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Mütter- und Matronenkultus.

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wurden diese Gestalten des Seelenglaubens im westlichen Deutschland zu dem Range von Gottheiten erhoben, ohne die eigentlichen Landesgötter zu verdrängen.

Der germanische Söldner, den das rauhe Kriegshandwerk fern von der Heimat umhertrieb, dachte mit Sehnsucht an seine Heimat zurück, und inmitten der Wirren des Krieges war es ihm ein Trost, das Vaterland unter dem mütterlichen Schutze hilfreicher Mächte zu wissen. Auf keltischem Boden ist der Kultus der Mütter weit verbreitet, die gallisch-römische Kultur verpflanzte ihn auch auf das germanische Rheinufer. Aber nicht alle Germanen nahmen die fremde Vorstellung

Gerade das Land der Bataver, für das inschriftlich die deutschen Hauptgötter Tius, Donar und Nehalennia bezeugt sind, gewährte ihr trotz seiner nahen Beziehungen zu Rom keinen Einlaß. Unsere Kunde von den germanischen Müttern verdanken wir lediglich den Denkmälern, und es ist bezeichnend, daß sich die meisten im linksrheinischen, früh verwelschten Lande der Ubier gefunden haben, die auf Veranlassung des Augustus durch Agrippa vom rechten Ufer auf das linke versetzt wurden. Die Inschriften lehren, daß zur Verbreitung dieses Kultes besonders die Soldaten beitrugen, und zwar Mitglieder der kaiserlichen Garde, die sich hauptsächlich aus den germanischen Provinzen rekrutierte. Aber weder Bataver noch andere, rein germanische Stämme, noch vornehmere Stände sind unter den Verehrern der Matres oder Matronae vertreten. Auch hat kein Truppenteil als solcher den Müttern einen Weihstein errichtet, ins Innere Deutschlands ist dieser Kultus überhaupt nie gedrungen, nur einzelne germanische Söldner ahmten fremden Brauch nach, der durchaus innerhalb der niederen Kreise geblieben zu sein scheint. In Britannien, Frankreich, in linksrheinischen Germanien, in Oberitalien, selbst in Rom weihte der deutsche Legionar dem Schutze der Mütter sein fernes Vaterland, aber er dachte dabei nicht an die Stammgötter, denen er in feierlichem Umzuge mit seinen Volksgenossen Opfer und Gebet dargebracht hatte, nicht an die jungfräulichen Schicksalslenkerinnen, sondern er machte nach, was er im römischen Heere an Kameraden fremder Nationalität beobachtet hatte.

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Besonders charakteristisch für die Matres und Matronae ist die große Zahl von Beinamen, mit denen sie ausgestattet sind, ja, auf einer ganzen Reihe von Inschriften

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werden nur die Beinamen genannt. Die Erklärung der einen hat von der Örtlichkeit auszugehen, die der anderen muß auf das Wirken der Mütter Bezug haben. Beinamen, die auf -ehae endigen, beruhen auf Völker- oder Stammnamen, die Beinamen, die auf -henae (= germ. -aio) endigen, sind auf Ortsnamen begründet, die wiederum von Flußnamen ausgehen.

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Matronis Afliabus M. Marius Marcellus pro se et suis ex imperio ipsarum“ ist die Inschrift eines Kölner Steines (Abbildung 3). Die allerdings verstümmelte Darstellung zeigt oberhalb der Inschrift in einer von Säulen eingefaßten Nische drei Matronen sitzend; die eine ist mit einer großen Haube geschmückt, vermutlich waren es auch die anderen, wie sonstige Bilder zeigen. Im Schoße halten sie Fruchtkörbe. Der Stein ist am Ende des 1. oder Anfange des 2. Jhds. gesetzt. Die Matres Aflia e beziehen sich entweder auf das Eifelland oder auf Aualgowe an den Flüssen Sieg und Agger; oder man vergleicht an. afl Kraft, Beistand und stellt Namen und Wesen zu der lat. Ops, wozu auch die Fruchtkörbe passen.

Auf die Tätigkeit und das Wesen der Mütter haben folgende Namen Bezug: Die Matres Vapthiae, Vaftia e, Vahtiae sind die Hüterinnen (ahd. wahtên, mhd. wahten), die Aufaniae, (* aufanaz) die Emporbringenden (ahd. obana, ags. ufan = auf, oben), die Suleviae sind die gute Gelegenheit, gute Mittel, schaffenden (su = Ev wohl, got. lêw Gelegenheit), die Alaterviae die Allkräftigen, vielleicht die Verleiherinnen körperlicher Kraft und Gewandheit, die Alagabia e und Gabiae die Gebenden, Schenkenden. Die Matres Gavadiae auf sechs Inschriften hängen vielleicht mit got. gawadjon „verloben“ zusammen und könnten Beinamen der deutschen Schicksalsfrauen sein, die Seithamia e sind vielleicht die „Zauberbannenden“ (an. seiđr „Zauber“). Die Arvagastae stehen an Bedeutung den Afliae nahe (an. grr freigebig, gastian als Gast behandeln, begaben). Auch ihre bildliche Darstellung ist ähnlich. Sie zeigt gleichfalls die drei Matronen in einer Nische sitzend und Schüsseln mit Früchten im Schoße haltend. Der mittleren fehlt die große Haube. Die rechte Schmalseite zeigt ein Füllhorn, unter einem Vogel, wahrscheinlich einer Gans, die Anke einen Tisch, auf dem ein Schweinskopf liegt, daneben einen Korb und einen Krug. Die Arvagastae sind die freigebig Spendenden, mild Begabenden.

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Diese Gruppe zeigt also die Matres und Matronae als gütige, spendende Gottheiten. Sie verleihen Segen und häuslichen Wohlstand, knüpfen Familienbande an, wehren dem Zauber, schenken Fülle und Fruchtbarkeit des Landes, stärken den Mann im Felde und Kriege und hüten das Heim. Es ist daher wohl möglich, daß bis auf den römischen Namen Matres oder Matronae bei der überall gemeinsamen Grundlage des Seelenglaubens sich besondere deutsche Züge mit dem fremden Kultus vermischt haben.

Zweiter Teil.

Naturverehrung. Auf dem Untergrunde des Seelenglaubens und des Zauberwesens erhebt sich die Welt der Naturgeister und der Götter, der in den großen Naturerscheinungen waltenden Mächte, und des reineren, feierlicheren Kultus. Der Versuch, sich das Unverständliche, Geheimnisvolle zu erklären, fand in den dürftigen, ärmlichen Vorstellungen des Seelenglaubens seine Schranken. Aus dem Menschen selbst, nicht aus der ihn umgebenden Natur sind die mythischen Anschauungen des Seelenglaubens hervorgegangen; die Natur kommt nur insoweit in Betracht, wie sie der Aufenthaltsort des abgeschiedenen Ahnherrn des Hauses ist. Für Nomaden, vor allem aber für Ackerbau treibende Völker, deren ganzes wirtschaftliches Leben vom Stande der himmlischen Gestirne abhängt, mußte die Verehrung der großen Naturkräfte hinzutreten. Vom einfachen Beobachten der Witterungserscheinungen verklärte sich diese Betrachtung immer mehr zu einer idealen Auffassung. Die Verehrung der himmlischen Erscheinungen und ihre dichterische Verwertung setzt eine schon fortgeschrittene Gesittung voraus. Aber auch diese Vorstellungen waren noch beschränkt, so lange das Leben eines Volkes sich mehr in einzelnen landschaftlichen Kreisen vollzog. Erst mit dem Eintreten des Volkes in die Geschichte erhält der Götterglaube seine ideale Ausprägung, entsteht eine nationale Mythologie. Darum sind die Gestalten des Seelenglaubens über

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