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Menschen, so spielt auch das Gehirn bei Opfer und Weissagung eine große Rolle. Im Gebirne, wie im Blute sah das Altertum den Sitz des Lebens.

„Es gibt nur eine Art der Weissagung“, sagt Anzengruber (Der Schandfleck, Ges. Werke II, 103), „und diese erfüllt die Menschen mit Scheu vor den Sehern und mit Vorliebe für die Gaukler; denn es ist nicht die Kunst, aus dem Fluge der Vögel, den Eingeweiden der Opfertiere, den Kartenblättern oder dem Kaffeesatz es ist die Kunst, aus den eigenen und fremden Sünden das Kommende vorherzusagen, welche sich bis zum heutigen Tag an Staaten, Völkern und Fürsten erprobt, und deren furchtbare Folgerichtigkeit in Stunden stiller Einkehr bei sich selbst auch den einzelnen Menschen durchschauert.“

Ort der Götterverehrung. Um den häuslichen Herd versammelte sich die Familie zum Opfer und Gebet. Der Hausvater war der Priester, der Herd der Altar, das Haus der Tempel. Aber auch außerhalb der Behausung, in der freien Natur nahte sich die Gottheit dem Menschen und nahm Verehrung, Spende und Gelübde an. Für den einzelnen, wie besonders für die größeren Verbände lagen Opferstätten im Walde, unter Bäumen, auf Auen und Wiesen, an Brunnen, Quellen, Teichen und Flüssen, auf Bergen und Hügeln, bei großen Steinen und Felsen. Je zahlreicher die Versammlung besucht wurde, und je länger die Beratung dauerte, um so mehr machte sich das Bedürfnis nach einem festen Gebäude geltend, das die Menge vor der Unbill des Wetters schützte. Und wie im Laufe der Zeiten eine bestimmte Person mit der Leitung des Thinges und des damit verbundenen Götterdienstes betraut wurde, so gestaltete sich das Thinggebäude zum Tempel um. Der Gott des in Thing und Heer versammelten Volkes war Tius Thingsus; ihm waren vermutlich die ältesten Tempel geweiht. Aber auch bei den Kultzentreu werden sich bald Tempel erhoben haben. Ursprünglich waren die Tempel ganz einfach ange

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legt, vielleicht aus Holz und Zweigen zusammengefügt, dann aber auch aus Steinen errichtet. Die Worte Gregors „sind die ags. Tempel gut gebaut, so weihe man sie zu christlichen Tempeln um“ (S. 329), lassen an einen festen Bau denken. Die kleineren Tempel, die zum Privatgebrauche Einzelner, wie für die kleineren Dörfer dienten, waren natürlich kunstloser angelegt; in einem hüttenartigen Häuschen stand das Götzenbild oder hingen die Symbole und wurden die Opfergeräte aufbewahrt. Ahd. plôstarhûs, plôzhûs bezeichnet ein solches Opfergebäude, und mancher, der den Christenglauben nur äußerlich angenommen hatte, suchte es noch heimlich auf. Darum verbietet der Indiculus solche kleine Tempelchen (No. 4: de casulis id est fanis). In jedem Dorfe, als dem Zentrum der Dorfmark, war der zur „Sprache“ der Gemeindeangelegenheiten geeignete Platz (Mal = Sprache, Beredung; Malstätte) zugleich die Kultusstatt oder der Tempel des Ortes, der mit Bäumen, meistens mit Linden umsäumt war. In diesem heiligen Baume des Dorfes wohnte die schützende Gottheit; darum ward er bei festlichen Gelegenheiten feierlich geschmückt und umtanzt. Noch heute finden sich solche heiligen Bäume in der Nähe von Kirchen, und Wirtshäuser daneben tragen noch oft den Namen „Zur Linde“, „Zur Tanne“ usw.

Opferquellen erwähnt der Indiculus (Nr. 11: de fontibus sacrificiorum).

Die gallischen und spanischen Konzile verboten im 6., 7. und 8. Jhd. in formelhaften Erlassen den heidnischen Götzendienst in Wäldern und an den Wassern, und für Deutschland werden sie dann wiederholt. Rückfall ins Heidentum ist es, wenn jemand an einer Quelle betet (Homil. de sacril.), und bei Burchard von Worms fehlt die Beichtfrage nicht, ob jemand an Quellen, Bäumen, Steinen oder Kreuzwegen gebetet, Brot oder irgend ein Opfer zu den Quellen gebracht, ein Licht oder eine Fackel angezündet, oder dort gegessen habe. Die Alemannen verehrten Bäume, Flüsse, Hügel und Schluchten, denen sie Pferde, Stiere und unzählige andere Tiere opferten (Agathias 17; für die Franken vgl. S. 353). Die Sachsen widmeten den Laubbäumen und Quellen Verehrung (Rud. v. Fulda), und die Bewohner des Gau Faldara in Holstein, die nur dem Namen nach Christen waren, erwiesen den Wäldern und Quellen abergläubischen Dienst (Helmold, Chron. Slav. 147). Nur schweigend schöpften die Friesen das Wasser aus der Herrmann, Deutsche Mythologie. 2. Aufl.

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dem Foseti geheiligten Quelle, sie war zugleich das Amphiktyonenheilig. tum, und ein Tempel erhob sich neben ihr.

Heilig, geweiht und heilbringend waren alle Quellen, besonders die nie versiegenden, wasserreichen, die auch im Winter nicht zufroren und als heilsam für Gesunde und Kranke galten. Manche Brunnen heißen noch heute Heiligenbrunn, Wihborn. Eine Quelle gehörte zu der Stätte des Gottesdienstes, die gewöhnlich unter Bäumen oder ganz im Walde lag, oft genug mag sie der Ausgang der heiligen Anlage gewesen sein. Oft wird auch ein kleiner Holzbau, zur Reinhaltung der Quellen und Brunnen, über dem Wasserspiegel errichtet sein. Bei den großen Jahresfesten warf man mit Blumen geschmücktes Gebäck in die Quelle, schrieb ihr sühnende, heilende und weissagende Kraft zu und trank schweigend von dem heilawâc, d. h. dem zu bestimmten heiligen Zeiten geschöpften Wasser. An den Ufern des Flusses, am Rande der Quelle stellte man Opfergaben hin und zündete hauptsächlich abends und nachts Lichter an, nicht nur um durch die in der Flut scheinende Flamme den Schauer der Anbetung zu erhöhen, sondern die Fackeln und Kerzen an. Bäumen und Quellen sollten die himmlische Szenerie nachahmen, die von Blitzen durchleuchteten Wolken.

Auf den Bergen lassen sich die Wolken nieder, aus ihnen bricht der Wind hervor, mit ihnen vermählt sich der Donnergott im Gewitter. Die Wolkengöttin, der Windgott Wodan und Donar genossen hier besondere Verehrung (z. B. Wodenesberg, Donnersberg usw.; S. 241, 262). Berge sind von alters her bei allen Völkern beliebte Opferstätten; auf ihnen glaubt die kindliche Vorstellung der im Himmel thronenden Gottheit näher zu sein. Unter den Felsen wohnen die Elbe und Zwerge, hausen die Seelen der Verstorbenen. Das Verbot des Eligius und Martin von Bracara, die Opfer betreffend, wiederholt der Indiculus (Nr. 7: de sacris quae faciunt super petras), und noch im 11. Jhd. eifert Burchard gegen die Gelübde an Steinen.

Aber als die wichtigsten Kultstätten galten die heiligen Haine. Bei Griechen, Römern und Germanen findet sich

Heilige Quellen, Berge, Haine.

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der Glaube an das Leben des Baumes, die Baumseele (S. 20). Der Baum wächst, trägt Früchte, verwelkt, stirbt wie der. Mensch. Darum vergleicht ihn kindlicher Glaube den lebenden Wesen. Viele Bäume bluten wie die Menschen, wenn sie der Schlag der Axt trifft. Wald und Hain beleben sich mit Waldgeistern und Wildfrauen. Darum suchte man auch den Sitz der unsterblichen Götter in den Bäumen. Wälder und Haine sind die Tempel, die die Natur selbst den Göttern errichtet hat. „Hätt' es nie in deinen Zweigen, heil’ge Eiche, mir gerauscht“, ruft Johanna aus, deren empfänglichem Gemüte „in der Eiche Schatten“ die Mutter Gottes erschienen war. Scheffel singt: „Ehre und Preis sei dem Bauherrn der Welt, der sich als Tempel den Wald hat bestellt!“ Auch die Sprache lehrt, daß Tempel zugleich Wald ist; die ältesten Bezeichnungen dafür können sich von dem Begriffe des heiligen Haines noch nicht loslösen und schwanken zwischen lucus und fanum. Ahd. paro, ags. bearo Hain gehört zu altslav. boru Fichte; der Bedeutungsübergang ist derselbe wie bei „der Tann“ und „die Tanne“, der Wald aus der betreffenden Holzart erweitert sich dann zum Walde überhaupt. Ahd. lôh (lichte Stelle im Hain, lat. lucus) und forst bedeuten Wald und Heiligtum zugleich; ahd. haruc wird in Glossen mit nemus, fanum, ara wiedergegeben (doch s. u. Tempel, Altar, S. 407). Im Hoyaschen lag ein Heiligenloh, ein Heiligelo bei Alkmaar in Holland, ein Heiligenforst bei Hagenau, Heiligenholtz bei Zwiefalten. Mit „Forst“ bezeichnete man in christlicher Zeit zunächst die königlichen Bannwälder; diese hängen wohl auch sachlich mit den alten heiligen Wäldern zusamme und leiten von ihnen ihren ersten Ursprung ab. Einzelne kleine isolierte Waldstücke haben sich bis auf die Gegenwart unter dem Namen Loh erhalten. Ahd. wih, we, as. wih, ags. vih, veoh, an. vé bezeichnet einen geheiligten Platz, speziell die Kultusstätte und als solche ursprünglich den Hain, was noch die Gleichung „forst edo haruc edo wih“ einer ahd. Glosse wiederspiegelt (S. 330). Dann bezeichnet wih auch einzelne Gegenstände und Symbole, die unter dem Schutze der Gottheit standen oder zur Ausübung heiliger Handlungen dienten, die Banner und Feldzeichen. Denn als Standarten dienten die Bilder und Abzeichen, die in den Hainen aufbewahrt und bei Kriegszügen oder Prozessionen als die Symbole der anwesend gedachten Götter der Menge vorangetragen wurden. Daher stammen die ahd. Eigennamen Oswig, Eberwih, Beranwih, Hundwig, Wolfwig, Arnwig.

Die Zeugnisse des Tacitus für den Waldkultus der Germanen sind die ältesten und die zahlreichsten. Das Werfen mit Baumlosen wird unter den Baumorakeln als eine der ältesten Formen anzusehen sein (Germ. 10). Romanhafte Träumerei ist freilich die idealisierte Schilderung in Germ. 9: Die Götter in geschlossene Räume zu engen oder einem menschlichen Antlitz ähnlich nachzubilden, halten sie nicht der Größe der Himmlischen für angemessen. Haine und Wälder weihen sie ihnen und bezeichnen mit dem Namen der Götter jenes Geheimnisvolle, das sie allein durch fromme Anbetung schauen." Dieselbe Stimmung flößen ihm in Italien die Haine und Wälder und die Abgeschiedenheit ein: der Geist zieht sich zurück in seine unbefleckten Räume und erfreut sich eines geweihten Aufenthaltes (de orat. 12). Dasselbe sentimentale Gefühl kehrt bei seinen röm, Zeitgenossen wieder. Seneca schreibt: „Betrittst du einen Wald von alten, ungewöhnlich hohen Bäumen, in dem dir das Durcheinander von Ästen und Zweigen den Anblick des Himmels entzieht: weckt nicht die Erhabenheit eines solchen Haines, die Stille des Ortes, der wunderbare Schatten dieses freien und doch so dichten Gewölbes in dir den Glauben an ein höheres Wesen ?" (Ep. 41). Bei Plinius heißt es: „Die Bäume waren der Gottheit Tempel, und die ländliche Einfalt weiht nach altem Brauch einen stattlichen Baum noch heute einem Gotte, und nicht größer ist die Andacht, mit der wir zu Götterbildern flehen, die von Gold und Edelsteinen strahlen, als die, mit der wir die Haine und in ihnen das tiefe Schweigen selbst anbeten“ (H. N. 12,). In den Gewölben gotischer Dome hat man die Laubdächer des alten Kultus wiederfinden wollen.

Aus den Hainen werden die Tierbilder und Götterzeichen von den Priestern hervorgeholt und dem Heere in der Schlacht vorangetragen

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