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sagte, so war für die Heiligtümer der Dorfgemeinde, Gaues, des Stammes, der Angesehenste, der Häuptling, der König, Leiter der gottesdienstlichen Handlungen. Ganz richtig bemerkt Cäsar (b. g. 621), daß es bei den Deutschen eine Priesterkaste nach Art der gallischen Druiden nicht gebe. Die Deutschen kannten keinen besonderen, erblichen Stand, der allein den Zutritt zu den himmlischen Mächten gewähren konnte. Wenn somit auch niemand, der den Göttern nahen wollte, eines Mittlers bedurfte, so war doch bei größeren Festen ein Priesterstand notwendig, d. h. man bedurfte Männer, die mit der Verwaltung der heiligen Bräuche vertraut waren. Der König, der seinen Ursprung von den Göttern ableitete, war der oberste Priester des Landes, er war Hüter und Pfleger des Heiligtums. Auch bei der kleineren Vereinigung der Gemeinde oder des Gaues war der leitende Beamte zugleich der Priester. Das in Thing und Heer versammelte Volk befehligte und weihte im Namen des, obersten Befehlshabers, des machtvollen Tius, der König oder Häuptling. Wie eine ahd. Glosse lehrt, war die Bezeichnung cotinc (tribunus), die auf die Stellung des Priesters zu den Göttern geht (gud; minister deorum sagt Tacitus, Germ. 10), ganz zur Bezeichnung einer weltlichen Würde geworden. Während einige von den Häuptlingen den Heerbann in die Schlacht führten, mußten andere den Göttern für den Sieg opfern, die heiligen Feldzeichen hüten, deren Gegenwart das Dasein der Gottheit und damit den heiligen Frieden bezeugte, der über den bewaffneten Scharen ruhte, und jede Verletzung der religiösen Weihe durch Handhabung der Kriegszucht ahnden. Die Behörden, die nach Cäsar (b. g. 623) gewählt werden, mag ein Stamm angreifen oder sich verteidigen, in deren Händen die Leitung des Krieges steht, und die Gewalt über Leben und Tod haben, können nur Priester sein.

Der erste männliche Priester, dessen Name sich geschichtlich nachweisen läßt, der Priester der Chatten, Libes, war ein solcher Häuptling im priesterlichen Amte; er war im Jahre 15 als Opferpriester des chattischen Heeres gefangen genommen und wurde im Triumphzuge des Germanicus neben Segimuntus, dem Sohne des Segestes, Thusnelda, der Gattin Armins und anderen namhaften Feinden mitaufgeführt (Strabo 71). Auch

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Ségimuntus war ein Priester und zwar bei dem Stammesheiligtumo der Ubier (Ann. 1571 39). Als er von dem Aufstande seiner Stammesgenossen hörte, zerriß er nach römischer Ausdrucksweise die Priesterbinden und entfloh zu seinen Landsleuten. Hierbei erfahren wir, daß er durch Wah] Priester geworden war. Auch die Einheit des Stammes wurde durch einen Häuptling im priesterlichen Amte und durch das Heiligtum repräsentiert, das er verwaltete (sacerdoś civitatis, Germ. 11). Solche Priester waren beim Heiligtume der Nerthus (Germ. 40) und bei den Alkis (Germ. 43). Bei den Burgunden löste sich die priesterliche Tätigkeit des Königs von dem geistlich-weltlichen Amte los. Neben dem Könige oder Hendinos, der bei einem Unglück im Kriege oder bei Mißwachs als Sühnopfer den Göttern geweiht ward, später aber nur noch abgesetzt wurde, findet sich ein Oberpriester unter dem Titel der Älteste (sinistus); er hat sein Amt auf Lebenszeit und ist nicht jenen Zufällen unterworfen wie die Könige (Ammian. Marc. 28,5, 14; S. 354). Über die Stellung des ags. Oberpriesters bei König Edwin läßt sich nichts sagen (Beda, Hist. eccl. 2, 13).

Neben dem Opfern und Befragen der Lose hat der Priester noch eine andere Tätigkeit. Wo das Volk als Ganzes vergammelt ist, sind die Götter gegenwärtig. Die Priester wahren den göttlichen Frieden. Über den Ruhestörer im Thing, wie den Brecher der Disziplin im Kriege haben sie das Strafamt, denn ein Vergehen gegen den heiligen Frieden, der über Thing und Heer schwebt, war ein religiöses Verbrechen. Sie sind die Bewahrer und Hüter des göttlichen Gesetzes, des Rechtes, daheim wie im Felde. Diese doppelte Tätigkeit des altgermanischen Priesters lassen bereits die Angaben des Tacitus erkennen. Bei Beginn des Thinges (si publice consultetur, Germ. 10) bringt der mit diesem Amte für immer oder nur diesmal betraute Priester das Opfer dar, stellt fest, daß die Förmlichkeiten der Einhegung erfüllt sind, und fragt die Götter durch das Los, ob ihnen die Beratung genehm sei Dann erheischt er Schweigen (S. 364), gebietet den Thingfrieden und steht bei der nunmehr beginnenden Rechtsverhandlung als Êwart mit seiner Rechtskenntnis, kundig des Willens der Götter, dem Herzoge zur Seite. Er vollstreckt auch die Strafe, aber sie wurde nicht als solche angesehen, nicht wie ein Befehl des Herzogs, sondern wie ein Verhängen der Gottheit (Germ. 7).

Nach seiner gesetzgebenden und gesetzschirmenden Tätig

keit heißt der Priester ahd. êwart, êwarto (Wart der Ê; dieses ê ist unser leider vergessenes Wort für „religio“

die herkömmliche, unvordenkliche göttliche Ordnung oder das Gesetz: Pfleger, Hüter des Gesetzes) oder ahd. esago, esagari, as. @sago, afries. â-sega (sega Sager: Gesetzsager, Gesetzsprecher, Richter); in Friesland bedeutet Asega noch im 12. Jhd. Priester. Denn das Recht erschien den alten Germanen als göttlich, wie es auch mit dem Götterglauben eng zusammenhing. Der Gott, der es geschaffen, der allwaltende Tius kennt es allein vollständig, er lehrt es seine Diener, die Priester, nach der fries. Sage die 12 Asegen (S. 226).

Die andere Seite, seine Tätigkeit als Leiter des Opfers, hebt die ostgerm. Benennung (got. gudja), die skandinavische gode (guđi, gođi) hervor, die mit guđ Gottheit verwandt ist, also die Zugehörigkeit zur Gottheit aussagt, „Gottesmann“ oder „Gottesdiener (minister deorum Germ. 10; S. 380). Dem ostgerm. gudja, das schon Wulfila für iepeus gebraucht, entspricht die ahd. Glosse cotinc (tribunus) = goding; es läßt sich ein einfaches Coto annehmen, mit der Bedeutung Priester und Richter. Wenn aber „Gott“ ursprünglich Zauber oder auch Fetisch bedeutet, so tritt uns im Goden der Feticeiro und Schamane entgegen, er ist ursprünglich nur der „Berufer“, „Besprecher“, der Zauberer (S. 191). Ahd. harugari „Hainmann" bedeutet den Hüter des von einem Steinzaune umschlossenen Heiligtums, des Tempels; parawari ist der Vorsteher des gehegten Haines, pluostrari hieß der Priester, insofern er opferte. Der burgundische Titel „der Älteste" (Sinistus, vgl. Siniskalk, der Altknecht, lat. senex) hebt die wirkliche Macht des Priesters hervor. Sinistus ist wie der arabische Scheik nicht der den Jahren nach Älteste, sondern der Vornehmste, aus altem Adelsgeschlecht entsprossene. Aus dem Adel wurden bei den Goten Priester und Könige gewählt (Jord. 5); die Vornehmsten und Weisesten wurden Priester (Jord. 11). Wegen dieser engen Verbindung des Priestertums mit dem Adel richteten die Missionare ihre Bekehrungsversuche immer zunächst an den Adel; denn sobald dieser für das Christentum gewonnen war, hörte der Wider

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stand des Volkes auf. Noch Jahrhunderte lang nach dem
Übertritte zum Christentum gelangen mit seltenen Ausnahmen
nur Adelige in den Besitz der Bistümer und der höheren
geistlichen Stellen; auch hier nahm die Kirche Rücksicht auf
das gemeine Volk, bei dem ein Priestertum ohne Adel keine
Achtung gefunden hätte. Als später diese Beweggründe fort-
fielen, erhielt sich die üblich gewordene Sitte. In der Slaven-
schlacht am 18. Juni 992 fiel Thiethard, der Fahnenträger
der Deutschen, ein Diakon der Verdener Kirche, und am
22. August desselben Jahres der Bremer Priester Halegred eben-
falls mit der Fahne der Deutschen (Annalista Saxo ad a. 992).

Die Amtstracht war ein lang herabwallendes Gewand,
bei den Goten von weißer Farbe (Jord. 10). Bei den Naha-
narvalen trugen sie Frauengewänder, vielleicht auch lang herab-
wallendes Haar mit einem Kopf- und Schleiertuche (Germ. 43).
Die got. Priester trugen wie die Edeln Hüte auch während
des Opfers (Jord. 5. 11). Den ags. Priestern war es verboten,
Waffen zu tragen und auf Pferden zu reiten (Beda Hist.
eccl. 213); auch die weißen Pferde des Himmelsgottes, die in
den heiligen Wäldern und Hainen aufgezogen wurden, durften
durch keine irdische Dienstleistung befleckt werden (Germ. 10).
Gemeingermanisch war die Sitte, daß der Priester bei öffent-
lichen Handlungen, besonders bei den Thingen, die er hegen
sollte, einen Eidring am Arme trug; beim Opfern wurde
dieser in das Blut des Tieres getaucht, auf ihn wurde auch
der Eid abgelegt.

Die Einkünfte der Priester bestanden aus Opfergaben, die er am Vorabende des kommenden Festes einforderte, teils als Opfergaben für die Götter, teils zu seinem eigenen Unterhalte. Es geschah im Namen der Gottheit, deren Fest gefeiert werden sollte, unter dem Absingen von Liedern.

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2. Wahrsagerinnen und Priesterinnen,
Der Glaube an eine höhere Würde und Weihe der Frauen
wurzelte tief im deutschen Gemüte (Germ. 8).

Grauenhaft ist noch das Bild, das Strabo von den weissagenden Priesterinnen der Kimbern entwirft, die sie auf der Heerfahrt begleiteten (72). Es waren grauharige, baarfüßige Weiber in weißen Gewändern, mit Mänteln von feinstem Linnen und ehernem Gürtel. Sie helten mit Scliwertern in den Händen die Kriegsgefangenen aus dem Lager ab, bekränzten sie wie Opfertiere und führten sie an einen hohen ehernen Kessel, der etwa 20 Maß fasste. Dann bestieg eine von ihnen einen Tritt and durchschnitt, über den Kessel gebeugt, dem über den Rand emporgehobenen Gefangenen die Gurgel. Aus dem Blute, das in den Kessel rann, weissagten sie. Andere schnitten ibm den Leib auf, durchsuchten die Eingeweide und prophezeiten daraus den Ihren den Sieg. Während der Schlacht trommelten sie auf Fellen, die über die geflochtenen Wagendecken gespannt waren, und machten damit gewaltigen Lärm, der die bösen Mächte abwehren sollte. Caesar erzählt, daß die deutschen Hausmütter im Heere des Ariovist aus Los und Weissagung die Zeit bestimmten, wann ein Sieg zu hoffen wäre (b. g. 150, Cass. Dio 3848); nach Plutarch diente ihnen statt des fließenden Blutes der wirbelnde, strudelnde Fluß (Leben Caesars 19). Die berühmteste altgerm. Priesterin war bei den Bructerern in Westfalen Veleda. Ihr Name war ein bloßer Ehrenname: Wohlwollen, Gnade (vilida; got. vilitha zú viljan, velle) oder eine Bezeichnung ihres Standes: weise Frau, Seherin (urkelt. *velet = Seher, Dichter). Ganz besonders ausgezeichnete Seherinnen hielten die Deutschen für göttliche Wesen, und dieser Nationalaberglaube (Hist. 481) steigerte sich bisweilen so sehr, daß sie geradezu für Göttinnen galten. Auch Veleda wurde für eine Göttin angesehen (Germ. 8), denn sie hatte eine den Batavern günstige Wendung und die Vernichtung der römischen Legionen vorausgesagt (Hist. 461). Die Bezeichnung der Veleda als einer Göttin beruht vielleicht auf einem sprachlichen Mikverständnisse des Tacitus : *gudjo, an. gyđia bezeichnet sowohl „Göttin" als auch „Priesterin". Sie erteilte weit und breit Befehle und wohnte auf einem hohen Turme. Die umwohnenden Stämme schickten freiwillig Geschenke zu ihr, aber sie von Angesicht zu sehen, oder sie anzureden, war keinem gestattet; einer aus ihrer Verwandtschaft überbrachte Fragen und Antworten, wie ein Götterbote. Von ihrer Entscheidung machten die Ubier das Schicksal Kölns abhängig; ein erbeutetes Römerschiff wurde ihr als Geschenk die Lippe hinaufgeführt (Hist. 522). Die Römer schätzten den Einfluß einer solchen Priesterin ganz richtig und suchten sie durch Versprechungen und Drohungen zu bewegen, dem Kriege ein Ende zu machen (Hist. 524–25). Unter Vespasian ward sie gefangen genommen, und Tacitus sah sie wahrscheinlich in Rom bei dem Triumphe über die Bataver mit eigenen Augen (Germ. 8; Statius, Silvae 14, 90).

Tacitus bemerkt ausdrücklich, daß man auf viele Frauen mit gleicher Ehrfurcht blickte (Hist. 461), und nennt gleichsam als die Chorführerin einer großen Schar weiser Frauen aus der Zeit vor Veleda die Albruna (Germ. 8). Sie trat zur Zeit der Kriege des Drusus und Tiberius auf.

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