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daß der Kriegsgott selbst bei den deutschen Völkern gegenwärtig war, standen seine Bilder und Symbole bei den Heeressäulen: der Adler oder das Schwert des Tius, die Lanze Wodans, der Hammer Donars. . Tacitus erwähnt, daß die Bilder der wilden Tiere den Hainen entnommen wurden, wie es bei jedem Stamme Brauch sei, in den Krieg zu ziehen (Hist. 422); es waren Bilder von Drachen, Wölfen, Ebern, Adlern und Raben. Ein eherner Stier war das Feldzeichen der Kimbern (Plut., Mar. 23). Im Frieden schwebten sie an den heiligen Bäumen der geweihten Waldplätze über den Opferfesten der Gau- und Volksgemeinde, wo auch die eroberten Feldzeichen der Feinde hingen (Ann. 159). Jetzt nahm sie der Priester, dem es allein gestattet war, herab, unter feierlichem Gebete, daß der Gott unter sein Heer kommen wolle (vgl. Germ. 40.: nur dem Priester ist es gestattet, den Wagen der Nerthus zu berühren). Darum erinnerte Civilis vor der entscheidenden Schlacht am Rheine seine Scharen daran, daß der Rhein und Deutschlands Götter ihnen vor Augen stünden, unter ihrem Segen sollten sie den Kampf beginnen (Hist. 517).

Die Priester waren auch während der Schlacht Träger und Hüter der heiligen Feldzeichen, und deshalb war auch die Handhabuvg der Kriegszucht nicht Sache des Herzogs, sondern Pflicht des Priesters (Germ. 7). Ehe die Schlacht beschlossen ward, forschten die Deutschen nach dem Willen des Gottes: er ward befragt, ob er dem Kampfe günstig sei oder nicht.

Die im Lager des Ariovist befindlichen Hausmütter mußten aus Los und Weissagung verkünden, ob es rätlich sei, eine Schlacht zu liefern oder nicht;

sie sagten: es sei nicht der Götter Wille, daß die Deutschen Sieger blieben, wenn sie vor dem Neumonde eine Schlacht schlügen (Cäsar, b. g. 150). Fielen die Zeichen ungünstig, so schob man den Kampf auf oder ließ sich auf Friedensverhandlungen ein (Amm. Marc. 14,10, 9). Als trotz des Abratens ihrer Seher die Alemannen die Schlacht gegen Narses begannen, wurden sie besiegt (Agathias 28). Weissagende Frauen, vor allem die westfälische Veleda waren von größtem Einflusse auf die kriegerischen Unternehmungen (Hist. 461,

Germ. 8).
Mittel zur Erforschung des göttlichen Willens waren das

522,

65,

25.

Feldzeichen. Weissagungen. Gelübde.

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einfache Loswerfen, das der Oberpriester des Volkes im Kriege wie bei allen öffentlichen Angelegenheiten vollzog (Germ. 10), die Beobachtung der Eingeweide und des rinnenden Blutes der Opfer (Strabo 7, S. 384), das Horchen auf verschiedene Stimmen, das schwellende Schlachtgeschrei (barditus Germ. 3, S. 264), sowie das Wiehern der Tempelrosse und endlich der Zweikampf (Germ. 10).

Die Deutschen stellten einen Gefangenen aus dem feindlichen Volke einem auserlesenen Krieger des eigenen Stammes, jeden mit seinen heimischen Waffen ausgerüstet, gegenüber und nahmen den Sieg des einen oder anderen als Vorentscheidung. Als die Vandalen und Alemannen sich im Felde gegenüberstanden, weil ihre Wohnsitze zu nahe bei einander lagen, sagte der Alemannenkönig: „Wie lange soll denn der Krieg das ganze Volk heimsuchen? Laßt doch nicht so viel Volks auf beiden Seiten umkommen, sondern zwei von uns mögen mit ihren Kriegswaffen auf den Kampfplatz treten und die Sache unter sich ausfechten. Wessen Kämpfer dann siegt, der nehme das Land ohne Streit.“ Alle stimmten dem bei, die Partei der Vandalen unterlag, und Geiserich gelobte, Spanien zu verlassen (Greg. v. Tours H. F. 22).

Waren die Vorbedeutungen günstig ausgefallen, so wurden der Gottheit Opfer dargebracht, um sie zu versöhnen, falls sie etwa einen alten Grimm gegen das Volk hätten. Die gegen Drusus verbündeten Völker der Sueben, Cherusker und Sugambrer kreuzigten 20 römische Centurionen, gleichsam als Bundesopfer (Florus 4,2; S. 222). Um den göttlichen Zorn zu besänftigen, mußte menschliches Blut fließen. Mit diesem Sühnopfer war das Gelübde verbunden, die Erstlinge des Krieges und die furchtbaren Früchte des siegreichen Walfeldes den Göttern als Dankopfer zu bringen: antheiz bieß bei den Oberdeutschen solch Gelöbnis und Opfer. Vor der Schlacht bei Idisia viso stellte Armin die Römer als den zürnenden Göttern verfallen dar (Ann. 231). Auch die Verwünschungsformel, die Civilis die Seinen nachsprechen ließ, hatte religiöse Bedeutung und gelobte den Göttern das feindliche Heer (Hist. 415). Das Blut aller Christen gelobte der heidnische Gotenkönig Radagais seinen Göttern bei dem Zuge nach Italien 405, wenn sie ihm den Sieg gäben (Isidor, chron. got.; weitere Zeugnisse für die Franken und Goten S. 222).

Standen sich die Heere gegenüber, so ward ein Speer über die feindlichen Reihen geschleudert. Aus seinem Fluge ergab sich ein Wahrzeichen über den Ausgang des Kampfes (S. 235). Noch in christlicher Zeit war es Sitte, vor der Schlacht einen Speer mit Verwünschungsformeln über das feindliche Heer zu schleudern. Der Sperwurf geschah aber zugleich als eine Opferhandlung für den Totengott, der der wilde Kriegsgott geworden war, für Wodan. Erfolgte dann der Ansturm selbst, so erbrausten wie bei den festlichen Umzügen zur Friedenszeit heilige Gesänge, in denen die Heldentaten der Göttér zur Nacheiferung gepriesen wurden (Germ. 3; S. 264).

Unter wildem Gesange rückten die auf Seite des Vitellius kämpfenden Germanen vor (Hist. 22,). Im thracischen Aufstande jagt die Sugambrische Kohorte dem Feinde Schrecken ein durch ihren brausenden Schlachtgesang (Ann. 447). Im Befreiungskampfe der Bataver unter Civilis rücken die Römer ganz still, die Germanen aber unter Gesang und Geheul der Weiber vor (Hist. 418). Als die Römer 377 den Goten schlachtbereit in Thracien gegenüberstanden, erhoben sie ihr Kriegsgeschrei, barritus mit Namen, das leise anfing und immer lauter anschwoll, dadurch stärkten sie ibrèn Mut; die Westgoten aber antworteten mit Gesängen auf ihre Götter, von denen dio germanischen Völker und Königsgeschlechter abstammten, die Anses (Amm. Marc. 31,7, 11).

Vor Beginn der Schlacht war den Göttern gelobt worden, ihnen für den errungenen Sieg die Feinde zu opfern. Dem Gelübde mußte die Erfüllung folgen.

Nach dem großen Siege über die Römer bei Arausio (105) warfen die Kimbern das erbeutete Gold und Silber ins Wasser, zerrissen die Gewänder, zerhieben die Rüstungen, zerstörten die Reitzeuge, ertränkten die Rosse im Flusse und henkten die lebenden Gefangenen an die Bäumë (Orosius 516). Ein anderes furchtbares Bild solcher Opferstätte bot das Walfeld des Varus, wie es Germanicus sechs Jahre später antraf (15). So wie die Römer gefallen waren, lagen die Gebeine unbestattet, samt den Waffenresten und Pferdegerippen; an die Baumstämme waren die Pferdeschädel genagelt, das eigentliche Opfer für die Götter. In den nahen Wäldern standen die Altäre, an denen die Tribunen und Centurionen ersten Ranges geopfert waren. Die anderen Gefangenen hingen an Galgen oder waren in Gruben lebendig begraben worden (Ann. 161). Ebenso opferten die Hermunduren nach ihrem Siege über die Chatten am Salzflusse alles dem Tius und Wodan, was an lebenden Menschen und Tieren in ihre

Speerwurf. Gesänge. Dankopfer.

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Hände gefallen war (Ann. 1337; vgl. §. 222). Die Sachsen bestimmten aus den Kriegsgefangenen durchs Los den zehnten Mann und opferten sie (Sid. Apoll. 86; S. 353).

7. Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben.

Religiöse Gebräuche begleiteten das Leben unserer Vor fahren vom Augenblicke der Geburt an bis zur Todesstunde. Fühlte die junge Mutter die schwere Stunde herannahen, so rief sie, die Schicksalsfrauen um gnädigen Beistand an. Das kaum geborene, schwache und hilflose Kind war mit der Mutter vor allem den Angriffen der nächtlichen Unholde ausgesetzt. Gegen die Hexen, Druden, Maren und Elbe, die das Kind zu rauben oder gegen einen Wechselbalg zu vertauschen suchen, brannte nachts das abwehrende Feuer. In die Wiege ward zum Schutze gegen Unheil ein Runenzauber eingeritzt; in Süddeutschland malt man noch heute den Drudenfuß gegen die Hexen daran. Um das kleine Wesen vor dem Alp zu sichern, forderte man ihn in Beschwörungsformeln auf, den Sand, die Sterne, alle Wege zu zählen, oder man stellte einen Kessel siedenden Wassers neben das Lager. In der Hand der geheimnisvollen Schicksalsfrauen lag es, ob das Kind wirklich ein Mensch werden oder die Fähigkeit der Seele behalten sollte, den Körper nach Belieben zu verlassen und zu wandeln. Darum stellte man Speise und Trank für sie auf den Tisch, um sie gastlich zu bewirten.

Vom Willen des Vaters hing es ab, ob das neugeborene Kind in die Familie aufgenommen oder ausgesetzt werden sollte. Die Angaben des Tacitus (Germ. 19), daß es als Schandtat gälte, die Zahl der Kinder zu beschränken oder eins der nachgeborenen zu töten, ist nur zum Teil richtig.

Die Großmutter des heiligen Liudger wollte ihre Enkelin töten, weil ihre Tochter nur Mädchen, keine Söhne hatte. Sie befahl, daß die Tötung erfolge, bevor das Kind Milch von der Mutter genossen hätte; denn solange ein Kind noch keine irdische Speise berührt hatte, war sein Tod gestattet. Der damit beauftragte Sklave brachte das Mädchen zu einer Wanne, um es darin zu ertränken; aber durch Gottes Erbarmen hielt es sich mit seinen Ärmchen am Rande der Wanne über Wasser, bis ein aus der Nachbarschaft hinzukommendes Weib es den Händen des Sklaven ent

riß, in ihr Haus brachte und ihm Honig einflößte. Die rasende Großmutter schickte Gerichtsdiener nach dem Kinde in das Haus der mitleidigen Frau, aber sie sagte ihnen, das Kind hätte bereits Honig genossen und zeigte ihnen dessen Lippen. Nach heidnischem Brauche war es nun nicht mehr gestattet, das Kind zu töten. Aber erst nach dem Tode der wütenden Großmutter konnte die Mutter ihr Kind zu sich nehmen (V. Liudg. 6, 7).

Der entscheidende Akt, durch den ein Kind völlig zu seinem Rechte kam und als Person anerkannt wurde, war die Namengebung. Von der Zeit an, wo dem Kinde ein Name beigelegt war, galt Aussetzung als unerlaubt. Die Namengebung pflegte binnen neun Nächten nach der Geburt zu erfolgen und war schon in heidnischer Zeit bei allen Germanen mit Wassertauche oder Wasserbegießung verbunden. Von da an trat das Kind in sein volles Wergeld ein, während es vorher nur durch ein halbes Wergeld geschützt war. Der Volksscherz von den blinden Hessen oder Schwaben bewahrt noch eine Erinnerung an die alte Rechtsordnung, die den Neugeborenen bis zu dieser Frist dem Ungeborenen gleichstellte. Vermutlich ward das Kind bei der mit der Wasserweihe verbundenen Namengebung mit dem Hammer, dem Symbole Donars, geweiht. Die langobardische Sage, daß Wodan auf Freas Geheiß, weil er ihnen den Namen Langbärte gegeben habe, ihnen als Namensgeschenk den Sieg verliehen habe, zeigt, daß ein Geschenk der Namengebung folgen mußte. Der Hausvater verrichtete selbst die Taufe des Neugeborenen; erst durch sie ward die Körperlichkeit des jungen Menschen befestigt.

Schon Aristoteles kennt bei vielen Barbaren die Sitte, die Neugeborenen in kaltes, fließendes Wasser unterzutauchen, und der Arzt Galenus im 2. Jhd. n. Chr. sagt ausdrücklich, daß die entsetzliche Sitte, die Neugeborenen, heiß vom Mutterleibe wie glühendes Eisen in kaltes Flußwasser zu tauchen, bei den Germanen herrsche. Aus dem 4. Jhd. stammt die griechische Fabel, daß der Rhein den nordischen Barbaren zur Kinderprobe diene, weil er die unechten sinken lasse. Der alte Name für die Wasserweihe war daupjan tauchen; Wulfila übersetzt damit die christliche Taufe, das Bancti Ev.

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