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Hauses oder im Innern des Tempels erschienen, ob sie züngelten oder zischten; ob der Skorpion sich auf einem Ruhebett oder auf dem Weg gezeigt, ob er die Zehe eines Menschen am rechten oder linken Fuß mit feinem giftigen Stachel getroffen; wie die Motten am wollenen Kleid genagt, wie die Heuschrecken in die Häuser eindrangen, wie die Fische schwammen, und was das zweigeschwänzte Zuririttum 1) anrichtete, das alles war bedeutungsvoll.

Die Wahrsagepriester, baru oder barutu genannt, sahen auch auf das Wasser und in den Kelch. Hydromantie und Kylikomantie sind schon aus der Zeit des Königs Hammurabi bezeugt. Die baru beob achteten Trinkschalen, die mit reinem Wasser gefüllt waren, hinter dem die Sonne stand. Das aufgeworfene Sesamöl zerfällt entweder in kleine aufsteigende Tropfen oder es bildet am Boden der flachen Schale eine Art Hügel. Die aufsteigenden Tropfen vereinigen sich an der Oberfläche des Waffers zu einer linsenförmigen Scheibe, die eine Reihe von Farbenringen zeigt. Diese sind desto lebhafter gefärbt, je schräger das Licht darauf fällt. Dort, wo die Oelschicht am dünnsten ist, am Rand der Scheibe, erscheint sie schwarz, der erste Ring rot, der dritte grün. Ist die Oberfläche des Waffers hier und da mit Schmutz bedeckt, so wandern die farbigen Ringe und der Muttertropfen im Zentrum oder die am Rand stehenden Tochtertröpfchen oder kleine Fettaugen nach der reinen Stelle.

Das mit Macht auf das Waffer geworfene Oel sinkt in demselben zunächst auf den Boden, steigt dann in einzelnen Tropfen in die Höhe, die sich dort vereinigen und Ringe bilden können, auch Hörner oder einen Stern; oder der Oelarm ist wie eine Gurkenranke gewunden oder wie ein Schafschwanz gezackt. Auch Luftblasen können entstehen, wenn das Del mit Kraft auf das Wasser geworfen wird. Wieder andre Erscheinungen treten auf, wenn auf die Oelschicht andres Wasser gegoffen wird 2).

Bei der Mannigfaltigkeit der Lichterscheinungen, die in der Physik als Interferenzfarben, wo ein Lichtstrahl gespalten wird und verschieden lange Wege zurücklegt, wohl bekannt sind und von unsern Kindern an den Seifenblasen beobachtet werden, hatte die Einbildungskraft und der forschende Verstand der baru einen recht weiten Spielraum, wie unfre Jugend, wenn sie zu Neujahr flüffiges Blei in das Wasser gießt und aus den Gestalten des hartgewordenen Bleies die Zukunft oder die Schichungen des angefangenen Jahres zu erraten sucht. Aber was hier als Spielerei getrieben wird, beschäftigte den baru mit vollem Ernst.

Es gab in Babylonien und Affyrien kein Geschäft noch Arbeit, die nicht unter dem Einfluß des Götterglaubens und damit unter den

1) Noch unbekanntes Tier.

2) Nach G. Quincke, Z. f. A. 1904, S. 229.

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Priestern gestanden hätte. Selbst das Bereiten der Ziegel aus Lehm oder Ton hatte seine religiöse Ordnung. So bezeugt eine Inschrift des Königs Sargon:

„In dem Monat des ersten Sommers, dem Monat der königlichen Zwillinge, der der Monat des Ziegelmachers genannt wird nach dem Gesetz des Unu, Bel und Ea, des Gottes mit dem hellen Auge, daß Ziegel in demselben gemacht werden sollen, um eine Stadt oder ein Haus zu bauen; am Tage der Unrufung habe ich seine Ziegel streichen lassen. Dem Laban, dem Herrn der Ziegelgrundlage (darunter kann man sich nichts rechtes denken; vielleicht Con- oder Lehmgruben?), und dem Nergal, dem Sohn des Bel, habe ich Schafe zum Opfer gebracht. Ich habe mit flöten spielen lassen und meine Hände in Unrufung erhoben."

Schon Gudea, der Patesi von Sirpurla, ließ den Ton zu seinen Ziegeln an einem reinen Ort entnehmen und die Steine am Licht der Sonne bereiten 1).

Die mannigfaltigen Mittel, durch die ein babylonischer oder assyrischer Priester eingebildete oder wirkliche Krankheiten und menschliche Leiden aller bekämpft, haben wir kennen gelernt; aber endlich siegt doch der Tod, und wir haben noch zu vernehmen, wie des Todes Reich und Macht in Babylonien und Affyrien verstanden wird.

1) K. B. III, S. 57.

2) Bezold, B. u. N., S. 110.

3) K. A. C., S. 402.

Einige Forscher haben die schon erwähnten Tafeln der Gnade, der Sünde und der guten Werke auf das Gericht über die abgeschiedenen Seelen bezogen und damit eine Gleichung für ähnliche Aussagen der hl. Schrift gewonnen. Aber die Vorstellungen der Babylonier und Affyrer von dem Leben der Seelen nach dem Tode sind außerordentlich unsicher und wechselnd, ein Hinweis darauf, daß wir hier von keiner ursprünglichen Ueberlieferung reden dürfen. So find denn die Alten bei dem Blick in das finstere Todestal ganz auf ihre eigene Vorstellungskraft und Dichtung angewiesen. Ist doch uns Christen sogar trotz aller Offenbarungen Gottes im alten und neuen Bund das Leben der Seele nach dem Tod oder im Todeszustand von der göttlichen Weisheit mit dichtem Schleier bedeckt worden. Wie viel weniger werden die Heiden alter und neuer Zeit davon zu sagen haben.

Wenn nun neuere Gelehrte 2) meinen, das Gilgamis-Epos sei dazu gedichtet, um über Tod und Leben im Jenseits zu belehren und mit Hoffnung der Auferstehung zu erfüllen, weil Gilgamis sowohl Richter in der Unterwelt ist als auch den jährlich neu erstehenden Sonnengott darstellt, so können wir dem nicht beipflichten; denn wir haben in dem genannten Epos so gut wie gar nichts über das Leben im Jenseits gefunden, wenigstens nicht mehr als in dem Märchen von der Höllenfahrt der Iftar. H. Zimmern ) aber hält die Meinung fest, die Tafeln der Gnade und der guten Werke seien dieselben, wie die Schicksalstafel, darauf Nabu am Neujahrstag das Lebensgeschick der Menschen aufschreibt. Aber

was Nabu schreibt, sollen doch wohl die äußerlichen Widerfahrnisse sein, die den Menschen in dem kommenden Jahre bestimmt sind. Die Tafeln der Gnade und der guten Werke aber werden aufnehmen, was die Menschen gegenüber den Göttern versäumt oder getan haben. Sie könnten demnach eher mit den Tafeln der Sünde verglichen werden, von denen die frommen Babylonier bitten, daß sie zerbrochen werden mögen, wie man einen Schuldschein zerbricht, wenn die Schuld bezahlt ist; oder wie es in einer Beschwörung heißt:

„Die Tafel seiner Sünden (des Gebannten), seiner Uebertretungen, seiner Missetaten, seiner Bannsprüche, seiner Verwünschungen werde in's Wasser ge worfen."

Nach babylonischer Anschauung gehören die Seelen der Frommen in die seligen Wohnungen, die der Gottlosen in die Hölle. Aber ein andermal heißt es von dem Reich der Toten, dort herrsche weder Leben noch Tod, alles sei dumpf und dunkel. Dort irren dann die einen Seelen ohne Ruh noch Raft umher und müssen sich von der elendesten Nahrung genügen lassen, während andre sich am frischen Wasser erquicken.

Jedenfalls erwartet diejenigen Seelen ein trauriges Geschick, deren tote Behausung oder Leichnam unbestattet auf der Erde liegen geblieben ist.

Kurnugi, der Ort der Toten, wird in Terten, deren vorliegende Abfassung semitischen Ursprungs ist, die aber nach ihrem Inhalt doch sehr alt sein können, also beschrieben: Er ist das Haus, dessen Eingang ist ohne Ausgang; die Straße, deren Hinweg ist ohne Heimweg; das Haus, deffen Bewohner vom Licht abgeschloffen sind; der Ort, da Staub ihre Nahrung und Kot ihre Speise ist. Licht schauen sie nicht, in Finsternis wohnen sie. Sie sind den Vögeln gleich in ein Federgewand mit flügeln gekleidet und wie die Nachtvögel gleiten sie mit lautlosem Flügelschlag dahin. Ueber Türe und Riegel ist Staub gebreitet. Von einer künftigen Auferstehung wissen weder Babylonier noch Affyrer irgend etwas; und wenn sie ihrem Gott Marduk und der einen Istar nachrühmen, sie machen Tote lebendig, so bezieht sich diese gerühmte Kraft doch nur auf die Erweckung für dieses Leben. Doch spricht sich in mehreren Gebeten und Fürbitten für Sterbende ein gewisses Erlösungsbedürfnis und Verlangen nach einem bessern Leben aus. So betet einer: „Möge die Sonne ihm Leben geben und Marduk ihm eine Wohnung der Seligkeit schenken“, oder: „Möge er emporsteigen zur Sonne, der höchsten Gottheit. Möge die Sonne, die höchste Gottheit, seine Seele aufnehmen in ihre gnädigen Hände."

Zu dem Erforschen des Willens der Götter ist noch nachzutragen, daß auch die Träume als ein Mittel der Offenbarung des Verborgenen angesehn wurden. Asurbanipal läßt aus der Zeit, da sein Bruder Samassumutin, den er zum Statthalter von Babylonien bestellt hatte, sich gegen ihn erhob, auf dem Raffamcylinder folgendes berichten:

3u jener Zeit legte sich ein Traumseher gegen Ende der Nacht nieder und fah einen Traum. Auf der Mondscheibe stand geschrieben: „Wer gegen Asurbanipal, den König von Affyrien, böses plant und einen Kampf unternimmt, dem will ich bösen Tod zu teil werden lassen durch das blitzschnelle Schwert, feuerbrand, Hungersnot und Berührung der gira werde ich ihrem Leben ein Ende machen“1). Dies hörte ich und vertraute auf das Wort Sins, meines Herrn.“

Die Gira, die hier erwähnt wird, kann nicht gleich girra sein, womit Marduk bezeichnet wird. Entweder heißt so eine Gefährtin der Ereskigal oder ein Ort in der Unterwelt.

Asurbanipal läßt auch die Erfüllung dieses Traumes durch eine Hungersnot berichten, die so schwer auf Babylonien lastete, daß die Eltern gar ihre Kinder verzehrten; und die zweite Erfüllung wird in dem Tod seines Bruders gesehn, den die Götter selbst in eine brennende feuerstelle werfen 2).

2) K. B. II, b, S. 191.

1) A. Jeremias, A. C. O., S. 34. Derselbe Craum in andrer Uebersetzung.

5. S. 124.

Achter Abschnitt.

Staatsverfassung und Rechtsleben in Babylonien und Assyrien.

1. Staatsverfassung.

Ein treffendes Gleichnis hat der Prophet Ezechiel 1) von dem assyrischen Königreich gesagt: „Affur war wie ein Zedernbaum auf dem Libanon, von schönen Aesten, dick von Laub und sehr hoch.“ Babylonien aber war Assyrien wie in Sprache und Schrift, Religion und Sitte, also auch in der Regierungsform und Weise sehr ähnlich. Hier und dort bestand das unabhängige Königtum, wenigstens dem Namen nach, nur mit dem Unterschied, daß der König von Affyrien, nicht aber der von Babylonien, zugleich Oberpriester war. Dieser Unterschied mochte seinen Ursprung in der verschiedenen Entwicklung haben, die beide Reiche durchgemacht, indem das Gebiet des späteren babylonischen Weltreiches aus einer Menge kleinerer Herrschaften bestand, die von Patesis regiert waren und später wieder mehrmals selbständig zu werden suchten. Assyrien dagegen entwickelte sich aus einer einzigen Patesiherrschaft und breitete sich durch siegreiche Kriege aus. Daher hieß der König von Babylon sar sarrani König der Könige, nachdem die Patesi zu Statthaltern geworden waren, während derselbe Titel in Affyrien einen andern Sinn in sich barg. Die Statthalter des affyrischen Königs waren assyrische Beamte, nicht aus königlichem Geschlecht, aber über fremde Völker gesetzt, deren Könige gefangen oder tot waren. Babylonien war von Anfang zum Frieden bestimmt und meist auch im Frieden erwachsen, Affyrien ein Reich aus Gewalt. Jenes aus verwandten Völkern zusammengesett, ähnlich wie Preußen, dieses wie Oesterreich aus ganz fremden. Daher konnte auch der Versuch, so oft und mit welchen Mitteln er auch unternommen wurde, aus Affyrien ein einheitliches Reich zu machen, nie gelingen. Die gewaltsam und künstlich hergestellte Schöpfung brach gleichsam über Nacht zusammen, wie die Propheten in Juda und Israel vorhergesagt hatten.

1) Ezech. 31, 3-14.

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