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Ehrenwache bei dem Schiffe halten. Nur sie durften es berühren; wer es sonst anfaßte, mußte ein Pfand von seinem Halse geben oder sich durch beliebige Gaben lösen.

Der Geistlichkeit war dieser Umzug zuwider, und sie suchte ihn auf alle Weise als ein sündhaftes, heidnisches Werk zu hintertreiben. Sie nannte das Schiff ein Abzeichen böser Geister, ein Teufelsspiel; sie nahm an, daß es unter unheilvollen Wahrzeichen und iu heidnischer Gesinnung aufgeschlagen sei, daß in ihm böse Geister umberzögen, ja, daß es ein Schiff des Neptun oder Mars, des Bacchus oder der Venus heiken könne; man solle es verbrennen oder sonst wegschaffen. Allein die weltliche Obrigkeit hatte die Feier gestattet und schützte sie. Selbst als der Graf von Löwen, dem Geschrei der Pfaffen nachgebend, die Tore verschloß und die Fortsetzung des Umzuges mit Feuer und Schwert bedrohte, nahmen sich der Klostervogt von St. Trond und die Grafen von Duras der Volksfeier an.

Ihre Truppen stürzten sich auf die Gegner und gaben deren Häuser und Kirchen den Flammen und dem Verderben preis.

Bloßer Gesang und Tanz konnte den Geistlichen unmöglich solchen Ärger bereiten, selbst nicht, daß dabei Lieder gesungen wurden, die ihr anstößig erscheinen mußten. Sie sah in dem Umzuge offenbar einen Überrest aus heidnischer Zeit, der, Jahrhunderte lang eingeschränkt, nicht völlig hatte ausgerottet werden können. Auf den äußern Hergang der alten Feier kam die Lust des Volkes von Zeit zu Zeit wieder zurück und fand darum Verständnis und Unterstützung bei der Obrigkeit. Der Name der Gottheit war längst vergessen, nur die gelehrten Mönche witterten etwas von altem Heidentum. Es war offenbar eine altgermanische Frühlingsfeier, die in allen Hauptstücken an das Nerthusfest erinnert. Auch hier ist der Ausgangspunkt der Prozession ein Wald; denn es ist sicher uralte Erinnerung, wenn das Schiff nicht auf der bequemen Werft in der Stadt, sondern im Walde gebaut wird. Auch hier wird der Grund derselbe sein: im Haine konnte man

am frühesten die ersten Pflanzentriebe wabrnehmen. Wie der Umzug der Nerthus zuletzt am einsamen See endet, so soll das Schiff am Niederrhein an der Küste der Nordsee halten und von da nach der Insel Walcheren geführt werden; beidemal ist das Heiligtum auf einer Insel gelegen. Beide Umzüge sind von Gesang und Tanz begleitet. In dem Pfande, durch das man sich lösen mußte, steckt

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offenbar ein altes Opfer, das, man ehedem der Göttin dargebracht hatte, dessen Bedeutung sich aber im Laufe der Jahre verloren hatte. Wie die Weber jetzt dieses Opfer erhielten, so empfingen es einst die Priester. Bedeutsam erscheinen die Worte des Chronisten, es sei eigentlich wunderbar, daß man die Weber nicht gezwungen habe, vor dem Schiffe zu opfern; vielleicht wirkt noch eine dunkle Erinnerung nach, daß dergleichen früher wirklich geschah. Wenn es heißt, daß nur sie das Schiff anfassen durften, so stimmt das genau zu den Worten des Tacitus: den Wagen der Nerthus zu berühren ist nur einem Priester gestattet. Auch in dem niederländischen Gebrauche lebte die Vorstellung fort, daß das ,Landschiff die Wohnung der Gottheit sei; es entspricht dem mit einem Tuche bedeckten Wagen der Nerthus. Beidemal erstreckt sich der im Frühling unternommene Umzug über einen größeren Landstrich, berührt Dörfer und Städte und wird überall mit Jubel begrüßt; man ist versucht, auch am Niederrheine für die alte Zeit, wie an der Ostseeküste, eine Art Amphiktyonie anzunehmen. Da die Prozession in derselben Gegend stattfindet, wo nachweislich die Nehalennia verehrt wurde, liegt der Schluß nahe, daß es sich um eine Frühlingsfeier der Nehalennia handelt; auch der Endpunkt der Fahrt soll die Insel Walcheren sein, wo im Altertume der Tempel der Nehalennia stand.

Wie im Mittelalter silberne Pfüge in die Kirchen geliefert, sogar als Abgabe gefordert wurden, so pflegt man noch heute in holsteinischen Dörfern, wo viele Schiffer wohnen, in den Kirchen kleine Schiffe aufzuhängen, die zur Zeit des Frühlings, wenn die Schiffahrt beginnt und der Acker bestellt wird, mit Blumen und Bändern geschmückt werden. In Oldenburg setzt man zuweilen während der Pfingstnacht kleine Schiffe auf einen Wagen, mit dem man am folgenden Morgen durch die Straßen fährt. Pflug und Schiff entsprechen einander. Am Rhein und im Frankenland sammelten die jungen Gesellen alle Tanzjungfrauen und setzten sie auf einen Pflug (1534. Seb. Franks Weltbuch, 51). Im Kopenhagener Nationalmuseum gehören zu den merkwürdigsten Funden dieser unvergleichlichen Sammlung ungefähr hundert aus dünnem Goldbleche gefertigte und ineinander gesetzte Schiffe, die nur Opfergaben oder Votivsachen sein können.

Solche Abzeichen, wie ein leichtes Schiff geformt (signa in modum liburnae figurata) erwähnt auch Tacitus bei der suebischen Göttin, die er Isis nennt (Germ. 9). Die schwäbische Überlieferung hat fest gehalten, daß sich ihre Hauptgöttin Frija bei ihrer Umfahrt im Frühjahr eines Wagens oder eines Schiffes bedient. Ein Ulmer Ratsprotokoll von 1530 verbietet am Nikolausabend den Umzug des mit Masken in Fastnachtstracht besetzten Schiffes: es soll sich niemand mehr weder bei Tage noch bei Nacht vermummen, verkleiden, noch Fastnachtskleider anziehen, auch soll sich jeder des Herumfahrens des Pfuges und mit den Schiffen enthalten. Das Verbot des Ulmer Rates setzt also die Umfahrt des Schiffes und das Pflugumziehen einander gleich; beide sind Symbole der Fruchtbarkeit spendenden Frühlings- und Erdgöttin. Noch heute zieht man in den bayr. Donaugegenden Fastnachts (mhd. vasenabten d. h. „an den Tagen der Ausgelassenheit“) Kähne auf Rollen durch die Ortschaften, die Maste mit Eßwaren behängt, im Mastkorbe Feuer.

Auf schwäbischem Boden also, bei den Nachkommen der erminonischen Sueben, der alten Tiusverehrer, ist ein Umzug mit Schiff und Pflug bezeugt, ein Bittfest an die große Göttin, das im Lenze dem Landmanne reiche Ernte, dem Schiffer günstige Fahrt sichern sollte. Einen derartigen Umzug scheint Tacitus zu meinen (Germ. 9): Ein Teil der Sueben opfert auch der Isis. Von wo Grund und Ursprung diesem fremdem Dienste ward, habe ich nicht ganz ergründet : nur soviel weiß ich, daß ihr Kultus aus der Fremde übers Meer gekommen ist; das bezeugt schon das wie ein Nachen gestaltete Symbol der Göttin.Daß Tacitus an die germ. Hauptgöttin denkt, geht daraus hervor, daß er sie unmittelbar nach den drei Hauptgöttern Wodan, Donar, Tius erwähnt (Germ. 9). Seine Quellen berichteten ihm, die Sueben hätten einen mit dem Isisdienste übereinstimmenden Kultus. Den germ. Namen der Göttin gab er wegen ihres Symbols, des Nachens, durch die ägyptisch

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römische Isis wieder. Im römischen Bauernkalender hieß der 5. März „Schiff der Isis“ (navigium Isidis), es war das Frühlingsfest der Isis, , die zuerst den Menschen die Frucht gab“, und in Deutschland fand der Schiffsumzug später zu Fastnachten, d. h. zu Beginn des Frühlings statt. Auch die Isisbilder sind den Darstellungen der Nehalennia ähnlich; der Kopfputz der beiden Göttinnen bietet eine gewisse Gleichheit, auch der Hund, der Fruchtkorb, die Füllhörner und selbst das Schiff kehren wieder. Die Römer konnten daher leicht an ihre Isis erinnert werden. Wie die Gewährsmänner des Tacitus kein Bedenken trugen, das deutsche Frühlingsfest als ein Fest der Isis zu erklären, so trugen römische Kaufleute kein Bedenken, der Nehalennia als einer Erscheinungsform ihrer „tausendnamigen" Isis Dankopfer darzubringen; so erklärt sich, daß sich römische und germanische Namen auf den Nehalenniasteinen finden.

Daß die Sueben zur Zeit des Tacitus ihre Hauptgöttin Nehalennia nannten, ist natürlich nicht zu beweisen; aber mag sie Nehalennia oder Frija geheißen haben, die Gottheit ist dieselbe, die Erd- und Frühlingsgöttin, nur ibre Namen sind verschieden. Ein merkwürdiges Spiel des Zufalls ist es, daß unsere ältesten Quellen bei den seeanwohnenden Ingwäonen der Ostsee die Göttin ihren Umzug in einem Wagen halten lassen, bei den Deutschen des Binnenlandes aber auf einem Schiffe; das auf Rädern gezogene Schiff am Niederrhein vereinigt beide Fahrzeuge.

4. Tanfana.

Bei den Istwäonen waren die Marsen Hüter und Pfleger des Bundesheiligtums. Neben dem flammenden Himmelsgotte Tiwaz Istwaz verehrten sie seine Gemahlin, die Tanfana. Tacitus erwähnt nur das Fest und den Tempel der Göttin, wie bei der Beschreibung des ingw. Nerthusumzuges; aber er wie der röm. Feldherr erkannten die Wichtigkeit des Stammesheiligtums sehr wohl.

Nach dem Tode des Augustus drohte bei den unterrheinischen Legionen offene Empörung auszubrechen, die durch den aus Gallien herbeigeeilten Germanicus nur mit Mühe unterdrückt wurde. Patrouillen hatten ihm gemeldet, daß die Germanen um diese Zeit des Nachts ein frohes Fest begingen und bei feierlichem Mahle sich dem Spiele hingaben. Darauf baute er seinen Plan. Er wußte, daß, wenn es ihm gelänge, die Festver. sammlung zu überfallen und das Heiligtum zu zerstören, er dem Stamme den durch Religion und Alter geheiligten Halt und Mittelpunkt nehmen würde. Er überschritt den Rhein, sandte auf beschwerlichen, aber vom Feinde unbewachten Umwegen den Cäcina mit den Leichtbewaffneten voraus, um dem Gros der Legionen den Weg zu bahnen, und rückte in sternenheller Nacht auf die Gehöfte der Marsen zu. Seine Berechnung, die Germanen mitten im Frieden des Festes zu überraschen, hatte ihn nicht getäuscht; froh batten die Deutschen die Nacht bei Gelagen und fröblichen Gesängen zugebracht. Wie bei der Nerthusfeier die Waffen ruhten, so waren hier nicht einmal die gewöhnlichsten Vorsichtsmaßregeln getroffen, keine Nachtposten waren aufgestellt. Noch lagen sie sorglos ihren Rausch verschlafend auf Bänken und neben den Tischen umher, an denen sie geschmaust und gezecht hatten, als Germanicus hervorbrach. Um einen möglichst breiten Landstrich zu verwüsten, teilte er die Legionen in vier keilförmige Haufen. Zehn deutsche Meilen in die Runde zerstörte er alles mit Feuer und Schwert; alt und jung, Mann und Frau wurden niedergehauen, Gehöfte und Heiligtümer, auch der von diesen Vö kerschaften am höchsten und heiligsten verehrte Tempel der Tanfana dem Erdboden gleich gemacht. Vergebens zogen die Bructerer, Tubanten und Usipeter zur Rache herbei und überfielen den Nachtrab des zurückmarschierenden Heeres, das sich langsam durch die Waldgebirge hindurchwand (Ann. 151).

Die Zeit des Überfalls muß der Spätherbst gewesen sein, die Zeit, wo die Sachsen ihr herbstliches Sieges- und Totenfest feierten, und die Erminonen im heiligen Walde zusammen kamen (Germ. 39; 220). Um Tius und seiner Gemahlin, der Erdgöttin Tanfana, für die glücklich beendete Ernte zu danken, war das Volk aus allen Gauen zusammen geströmt. Galt die ingw. Nerthusfeier und das ermin. Isisfest dem Wiedererwachen des Frühlings, so fand das Tanfanafest Ende September oder Anfang Oktober statt, es fiel mit dem Ende und Anfang des Jahres bei den Germanen zusammen. Mit der absterbenden Vegetation zogen sich die Geister der Abgeschiedenen in das Innere der Erde zurück. Toten- und Erntefeier war ein Fest, die Gottheit war Herr über Leben

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