der dankbaren Bevölkerung eingeholt. Sie wachte jedes Jahr von ihrem totenähnlichen Schlummer auf, sobald die ersten Lerchen schwirrten; beseligend war ihre Nähe, und Blumen und Früchte waren ihr Gastgeschenk an ihre Verehrer. Aber wenn die Blüte bleicht, wenn eisig Schnee und Reif sich auf die Fluren legen, dann zog sie sich wieder in die Unterwelt zurück. Darum ward, wie Tacitus berichtet, nach beendigter Umfahrt

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