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Anstatt des handschriftlichen Aliruna, Aljaruna die anders, unverständlich Redende ist Albrûna zu lesen, das mit der Runenkraft der Elbe, das mit Zaubermacht und Weissagung begabte Weib. Zu den von Tacitus ungenannt gelassenen weisen Frauen gehört

, die semnonische Ganna, zur Zeit des Domitian (Dio Cassius 675); sie kam mit dem Semnonenkönige Masva zum Kaiser nach Rom und wurde von ihm ehrenvoll aufgenommen, da Domitian jedem Aberglauben zugänglich war. Auch ihr Name, der „Zauberkunst" bedeutet, ist ein Ehrenname. Auch an das Weib mag Tacitus gedacht haben, das von mehr als menschlicher Größe der Drusus im Jahre 9 v. Chr. entgegentrat und sprach: „Wohin eilst du, unersättlicher Drusus ? Das Geschick hat dir nicht bestimmt, alles zu schauen. Kehre um! denn deiner Taten und deines Lebens Ende ist nahe herbeigekommen.“ Drusus kehrte eilends um und starb, bevor er an den Rhein gelangte (Cassius Dio 55,, Sueton., Claudius 1). Auf Vitellius lastete der Verdacht, seine Mutter getötet zu haben; während ihrer Krankheit soll er verboten haben, ihr Speise zu reichen. Denn eine chattische Frau, deren Worten er unbediogt wie Orakelsprüchen glaubte, hatte ihm prophezeit: nur dann könnte er eine sichere und lange Herrschaft haben, wenn er seine Mutter über: lebt hätte (Sueton., Vitell. 14). Bei den Winnilern nahm die Stelle: der Veleda die Seherin Gambara ein, „die Scharf blickende, Kluge“; sie wandte sich an Frija und betete um den Sieg ihres Stammes über die Vandalen (S. 249). Bei den Goten kommen noch während der Völkerwanderung Priesterinnen neben Priestern vor. Als die Westgoten in das röm. Reich ein brachen, führte jeder Stamm die Heiligtümer aus der Heimat mit sich, samt den Priestern und Priesterinnen (Eunapius). Chlodwigs Mutter, die Thüringerin Basina zeigte in einer Vision ihrem Gemable die Zukunft des Merovingerhauses (Fredegar, Hist. epitom. ; (D. S. 420). Der Frankenherrscher Gunthrám sandte 577 zu einem Weibe; die hatte, wie man meinte, den Geist der Wahrsagung, so daß sie alles vorhersagte, was geschehen sollte. Sie hatte ihm vordem nicht nur das Jahr, sondern auch Tag und Stunde vorhergesagt, wo sein Bruder, König Charibert, starb. . Jetzt verhieß sie ihm, daß König Chilperich noch in diesem Jahre sterben, daß er selbst fünf Jahre lang das Herzogtum bekleiden und hochbetagt als Bischof von Tours sterben würde. Wenn jemand einen Diebstahl oder sonst irgend einen Schaden erlitt, zeigte sie sogleich an, wohin der Dieb entwischt sei, wem er das Gestohlene gegeben oder was er damit gemacht habe. Sie brachte täglich viel Gold und Silber zusammen, und im Volke meinte man, sie wäre ein göttliches Wesen (Greg. v. Tours 514). Noch gegen die Mitte des 9. Jhds. war in Alemannien und Franken die Weissagerin Thiota berühmt; ihr Name hängt vielleicht mit ihrem Geschäfte, dem Deuten und Auslegen zusammen.

Das Amt der Priesterinnen ist im Vergleiche zu dem der Priester sehr beschränkt, vor allem fehlt ihnen jeder EinHerrmann, Deutsche Mythologie. 2. Aufl.

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fluß auf das Rechtsleben. Ihre prophetische Gabe tritt um so deutlicher hervor. Darum ist ihnen das Weissagen be. sonders anvertraut; aus dem Fallen der Lose, den Erschei. nungen im Opferblute verkünden sie das Künftige, und darum vollziehen sie, selbst bei Staatsangelegenheiten, das Opfer. Die kimbrischen Priesterinnen befragen die Götter über den Verlauf des Krieges, während die Priester jene Häuptlinge sind, denen der große Opferdienst oblag, unter dessen Hut die Götterbilder während der Schlacht weilten (Germ. 7), und die den Gottesfrieden zu wabren hatten. Alle mit rûn zusammengesetzten Frauennamen bezeichnen Weiber, die Weissagung und übernatürliche Kräfte üben, z. B. ahd. Paturûn gabte Walküre, Ortrûn kennt Schwerti unen, Fridurûn gabte Walki..??tirûn, Rûn hilt ist die mit Runenkraft bewirkt durch runische Kraft für den Frieden, Sigirûn für den Sieg. Alarûn ist aller Runen mächtig; die Namen mit gand und sisu weisen auf Zauber und Weissagung, die mit heil beginnenden auf heilbringende Vorbedeutung.

Uralte Gebräuche, bei denen die Weiber mit Losung, Seg. nung und Zauber beschäftigt sind, dauern bis heute fort. Bei der Erforschung der Zukunft suchte man auf die Wendung der Dinge durch göttliche Kraft einzuwirken. Aus den fortlebenden abergläubischen Gebräuchen geht hervor, daß in einer wilden prähistorischen Zeit die Opfer- und Weissagepriesterinnen nackt ihres Amtes walteten.

Vom Andreasabend (30. Nov.) über Christ- und Sylvesterabend bis zur Bekehrung Pauli (25. Jan.) und Mathiastag (25. Febr.) suchen Mädchen das Bild des Zukünftigen durch seltsame Gebräuche herbeizulocken; Bedingung ist stets, daß die Losbefragerin von keiner irdischen Hülle umgeben ist. Die orgiastische Natur der Hexenfeste' geht auf alte heidnische Opferfeste der Weiber zurück, die von der Volkserinnerung festgehalten sind. Im Saalfeldischen umtanzten nackte Mädchen die Flachsfelder, damit er hochwachse: eine Erinnerung an eine Opferhandlung der Frauen zum Gedeihen des ihnen besonders werten Flachses. Wenn in der Oberpfalz das Mädchen in der Thomasnacht die Späne aufhebt und dann auf das Geräusch horcht, das den künftigen Gatten zeigt, so liegt darin eine deutJiche Erinnerung an den zum Losen gebrauchten Span. Kräuter, von denen die Kühe reichlich Milch bekommen, müssen am Walburgistage von nackten Weibern gepflückt werden. Wenn sie diese heimgebracht haben, - setzen

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sie ein Stühlchen an den Herd, besteigen es nackt und beschwören jedes Kräutchen. Wie Veleda vom hohen Turme herab, so erteilten in der Vorzeit die weissagenden Frauen den zu ihr Herantretenden ihre Orakel in nächtlicher Stille von einem besonderen Sitze aus, (daher ahd. liodersâza Niedersitzen zu Orakelzwecken, ags. hléođorstede Orakelplatz) und kleideten oft ihre Antwort in Verse. Albrûna und andere in den ersten Römerkriegen, Veleda und Ganna später hätten nicht das Ansehen erlangt und die Wirkung auf die Gemüter ausgeübt, wenn sie nicht gewaltige Liedsprecherinnen gewesen wären. Die weisen Frauen des Ariovist schauten in die Wirbel der Ströme, merkten auf die Kreise und das Rauschen der Bäche und sangen daraus die Zukunft (Plutarch, Caes. 19).

Für die Stellung der Frauen beim Opfer und Tempeldienste geben die alten Namen Aufschluß; Râtwina z. B. ist die durch Rat sich freundlich Erweisende. Andere Eigennamen deuten teils auf den Stand (gelt und wih), teils auf die einzelnen Tätigkeiten der Priesterinnen, so Wigedis, Wihagdis: priesterliche Mädchen. Im wesentlichen scbeint ihr Amt dem der Priester zụ entsprechen. Der Nerthuspriester badet das Bild der Göttin im See; auch Frauen übten diesen Brauch: Wihlaug, die das Heiligtum badende oder waschende Jungfrau. Wichbirg ist die das Heiligtum oder Opfer hütende, Wihdiu die Dienerin des Heiligtums. Herigilt ist die Priesterin des Heeres nach Art der kimbrischen grauhaarigen priesterlichen Wahrsagerinnen, oder sie ist die, die das Heer der Feinde opfert. Wie der Priester der Nehalennia sein Schwert gegeu den heiligen Willibrord zückt, als er das Bild der Göttin zertrümmert (S. 289), so scheut auch die Priesterin für ihre Heiligtümer Kampf und Streit nicht: Alahgunt ist die für den Tempel kämpfende Jungfrau.

3. Das Erforschen der Zukunft.

Als Mittel zur Erforschung des göttlichen Willens bei den Deutschen nennt Cäsar „Losorakel und Prophezeiungen. (sortes et vaticinationes; b. g. 13o), Tacitus „Götterzeichen und Losorakel" (auspicia et sortes, Germ. 10. Beim Los wurde die Gottheit nach ihrem Willen gefragt, im anderen Falle erfuhr man ihn aus gewissen Vorzeichen. Die Wahrsagekunst scheint mehr Aufgabe der Frauen gewesen zu sein, Los und Weissagung stand jedem freien Manne zu; nur bei Angelegenheiten, die den Staat betrafen, lagen sie in der Hand des Priesters. Im häuslichen wie im öffentlichen Leben aber waren sie mit Gebet und Opfer verbunden. Los (ahd. hluz, got. blauts) ist das, mit dessen Hilfe geweissagt wird, das Opferblut; Losen (ahd. hliozan) bedeutet aus Zeichen oder durch Werfen bezeichneter Gegenstände und deren Fallen weissagen oder bestimmen, und dann überhaupt das Schicksal befragen.

Tacitus beschreibt das Verfahren beim Losen folgendermaßen (Germ. 10): Man zerlegt die Zweige eines fruchttragenden Baumes (Erle und Buche mit ihren Eckern, Hasel, Hollunder und Wachholder) in kleine Stäbchen, die durch gewisse Zeichen unterschieden sind und streut sie aufs Geratewohl und wie es der Zufall fügt, über ein weißes Laken. Alsdann nimmt, wenn in öffentlicher Angelegenheit das Los befragt werden soll, der Ewart der Gemeinde, wenn in häuslicher, bloß das Haupt der Familie nach einem Gebet an die Götter, den Blick gegen Himmel gerichtet, dreimal je ein Stäbchen auf und deutet aus den vorher eingeschnittenen Zeichen nach den Regeln der Weissagekunst und infolge übernatürlicher Eingebung den durch die Lose ausgesprochenen göttlichen Willen. Wenn die Zeichen dawider sind, so findet über dieselbe Şache für denselben Tag keine Befragung mehr statt: gestatten sie es aber, so ist noch die Bestätigung durch Götterzeichen erforderlich.

Obwohl Tacitus dies Verfabren leicht nennt und sich redlich Mühe gibt, es in leichtem Ton auseinander zu setzen, bleiben doch zwei Punkte unklar: 1. lautete die Antwort Ja und Nein, oder gab sie einen förmlichen Orakelspruch? 2. wie waren die eingeritzten Zeichen beschaffen?

Die Antwort der gerinanischen Frauen im Heere des Ariovist, daß ein Sieg vor Neumond wider den Willen der Götter sei (Cäs. 150), setzt unbedingt einen eigentlichen Spruch voraus. Nach einem ags. Gedichte sendet der Herzog Ascanius nach denen über Land, die sich auf das Teufelswesen verstehen, um zu erfahren, ob das zu erwartende Kind ein Knabe oder Mädchen sei. Sie werfen ibre Lose und finden

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an der Kraft des unheilvollen Liedes, daß ein Knabe zur Welt kommen werde (Layamons Brut). Hier kann an ein einfaches Ja oder Nein gedacht werden. Bei Cäsar wie bei Taci. tus kehrt die Dreizahl wieder: dreimal wird über den Procillus das Los geworfen, ob er sogleich verbrannt werden oder einstweilen am Leben bleiben sollte: hier wurde nur Ja oder Nein erwartet (Cäsar, b. g. 158), und je dreimal wirft König Radbod über den gefangenen Willibrord und seine Genossen an drei Tagen bintereinander das Los: es ward für jeden einzelnen dreimal täglich die Frage auf Ja oder Nein gestellt, und nur einmal entschied das Los ungünstig (V. Willibr. 12; S. 366). An dieses dreifache Verfahren ist aber bei Tacitus nicht zu denken; er sagt nicht, daß aus der hingeworfenen Menge der Stäbchen nur einige aufgegriffen und ausgelegt wurden, sondern soviele Stäbchen wurden bei der Losung gebraucht, wie Zeichen vorhanden waren, und jedes Zeichen hatte eine bestimmte Form und Gestalt. Unvollkommen sind die Orakel, bei denen es nur auf ein Ja oder Nein hinausläuft, reichen Aufschluß aber boten die drei gezogenen Stäbe. Jedem Stabe wurden zwei oder drei Worte mit dem Anlaute des Stabes gesucht, dessen Zeichen er enthielt; auf alle Worte mit gleichem Anlaute konnte das Zeichen gedeutet werden. Der Orakelspruch war somit ein alliterierender Vers, zu dem die Stabreime durch das Los gesucht wurden. Die Zusammenstellung, die sich durch den Zufall ergab, und ihre Ausdeutung wurde als Erklärung des göttlichen Willens angesehen. Denn der alten Zeit galt, was Schiller seinem Wallenstein in den Mund legt:

Es gibt keinen Zufall,
Und was uns blindes Ungefähr nur dünkt,

Gerade das steigt aus den tiefsten Quellen. Der stehende Ausdruck für die Befragung der Götter durch das Los war rûnô (gr. épéfw, an. reyna prüfen, erforschen, raun Versuch). Dann verstand man unter Runen die geheimnisvollen, der Deutung bedürftigen Zeichen (notae, Tacitus), durch die die göttliche Antwort erfolgte. Die Rune bezeichnet das Geheimnis des Dinges“, das eigentliche Wesen,

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