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schmückten Ring ritzten sie die Runen ein: Gutanio wi hailag d. h. „das gotische unverletzliche Tempelgut“ (Abb. 21).

Die Inschrift sollte den Finder daran mahnen, daß er és mit geheiligtem Gute zu tun habe, das als solches unantastbar sei, und dessen Verletzung die Götter an ihm strafen würden. Sie war nicht nur für den Ring, sondern den ganzen Goldschatz bestimmt. Durch Unredlichkeit der Finder aber und durch wiederholte Diebstähle sind nur noch 12 Gegenstände davon erhalten, die im Museum zu Bukarest aufbewahrt werden; die Edelsteine sind ganz geschwunden, und der Ring selbst ist zerhäckt.

Fig. 21.

Auch bei den Sachsen und Friesen werden Tempelschätze an Gold und Silber erwähnt.

Karl der Gr. zerstörte 772 die Eresburg an der Diemel und die (bei Altenbeken stehende) Irminsul, die in einem Tempel innerhalb eines heiligen Haines stand. Nachdem er drei Tage lang die Zerstörung fortgesetzt und die in dem Tempel aufbewahrten Schätze von Gold und Silber erbeutet hatte, gelobten ihm die Sachsen Frieden (über den Silberfund von Hildes. heim vgl. S. 368). Liudger wird 778 aus Utrecht abgesandt, um die Tempel der fries. Götter zu zerstören, und nimmt aus dem von ihm zerstörten Tempel reiche Schätze.

Neben dem Tempelgute erwähnt bereits Tacitus die schneeweißen Rosse in den heiligen Hainen und Waldtriften (Germ. 10). Wie diese durch keine irdische Arbeit entweiht werden dürfen, so weiden bei dem Heiligtume des Foseti heilige Herden, die niemand anrühren darf. Heilige Bäume

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und Wälder, Fluren und Felder, Gold und Silber, Herden, Quelle, Teich und Tempel gehören zum altgerm. Heiligtum.

Im Nerthushaine neben dem Tempel der Göttin rauscht der geheimnisvolle See, in dem die zum Opfer bestimmten Menschen ertränkt werden (Germ. 40). Bei der heiligen Donarseiche sprudelt ein Quell (S. 260). Auf der dem Foseti geheiligten Insel quillt ein Born, aus dem man nur schweigend das Wasser trinken darf: als der Gott seine Axt aufs Lapd warf, wo er die Friesen das Recht lehren wollte, sprang der Axeborn bervor (S. 227). Brunnen und Baum treffen wir auch bei den christlichen Kirchen und Kapellen an (vergl. S. 401).

4. Götterbilder.

Tacitus war gewohnt, im römischen Lande kunstvoll hergestellte Götterbilder im Überflusse zu sehen. Um so mehr fiel ihm bei den Deutschen die Dürftigkeit ihrer Baukunst und ihrer Götterbilder oder die völlige Bildlosigkeit ihrer Verehrung auf. Zwar legt er der Abwesenheit von Tempeln und Bildsäulen allzu edle Motive bei (S. 404), zwar betont er ausdrücklich, daß es im heiligen Haine der Nahanarvalen keine Bildnisse der göttlichen Söhne des Tius gibt (Germ. 43), zwar erwähnt er kein nach menschlicher Gestalt geformtes Bild germanischer Götter (simulacrum), aber ohne Frage kannten die Römer wenigstens bei den zunächst wohnenden Stämmen germ. Götterbilder. Sie erschienen ihnen nur im Vergleiche zu ihren Kunstwerken zu roh und unbedeutend, als daß sie diesen Namen verdienten. Übrigens widerspricht sich Tacitus selbst. Wenn er von der Nerthus sagt, die Gottheit wird im See gewaschen (Germ. 40), so ist doch an eine bildliche Darstellung zu denken: die Worte „wenn man es glauben will“, sollen nur das Geheimnisvolle und Schaurige, seines Berichtes erhöhen. Und was sind die von Priestern in die Schlacht getragenen Symbole der Götter anders denn Bilder und Zeichen ihrer Gegenwart? „Signa“ sind die Attribute der Götter, Waffen, wie das Schwert des Tius, die Lanze Wodans, des Hammer Donars. Die ,,effigies“, Symbole, sind verschiedener Art; anders waren die im Kriege, anders die im Frieden gebräuchlichen.

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Das Symbol der Gottheit, die im Frühjahr ihren Einzug bei den Menschenkindern hält, war der erste grüne Zweig, die erste blühende Blume, der erste Vogel oder Käfer; das Kultzeugnis der Vermählung des Himmelsgottes mit der mütterlichen Erde war vermutlich im Sommer der Maibaum, im Herbst die letzte Garbe; Schiff und Pflug waren Symbole der Frühlingsund Sonnengöttin. Oder die Symbole waren Tierbilder, die auf Stangen von den Priestern bei der feierlichen Prozession durch die Fluren wie durch die Schlachtreihen getragen wurden (S. 345). Durch die lange Kriegsführung, sagt Tacitus (Ann. 245), hatten sich die Germanen gewöhnt, den Feldzeichen zu folgen. Aber schon die Kimbern hatten als Feldzeichen einen ehernen Stier, und die Usipeter und Tencterer führten Feldzeichen (Caes. b. g. 415). Daß es Tiergestalten waren (Hist. 422), ist allerdings richtig: es waren der Adler des Tius, wie die Siegessäule der Sachsen nach der Schlacht an der Unstrut zeigt, ferner Eber und Bär, Donars Tiere, Hund und Wolf, Wodans Tiere. Der got. Volksstamm der Thervinger entrollt die Banner und läßt das schrecklich klingende Heerhorn erschallen (Ammian. Marc. 315, 8). Vor der Niederlage der Thüringer ergreift ein hochbetagter, schon ergrauter sächsischer Krieger ein Feldzeichen, das bei ihnen für heilig gilt, mit dem Bilde eines Löwen und Drachen und darüber eines fliegenden Adlers geziert, um den Wert der Tapferkeit und Klugheit und ähnlicher Eigenschaften zu zeigen (Widukind 11). In der Schlacht bei Bouvines ließ Otto IV. nicht das Reichswappen, sondern ein Drachenbild entfalten, das alte Zeichen der Sachsen. Auch Richard Löwenherz, König Johann und Heinrich III. führten das alte Wappentier. Die Namen der ags. Führer, unter denen England erobert ward, Hengist und Horsa, sind vielleicht auf die heiligen Pferde zu beziehen, die als Symbole und Fahnen den Heereszug leiteten. Aus den Tierbildern leitet man den Ursprung des Wappenwesens ab.

Seit dem 2. Jhd. etwa übernahmen die deutschen Truppen, die in röm. Solde standen, von ihren Lagergefährten die Sitte, in besonderen Fällen den Göttern der Heimat Votivsteine zu errichten, die in wenigen Worten den Zweck, den Namen des Weihenden und der Gottheit enthielten, zuweilen auch eine bildliche Darstellung. Bereits die Bilder und heiligen Zeichen lassen eine gewisse Fertigkeit erwarten, Gestalten aus Holz zu schnitzen oder aus Stein zu meißeln, und diese Kunst mochte sich unter dem Einflusse der Fremde bis zu einem gewissen Grade vervollkommnet haben.

Das nächste Zeugnis fällt in die zweite Hälfte des 4. Jhds.: die holzgeschnitzte Bildsäule eines gotischen Gottes (S. 284).

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Steinerne und hölzerne Bilder, wie es scheint, mit Gold und Silber geschmückt, erwähnen die Lebensbeschreibungen der Bekehrer bei fast allen germ. Stämmen und zeigen auf Grund biblischer Stellen wie Jes. 446—20, Ps. 13516–18 und der Geschichte vom goldenen Kalbe das Törichte dieses Treibens. „Eure fränkischen Götter sind ein Gebilde aus Stein, Holz oder Erz“, ruft Chlodwigs christliche Gemahlin aus. Columban und der heilige Gallus treffen 612 bei Bregenz am Bodensee, also auf alemannischem Boden, in einem zu Ehren der heiligen Aurelia eingerichteten Bethause noch drei eherne, vergoldete Bildsäulen an der Wand, denen das Volk mehr anhing und mehr Gelübde darbrachte, als dem Schöpfer der Welt. Gallus zerschmetterte vor den Augen aller die weggenommenen Götzenbilder an den Felsen und schleuderte sie in die Tiefen des Sees (V. Galli 1). Gregors Brief an Melittus empfiehlt Schonung der ags. Tempel, Opfer- und Opfergelage, aber nicht der Götzenbilder (S. 329), und Daniel, Bonifatius' Freund, erwähnt, dass die Christen ungestraft die heidnischen Götzenbilder zertrümmern (s. u.). König Edwin von Northumberland verbrennt sein altes Heiligtum mit allen Götterbildern. Den Sachsen verbietet der Indiculus Götterbilder durch die Fluren zu tragen (Nr. 28), oder Götterbilder aus geweihtem Mehl (Nr. 26) oder aus Zeuglappen herzustellen (Nr. 27). Die Sachsen errichteten 532 nach der Eroberung von Scheidungen vor dem östlichen Stadttor als göttlich geehrtes Siegesmal eine Irminessûl. Irmensäulen, d. h. gewaltige Säulen, Abbilder des mythischen Weltenbaumes, werden zweimal erwähnt. Sie waren nicht auf einen Ort beschränkt, sondern wurden gelegenlich auf den Höhenpunkten des nationalen Lebens zur Anwendung gebracht. Eine Irmensäule erwähnt der offiziöse Bericht der Lorscher Annalen über den Feldzug Karls d. Gr. gegen die Sachsen 772. Nach der Zerstörung der Eresburg zog Karl nach dem heiligen Bezirke (wih) in der Gegend des Bullerborns bei Altenbeken, der nach der dort stehenden Irmensäule als seinem wichtigsten Heiligtume benannt war. Diese war ein unter freiem Himmel in die Höhe gerichteter, in die Erde eingegrabener Baumstamm von besonderer Größe. Das Gold und Silber, das sich dort fand, nahm Karl weg und machte das sächsische Nationalheilig. tum, dessen politische Bedeutung er erkannte, völlig dem Erdboden gleich.

Willehad wirft den Friesen ihre Torheit vor, von einem Steine Hilfe zu erwarten und von stummen, leblosen Bildern Schutz und Trost zu erhoffen. Liudger wird vom Bischof von Utrecht ausgeschickt, um die Verehrung verschiedener Götzenbilder bei dem Volke der Friesen abzuschaffen. Willibrord gerät in Lebensgefahr, als er das Bild der Nehalennia auf Walcheren zertrümmert. Bonifatius zerschlägt 755 die Götterbilder in den Tempeln östlich der Zuidersee. Aber noch 782 opfern die Friesen unter Aufgabe des Christenglaubens nach altem Irrwahne den Idolen.

Vierter Teil.

Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt.

Die mythenbildende Kraft der Völker umspannt die ganze Welt, von ihrer nächsten Umgebung an bis hinauf zum Sternenzelte. Besonders zwei Gruppen dieser mythologischen Naturauffassung lassen sich unterscheiden, kosmogonische Sagen, die sich mit dem Entstehen der Welt, des Himmels und der Erde beschäftigen, und theogonische, die den Ursprung und die Entwickelung der Götter behandeln. Auf diesem volkstümlichen Grunde kann die Naturphilosophie der Denker und Weisen aufbauen; die Antwort aber, die das Volk suchte, konnte es nur auf religiös-poetischem Wege durch Mythen geben. Die Fragen über die in der Natur wirkenden Kräfte, nach dem Grunde der Bewegung der Himmelskörper, des Wechsels von Licht und Finsternis, Tag und Nacht, Sommer und Winter, über die Entstehung der Welt, der Götter und Menschen kehren bei allen Völkern wieder. Auch die Deustchen haben eine Kosmogonie gehabt oder wenigstens einzelne kosmogonische Gedanken entwickelt; aber ein kunstvoll zusammengesetztes System läßt sich bei ihnen nicht nachweisen.

1. Der Anfang der Welt.

Die Deutschen rechneten in ältester Zeit nicht nach Tagen, sondern nach Nächten (Cäsar, b. g. 618; Tac. Germ. 11); vgl. Weihnachten, Fastnacht (Tag der Ausgelassenheit), die 12 Nächte, d. h. die 12 Tage von Weihnachten bis zum 6. Januar,

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