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Fräulein auf dem Hargenstein spannten ein Seil bis nach dem Ehrenberg. Auf dem Seile hängten sie weiße Tücher auf. Wenn das die Leute bemerkten, sagten sie, es wird gut Wetter, die Fräulein hängen die Wäsche auf. Zwei weiße und eine halb schwarze Jungfrau wohnten auf dem Rochelberg. Bei der Nacht sahen die Leute daselbst oft die von ihnen in der Laube auf Seilen aufgehängte Wäsche. — Die schneeweißen Gewänder, die wie weiße Wölkchen schweben oder an den Sonnenstrahlen aufgehängt sind, die sich durch dichtes Waldlaub oder Felsenklausen stehlen und die gutes Wetter verkünden, sind durchleuchtete Nebelstreifen oder lichtumsäumte Wölkchen, worin man das Werk der drei Jungfrauen zu erkennen meinte. Damit ist eine Anschauung aus der Naturverehrung in die Vorstellung von den drei Schicksalsfrauen gedrungen, die ihnen ursprünglich nicht eigen war. Wie die altgermanische Frau Spindel und Spule, Webschiff und Weife in den Händen hält, so weben, knüpfen und spinnen die drei übermenschlichen Frauen die Fäden für das menschliche Schicksal, sie schlingend und ordnend. Aus solcher Vergleichung mag das Bild der Schicksalspinnerinnen hervorgegangen sein, und daher mag das Seil rühren, das die Verbindung zwischen Körper und Seele herstellt. Aber die irdische Tätigkeit fand ihr Widerspiel in himmlischen Erscheinungen. Statt der aufgehängten Wäsche, dem Gespinste der drei Jungfrauen, tritt häufig ein Seil ein, das die Schwestern von einem Felsen zum andern spinnen. Die Vorstellung eines Wolkenzuges oder eines Nebelbandes liegt zugrunde, das zwischen zwei Bergkuppen zu hängen scheint. Aber an dieses Ausspannen des Seiles ist das Geschick des Menschenlebens nicht geknüpft, so wenig wie wir in deutschen Sagen die griechische Vorstellung vom Spinnen und Abschneiden des Lebensfadens finden. Die Schicksalsgeister gehen in die göttlichen Wolkenfrauen über. Als deren Gespinst gilt der Altweibersommer, die flatternden weißen Fäden, die im Frühling und beim Beginne des Herbstes meist an nebeligen Morgen auf Stoppeln und Wiesen, Sträuchen und Zäunen hängen und schweben, das Gewebe kleiner Spinnen. Das Volk nennt

Schicksalsgeister und Wolkenfrauen.

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sie Metten, Mettjes, Sommermettjes, Mädchensommer, Altweibersommer. In Ditmarschen sagt man, wenn Felder und Büsche oft ganz voll davon hängen: die Metten haben gesponnen. Mette ist nicht Frühmesse, Frühe überhaupt, sodaß der Volksausdruck meint die Frühe hat das Gespinst hervorgebracht“, sondern die „Abmessende" (ahd. mezan, as. metan; as., an. metod „der abmessende Schöpfer“; ags. Þâ gramen mettena die grausamen Parzen). Das umherfliegende Gewebe wurde also als Arbeit der kunstreich spinnenden, das Schicksal abmessenden Jungfrauen angesehen, und darum bringt es auch Glück, wenn ein solcher Faden an den Kleidern hängen bleibt. Auf dieselbe Vorstellung weist der Ausdruck Mädchensommer, Altweibersommer. . Im Englischen heißt das Gespinst gossamer d. i. gods samar, „Gottes Schleppkleid". Sommer ist also nicht die Jahreszeit, sondern geht auf samar, Schleppkleid, zurück. Das Bild einer aus der Ferpe gesehenen Wolke liegt zugrunde, die wie ein Schleppkleid schwer auf die Erde sich senkt. Die alten Weiber des Altweibersommers sind also Wolkenfrauen, die mit den Schicksalsfrauen verschmolzen sind. Volksetymologische Umdeutung nannte ihr Gespinst, das zumeist beim Scheiden der freundlichen Witterung und Jahreszeit umherschwebt, fliegender Sommer, etwa gleichbedeutend mit fliehender Sommer, auch Sommerflug, Sommerseide.

Die Dreizahl der Schicksalsfrauen ist über ganz Deutschland verbreitet. Neben den ags. grimmen Messerinnen stehen die drei Weirdsisters in Shakespeares Macbeth, die engl. Volksglauben entstammen; im Friesischen, in Norddeutschland, in Tirol, der Oberpfalz, Franken, Elsaß und der Schweiz die drei Weiber, drei Schwestern, drei Jungfrauen, in Bayern die drei Heilrätinnen, in Hessen die drei Muhmen. Seltener ist die Zahl zwei, sieben, zwölf oder dreizehn. Aus der Schar der Schicksalsgeister tritt als Führerin besonders Wurd hervor (as. wurd, ahd. wurt, ags. wyrd, an. urđr). Wurd gehört vielleicht zu dem idg. Stamme vert (vertere) = drehen, wenden die „Spinnerin“ oder ist abstrakt das „Geschick“, dann die „Schicksalswalterin.“ Im ags. heißt es: mir wob das Wurd.

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Alte sächsische Formeln schildern, wie die Schicksalsweberin Wurd kampfgrimm in die Schlacht schreitet, dicht an den Helden herantritt, hart und haßgrimm ihn täuscht, verführt und in den Tod reißt. Der alte Hildebrand aber ruft, als sein Sohn ihn zum Kampfe reizt: „Wohlan, waltender Gott, Wehwurt geschieht!“

Unter ihrem alten Namen sind die drei Schicksalsfrauen von der Kirche in Süddeutschland aufgenommen, Ainbet, Warbet, Wilbet. Ainbet (Aginbete) ist die Gebieterin des Schreckens (ahd. agi, mhd. ege Schreck; mhd. bite heißen, befehlen), oder die ausgezeichnete Gebieterin, die Hauptgebieterin; Warbet ist die Gebieterin der Verwirrung, der Zwietracht, Wilbet die Gebieterin des Gewollten, Gewünschten.

Die drei süddeutschen Frauen führen wie die Eumeniden einen euphemistischen Namen, die Heilrätinnen (auch an. heilráđr), d. h. sie beraten, beherrschen das Glück des Menschen. Sie wurden in christlicher Zeit als Pestpatroninnen verebrt.

In ahd. Glossen wird parca mit sceffara, scepentha, parcae, fata mit scefentun, schepfentun wiedergegeben. Bei dem Marner, einem Fahrenden, der auch mit der deutschen Heldensage wohlbekannt ist (13. Jhd.), heißt es:

Zwô schepfer vlâhten mir ein seil,
dâ bî diu dritte saz,

diu zebrachz, daz was mîn unheil. Daraus geht hervor, daß die Schicksalsfrauen nicht als die Schöffinnen aufzufassen sind, die das Urteil sprechen, das einem jeden zukommt, sondern gaskapjan wird zur Festsetzung des Lebensschicksals gebraucht und zur Namengebung, da diese nach altgermanischem Glauben ein Stück Schicksalsfügung darstellte. Der Tiroler Hans von Vintler hat in seiner Blume der Tugend das alte Wort und die alte Vorstellung bewahrt (Anfang des 15. Jhds.):

Und ist des Unglaubens soviel,
Das ich es nicht gesagen kan.
So haben etlich Leut den Wan,
Das sew mainen, unser Leben,

Namen der Schicksalsgeister.

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Daß uns das die Gâchschepfen geben
Und daß sew uns hie regieren,
Auch sprechen etlich Dieren (Dirnen),

Sie erteilen (richten über den) dem Menschen hie auf Erden. Das Wort Gachschepfe muß in das graueste Altertum zurückreichen, gáskepfa, gáskapjô. In der Innsbrucker Waltharius Handschrift steht über den Worten: „Es spinnen das Ende des Fadens schon die Parzen“ (V. 851) übergeschrieben: „die schepfen“, statt fila legunt heißt es ligant. Die Schicksalsfrauen legten die mit Runen versehenen Losstäbchen aus (Germ. 10), das Resultat dieser Auslegung (ahd. urlag, as. orlag, ags. orlaeg, an. ørlog) war die Schicksalsfügung einer höhern Macht. Vielleicht ist die alte Bedeutung noch in unserm „auferlegen“ erhalten, d. h. eigentlich die Stäbe so „erlegen“, mit dem Erfolge legen, daß auf den Betreffenden etwas Schweres fällt. Im Heliand heißt das Schicksal wurdigiscapu (Festsetzung der Wurd) und im Beowulf Wyrda geping (Gericht der Wurd); ags. Vyrdstaef ist das Losstäb. chen der Wurd.

Vom Kultus der Schicksalsfrauen ist wenig bekannt. Bei ihrem Erscheinen wurden sie bewirtet (S. 83, 85). In Süddeutschland opferte man ihnen bei der Ernte drei Ähren oder drei schwarze Pfennige. Sie wurden besonders in Höhlen, auf Bergen und an Brunnen verehrt. Die Nägel der Menschen waren ihnen geweiht, vermutlich weil die Schicksalsfrauen in der Schlacht oder an das Bett des Menschen herantreten und mit grausamer Hand ihr Opfer ergreifen. Der Nagel, das Symbol der tötenden Schicksalsfrauen, wurde ein ihnen geheiligtes Glied. Alter, weitverbreiteter Aberglaube findet so seine Erklärung. Weiße Punkte auf den Nägeln der rechten Hand, „Blühen der Nägel“ bedeuten Glück, man bekommt Geld oder neue Kleider; ‘auf der linken Hand bedeuten sie Unglück, oder sie zeigen, daß der Mensch lügt, oder sie bedeuten auf den einzelnen Fingern vom Daumen an: Glück, Unglück, Ehe, Liebe, Freundschaft; oder an der rechten Hand: beschenkt, gekränkt, geehrt, geliebt, gehaßt; dunkle Flecken bedeuten Unglück.

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Merkwürdig ist ein durch fast ganz Deutschland verbreitetes Kinderlied. Drei Jungfraueu Marien, Nonnen oder Döckchen genannt (Puppen? Doggele?) schauen aus einem goldenen Hause:

Die eine spinnt Seiden,
Die andre flicht Weiden,

oder:
Die dritte schließt den Himmel auf.

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In diesen wie ein Gebet klingenden Liedern scheint die deutsche Mutter noch heute das Andenken an die altgermanischen Gebieterinnen des Menschen, besonders des Kinderlebens zu bewahren, deren wunderbare Tätigkeit auch im Spinnen, Flechten, Schnitzeln, Schneiden und Zerreißen bestand.

9. Der Mütter- und Matronenkultus.

Wie jeder einzelne seinen Schutzgeist hatte, wie das Haus und die Flur unter dem Walten besonderer Mächte stand, so ward auch das Dorf, der Gau, die ganze Heimat der Obhut schützender Geister empfohlen. Mütterlichen Schutzgottheiten war bei den Angelsachsen die Zeit der Zwölften geweiht, die von Weihnachten bis Dreikönig fällt (Beda, De temp. rat. 15); „Nacht der Mütter“ (modra niht) hieß man sie und glaubte, daß die Seelen verstorbener einflußreicher, weiser Frauen dann segnend durch die Lande zogen. Gewiß war damit auch die Vorstellung gewaltiger Schicksalsfrauen verbunden. Aber erst durch fremden, gallischen Einfluß

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